{"id":15245,"date":"2016-04-01T00:00:00","date_gmt":"2016-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/04\/die-avantgarde-und-die-revolutionierung-des-alltags\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:57","slug":"die-avantgarde-und-die-revolutionierung-des-alltags","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/04\/die-avantgarde-und-die-revolutionierung-des-alltags\/","title":{"rendered":"Die Avantgarde und die Revolutionierung des Alltags"},"content":{"rendered":"<p><b>GWR: Du hast in der Theorie.org-Reihe des Schmetterling-Verlags ein Buch ver\u00f6ffentlicht mit dem Titel: &#8222;Avantgarde I. Von den anarchistischen Anf\u00e4ngen bis Dada oder wider eine begriffliche Beliebigkeit&#8220;. Die Reihe will &#8222;zentrale Themen linker Debatten&#8220; (Einband) aufarbeiten, dazu willst Du mit dem Band einen Beitrag leisten. Was ist das Politische an der Avantgarde?<\/b><\/p>\n<p><i>Alexander Emanuely:<\/i> F\u00fcr mich liegt das Politische in der Avantgarde in ihrem revolution\u00e4ren Streben. F\u00fcr die Entwicklung der Avantgarde von Dada, \u00fcber den Surrealismus, bis hin zum Lettrismus und zu den SituationistInnen war der Anarchismus des 19. Jahrhunderts pr\u00e4gend. Auch waren von F\u00e9lix F\u00e9n\u00e9on, Arthur Cravan, Andr\u00e9 Breton bis Guy Debord Menschen am Werk, die auf \u00e4hnliche und gleichzeitig komplett unterschiedliche Art und Weise versucht haben, Kunst und Lebenspraxis zusammen zu f\u00fchren. Sie wollten das Affirmative in Kultur und Kunst aufl\u00f6sen, eben u.a. durch das Schaffen von dem, was als Antikunst bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Des Weiteren sollten den Bed\u00fcrfnissen, Tr\u00e4umen und W\u00fcnschen eines jeden Menschen zum Durchbruch verholfen werden. Dieser Durchbruch war eine der S\u00e4ulen, eine der Bedingungen der angestrebten Revolution. Man wandte verschiedene neue, alte Techniken aus Kunst und Psychoanalyse an: die Collage, die Entfremdung, das automatische Schreiben, das Flanieren&#8230;<\/p>\n<p><b>GWR: Was waren die politischen Leitbilder der Avantgarde?<\/b><\/p>\n<p><i>Alexander Emanuely:<\/i> Manche AvantgardistInnen orientierten sich in den 1920er Jahren an der erfolgreichen Oktoberrevolution, dann an Stalin, andere an Trotzki, doch der Kern der AvantgardistInnen blieb beim Anarchismus bzw. kehrte nach einem entt\u00e4uschenden Intermezzo &#8211; meist in der Kommunistischen Partei &#8211; zu diesem zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Zum revolution\u00e4ren Handeln kommt hinzu, dass die meisten AvantgardistInnen im besten Alter waren, als Faschismus und Nationalsozialismus europaweit an die Macht kamen und mordeten. Und zwar im besten Alter, um Widerstand zu leisten. Der Beitrag der alten und jungen DadaistInnen und SurrealistInnen, der zuk\u00fcnftigen LettristInnen zur R\u00e9sistance war ein bedeutender. Zum Beispiel Andr\u00e9 Breton. Er wetterte schon gegen Hitler, setzte sich schon f\u00fcr deutsche Fl\u00fcchtlinge in Frankreich ein, da verstanden die allermeisten seiner ZeitgenossInnen noch nicht, was sich da zusammen braute. Die Liste der Widerstandsk\u00e4mpferInnen ist lang, es seien hier Claude Cahun, Asger Jorn, Benjamin P\u00e9ret, Robert Rius erw\u00e4hnt. Dazu geh\u00f6ren auch jene jungen Pariser Nachwuchs-SurrealistInnen, Jahrgang 1920, die sich 1940 allesamt in den allerersten, eher dilettantisch organisierten Widerstandszellen wiedergefunden hatten. Viele von ihnen sind in diesem Kampf umgekommen.<\/p>\n<p>Sie hatten Karl Marx, Charles Fourier, aber eben auch die Gedichte Arthur Rimbauds gelesen. Und sie hatten Andr\u00e9 Breton gelesen, der unter anderem geschrieben hat: &#8222;&#8218;Die Welt ver\u00e4ndern&#8216;, hat Marx gesagt; \u0082das Leben \u00e4ndern&#8216;, hat Rimbaud gesagt: Diese beiden Losungen sind f\u00fcr uns eine einzige.&#8220; Dieser Satz dr\u00fcckt wohl am Besten das Politische, das Revolution\u00e4re an der Avantgarde aus.<\/p>\n<p>Dies alles stimmt nat\u00fcrlich nicht &#8211; oder nur teilweise &#8211; f\u00fcr all jene, die in der Avantgarde nur das sich Aufb\u00e4umen junger, wilder K\u00fcnstlerInnen gegen \u00e4ltere, etablierte K\u00fcnstlerInnen sehen wollen. U.a. gegen diese, weit verbreitete Definition des Begriffs Avantgarde habe ich dieses Buch geschrieben.<\/p>\n<p><b>GWR: Dass die K\u00fcnstlerInnen &#8222;den Bed\u00fcrfnissen, Tr\u00e4umen und W\u00fcnschen eines jeden Menschen zum Durchbruch&#8220; verhelfen wollten, ist in Deinem Buch sch\u00f6n und ausf\u00fchrlich festgehalten. Ebenso die Emp\u00f6rung \u00fcber eine Welt, welche all dies den Menschen verweigert, beispielhaft in dem von Dir zitierten Spruch von Max Ernst: &#8222;Dada war ein Ausbruch einer Revolte der Absurdit\u00e4t, der gro\u00dfen Schweinerei dieses bl\u00f6dsinnigen Krieges. Wir jungen Leute kamen wie bet\u00e4ubt aus dem Krieg zur\u00fcck, und unsere Emp\u00f6rung musste sich irgendwie Luft machen&#8220; &#8211; interessant ist vor allem aber, wie das Zitat weitergeht: &#8222;Dies geschah ganz nat\u00fcrlich mit Angriffen auf die Grundlagen der Zivilisation, die diesen Krieg herbei gef\u00fchrt hatte. Angriffen auf die Sprache, Syntax, Logik, Literatur, Malerei usw.&#8220; (159) Warum ist f\u00fcr die Avantgarde ausgerechnet die Bek\u00e4mpfung der Syntax die Konsequenz aus dem gro\u00dfen Abschlachten, das die imperialistischen Staaten im Ersten Weltkrieg angerichtet haben?<\/b><\/p>\n<p><i>Alexander Emanuely:<\/i> Die Sprache als Instrument der Herrschaft war eines der Angriffsziele. Ich denke, dass die ersten Dada-Abende, an denen Lautgedichte zu h\u00f6ren waren, eher spontan zustande gekommen sind. Dann kam noch was dazu: so am 23. Juni 1916, als Hugo Ball ein Lautgedicht vortrug und dazu im Magierkost\u00fcm eine spontane Performance gab. Simsalabim et voil\u00e0, improvisierte, nur f\u00fcr den Moment gemachte Kunst, etwas Rituelles ohne Ritual. Und es handelte sich ja beim Cabaret Voltaire [vgl. GWR 406] um ein Kabarett, also um einen Ort, wo Kritik und Humor Hand in Hand gehen. Und wodurch werden Kritik und Humor in diesem Kontext zum Ausdruck gebracht? Durch Sprach- und B\u00fchnenspiel.<\/p>\n<p>Diese Kabarett-Tradition geht auf eine Entwicklung zur\u00fcck, die sich ab den 1880er Jahren in Paris entwickelt hat, Stichwort Le Chat Noir, die schwarze Katze, wohl das erste Kabarett dieser Art. Dort fand man dann die Hydropathen und Zutisten, SprachspielerInnen, die einen Arthur Rimbaud geformt haben, und von dort kamen die Fumisten, die ErfinderInnen von \u00fcberhaupt allem. Das Kabarett wurde einer der zentralen Orte der Widerst\u00e4ndigkeit gegen die b\u00fcrgerliche Ordnung und Moral, auch weil es dank der Meinungsfreiheit nur schwer von Polizei und Justiz angetastet werden konnte. Es folgten dann vor dem Ersten Weltkrieg \u00e4hnliche Institutionen in ganz Europa, wie die 11 Scharfrichter in M\u00fcnchen. Und gerade in diesen Kabarett-Kreisen tummelten sich Menschen herum, die dem Anarchismus sehr nahe standen, ob in Frankreich F\u00e9lix F\u00e9n\u00e9on, Alfred Jarry oder in Deutschland Erich M\u00fchsam.<\/p>\n<p>Die K\u00fcnstlerInnen in Z\u00fcrich, die 1916 Dada zum Leben erweckt haben, kamen aus dieser Tradition. Aus dieser Tradition kam aber auch die Erkenntnis, dass mit der b\u00fcrgerlichen Sprache, der b\u00fcrgerlichen darstellenden und bildenden Kunst, so frei sie sich auch gab, weder die sozialen Ungerechtigkeiten noch der Weltkrieg zu verhindern gewesen waren. Nicht einmal ein Mallarm\u00e9, ein Ibsen, ein Seurat hatten die Welt retten k\u00f6nnen. Von der Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit, der Emp\u00f6rung, die Max Ernst anspricht, hin zur Spracherneuerung, Fassungserneuerung, Revolution bedurfte es scheinbar nur einen kleinen Schritt, einen kurzen Moment in der Spiegelgasse in Z\u00fcrich &#8211; aber nat\u00fcrlich nicht nur dort.<\/p>\n<p><b>GWR: Was \u00e4nderte sich, als das Zentrum Dadas von Z\u00fcrich nach Paris wechselte?<\/b><\/p>\n<p><i>Alexander Emanuely:<\/i> Was die DadaistInnen in Z\u00fcrich angefangen haben, haben die Pariser DadaistInnen, die sp\u00e4teren SurrealistInnen, nach dem Weltkrieg fortgesetzt. Sie haben dazu noch die Erkenntnisse aus Psychoanalyse ins Spiel gebracht. Sie wollten durch Formenzerst\u00f6rung von Sprache &#8211; und die Syntax ist eben ein sehr wichtiges Korsett &#8211; von Bild und Ton die eigene Normiertheit und die der anderen aufl\u00f6sen, damit jeder Mensch sich im Sinne der Revolution neu formen, neu definieren kann, ganz unabh\u00e4ngig davon, was ihm von klein auf vermittelt worden ist. Konkret auf den Weltkrieg und seine Folgen bezogen: Das patriotische Geheul der Herrschenden und der Angepassten sollte durch das Dada-Geheul, aus dem Innersten des Geistes kommend, \u00fcbert\u00f6nt, ertr\u00e4nkt werden. Und es waren die Methoden der Kunst und bald der Psychoanalyse, aber auch des Spiels, welche das Innerste des Geistes, wo die Bed\u00fcrfnisse und Triebe vergraben liegen, wecken sollten.<\/p>\n<p>Doch dieses Wecken Wollen alleine h\u00e4tte nicht gereicht, um eine Bewegung zu schaffen, um Avantgarde m\u00f6glich zu machen. Es musste zeitgleich, in Form der Oktoberrevolution, ein ganz anderes Erwachen erfolgen, jenes der Gewissheit, und zu diesem Zeitpunkt war es keine Hoffnung, sondern eben eine Gewissheit, dass die Menschheit sich tats\u00e4chlich nicht nur ganz anders organisieren kann (das wusste man schon seit der Pariser Kommune), sondern dass sich dieses Neue, diese sozialistische Gesellschaft auch halten und durchsetzen kann.<\/p>\n<p><b>GWR: Diese Meinungsfreiheit, die nur schwer von Polizei und Justiz angetastet werden konnte, als Mittel zur Umgehung der Zensur erw\u00e4hnst Du auch in Deinem Buch (107). Heute umgehen Musiker wie KIZ mit einem k\u00fcnstlerischen Ausdruck nicht mehr die Zensur, sondern die Irrelevanz der Linksradikalen, um z.B. Statements gegen den Nationalismus in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen. Bei KIZ fragen sich viele, ob das unpolitische Publikum zwischen all den Provokationen mit chauvinistischen Frauenbildern und derben Humor tats\u00e4chlich die politischen Anspielungen versteht. Hier dr\u00e4ngen sich Parallelen zur Avantgarde auf: Wurde hier mehr gemacht, als mit der Geste des Revolution\u00e4rs gespielt, um &#8222;[d]as Provozieren des Publikums durch die Negation&#8220; (153) zu betreiben? Du schreibst z.B. von Benjamin P\u00e9rets Aufritt als deutscher Soldat, der die Franzosen 1919 schwer emp\u00f6rte (174). Ist das eine Form der politischen Agitation oder ist es auch deswegen von Staatswegen erlaubt gewesen, weil es \u00fcber die Provokation hinaus dem nationalistischen Taumel der Franzosen nichts entgegensetzte &#8211; also harmlos war, wie heute KIZ?<\/b><\/p>\n<p><i>Alexander Emanuely:<\/i> Was Provokation heute und anno 1919 betrifft, w\u00e4re zuerst festzuhalten, dass ich wie Adorno denke, wenn er schreibt, dass nach der &#8222;europ\u00e4ischen Katastrophe&#8220;, nach Auschwitz die Schocks der Surrealisten kraftlos geworden sind.<\/p>\n<p>Und was des Weiteren auf 1919 im Unterschied zu heute zutrifft, ist, dass die linken Intellektuellen damals, die sich gegen die b\u00fcrgerliche Ordnung auflehnten, begriffen bzw. gedacht haben, dass sie nicht alleine sind, dass es nun die Sowjetunion und eine bald starke KP gibt. Somit reagierte auch die bek\u00e4mpfte Ordnung immer strenger gegen diese Provokationen, und nicht selten wurden K\u00fcnstlerInnen verklagt, verwarnt etc. Aber es sollte gerade einmal 20 Jahre brauchen, bis der nationalistische Taumel der franz\u00f6sischen Mittelschicht vor dem deutschen Faschismus kapitulieren, ihn teilweise sogar begr\u00fc\u00dfen w\u00fcrde. 1939 hingegen finden wir Benjamin P\u00e9ret als ehemaligen Spanienk\u00e4mpfer (zuerst bei der POUM, dann in der Kolonne Durruti) in Paris wieder. Und er ist immer noch Surrealist, bald aber auch in der R\u00e9sistance, dann im Exil.<\/p>\n<p>Ich habe mich jetzt nicht mit KIZ im Besonderen besch\u00e4ftigt, und vielleicht gibt es \u00c4hnlichkeiten in der Arbeit der Band mit den Methoden der Avantgarde. Es gibt viele K\u00fcnstlerInnen, die nach den SituationistInnen versucht haben, zu schockieren, zu provozieren. Doch ohne Revolution kann es keine Avantgarde geben. Selbst die provokanteste Kunst wird im Sinne Herbert Marcuse affirmativ und somit &#8211; f\u00fcr die Polizei in diesem Falle &#8211; harmlos. Die Avantgarde wollte die Revolutionierung des Alltags, Provokation war nur ein, wenn auch oft ben\u00fctzter Weg von vielen, um dorthin kommen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>GWR: Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Du hast in der Theorie.org-Reihe des Schmetterling-Verlags ein Buch ver\u00f6ffentlicht mit dem Titel: &#8222;Avantgarde I. Von den anarchistischen Anf\u00e4ngen bis Dada oder wider eine begriffliche Beliebigkeit&#8220;. Die Reihe will &#8222;zentrale Themen linker Debatten&#8220; (Einband) aufarbeiten, dazu willst Du mit dem Band einen Beitrag leisten. Was ist das Politische an der Avantgarde? 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