{"id":15230,"date":"2016-04-01T00:00:00","date_gmt":"2016-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/04\/soziale-bewegungen-und-der-tuerkisch-kurdische-krieg\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:10","slug":"soziale-bewegungen-und-der-tuerkisch-kurdische-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/04\/soziale-bewegungen-und-der-tuerkisch-kurdische-krieg\/","title":{"rendered":"Soziale Bewegungen und der t\u00fcrkisch-kurdische Krieg"},"content":{"rendered":"<p><b>GWR: Du hast im September 2015 in der Edition Assemblage das Buch &#8222;Kampf um Koban\u00ea &#8211; Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens&#8220; herausgegeben. ((1)) Kannst Du uns dazu etwas erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p><i>Ismail K\u00fcpeli:<\/i> Der Sammelband ist ein Versuch, eine \u00dcberlegung, die Debatte um die Situation in Nordsyrien zu beleuchten. Dort gibt es seit ungef\u00e4hr drei Jahren ein Projekt, Rojava, das ist vielleicht manchen ein Begriff.<\/p>\n<p>Unser Ansatzpunkt war, ausgehend von dem medialen Interesse f\u00fcr die Schlacht um Koban\u00ea, da auch tiefer in die inhaltlichen Debatten einzusteigen, was dort passiert und warum das vielleicht auch f\u00fcr Linke in Deutschland interessant sein k\u00f6nnte. Wir untersuchen, ausgehend von Rojava, die Lage in der Region, in Nordsyrien und der T\u00fcrkei, und schauen uns auch an, inwiefern die Konflikte dort auch eng zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p><b>GWR: Rojava, also die de facto autonomen kurdischen Siedlungsgebiete in Nordsyrien beziehungsweise Westkurdistan, sind sowohl dem &#8222;Islamischen Staat&#8220; (IS\/Daesch) als auch dem zunehmend autokratisch auftretenden t\u00fcrkischen Erdo?an-Regime ein Dorn im Auge. Wie w\u00fcrdest Du die momentane Situation und die Entwicklung beschreiben?<\/b><\/p>\n<p><i>Ismail K\u00fcpeli:<\/i> Die Situation in Rojava ist so, dass im Kampf gegen den IS teilweise Erfolge zu verzeichnen sind. Das Problem ist aber nach wie vor, dass die Lage in Rojava dadurch bestimmt ist, dass die T\u00fcrkei die ganze Grenze dicht macht, dass keine humanit\u00e4re Hilfe \u00fcber die Grenze kommen kann. Syrien ist ein B\u00fcrgerkriegsland, und da ist Rojava als Teil Syriens nicht ausgenommen. Die Lebensverh\u00e4ltnisse sind schlecht und f\u00fchren dazu, dass auch von dort aus Menschen fliehen m\u00fcssen, auch aufgrund der t\u00fcrkischen Blockade und auch aufgrund der Angriffe von islamistischen und dschihadistischen Gruppen, die sich eigentlich \u00fcber die ganzen Jahre hinweg durchgezogen haben. Auch schon vor dem Angriff des IS auf Koban\u00ea gab es Angriffe von anderen Gruppen wie zum Beispiel der islamistischen al-Nusra-Front. Diese Angriffe haben nie aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p><b>GWR: In der T\u00fcrkei hat es in den letzten Jahren zeitweise eine gewisse Ann\u00e4herung der regierenden AKP an die Kurden gegeben hat. Als Ministerpr\u00e4sident hatte Erdo?an den Versuch unternommen, die \u00fcber 17 Millionen Kurdinnen und Kurden in der T\u00fcrkei einzubinden. Um die kurdischen W\u00e4hlerInnen zu gewinnen, ist er zun\u00e4chst vom Kurs seiner Vorg\u00e4nger abgewichen und hat \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt: &#8222;Die Kurden sind unsere Br\u00fcder.&#8220; Dann gab es nach dem Einzug der linken, pro-kurdischen HDP 2015 ins t\u00fcrkische Parlament eine scheinbar abrupte \u00c4nderung seiner Politik. Unter seiner Staatspr\u00e4sidentschaft betreibt er jetzt eine brutale Kriegspolitik gegen die Kurdinnen und Kurden in der T\u00fcrkei, in Syrien und im Irak. Schon im April 2015 hat Erdo?an die Gespr\u00e4che, die der t\u00fcrkische Geheimdienst auf der Insel ?mral? mit Abdullah \u00d6calan f\u00fchrte, abgebrochen. Der seit 1999 inhaftierte PKK-Chef befindet sich seitdem wieder in Totalisolation.Seit Juli 2015 ist der t\u00fcrkisch-kurdische B\u00fcrgerkrieg neu entflammt. Hunderte wurden seitdem auf beiden Seiten get\u00f6tet. Wie ist es dazu gekommen? Welche Hintergr\u00fcnde sind daf\u00fcr verantwortlich?<\/b><\/p>\n<p><i>Ismail K\u00fcpeli:<\/i> Eines der gro\u00dfen Probleme im Friedensprozess zwischen der T\u00fcrkei und der kurdischen Arbeiterpartei PKK war auch die t\u00fcrkische Politik gegen\u00fcber Rojava. Das wird jetzt erst langsam sichtbar, nachdem Gespr\u00e4chs-protokolle erschienen sind, die darauf hinweisen, dass insbesondere die t\u00fcrkische Politik gegen\u00fcber Rojava, der Beschuss durch die Dschihadisten in Syrien und die Blockade der Grenze dazu gef\u00fchrt haben, dass die Spannungen zwischen der kurdischen Seite und der t\u00fcrkischen Seite wieder zugenommen haben. Bei dem Friedensprozess ging es nicht nur um die Situation in der T\u00fcrkei selbst, sondern auch um die t\u00fcrkische Politik gegen\u00fcber den Kurdinnen und Kurden in den Grenzregionen. Und da war Rojava ein zentrales Problem.<\/p>\n<p>Diese Wahrnehmung, dass der Friedensprozess recht abrupt abgebrochen sei, beruht auch ein bisschen darauf, dass man sich nicht genau anschaut, was das \u00fcberhaupt f\u00fcr ein Friedensprozess war. Es ist sicherlich richtig, dass \u00fcber die Jahre hinweg, als verhandelt wurde, weniger geschossen wurde, aber es gab immer wieder Gefechte.<\/p>\n<p>Es war eher de facto ein Waffenstillstand als ein fairer Prozess.<\/p>\n<p>Es gab nicht wirklich Zugest\u00e4ndnisse seitens der t\u00fcrkischen Regierung. Es gab nicht wirklich ein Vorankommen, keine wirklichen Fortschritte, sondern nur ein paar symbolische Ma\u00dfnahmen. So war es auch nicht sonderlich \u00fcberraschend, dass der Friedensprozess bei dem ersten gr\u00f6\u00dferen Problem in sich zusammen gebrochen ist, weil er auch schon zuvor recht fragil gewesen ist.<\/p>\n<p><b>GWR: 2013 gab es die Gezi-Proteste und eine gro\u00dfe Soziale Bewegung, die sich vor allem im linken Taksim-Viertel in Istanbul gezeigt hat. Wie sieht es mit den Sozialen Bewegungen in der T\u00fcrkei jetzt aus?<\/b><\/p>\n<p><i>Ismail K\u00fcpeli:<\/i> Die Sozialen Bewegungen sind immer noch da, trotz der ganzen Repressionen, trotz des brutalen Vorgehens des Staats. Sie sind noch relativ m\u00e4chtig. Zu nennen w\u00e4ren da etwa die Frauenbewegung, die LGTB-Bewegung ((2)) und die Umweltbewegung.<\/p>\n<p>Aber es ist inzwischen so, dass jede noch so kleine Forderung seitens der Sozialen Bewegungen vom Staat repressiv bek\u00e4mpft wird. Wenn man sich zum Beispiel die Debatten um Abtreibungsrecht und Frauenh\u00e4user und \u00e4hnliches anschaut. Auf jeden Fall kommen die Sozialen Bewegungen sehr schnell in Konflikt mit einer konservativen, reaktion\u00e4ren Politik der AKP-Regierung. Es gibt kaum noch Verhandlungsr\u00e4ume. Wenn Forderungen aufkommen und bestimmte Ma\u00dfnahmen der Regierung kritisiert werden, wird es als ein Angriff auf den Staat verstanden. Wenn man sich zum Beispiel die Konflikte um die Staudamm-Projekte anschaut, oder eben andere Projekte, gegen die die Umweltbewegung protestiert, dann geraten diese Proteste zu einer Machtprobe f\u00fcr die Regierung insgesamt.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, dass es diese M\u00f6glichkeit, die es vor den Protesten im Gezi-Park gegeben hat, dass die Sozialen Bewegungen sich langsam aufbauen und ihre Forderungen aufstellen k\u00f6nnen, nicht mehr gibt. Der Staat reagiert direkt und repressiv. Dazu kommt, dass der Krieg in den kurdischen Gebieten alle Themen beherrscht. Andere Soziale Bewegungen kommen mit ihren Agenden nicht weit, sondern m\u00fcssen sich mit diesem Krieg und dem repressiven Staatsapparat auseinandersetzen.<\/p>\n<p><b>GWR: Am 8. M\u00e4rz 2016, dem Internationalen Frauenkampftag, gab es in Istanbul eine gro\u00dfe Demo. Erz\u00e4hl mal<\/b>.<\/p>\n<p><i>Ismail K\u00fcpeli:<\/i> Am 8. M\u00e4rz fanden landesweit in vielen St\u00e4dten feministische Nachtdemonstrationen statt, an denen laut t\u00fcrkischen Medien zehntausende Menschen teilgenommen haben. Die gr\u00f6\u00dfte Demonstration an diesem Abend fand in Taksim\/Istanbul statt und weckte Erinnerungen an die gro\u00dfen Protestwellen um den Gezi-Park 2013. Auch in vielen konservativen Provinzst\u00e4dten haben die Frauen die Stra\u00dfen erobert &#8211; trotz Anfeindungen von sexistischen und rechten M\u00e4nnergruppen. Viele sprechen von den gr\u00f6\u00dften 8. M\u00e4rz-Protesten seit Jahren.<\/p>\n<p>Wir sollten aber auch \u00fcber die Aktionen im Vorfeld des 8. M\u00e4rz sprechen. In vielen St\u00e4dten der T\u00fcrkei wurden Aktionen und Demos zum Weltfrauentag verboten. Die ersten Demonstrationen fanden am Samstag, den 5. M\u00e4rz statt. Obwohl beide Demonstrationen verboten wurden, versammelten sich hunderte Frauen in Istanbul und Ankara.<\/p>\n<p>Die Polizei versuchte, die Demo in Istanbul gewaltsam aufzul\u00f6sen. Sie setzte hier neben Tr\u00e4nengas und Wasserwerfern auch Gummigeschosse ein. Der Polizei oft einen Schritt voraus konnten die Frauen das Demonstrationsverbot in Istanbul unterlaufen. In Ankara hat die Polizei darauf verzichtet, durch einen gewaltsamen Einsatz das Demonstrationsverbot durchzusetzen. Die Demonstrationen dort konnten friedlich vollzogen werden. Alleine die Tatsache, dass die Frauenbewegung Demonstrationsverbote durchkreuzen konnte, im Angesicht einer zunehmend autorit\u00e4ren AKP-Regierung, ist bereits ein hoffnungsvolles Zeichen f\u00fcr die Opposition im Lande.<\/p>\n<p><b>GWR: Die feministische Massenbewegung trotzt dem autorit\u00e4ren Staat und den Islamisierungsversuchen in der T\u00fcrkei. Kannst Du auch etwas zu den \u00d6kologie- und Anti-Atomkraft-Bewegungen in der T\u00fcrkei sagen? Die t\u00fcrkische Regierung will mehrere AKWs bauen, obwohl die T\u00fcrkei ein Erdbebengebiet ist. <\/b><\/p>\n<p>Ismail K\u00fcpeli: Es waren mehrere Atomkraftwerke geplant. Es ist aber unklar, ob das noch weitergef\u00fchrt wird. Da sind die gr\u00f6\u00dften Probleme f\u00fcr die t\u00fcrkische Regierung derzeit, dass diese Pl\u00e4ne gemeinsam mit der russischen Regierung gemacht worden sind. Es war eine t\u00fcrkisch-russische Kooperation. Und die steht insgesamt in Frage. Gegen alle diese Atomkraftwerkprojekte gab es massiven Widerstand in den ganzen Jahren, auch bis heute. Die Umweltbewegung ist sehr aktiv, nicht nur im Bereich der AKW.<\/p>\n<p>Die Proteste wurden repressiv ausgeschaltet. Die Regierung hat trotzdem ihre Projekte vorangetrieben. Es ist aber zurzeit aufgrund der t\u00fcrkisch-russischen Konfrontation fraglich, ob die AKW in den n\u00e4chsten Jahren gebaut werden k\u00f6nnen. Da wo die Umweltbewegung nicht erfolgreich gewesen ist, hat eigentlich die t\u00fcrkische Au\u00dfenpolitik selbst daf\u00fcr gesorgt, dass diese AKWs vorerst nicht gebaut werden.<\/p>\n<p>Aber andere Projekte, die weniger bekannt sind, wie zum Beispiel die Staudamm-Projekte oder andere Kraftwerk-Projekte, die auch von der Umweltbewegung massiv angegangen werden, zieht der Staat mit Polizeigewalt und Repression durch. Die Umweltbewegung hat noch keine Antwort, wie sie darauf reagieren kann.<\/p>\n<p><b>GWR: In dem von Dir herausgegebenen Buch &#8222;Kampf um Koban\u00ea &#8211; Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens&#8220; geht es auch um die Selbstverwaltungsstrukturen im syrischen Teil Kurdistans, vor allem in Rojava. Wie sehen da die Hintergr\u00fcnde aus? Wie ist dieses soziale Experiment entstanden?<\/b><\/p>\n<p><b>Ist es unter den derzeitigen Bedingungen des Kriegs \u00fcberhaupt zu realisieren?<\/b><\/p>\n<p><i>Ismail K\u00fcpeli:<\/i> Es ist wegen des B\u00fcrgerkriegs nach wie vor sehr schwierig. Das Projekt kann sich nicht frei entfalten. Es findet unter den Bedingungen eines fortdauernden Kampfes gegen die Dschihadisten statt. Und dadurch werden nat\u00fcrlich auch die R\u00e4ume f\u00fcr Basisdemokratie und andere Prinzipien, die sinnvoll sind, verkleinert, weil das Milit\u00e4rische Oberhand gewinnt.<\/p>\n<p>Das Projekt Rojava hat 2012 recht erfolgversprechend begonnen, auch weil es geschafft wurde, das Projekt zu etablieren, ohne dass es zu unmittelbaren K\u00e4mpfen mit dem Assad-Regime gekommen ist. Die Assad-Truppen haben sich aus den nordsyrischen Gebieten weitgehend kampflos zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n<p>Dadurch war es auch erst einmal m\u00f6glich, dass sich Rojava recht gewaltlos entwickeln konnte, w\u00e4hrend die anderen Teile Syriens im B\u00fcrgerkrieg versunken sind. Da war die Situation in Rojava besser.<\/p>\n<p>Die wichtigen Prinzipien sind zuerst Basisdemokratie, da hat man R\u00e4te und andere, \u00e4hnliche Strukturen auf der kommunalen und regionalen Ebene. Diese Strukturen bauen sich jeweils in der n\u00e4chsten Ebene darauf auf, bis zu den Kantonen. Die Region Rojava ist in drei Kantone aufgeteilt, die sich selbstst\u00e4ndig verwalten. Sie haben Momente von Basisdemokratie, von F\u00f6deralismus. Es ist eher der Versuch, dass man keinen Nationalstaat bilden, sondern ein anderes Projekt starten will, das sich deutlich von einem Nationalstaat absetzt.<\/p>\n<p>Ein anderes Prinzip ist die Geschlechtergerechtigkeit: Es gibt feste Quoten f\u00fcr Frauen auf allen Ebenen, die Spitzen sind doppelt besetzt. Das ist ein kleines Anzeichen daf\u00fcr, wie wichtig die Rolle der Frauen im ganzen Projekt ist. Ebenso wichtig ist f\u00fcr Syrien das Prinzip, dass alle ethnischen und religi\u00f6sen Gruppen zusammen leben und zusammen entscheiden.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die ethnischen und religi\u00f6sen Minderheiten gibt es feste Quoten, so dass alle Bev\u00f6lkerungsgruppen im politischen System eine Rolle spielen. Auch das ist, wenn man sich die Situation in Syrien sonst ansieht, ein gro\u00dfer Fortschritt. Aber alle diese Prinzipien k\u00f6nnen sich nicht g\u00e4nzlich entfalten, weil gek\u00e4mpft wird. Nach wie vor gelten milit\u00e4rische Prinzipien wie der Aufbau von Milizen, die das Projekt dadurch auch in eine ganz bestimmte Richtung schieben, in der es weniger um Basisdemokratie geht als um die Wege, es \u00fcberhaupt zu retten, um das \u00dcberleben zu sichern.<\/p>\n<p><b>GWR: Die kurdische Bewegung in Rojava und der T\u00fcrkei wurde auch stark inspiriert durch das 2010 erschienene Buch &#8222;Jenseits von Staat, Macht und Gewalt&#8220; von Abdullah \u00d6calan, in dem der ehemalige Stalinist &#8222;Apo&#8220; (kurdisch: Onkel) eine selbst erkl\u00e4rte &#8222;Abkehr vom Dogmatismus&#8220; vollzogen hat. In diesem 600-Seiten-W\u00e4lzer hat er sich auch positiv auf den US-amerikanischen Anarchisten Murray Bookchin bezogen, auf den libert\u00e4ren Kommunalismus, der von Bookchin in den 1970er und 80er Jahren mitentwickelt worden ist. Wie sieht es aus mit der anarchistischen Bewegung in der T\u00fcrkei? <\/b><\/p>\n<p><b>Und welche Wirkungen haben libert\u00e4r-sozialistische Ideen auf die kurdischen und linken Bewegungen in der T\u00fcrkei?<\/b><\/p>\n<p><i>Ismail K\u00fcpeli:<\/i> Die kurdische Bewegung w\u00fcrde ich noch mal deutlich trennen von den Ans\u00e4tzen der PKK und \u00d6calans, diese Ideen zum Teil zu \u00fcbernehmen. Der demokratische Konf\u00f6deralismus bezieht sich schon auf anarchistische Theoretikerinnen und Theoretiker. Aber es entwickelt sich am Ende doch eine eigene Theorie, ein eigener Ansatz, den man trennen m\u00fcsste von klassischen anarchistischen Ans\u00e4tzen. Der Hintergrund, den man vielleicht auch eben mal erkl\u00e4ren m\u00fcsste, warum \u00d6calan auch auf solche Ideen kommt, warum solche Ideen \u00fcberhaupt Anklang in der kurdischen Bewegung gefunden haben, ist, dass die PKK in den 1990er Jahren mit dem klassischen Befreiungssozialismus und dem bewaffneten Kampf in eine Krise geraten ist und anders als \u00e4hnliche Organisationen auf diese Krise nicht einfach mit einem &#8222;Weiter so!&#8220; geantwortet hat, sondern mit einer Suche nach anderen Antworten. Man wollte sich anschauen, wie sich die kurdische Bewegung weiter entwickeln kann, wenn klar ist, dass der Weg zum Nationalstaat versperrt ist und die klassischen sozialistischen Ans\u00e4tze weitgehend gescheitert sind.<\/p>\n<p>Und da kommt die Idee eines demokratischen Konf\u00f6deralismus ins Spiel, wo es stark darum geht, dass man sich nicht antistaatlich, sondern parallelstaatlich organisiert, dass man Strukturen schafft, die jenseits des Staats funktionieren, die sich aber nicht in einem ersten Schritt unmittelbar gegen den Staat richten. Das ist sozusagen auch eine pragmatische Antwort auf die Situation der kurdischen Bev\u00f6lkerung im Nahen und Mittleren Osten. Es gibt die Nationalstaaten, die werden auch in den n\u00e4chsten Jahren bestehen bleiben.<\/p>\n<p>Da ist es der Ansatz der kurdischen Bewegung, Strukturen jenseits des Staats zu schaffen, die irgendwann die Macht des Staats zur\u00fcckdr\u00e4ngen, dass die basisdemokratischen Strukturen dann die entscheidenderen sind.<\/p>\n<p>Ob das gelingt, ist eine offene Frage, weil die Situation in der T\u00fcrkei ganz anders ist als in Syrien, wo es m\u00f6glich war, aufgrund der Schw\u00e4che des Regimes in einem Gebiet wie Rojava solche Strukturen zu etablieren. In der T\u00fcrkei ist dies kaum durchf\u00fchrbar. Man m\u00fcsste sich die Lage in den verschiedenen L\u00e4ndern anschauen, in denen Kurdinnen und Kurden leben. Die ist doch sehr unterschiedlich. Deswegen ist es fraglich, ob diese Idee \u00fcberhaupt durchsetzbar ist.<\/p>\n<p>Die Umsetzung ist abh\u00e4ngig davon, \u00fcber welches Land man konkret redet.<\/p>\n<p><b>GWR: In der T\u00fcrkei werden Kriegsdienstverweigerer nach wie vor staatlich verfolgt. Sie kommen f\u00fcr drei Monate in den Knast, dann wieder heraus. Wenn sie weiterhin nicht bereit sind, Kriegsdienst zu leisten, kommen sie immer wieder in den Knast. Deswegen gehen sie oft in den Untergrund. Wir haben in der GWR dar\u00fcber berichtet. Auch dar\u00fcber, dass ein gro\u00dfer Teil der aus Syrien geflohenen M\u00e4nner Deserteure sind. <\/b><\/p>\n<p><b>Laut War Resisters&#8216; International und Connection e.V. besteht auch in Rojava (seit 2014) Kriegsdienstzwang.<\/b><\/p>\n<p><b>Sind diese Meldungen falsch? Wie gehen PKK und die kurdische Selbstverwaltung in Rojava mit Kriegsdienstverweigerern um? <\/b><\/p>\n<p><i>Ismail K\u00fcpeli:<\/i> Das ist schwer zu sagen. Wir haben nur die Selbstdarstellungen der kurdischen Milizen selbst. Und es gibt wenige Berichte aus der und \u00fcber die Opposition gegen die kurdischen Milizen.<\/p>\n<p>Die Darstellung der kurdischen Milizen besagt, dass dieser Dienst freiwillig ist, dass es also deswegen in diesem Sinne keine Kriegsdienstverweigerer geben kann. Aber es gibt auch viele Berichte dar\u00fcber, dass gerade in den Regionen und Phasen, in denen eigentlich fast jeder im Kampf ben\u00f6tigt wird, auch Menschen unfreiwillig in die Milizen eingezogen werden.<\/p>\n<p>Besonders in der Region Afr\u00een, das ist quasi der n\u00e4chstkleinere Kanton im Westen, gibt es solche Berichte. Aber die Selbstdarstellung der Milizen ist es, dass es keine Zwangsrekrutierungen gibt. Daher ist es schwer zu sagen, wie die Situation von Kriegsdienstverweigerern auf kurdischer Seite konkret ist.<\/p>\n<p>Es ist schwer einzusch\u00e4tzen, welche Darstellungen st\u00e4rker zutreffen. Wie gesagt, die kurdischen Milizen behaupten, dass alle, die die Islamisten bek\u00e4mpfen, es freiwillig tun und dass es keinen Einzug von Milizion\u00e4ren gibt.<\/p>\n<p><b>GWR: Welche Perspektiven siehst Du f\u00fcr Soziale Bewegungen und f\u00fcr eine menschenw\u00fcrdige Entwicklung in den momentan vom Krieg zerr\u00fctteten Gesellschaften in der T\u00fcrkei und in Syrien?<\/b><\/p>\n<p><i>Ismail K\u00fcpeli:<\/i> Der erste notwendige Schritt, der auch der schwerste ist, ist, dass die K\u00e4mpfe aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Krieg, die K\u00e4mpfe, die milit\u00e4rische Logik f\u00fchren dazu, dass die Sozialen Bewegungen kaum noch Raum haben, um ihre Interessen zu artikulieren, um f\u00fcr eine bessere Gesellschaft, f\u00fcr ein besseres Leben einzustehen.<\/p>\n<p>Das ist in der T\u00fcrkei so, das ist in Syrien so, das ist auch in Rojava so. Wenn man sich in der T\u00fcrkei umschaut, m\u00fcsste es zu einem Waffenstillstand zwischen der t\u00fcrkischen Regierung und der PKK kommen, damit man anschlie\u00dfend wieder den demokratischen Prozess aufnehmen kann. Es existieren aber kaum Anzeichen daf\u00fcr, dass die AKP-Regierung bereit w\u00e4re, den Krieg, den sie selbst entfacht hat, wieder einzustellen.<\/p>\n<p>Es spricht im Gegenteil vieles daf\u00fcr, dass der Krieg weiter eskalieren wird, dass auch die westlichen Gebiete der T\u00fcrkei, in denen bisher kaum K\u00e4mpfe stattgefunden haben, in den n\u00e4chsten Jahren mehr Gewalt erleben werden. Wir brauchen einen \u00dcbergang zum Frieden.<\/p>\n<p>Wir brauchen ein Ende des Krieges, damit die Sozialen Bewegungen Raum haben, mit ihren Methoden, mit ihren Interessen voran zu kommen. Dieser Schritt ist der Schwerste.<\/p>\n<p><b>GWR: Herzlichen Dank, Ismail.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Du hast im September 2015 in der Edition Assemblage das Buch &#8222;Kampf um Koban\u00ea &#8211; Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens&#8220; herausgegeben. ((1)) Kannst Du uns dazu etwas erz\u00e4hlen? Ismail K\u00fcpeli: Der Sammelband ist ein Versuch, eine \u00dcberlegung, die Debatte um die Situation in Nordsyrien zu beleuchten. 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