{"id":15244,"date":"2016-04-01T00:00:00","date_gmt":"2016-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/04\/jacques-tati-muss-man-modern-sein\/"},"modified":"2022-07-26T13:45:05","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:05","slug":"jacques-tati-muss-man-modern-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/04\/jacques-tati-muss-man-modern-sein\/","title":{"rendered":"Jacques Tati &#8211; Muss man modern sein?"},"content":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr Chaplin die Melone, der Schnauzer, Stock, die zu gro\u00dfen Clownschuhe und viel zu enge Kleidung sind, sind bei Tatis Hauptfigur Hulot das ber\u00fchmte H\u00fctchen, der beige Regenmantel, manchmal ein Regenschirm und die lange Pfeife.<\/p>\n<p>Die Handlungen haben im Grunde kein bestimmendes Eigengewicht, sind lediglich transportierende einfache Mittel zum Zweck, um Tatis geniale Ideen und skurrile Einf\u00e4lle m\u00f6glichst stilecht umzusetzen.<\/p>\n<p>Auch die Sprache, ob im Original Franz\u00f6sisch, Englisch in Versatzst\u00fccken oder Deutsch synchronisiert, spielt bei Tati keine so wesentliche Rolle, die filmische Handlung zu erkl\u00e4ren. Eher verst\u00e4rkt sie unartikuliert ohnehin vorhandene Ger\u00e4uschkulissen.<\/p>\n<p>Es sind vielmehr die Gesten, Mimik, Akrobatik, die physisch anspruchsvollen Slapstick-Einlagen, die die Absichten Tatis bildnerisch um- und \u00fcbersetzen, denn eigentlich ist Tati ein verhinderter Stummfilmer, der dem Tonfilm weit voraus ist.<\/p>\n<p>Seine Vorbilder sind die Stummfilmgr\u00f6\u00dfen Buster Keaton und Mack Sennett.<\/p>\n<p>Die meisten seiner Filme k\u00f6nnten auch ohne Dialoge und Worte auskommen, nur als kongeniale Kompositionen aus verfremdenden Umweltger\u00e4uschen, seltsamen T\u00f6nen, irritierenden Bildern und komischen Szenen. Tatis Filme sind Kino pur, wozu Kino da ist und gebraucht wird.<\/p>\n<p>Es sei Filmemachen wie von einem anderen Stern, urteilte einst Francois Truffaut, Regisseur, Filmkritiker und Repr\u00e4sentant der franz\u00f6sischen &#8222;Nouvelle Vague&#8220; im Magazin Les Cahiers du cin\u00e9ma.<\/p>\n<p>Tatis Anspruch, alle diese genannten Elemente perfektionistisch zu vereinen, unterscheidet ihn auch von den cholerisch gestikulierenden Auftritten seines Landsmanns Louis de Fun\u00e8s, der vorhersehbare, oberfl\u00e4chliche Klamaukkomik betrieb.<\/p>\n<h3>Aufbegehren<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend die Neue Franz\u00f6sische Filmwelle seit Ende der 1950er Jahre, die an gro\u00dfes franz\u00f6sisches Kino (Marcel Pagnol, Jean Renoir, Marcel Carn\u00e9, Julien Duvivier, Jean Vigo) nahtlos ankn\u00fcpfen konnte, die Finger in die seelischen Wunden des modernen Menschen legte, ist Tati einer, der die Ausw\u00fcchse der Modernit\u00e4t als zwingender sozialer Lebensumwelt nicht einfach so hinnimmt, sich dar\u00fcber lustig macht und dagegen k\u00fcnstlerisch aufbegehrt. Die Zeitspanne von etwa 1950 bis 1970, in der seine Hauptwerke entstehen, ist \u00e4u\u00dferlich gepr\u00e4gt von einem gewaltigen Umbruch in Wissenschaft, Technik, Arbeitswelt und Gesellschaft, der nicht ohne Folgen f\u00fcr das soziale Zusammenleben bleibt. Der Designer ersetzt den Tischler. Nach dem Krieg befinden sich noch immer 150.000 US-amerikanische Soldaten in Frankreich, die den American way of life verbreiten. Der Autohersteller Simca baut Oberklasse-Modelle, die wie amerikanische Stra\u00dfenkreuzer aussehen.<\/p>\n<p>In der Zeit, als Tatis Regie-Erstling Tatis Sch\u00fctzenfest entsteht, ist Frankreich noch zu 80% l\u00e4ndlich gepr\u00e4gt, dem die gro\u00dfe urbane Kapitale Paris gegen\u00fcber steht. Anfang der 50er Jahre, als Tati Die Ferien des Monsieur Hulot dreht, st\u00fcrzt sich die Bev\u00f6lkerung bereits in die beginnende Freizeitzivilisation. Die dritte bezahlte Urlaubswoche wird allgemein eingef\u00fchrt. 73% aller Franz\u00f6sInnen fahren im Urlaub ans Meer. Die Kaufkraft der Bev\u00f6lkerung steigt deutlich an, damit auch die Anspr\u00fcche und Bed\u00fcrfnisse. Noch mehr als auf eine eigene Wohnung ist man auf das eigene Auto stolz, das neben dem Beruf zum wichtigsten Statussymbol wird. Die Generation am Steuer will nichts aus der Hand geben. Eine durchgestylte, klare technische Welt scheint allseits erstrebenswert und vermittelt eine vermeintlich sichere Orientierung. Frankreich ist das erste Land auf dem Kontinent, das Strom in gr\u00f6\u00dferem Umfang aus Atomkraftwerken erzeugt. An den R\u00e4ndern der Gro\u00dfst\u00e4dte wachsen moderne Musterst\u00e4dte in die H\u00f6he, in denen alles klimatisiert ist, wo nat\u00fcrliches Tageslicht kaum noch bis nach unten dringt.<\/p>\n<p>Dazu riesige Mietskasernen und Schlafst\u00e4dte f\u00fcr die breiten Massen. Jene &#8222;banlieus&#8220; entstehen, in denen Jahre sp\u00e4ter sich der Treibsatz f\u00fcr soziale Unruhen und Stra\u00dfen-Revolten ihrer j\u00fcngeren BewohnerInnen bilden wird. Das alles sind dr\u00e4ngende Entwicklungen und Faktoren, auf die Tati wie ein vision\u00e4rer Sensor empfindlich ironisch bis satirisch reagiert, und er scheint dabei von dem Zweifel geleitet, ob der technische Fortschritt tats\u00e4chlich eine Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t bedeutet. Tatis entlarvende Komik beruht auf der \u00fcberraschenden subversiven Sicht der modernen Gesellschaft in ihrem Fortschrittswahn (zit. nach Jacques Tati &#8211; Meister des Lachens).<\/p>\n<p>Seine jeweiligen Drehorte hat Tati stets mit viel Bedacht ausgew\u00e4hlt und in bisweilen aufw\u00e4ndigen, teuren Kunstkulissen wie mit &#8222;Tativille&#8220; in Playtime gestaltend in Szene gesetzt. Tati war damit gleicherma\u00dfen Gestalter und Architekt, Hauptdarsteller und Dirigent in seinen Filmen, also ein typischer Autorenfilmer. Seine Schaupl\u00e4tze, Dorffest, Brieftr\u00e4gerstrecken, moderne H\u00e4user, Flughafenterminals, automatische Fabrik, ein Ferienhotel an der bretonischen Westk\u00fcste, eine ganze moderne Stadt und der chaotische Verkehr, werden sozusagen als darstellende Mitakteure mit ihrem speziellen t\u00fcckischen Eigenleben penibel in die Handlungen miteinbezogen und aus ihrer Funktion und Gestalt heraus konterkariert.<\/p>\n<p>In Die Ferien des Monsieur Hulot verursachen Klappt\u00fcren im Speisesaal des Strandhotels seltsame Ger\u00e4usche, und man erwartet, dass sie jeden Moment den Kellnern in den R\u00fccken fallen. Der Salzstreuer wandert unter den Speisenden mit h\u00f6flichen Gesten mehrmals reihum, bevor er dort ankommt, wo er gebraucht wird. Tatis kleines ratterndes Oldtimer-Cabriolet, das an geringsten Steigungen schon Probleme hat, mit dem Verkehr mitzuhalten, wirkt als Fahrzeug v\u00f6llig schr\u00e4g und aus der Zeit. Ein in sich zusammen geklapptes Kajak sieht pl\u00f6tzlich wie das Vorderteil eines Krokodils aus, das sich mit ge\u00f6ffnetem Maul bedrohlich dem Strand n\u00e4hert. Im Kontrast zur Figur des Herrn Hulot stellen solche und andere Details und Objekte neben ihm die eigentlichen &#8222;Hauptdarsteller&#8220; dar, mit deren Funktion und Zweck er sich abm\u00fcht, mitunter k\u00e4mpft, gegen die er sich behaupten muss.<\/p>\n<p>Au\u00dfer Tati selbst wird wohl niemandem aus dem Publikum aufgefallen sein, dass diese oder jene bekannten SchauspielerInnen in Tatis Filmen mitgewirkt h\u00e4tten. Es w\u00e4re kein Platz f\u00fcr ihr Eigenprofil darin gewesen, das von Tatis Absichten nur unn\u00f6tig abgelenkt h\u00e4tte. So griff er h\u00e4ufig auf LaiendarstellerInnen zur\u00fcck, die ihm zudem authentischer erschienen.<\/p>\n<h3>Tatischeff<\/h3>\n<p>Tati, dessen Nachname eigentlich Tatischeff ist, kam aus gemischt europ\u00e4ischer Abstammung. Sein Gro\u00dfvater war Milit\u00e4rattach\u00e9 an der russischen Botschaft in Paris. Tati wurde bekannt in den 1930er Jahren durch Auftritte als Pantomime und Komiker auf der B\u00fchne, spielte komische Reisende und Tennisspieler. Er wird sp\u00e4ter immer wieder auf dieses perfekt einstudierte Repertoire zur\u00fcckgreifen und es in seinen Filmen geschickt einsetzen. Woody Allen, einer der wenigen Meister der Tonfilmkomik (Ernst Lubitsch war ein anderer), bemerkte einmal, wie schwierig es sei, in Tonfilmen gute Komik zu pr\u00e4sentieren. Tati lie\u00df deshalb vielleicht gleich die Finger davon und verlegte sich auf anderes.<\/p>\n<p>In einer von mehreren Fassungen von Jour de f\u00eate (Tatis Sch\u00fctzenfest) gibt es den Film komplett deutsch synchronisiert, und man vermag kaum zu sagen, dass dies dem Film sehr gen\u00fctzt hat. Es nimmt dem Film sogar eine gewisse originelle W\u00fcrze. Die urspr\u00fcngliche Fassung, in der man nur ein Gemisch aus gesprochenen S\u00e4tzen und franz\u00f6sischen Wort- und Satzfetzen verstehen kann, zudem oft gestammelt und undeutlich gesprochen, wirkt viel authentischer und zum Film passender. Tatis Sch\u00fctzenfest gilt, obwohl darin gar keine Sch\u00fctzen auftreten, als erster franz\u00f6sischer Nachkriegs-Farbfilm, da er sowohl vollst\u00e4ndig in Farbe als auch Schwarzwei\u00df gedreht wurde, aber meist nur in Schwarzwei\u00df im Umlauf ist und auch im Fernsehen nur zu sehen ist. Nur kleine Accessoires wie die Trikolore oder einige Lampions und Luftballons am Festplatz wurden in bunten Farben nachkoloriert.<\/p>\n<p>Auch Les Vacances de Monsieur Hulot (Die Ferien des Herrn Hulot) wurde in Schwarzwei\u00df gefilmt, was die Kontraste von Licht und Schatten am Strand noch deutlicher hervortreten l\u00e4sst. Grandios zum Schluss das von Hulot in der Nacht versehentlich vorzeitig in Gang gesetzte Strandfeuerwerk. Tati alias Hulot in seinem Element im Kampf, nein Tanz, mit den knallenden, zischenden, spr\u00fchenden Licht- und Ger\u00e4uscheffekten des ausgel\u00f6sten explosiven Tohuwabohus. Und am Ende macht er sich nolens volens klammheimlich aus dem Staub, wie h\u00e4ufig, wenn er etwas angestellt hat.<\/p>\n<h3>Das Werk<\/h3>\n<p>Tatis \u00fcberschaubares Filmwerk umfasst f\u00fcnf bedeutende Produktionen von Rang plus den filmischen Epilog Parade (1974), beginnt 1949 mit Tatis Sch\u00fctzenfest und endet 1971 mit Trafic. Dazwischen liegen Die Ferien des Monsieur Hulot (1953), Mon oncle (Mein Onkel, 1958) und Playtime (Tatis herrliche Zeiten, 1967), sein technisch und finanziell mit Abstand aufw\u00e4ndigstes Werk.<\/p>\n<p>Wie kaum einer vor oder nach ihm hat Tati die menschliche Entfremdung und Anonymisierung in der damaligen Welt beginnender Alltagsautomation aufgegriffen und der bei\u00dfenden Komik und Groteske preisgegeben. Tatis Sch\u00fctzenfest und Die Ferien\u0085 stehen dazu noch weitgehend im Gegensatz, sie verk\u00f6rpern noch wahre Idyllen im Vergleich zu den nachfolgenden drei Filmen. Doch auch in den beiden Fr\u00fchwerken versucht schon die moderne Technik verfremdend einzugreifen, so, wenn in Die Ferien\u0085 Pulks von Reisenden von unverst\u00e4ndlich qu\u00e4kenden Lautsprecheransagen durch die labyrinthischen Tunnelunterf\u00fchrungen des Bahnhofs gescheucht werden und immer dort vergeblich auf die Bahnsteige dr\u00e4ngen, wenn die Z\u00fcge gerade auf den anderen Nachbargleisen einfahren. Wer kennt dieses nervige Ph\u00e4nomen moderner Zugfahrplangestaltung nicht?<\/p>\n<p>Oder wenn in Tatis Sch\u00fctzenfest der Brieftr\u00e4ger Francois (J. Tati), angestachelt durch einen Werbefilm der US-Post im Filmzelt und zum Spa\u00df auch von den Bewohnern des Dorfes, die teils kuriosen Methoden technisch moderner Briefbef\u00f6rderung in der Neuen Welt in Geschwindigkeit und Zustellmethode von les americains nachzuahmen beginnt. Er \u00fcberpr\u00fcft rationalisierend seinen Arbeitsablauf, stempelt die eingesammelten Briefe bereits unterwegs an der Laderampe eines fahrenden Lkw, an den er sich dran h\u00e4ngt. Auf seiner rasanten Tour \u00fcberholt er sogar im Spurt eine Gruppe Radrennfahrer und bringt sie v\u00f6llig durcheinander. Rapidit\u00e9, rapidit\u00e9, on le fait comme les americains (Geschwindigkeit, Geschwindigkeit, mach es wie die Amerikaner!) ert\u00f6nt der anspornende Ruf der DorfbewohnerInnen. Erst ein unfreiwilliges Bad samt Rad im Geschwindigkeitsrausch im Fluss neben der Stra\u00dfe macht der Hysterie ein Ende. Eine gebeugte Alte, die den ganzen Film \u00fcber durch die Dorfstra\u00dfen spaziert und Szenen kommentiert, nimmt Rad und blessierten Fahrer auf ihrer Eselkarre mit nach Hause. Tati pr\u00e4sentierte mit Tatis Sch\u00fctzenfest in Gestalt franz\u00f6sischer l\u00e4ndlicher Gemeinschaft einen nat\u00fcrlichen Gegenpol zu sp\u00e4terer hektischer Gro\u00dfstadt und Urbanit\u00e4t. Natur und Technik stehen gegeneinander. Unterst\u00fctzt wird die Idylle in Tatis Sch\u00fctzenfest in einer modifizierten Filmfassung noch von einer Rahmenhandlung, in der zu Beginn ein junger Maler auf Motivsuche ins Dorf kommt, die Handlung nebenbei kommentiert und am Ende mit den Schaustellern das Dorf auch wieder verl\u00e4sst. Diese gef\u00e4lligere Fassung, die auch die Kolorierungen enth\u00e4lt und nur in des Malers Kommentaren Deutsch synchronisiert ist, ist leider nur selten zu sehen.<\/p>\n<h3>Gegenwehr<\/h3>\n<p>K\u00e4mpft Tati in Tatis Sch\u00fctzenfest oder Die Ferien\u0085 noch sympathisch mit den Alltagst\u00fccken der Brieftr\u00e4gerei oder Ausw\u00fcchsen merkw\u00fcrdiger Urlaubsmassen-Vergn\u00fcgen, sieht sich Tatis Protagonist in den \u00fcbrigen drei Filmen Mon oncle, Playtime und Trafic unausweichlich konfrontiert mit den Einfl\u00fcssen und Eingriffen der voll automatisierten, technischen Welt ins menschliche Leben.<\/p>\n<p>Dabei sind Tatis &#8222;Waffen&#8220; der Gegenwehr seine vermeintliche tollpatschige Ungeschicklichkeit und Unf\u00e4higkeit oder Unwilligkeit, sich von den Zw\u00e4ngen \u00e4u\u00dferer Verh\u00e4ltnisse konditionieren zu lassen. W\u00e4hrend sein Filmschwager in Mon oncle, ein Plastikfabrik-Besitzer, mit seiner Familie in einem supermodernen Haus mit voll automatisiertem Haushalt, lebt er in einem sympathischen, abrissbedrohten Pariser Viertel in einer kleinen Dachwohnung mit Balkon vor der T\u00fcr. Sein kleiner Neffe mag den komischen, etwas trottelig wirkenden Onkel wohl gerade deswegen, mit dem er allerhand Schabernack ausheckt. Doch der Onkel vermag der in ihn gesetzten elterlichen Erwartung, einen erzieherischen Einfluss auf das Kind auszu\u00fcben, nicht zu entsprechen. Das automatische Haus wird des Nachts sogar zum unheimlichen Haus, wenn die K\u00f6pfe der Menschen hinter den erleuchteten Bullaugenfenstern Hulots seltsame Umtriebe im Garten wie mit riesigen Augenbewegungen verfolgen.<\/p>\n<p>In der Fabrik des Schwagers findet Tati eine Anstellung in der Abteilung f\u00fcr Plastikr\u00f6hren, wobei unklar bleibt, was er da zu tun hat. Ergebnis ist nat\u00fcrlich bald eine von der Norm abweichende R\u00f6hrenproduktion, indem pl\u00f6tzlich in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden ausgest\u00fclpte Blasen ger\u00e4uschvoll die roten R\u00f6hren ausbeulen und kunstvolle Plastiken dabei erzeugen oder sich die Plastikschl\u00e4uche wie windende Schlangen verselbst\u00e4ndigen.<\/p>\n<h3>Trafic<\/h3>\n<p>Anfang der 70er Jahre, als der Film Trafic entsteht, ist die \u00c4ra der Wirtschaftswunderjahre und des billigen \u00d6ls vorbei. Der Pariser Mai &#8217;68 mit seinen Stra\u00dfen-schlachten, StudentInnen- und ArbeiterInnenrevolten hat die franz\u00f6sische Gesellschaft in ihren Grundfesten ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p>Bei Barrikadenk\u00e4mpfen im Quartier latin gingen an die 200 Autos in Flammen auf. In dem Film soll der Prototyp eines neuen Campingautos (R4L) zu einem Autosalon im Ausland \u00fcberf\u00fchrt werden. Der von Produktionspannen und Verz\u00f6gerungen begleitete Film beginnt mit einem selbstverst\u00e4ndlich nicht reibungslosen, anatomischen Einblick in eine Automontage.<\/p>\n<p>Zwei Jahre vor der ersten globalen \u00d6lkrise wird die Verkehrsexplosion auf den Stra\u00dfen durch ein Massenverkehrsaufkommen mit Staus und Massenkarambolagen thematisiert, als noch niemand so recht an solche k\u00fcnftigen Entwicklungen im Gro\u00dfen denken mochte. Kreisverkehre sind wie nicht enden wollende Verkehrskarussells. In wartenden Autoschlangen gehen pl\u00f6tzlich die Hunde hinter den Fensterscheiben aufeinander los usw. Heute sind solche Bilder Alltags pr\u00e4gend und nicht nur die Hunde geraten aggressiv aneinander.<\/p>\n<p>In Playtime versucht ein Mensch im Wirrwar von Verkehrsterminals, Hochh\u00e4usern und B\u00fcrokomplexen mithilfe moderner Kommunikationsf\u00fchrung einen anderen zu treffen und erlebt mit den technischen &#8222;Helfern&#8220; sein irritierendes Wunder. In einer st\u00e4hlernen und gl\u00e4sernen Welt sto\u00dfen Menschen gegen Glast\u00fcren und -w\u00e4nde. Die funktionelle Uniformit\u00e4t der Geb\u00e4ude ist austauschbar. Ein Krankenhaus sieht innen wie ein Flughafenterminal aus usw. In Tatis expandierenden Stadt- und Verkehrswelten ist nichts mehr wie es war. Die Verh\u00e4ltnisse sind aus den Fugen geraten. Der Mensch ist in einer k\u00fcnstlichen Stadtwelt zum Unbehausten geworden. Darin, dies zu zeigen, ist Tati auch ein filmischer Pionier von Zivilisationskritik, noch bevor es auch verschiedene Hollywood-Produktionen versuchten, zu nennen w\u00e4ren etwa Lautlos im Weltraum (1972) oder \u0085 Jahr 2022 \u0085 die \u00fcberleben wollen (1973).<\/p>\n<p>Das Besondere bei Tati ist sich seiner Thematik angenommen zu haben aus der Perspektive von action-reicher Komik und Witz auf hohem Niveau. Das Publikum lohnte den teuren Film nicht, der in den Kinos floppte.<\/p>\n<p>Verschuldet zog sich Tati bald vom Filmgesch\u00e4ft entt\u00e4uscht zur\u00fcck. Doch davor kehrte er mit seiner Produktion Parade f\u00fcr das schwedische Fernsehen noch einmal zu seinen Urspr\u00fcngen zur\u00fcck, dem Variet\u00e9 und Zirkus. Ein Glanzpunkt darin ist &#8211; Tati, wie er als Clown leibt und lebt &#8211; seine Vorf\u00fchrung eines stummen Slapsticks im Zeitlupenstil. Der europ\u00e4ische TV-Kulturkanal ARTE zeigte zum Jahreswechsel 2015\/16 eine fast komplette Tati-Retrospektive. Er ist noch immer mehr als nur ein Geheimtipp. Und Playtime geh\u00f6rt mittlerweile zu den Filmklassikern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr Chaplin die Melone, der Schnauzer, Stock, die zu gro\u00dfen Clownschuhe und viel zu enge Kleidung sind, sind bei Tatis Hauptfigur Hulot das ber\u00fchmte H\u00fctchen, der beige Regenmantel, manchmal ein Regenschirm und die lange Pfeife. 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