{"id":15239,"date":"2016-04-01T00:00:00","date_gmt":"2016-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/04\/viva-lautonomia\/"},"modified":"2016-11-19T20:49:59","modified_gmt":"2016-11-19T18:49:59","slug":"viva-lautonomia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/04\/viva-lautonomia\/","title":{"rendered":"Viva LAUtonomia!"},"content":{"rendered":"<p>Die Rodungsmaschinen des Energiekonzerns Vattenfall r\u00fccken jedes Jahr mehrere hundert Meter voran, um den Fortschritt der gigantischen Schaufelradbagger auszugleichen. Der restliche Wald ist bereits von dutzenden, ca. 30 Meter breiten Schneisen durchzogen, auf denen der Sicherheitsdienst patrouilliert und Grundwasserpumpen stehen.<\/p>\n<p>Nach mehrmonatiger Vorbereitung ist es endlich soweit. Noch vor Sonnenaufgang fahren wir, mit Klettermaterial, Plattformen und Vorr\u00e4ten ausger\u00fcstet, in den Wald. Wir wollen drei gro\u00dfe Eichen besetzen &#8211; direkt an der Rodungskante &#8211; um die weitere Zerst\u00f6rung des Waldes zu verhindern.<\/p>\n<p>Die globale Anti-Kohle-Bewegung, die in Deutschland jahrelang vor allem im Rheinland aktiv war, fokussiert sich 2016 verst\u00e4rkt auch auf das Lausitzer Revier. Unsere Besetzung soll Teil davon sein. Der Weg in den Wald ist schlecht ausgebaut und holprig.<\/p>\n<p>Die drei Eichen erreicht man erst nach etwa f\u00fcnf min\u00fctiger Autofahrt zwischen den B\u00e4umen. Sie stehen auf einer Lichtung, die direkt an den Kahlschlag im Tagebauvorfeld grenzt.<\/p>\n<p>Vom anderen Ende der Lichtung sind es nur etwa 50 Meter bis zur ersten Schneise, die den Arbeiter_innen und dem Sicherheitsdienst als Weg dient.<\/p>\n<p>Im Schutz der Dunkelheit erklettern wir die B\u00e4ume und ziehen dann unsere Plattformen in ca. 8 Meter H\u00f6he &#8211; der erste Schritt ist geschafft. Ein Filmteam von Graswurzel.tv und ein Fotograf begleiten uns und halten die Ereignisse in Bildern fest.<\/p>\n<h3>Wir wollen uns gegen die fortschreitende Umweltzerst\u00f6rung wehren<\/h3>\n<p>Die Verstromung der Braunkohle, die vom Gro\u00dfkonzern Vattenfall unter anderem hier in der Lausitz vorangetrieben wird, ist besonders sch\u00e4dlich f\u00fcr das Klima, weil dabei enorm viele Treibhausgase freigesetzt werden &#8211; bei gleichzeitig relativ schlechter &#8222;Energieausbeute&#8220;. In der Lausitz werden jedes Jahr 60 Millionen Tonnen des Rohstoffs gef\u00f6rdert. Landschaft verschwindet f\u00fcr den Abbau &#8211; W\u00e4lder werden gerodet, D\u00f6rfer umgesiedelt. Riesige Schaufelrad- und Eimerkettenbagger entrei\u00dfen die Kohle dem Erdboden &#8211; sie wird dann mit Schwerlastbahnen zu den Kraftwerken bef\u00f6rdert. In der Lausitz sind das J\u00e4nschwalde, Boxberg und Schwarze Pumpe.<\/p>\n<p>Jedes Kilogramm Kohle entl\u00e4sst bei Verbrennung in etwa sein Eigengewicht an CO2 in die Atmosph\u00e4re. 60 Millionen Tonnen Kohle, 60 Millionen Tonnen CO2. Das Kraftwerk J\u00e4nschwalde allein st\u00f6\u00dft j\u00e4hrlich etwa 25 Millionen Tonnen CO2 aus und rangiert auf der Liste der gesundheitssch\u00e4dlichsten Kraftwerke Deutschlands auf Rang 1. Die fortschreitende globale Erw\u00e4rmung f\u00fchrt weltweit zu D\u00fcrren, Hungersn\u00f6ten, \u00dcberschwemmungen und anderen Naturkatastrophen. Durch steigende Temperaturen breiten sich viele Krankheiten schneller aus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht bereits heute von zehntausend Toten jedes Jahr allein durch diesen Effekt aus.<\/p>\n<p>Wenn die globale Erw\u00e4rmung nicht bald gestoppt wird, k\u00f6nnen sogenannte Kipp-Punkte im Klimasystem erreicht werden &#8211; z.B. das Auftauen von Permafrostb\u00f6den, in denen Methan (ein starkes Treibhausgas) gespeichert ist, oder die Versteppung von Regenw\u00e4ldern. Die Zeit dr\u00e4ngt deshalb &#8211; nicht nur in der Lausitz, aber auch hier. Im Kohleatlas, den die Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung j\u00e4hrlich heraus gibt, wird errechnet, dass 88% der gesicherten Kohlevorkommen im Boden bleiben m\u00fcssen, um die globale Erw\u00e4rmung unter diesem kritischen Punkt zu halten. Um das sicherzustellen, m\u00fcssen auch die Tagebaue in der Lausitz sofort schlie\u00dfen, der Abbau darf nicht noch Jahrzehnte weitergehen.<\/p>\n<h3>Die lokale politische Situation ist brisant<\/h3>\n<p>Viele Menschen, die nach jahrelangem Widerstand das Loch trotzdem immer gr\u00f6\u00dfer werden sehen, da der Konzern seine Profitinteressen durchsetzt, resignieren. Vattenfall verkauft den Kohleabbau als &#8222;dem Allgemeinwohl dienlich&#8220; und f\u00fchrt das ewige, zu kurz gedachte Argument der Arbeitspl\u00e4tze ins Feld. Tats\u00e4chlich sind weite Teile der Bev\u00f6lkerung in der l\u00e4ndlich gepr\u00e4gten Lausitz von ihrem Job im Braunkohleabbau abh\u00e4ngig. In diesem Klima der Abh\u00e4ngigkeit ist es schwierig, an Alternativen zu arbeiten. Vattenfall gibt sich als letzter Rettungsanker einer von der Welt vergessenen Region.<\/p>\n<p>Dies \u00e4u\u00dfert sich in h\u00f6chst unterschiedlichen Erfahrungen mit den Anwohner_innen, die wir in den Tagen, die wir nun schon vor Ort sind, gemacht haben. Wir haben uns von Anfang an um guten Kontakt und Kommunikationsm\u00f6glichkeiten bem\u00fcht. Auf der einen Seite erhielten wir Drohanrufe auf unser Projekthandy &#8211; auf der anderen bringen uns Dorfbewohner_innen Kuchen zur Besetzung, die lokale katholische Pfarrgemeinde l\u00e4dt uns zu ihrem Treffen ein und wir bekommen Angebote f\u00fcr Dusch- und Wasserkontakte. Am 13. M\u00e4rz haben wir ein Waldfest ausgerichtet, um in n\u00e4heren Kontakt zu kommen. Mehr als 30 Leute aus dem nahen und nicht ganz so nahen Umland waren da und sind, obwohl der Sicherheitsdienst versucht hat, das zu verhindern, bis zur Besetzung vorgedrungen und haben dort gefeiert.<\/p>\n<h3>Langfristiges Projekt<\/h3>\n<p>Wir finden es wichtig, vor Ort ein neues langfristiges Projekt aufzubauen, um direkt etwas zu ver\u00e4ndern und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Zeit dr\u00e4ngt, und um erfolgreich zu sein, muss die Klimabewegung in allen drei Braunkohlerevieren (Lausitz, Rheinland, Mitteldeutschland) pr\u00e4sent sein. Die Ende-Gel\u00e4nde-Aktion an Pfingsten (siehe Aufruf auf dieser Seite) ist ein Anfang &#8211; aber unserer Meinung nach ist die dauerhafte Anwesenheit von Aktivist_innen an einem Brennpunkt am effektivsten. Auf diese Art und Weise k\u00f6nnen regelm\u00e4\u00dfig Aktionen durchgef\u00fchrt und der Kontakt zu den Anwohner_innen nachhaltig gepflegt werden.<\/p>\n<p>Das gilt besonders durch die momentane Situation: Vattenfall will die Braunkohlesparte verkaufen &#8211; eventuelle K\u00e4ufer w\u00fcrden den Abbau wahrscheinlich einfach fortsetzen. Widerstand in der Region l\u00e4sst den Wert sinken &#8211; scheitert der Verkauf, ist ein vorzeitiges Ende der Lausitzer Braunkohle deutlich wahrscheinlicher.<\/p>\n<p>Ziel unseres Projektes ist, einen solchen offenen Raum zu schaffen &#8211; am besten in Form einer Besetzung. Wir m\u00f6chten euch alle einladen, mit uns dort zu leben, zu arbeiten und zu k\u00e4mpfen. LAUtonomia wird nur langfristig existieren und ein Erfolg werden, wenn viele Menschen von \u00fcberall her in die Lausitz kommen und es zu ihrem Projekt machen.<\/p>\n<p>In der Lausitz gibt es zahlreiche Ansatzpunkte f\u00fcr unseren Kampf &#8211; linke, emanzipatorische Strukturen k\u00f6nnen hier viel Unterst\u00fctzung gebrauchen. Neben dem Braunkohleabbau gibt es hier Dutzende Tierfabriken, in denen Tiere ausgebeutet und get\u00f6tet werden. Am Tagebau Nochten gibt es einen Truppen\u00fcbungsplatz der Bundeswehr, der viertgr\u00f6\u00dfte in Deutschland. Und wie an vielen anderen Orten auch sind Nazis und andere Rechte hier auf dem Vormarsch.<\/p>\n<p>Die zahlreichen Protestaktionen im rheinischen Braunkohlerevier sind Beispiele daf\u00fcr, wie eine starke Widerstandsdynamik entstehen kann.<\/p>\n<p>Unserer Meinung nach sind andauernde und entschlossene Direkte Aktionen unerl\u00e4sslich, um Druck auf die Kohleindustrie auszu\u00fcben.<\/p>\n<h3>Wir sehen Direkte Aktionen als einen wichtigen Bestandteil des Lausitzer Widerstands<\/h3>\n<p>Unsere Besetzung wurde am 7. M\u00e4rz \u00f6ffentlich &#8211; zwei Tage, nachdem wir angefangen haben, unsere Plattformen zu bauen. Bis dahin waren wir vom Sicherheitsdienst unentdeckt geblieben. Seit Montag, den 14.3., ist die Situation schwieriger &#8211; die Securities zeigen vermehrt Pr\u00e4senz in unserem Teil des Waldes. Sie behindern die Versorgung der Besetzung, verfolgen Besucher_innen und scheuchen sie aus dem Wald. Teilweise spazieren sie direkt durch den besetzten Teil des Waldes.<\/p>\n<p>Wir sind leider momentan nicht gen\u00fcgend Leute, um darauf angemessen zu reagieren. Teilweise schaffen wir es nur, die B\u00e4ume besetzt zu halten und den Support von au\u00dfen zu organisieren. Deshalb ist es dringend notwendig, dass mehr Leute von au\u00dferhalb zu uns sto\u00dfen. Nur dann ist es m\u00f6glich, aus der Besetzung einen lebendigen Ort des Widerstandes zu machen und dort mehr Struktur aufzubauen. Dazu kommen viele andere Aufgaben. Die Pflege des Blogs und unserer Social-Media-Kan\u00e4le, Kontakt zu den B\u00fcrgerinitiativen und Anwohner_innen vor Ort, oder das Schreiben von Artikeln wie diesem hier.<\/p>\n<p>Deshalb: Egal ob f\u00fcr ein paar Tage, einige Wochen, oder auf unbestimmte Zeit &#8211; kommt vorbei!<\/p>\n<h3>Wir k\u00f6nnen jede helfende Hand jederzeit gebrauchen<\/h3>\n<p>Die Besetzung ist ein offener Raum f\u00fcr alle Interessierten und soll als Anlaufstelle dienen, um sich zu informieren und\/oder direkt einzubringen. Alle wichtigen Infos zum Projekt findet Ihr auf unserem Blog. ((1))<\/p>\n<p>Dort ist au\u00dferdem eine Anfahrtsbeschreibung abrufbar. Wenn Ihr Fragen habt, schreibt uns einfach eine Mail. Es ist au\u00dferdem sinnvoll, auf dem Projekthandy anzurufen, kurz bevor Ihr aufkreuzt, um die aktuelle Situation abzufragen. Mailadresse sowie Nummer findet Ihr auf der Website.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rodungsmaschinen des Energiekonzerns Vattenfall r\u00fccken jedes Jahr mehrere hundert Meter voran, um den Fortschritt der gigantischen Schaufelradbagger auszugleichen. Der restliche Wald ist bereits von dutzenden, ca. 30 Meter breiten Schneisen durchzogen, auf denen der Sicherheitsdienst patrouilliert und Grundwasserpumpen stehen. Nach mehrmonatiger Vorbereitung ist es endlich soweit. 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