{"id":15273,"date":"2016-05-01T00:00:00","date_gmt":"2016-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/souveraen-gegen-rechts\/"},"modified":"2022-07-26T13:56:33","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:33","slug":"souveraen-gegen-rechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/souveraen-gegen-rechts\/","title":{"rendered":"Souver\u00e4n gegen Rechts"},"content":{"rendered":"<p>Auf einem st\u00e4ndig flimmernden Bildschirm liefen die gesamte Messezeit \u00fcber Interviews mit dem neurechten Els\u00e4sser, gef\u00fchrt von kaum 18j\u00e4hrigen, immer langhaarigen M\u00e4dchen, die Els\u00e4sser mit naiv bewundernden Augen anstarrten, Moderatorinnen von &#8222;Russia Today&#8220; nicht un\u00e4hnlich.<\/p>\n<p>An allen vier Ecken des Standes ebenfalls die gesamte Messezeit \u00fcber vier Schr\u00e4nke, in schwarze Seide geh\u00fcllt, leicht erkennbar als Bodyguards, von neofaschistischen Schl\u00e4gertrupps geliehen.<\/p>\n<p>Solch eine Provokation mochten die linken und libert\u00e4ren Verlage nicht auf sich sitzen lassen.<\/p>\n<p>Schon vor einigen Jahren wurde der Versuch der Messeleitung, einen (gro\u00dfen) Stand der Bundeswehr auf der Messe langfristig zu etablieren, durch st\u00e4ndige direkte Aktionen vor und im Stand sowie nahe dem Riesensandkasten f\u00fcr Kinder, auf dem Schlachten nachgespielt wurden, vereitelt (die GWR berichtete). Diesmal war das Ziel der Aktionen, Els\u00e4sser und seine Zeitschrift aus der Messe wieder zu vertreiben.<\/p>\n<p>Es kam jeden Messetag regelm\u00e4\u00dfig um 14 Uhr 30 vor dem Compact-Stand zu Protestkundgebungen aus dem Spektrum der linken und libert\u00e4ren Verlage, lautstark wurde gerufen: &#8222;Souver\u00e4n gegen Rechts!&#8220; und Parolen gegen Sexismus und Rassismus. Spontan Hinzugekommenen waren die nahe Compact vom Stand der Graswurzelrevolution erh\u00e4ltlichen Ausgaben eine propagandistische Hilfe, denn die Aufmacher &#8222;Bleiberecht f\u00fcr alle&#8220; und &#8222;Gegen Sexismus und Rassismus&#8220; eigneten sich gut, um sie bei der Protestkundgebung hochzuhalten. Dem neurechten Els\u00e4sser und seiner Zeitschrift wird heute eine Auflage von 41.000 Exemplaren nachgesagt und sie machen u.a. offen Propaganda f\u00fcr die AfD: Frauke Petry sei die bessere Bundeskanzlerin, behauptet etwa ein Titelblatt.<\/p>\n<p>Els\u00e4sser geh\u00f6rt zu den autorit\u00e4rsten, unsympathischsten und deprimierendsten Figuren der deutschen (Ex-)Linken seit Ende der Siebzigerjahre.<\/p>\n<p>Els\u00e4sser war zun\u00e4chst im S\u00fcdwesten der BRD als hypermilitanter Fighter des Kommunistischen Bundes innerhalb der Anti-AKW-Bewegung aktiv, denunzierte dabei gewaltfreie AktivistInnen gern als &#8222;Spalter&#8220; &#8211; nur um dann selbst in seiner antideutschen Phase Ende der Neunzigerjahre die Massenblockaden gegen Castor-Transporte nach Gorleben als zivilisationskritische R\u00fcckkehr zur Scholle und damit als faschistisch und antisemitisch zu kritisieren.<\/p>\n<p>Die Maxime &#8222;Heute so, morgen so, wie&#8217;s grad passt, hoffentlich merkt&#8217;s keiner&#8220; geh\u00f6rt schon lange zu seinem Lebenselixier, so viele politische Kehrtwendungen hat er durchgemacht. 1990 erschien im &#8222;Arbeiterkampf&#8220; sein Artikel: &#8222;Warum die Linke antideutsch sein muss&#8220;, kurz zuvor hatte er die Friedensbewegung ob ihres Boykottaufrufs f\u00fcr franz\u00f6sische Produkte anl\u00e4sslich der Atomtests des neuen Pr\u00e4sidenten Chirac f\u00fcr komplett antisemitisch erkl\u00e4rt und diesen Boykott mit dem der Nazis gegen die Juden verglichen.<\/p>\n<p>So geh\u00f6rte er zu den Gr\u00fcndern der Antideutschen und blieb einer von deren ma\u00dfgeblichen Protagonisten die gesamten Neunzigerjahre hindurch. Er spaltete als Redakteur die &#8222;junge Welt&#8220; 1997, war Mitbegr\u00fcnder der &#8222;Jungle World&#8220;, bis er dort endlich im Jahre 2000 rausgeworfen wurde. Er schrieb regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr die &#8222;Allgemeine J\u00fcdische Wochenzeitung&#8220; und wurde Redakteur von &#8222;konkret&#8220;, bis er dort 2002 mit einem anderen Alpham\u00e4nnchen, Gremliza, aneinandergeriet und wieder entlassen wurde.<\/p>\n<p>Zuvor hatte der Freund des Milo\u009aevi?-Regimes f\u00fcr &#8222;konkret&#8220; und in &#8222;konkret&#8220;-B\u00fcchern die serbischen Verbrechen in Srebrenica geleugnet und daf\u00fcr &#8222;marodierende&#8220; Einheiten verantwortlich gemacht, die nur den Tod von Angeh\u00f6rigen ger\u00e4cht h\u00e4tten, die zuvor von Muslimen get\u00f6tet worden seien. Dass man, wie gewaltfreie Aktionsgruppen damals, sowohl gegen serbisch-faschistische Tschetniks als auch gegen die UN- und sp\u00e4ter NATO-Milit\u00e4rintervention sein konnte, war Els\u00e4sser und in seinem Gefolge vielen Linken in ihrem borniert-bin\u00e4ren Denken nicht beizubringen. Seine Wendung weg vom Antideutschtum und seine pl\u00f6tzliche Antiimp-Kritik der US-Milit\u00e4rintervention im Irak 2003 hatte daher mit Gewaltkritik auch nichts zu tun, wie &#8211; um nur ein Beispiel zu nennen &#8211; seine Unterst\u00fctzung des iranischen Pr\u00e4sidenten Ahmadinedschad bei dessen brutaler Unterdr\u00fcckung der iranischen Revolte von 2009 belegte.<\/p>\n<p>Die gesamten Nullerjahre hindurch agierte Els\u00e4sser als linker Nationalist, zuletzt innerhalb des Lafontaine-Fl\u00fcgels der Partei Die Linke, was diese heute auch nicht mehr gern wissen will. Erst nach 2009 und Els\u00e4ssers Gr\u00fcndung seiner &#8222;Volksinitiative gegen das Finanzkapital&#8220;, wo er den deutschen Nationalstaat als Bollwerk gegen den Angriff des &#8222;anglo-amerikanischen Finanzkapitals&#8220; seit der Krise 2008 verteidigte, wurde er auch als Mitarbeiter des &#8222;Neuen Deutschlands&#8220; geschasst.<\/p>\n<p>Es folgten seine neurechte Kehrtwende, seine Querfront-Strategie (mit dem offenen Eintreten f\u00fcr den russischen Staat im Ukraine-Konflikt) von rechten und linken Autorit\u00e4ren, f\u00fcr die Krim-Abspaltung sowie f\u00fcr den ungarischen autorit\u00e4ren Regierungschef Orb\u00e1n, schlie\u00dflich die offene Bef\u00fcrwortung von PEGIDA und im Januar 2015 sein Auftritt als Redner bei der Leipziger LEGIDA.<\/p>\n<p>Der Fall Els\u00e4sser ist ein symptomatischer Fall der deutschen (Ex-)Linken, er konzentriert im Werdegang einer einzigen Person all das, was diese Linke in ihren autorit\u00e4ren Auspr\u00e4gungen so unausstehlich macht: Das Problem Els\u00e4sser war nicht eigentlich Els\u00e4sser, sondern eine autorit\u00e4re Linke, die ihn jahrelang wie selbstvergessen anhimmelte und dabei jedes eigenst\u00e4ndige Denken bei ihrem Kotau vor Els\u00e4sser ablegte.<\/p>\n<p>Ich habe in Els\u00e4ssers &#8222;junge-Welt&#8220;-Jahren eine Demo in Berlin erlebt, die war so grotesk, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen: Die &#8222;junge Welt&#8220; hatte einen Rednerwagen organisiert und bei der Demo sprachen einige linke Redner, Els\u00e4sser zuletzt. Und seine Vorredner lallten immer ins Mikro S\u00e4tze wie: &#8222;Wie J\u00fcrgen Els\u00e4sser in seinem Artikel in der jW vom Soundsovielten bereits sagte, ich zitiere: usw. usf.&#8220; Es wurde eine eigene politische Position nicht argumentativ begr\u00fcndet, sondern es wurde belegt, dass das, was man selbst sagte, auch schon Els\u00e4sser gesagt hatte. Gibt es ein j\u00e4mmerlicheres Selbstbild, eine bescheuertere Offenbarung als eine solche von deutschen Linken?<\/p>\n<p>Els\u00e4sser war irgendwann einmal in vielen neueren Str\u00f6mungen der deutschen Linken unterwegs (in unserer gl\u00fccklicherweise nicht!), bevor er sich auch organisatorisch zur neuen Rechten aufmachte. Sein autorit\u00e4rer, arroganter Habitus blieb dabei immer derselbe. Hat sich je jemand innerhalb dieser Linken mal gefragt, was denn die verbindenden Elemente all dieser Positionswechsel sein k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Wohl kaum, aber hierauf gibt es eine Antwort: Gewaltbef\u00fcrwortung und autorit\u00e4res Denken.<\/p>\n<p>In welchem Spektrum Els\u00e4sser auch immer f\u00fcr ein paar Jahre seine ideologischen Zelte aufschlug: f\u00fcr Gewalt war er in jedem Fall, sei sie nun revolution\u00e4r oder staatlich. Els\u00e4sser geh\u00f6rt in dieselbe Kategorie wie Joseph Fischer oder Reinhard B\u00fctikofer, die bei ihrer j\u00fcngsten ideologischen Bef\u00fcrwortung von Bombenkriegen und Gewaltverbrechen noch immer ausrufen konnten: &#8222;Pazifist (wahlweise: gewaltfrei) war ich nie!&#8220; In &#8222;konkret&#8220; rief Els\u00e4sser zum Beispiel explizit zur Gewalt gegen den rechtskonservativen Historiker Ernst Nolte auf &#8211; nur um sich dann 2014 im Gerichtsverfahren gegen den Antisemitismus-Vorwurf durch Jutta Ditfurth von dem Anwalt Michael Hubertus von Sprenger vertreten zu lassen, der seinerseits auch Anwalt des Holocaustleugners David Irving war.<\/p>\n<p>Auf der Leipziger Buchmesse 2016 haben linke und libert\u00e4re Verlage zwar gegen Els\u00e4sser und seine Zeitschrift demonstriert &#8211; aber die Aufarbeitung des Ph\u00e4nomens, warum so viele deutsche Linke so lange gl\u00e4ubig an den Lippen dieses von Grund auf Autorit\u00e4ren hingen, steht noch aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf einem st\u00e4ndig flimmernden Bildschirm liefen die gesamte Messezeit \u00fcber Interviews mit dem neurechten Els\u00e4sser, gef\u00fchrt von kaum 18j\u00e4hrigen, immer langhaarigen M\u00e4dchen, die Els\u00e4sser mit naiv bewundernden Augen anstarrten, Moderatorinnen von &#8222;Russia Today&#8220; nicht un\u00e4hnlich. 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