{"id":15276,"date":"2016-05-01T00:00:00","date_gmt":"2016-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/jenseits-von-paris\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:10","slug":"jenseits-von-paris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/jenseits-von-paris\/","title":{"rendered":"Jenseits von Paris"},"content":{"rendered":"<p>In dem englischen Wort &#8222;beyond&#8220; ist sch\u00f6n ausgedr\u00fcckt, dass es hier nicht nur um den zeitlichen Aspekt geht (um Aktionen &#8222;danach&#8220;), sondern auch um eine ganz andere Dimension von Klimaschutz, als sie in den UN-Verhandlungen gedacht wird.<\/p>\n<p>Die Klimagerechtigkeitsbewegung verl\u00e4sst die Marktlogik und betreibt direkte Ursachenbek\u00e4mpfung. Schmutzige Industrien m\u00fcssen gestoppt werden, Ressourcen m\u00fcssen im Boden gelassen werden. Eigentlich ist es ganz einfach. Eine Handvoll entschlossener Menschen kann einen Braunkohlebagger f\u00fcr mehrere Stunden lahmlegen, wenn sie sich davor stellen oder hinauf klettern. Und je mehr Menschen sich zusammenfinden, desto l\u00e4nger und fl\u00e4chendeckender kann Zerst\u00f6rung gestoppt werden.<\/p>\n<p>So wurde schon vor dem COP21 das ehrgeizige Ziel gesetzt, dass es im Mai 2016 eine globale Aktionswoche geben soll, in der Gruppen auf verschiedenen Kontinenten gegen fossile Infrastruktur mobil machen (&#8222;Break Free from Fossil Fuels&#8220;, 4. bis 16. Mai). Selbst f\u00fcr existierende Strukturen war dies ein straffer Zeitplan. Doch es war wichtig, auf einen selbstorganisierten Termin hinarbeiten zu k\u00f6nnen, der Hoffnung gibt &#8211; damit die Bewegung nicht in die gleiche depressive Starre verf\u00e4llt wie nach dem Klimagipfel in Kopenhagen 2009.<\/p>\n<h3>Das Ergebnis macht G\u00e4nsehaut<\/h3>\n<p>Neben &#8222;Ende Gel\u00e4nde&#8220; im Lausitzer Braunkohlerevier beteiligen sich zahlreiche AktivistInnen mit (teils mehreren) Aktionen in zw\u00f6lf L\u00e4ndern auf f\u00fcnf verschiedenen Kontinenten an &#8222;Break Free from Fossil Fuels&#8220;.<\/p>\n<p>In Nigeria gibt es w\u00e4hrend der globalen Aktionswoche Proteste an drei markanten Orten, die symbolisch f\u00fcr die jahrzehntelange Verschmutzung durch \u00d6lbohrungen im Niger-Delta stehen. Mit einer Break Free-Weltpressekonferenz soll die Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit u.a. auf das illegale Abfackeln von Gas gerichtet werden, das bei der Verarbeitung von Roh\u00f6l entsteht. Die Veranstaltungen werden durch namhafte Musikgruppen und &#8222;Nollywood&#8220;-Stars unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>In Australien werden Klima-Aktivist*innen am weltgr\u00f6\u00dften Kohlehafen in Newport demonstrieren. Sie wollen sicher stellen, dass Klimawandel ein Schl\u00fcsselthema bei den anstehenden Wahlen wird; gleichzeitig sind sie entschlossen, den Kohleausstieg durchzusetzen, ganz egal, wer Premierminister wird.<\/p>\n<p>In den USA werden die beteiligten Gruppen die Auktionen st\u00f6ren, bei denen Land an Fracking-Konzerne versteigert wird. In Brasilien organisieren indigene Gruppen zusammen mit Klima-Aktivist*innen gleich vier Aktionen, die sich gegen \u00d6l- und Gasinfrastruktur des Landes richten.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem erm\u00f6glichen die Netzwerke eine starke internationale Unterst\u00fctzung f\u00fcr Ende Gel\u00e4nde. So mobilisieren auch tschechische Umweltgruppen in die Lausitz und \u00fcben \u00f6ffentliche Kritik an tschechischen Konzernen, die Vattenfalls Braunkohlegesch\u00e4ft \u00fcbernehmen werden (nach GWR 409-Redaktionsschluss wurde bekannt, dass Vattenfall die Braunkohlesparte an den tschechischen Konzern EPH verkauft). Es gibt norwegische und polnische Mobi-Videos sowie Infoveranstaltungen und Aktionstrainings f\u00fcr Ende Gel\u00e4nde in Paris, Wien, Amsterdam und Stockholm.<\/p>\n<p><b>Im Folgenden kommen beteiligte Aktivist*innen selbst zu Wort. <\/b><\/p>\n<p><b>Bahadir Dogut\u00fcrk von &#8222;Fosil Yakit Karsiti Inisiyatif&#8220;: <\/b><\/p>\n<p>&#8222;Aliaga ist ein historisches Relikt, ein abschreckendes Beispiel f\u00fcr die fossile \u00c4ra. An der \u00c4g\u00e4ischen K\u00fcste gelegen, wurde diese einst gr\u00fcne, vom Winde umwehte Stadt zu einer \u00f6kologischen &#8222;sacrifice zone&#8220; erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Ausgebeutet bis auf die Knochen seit den 60ern, gibt es in unserer kleinen Stadt zwei \u00d6lraffinerien, ein Kohlekraftwerk, eine Schiffabwrackwerft, mehrere Elektrostahlwerke und eine Reihe von anderen schweren und verschmutzenden Industrien, au\u00dferdem einen Aschedeponie-Berg und noch einen Aschedeponie-Berg. Aliaga, nur einen Schritt entfernt von der gro\u00dfen \u00e4g\u00e4ischen Stadt Izmir, wurde dem Diskurs der &#8222;Entwicklung um jeden Preis&#8220; geopfert, der eher hei\u00dfen sollte: &#8222;Entwicklung der fossilen Konzerne&#8220;.<\/p>\n<p>Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, sollen in unserer Stadt jetzt vier weitere Kohlekraftwerke gebaut werden.<\/p>\n<p>Nein. Diesmal nicht, und nie mehr. Es ist genug.<\/p>\n<p>Vor fast 25 Jahren, an einem warmen Maitag, gingen wir Arm in Arm von Izmir nach Aliaga &#8211; eine geschlossene Menschenkette von fast 60 Kilometern &#8211; um ein Kohlekraftwerk zu stoppen. Wie sich an der genannten Liste von abscheulicher Infrastruktur erkennen l\u00e4sst, haben wir f\u00fcr jeden Kampf, den wir gewonnen haben, einen anderen verloren.<\/p>\n<p>Aber am Samstag, den 15. Mai 2016, werden wir wieder die Arme ineinander verschr\u00e4nken und uns dem neusten fossilen Ungeheuer entgegenstellen.<\/p>\n<p>Weil wir wissen, dass unser Widerstand nicht nur unserer Region gilt oder der Gesundheit unserer Kinder, sondern auch dem Klima, dem Planeten und unserer Zukunft. Ja, und er gilt auch einem kleinen Etwas, das menschliche W\u00fcrde genannt wird. Wir sind froh, dass wir dieses Mal die Arme mit Br\u00fcdern und Schwestern auf f\u00fcnf verschiedenen Kontinenten zusammenschlie\u00dfen, um uns von fossilen Energien freizuk\u00e4mpfen und von denen, die \u00fcber Leichen gehen, um die Taschen der Energiekonzerne zu f\u00fcllen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Molly von Reclaim the Power:<\/b><\/p>\n<p>&#8222;Reclaim the Power wird im Mai den gr\u00f6\u00dften britischen Braunkohletagebau blockieren: Ffos-y-fran in Wales. Ich bin auf dem End Coal Camp dabei, weil es mich erschreckt, wie unsere Regierung ihre Verantwortung ignoriert, den Verbrauch fossiler Energien zu reduzieren; und sogar den \u00dcbergang zu erneuerbaren f\u00fcr uns erschwert. Was ich besonders be\u00e4ngstigend finde, ist, wie bei diesen Entscheidungen die Aufl\u00f6sung von echter Demokratie sichtbar wird.<\/p>\n<p>In Myrthr Tydfil, wo unser Camp sein wird, hat die Gemeinde den Tagebau schon seit Jahren bek\u00e4mpft und wir haben die Auseinandersetzung mit den Beh\u00f6rden darum gewonnen. Aber jetzt setzt sich der Konzern Miller Argent dar\u00fcber hinweg, um noch mehr Kohle abbauen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Genau das gleiche passiert mit anderen betroffenen Gemeinschaften in Gro\u00dfbritannien, die sich gegen Fracking wehren, und die erleben, wie die Regierung sich \u00fcber die Entscheidungen der Kommunen hinweg setzt und f\u00fcr die Industrie Steigb\u00fcgel h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig kann der Bau von Windkraftanlagen leicht mit kleinen Einw\u00e4nden gestoppt werden. Ich will Teil der Bewegung sein, die der Regierung zeigt, dass es die Menschen sind, die die Macht haben, nicht sie. Wenn sie sich nicht an die Versprechungen halten, die sie in Paris gemacht haben, dann werden wir Klimaschutz f\u00fcr sie umsetzen m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Kristina Klosov\u00e1 von Limity jsme my:<\/b><\/p>\n<p>&#8222;Kohleabbau in der tschechischen Republik findet in Nordb\u00f6hmen statt und in Nordm\u00e4hren. Letztes Jahr kam der Industrieminister auf die Idee, den Tagebau in Nordb\u00f6hmen auszuweiten, was bedeuten w\u00fcrde, dass zwei Ortschaften abgebaggert werden m\u00fcssten. Wir geh\u00f6ren zu einer Graswurzelinitiative (Wir sind die Grenzen &#8211; Limity jsme my) und haben den Protest gegen dieses Vorhaben initiiert. In diesem Jahr haben wir eine Anti-Kohle-Plattform in der tschechischen Republik gegr\u00fcndet, um Menschen zusammenzubringen und gegen Extraktivismus (Raubbau und Ausbeutung von Rohstoffen aus der Erde f\u00fcr den Export) im ganzen Land zu k\u00e4mpfen. Eines unser ersten Projekte ist es, Ende Gel\u00e4nde in der Lausitz zu unterst\u00fctzen. Unser Hauptgegner sind die tschechischen Konzerne (?EZ und EPH), die das Braunkohlegesch\u00e4ft von Vattenfall kaufen wollen.<\/p>\n<p>&#8222;We are the ones we have been waiting for&#8220; ist ein Zitat, das h\u00e4ufig von Menschen verwendet wird, die f\u00fcr Klimagerechtigkeit k\u00e4mpfen, und ich finde, es passt perfekt. In Zeiten, in denen Umweltvorschriften keine Bedeutung haben, Ziele nicht erreicht werden und nach business as usual gewirtschaftet wird, gibt es keine Hoffnung, dass &#8222;die da oben&#8220; substantielle \u00c4nderungen f\u00fcr eine nachhaltige Zukunft einleiten werden. Wir sind es, die handeln m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Verbrennung von Kohle ist eine der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr Klimawandel und darum finde ich es wichtig, mich der Bewegung anzuschlie\u00dfen und an Ende Gel\u00e4nde teilzunehmen. 2015 haben wir geschafft, den gr\u00f6\u00dften Tagebau in Europa f\u00fcr einen Tag lahmzulegen (vgl. GWR 401).<\/p>\n<p>Das war gro\u00dfartig. Aktionen wie Ende Gel\u00e4nde helfen, ein Netzwerk der Solidarit\u00e4t zwischen Menschen aus ganz Europa aufzubauen. Ich bin nicht deutsch. Aber ich werde helfen, den Tagebau in der Lausitz zu blockieren. Denn es geht mich an.<\/p>\n<p>Ich bin solidarisch mit den Menschen vor Ort, die direkt von den Folgen der Tagebaue betroffen sind, genauso wie mit Menschen aus der ganzen Welt, die unter den &#8222;unsichtbaren&#8220; Auswirkungen unserer schmutzigen Energie leiden. Deutschland ist Nummer eins bei den Erneuerbaren, aber wir werden Licht auf die Leichen im Keller werfe und die Gesellschaft ermutigen, Druck auf die Politik und die Firmen auszu\u00fcben, damit sie aus der Kohle aussteigen und komplett zu erneuerbaren Energien wechseln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem englischen Wort &#8222;beyond&#8220; ist sch\u00f6n ausgedr\u00fcckt, dass es hier nicht nur um den zeitlichen Aspekt geht (um Aktionen &#8222;danach&#8220;), sondern auch um eine ganz andere Dimension von Klimaschutz, als sie in den UN-Verhandlungen gedacht wird. Die Klimagerechtigkeitsbewegung verl\u00e4sst die Marktlogik und betreibt direkte Ursachenbek\u00e4mpfung. 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