{"id":15282,"date":"2016-05-01T00:00:00","date_gmt":"2016-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/adieu-marianne\/"},"modified":"2022-07-26T13:11:34","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:34","slug":"adieu-marianne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/adieu-marianne\/","title":{"rendered":"Adieu, Marianne"},"content":{"rendered":"<p>Auf den Tag genau 35 Jahre nach der ersten Kundgebung in Gorleben wurde Marianne Fritzen unter gro\u00dfer \u00f6ffentlicher Anteilnahme in L\u00fcchow begraben.<\/p>\n<p>Am 12. M\u00e4rz 1977 fuhr ich mit S\u00f6nke Wandschneider, einem der &#8222;Brokdorf-Pastoren&#8220;, von Hamburg zu dieser Demonstration im abgebrannten Kiefernwald, ich erinnere mich noch genau an den Ru\u00df, der den Sandboden bedeckte und innerhalb kurzer Zeit Gesichter und Kleidung der Demonstrierenden schw\u00e4rzte. Dort erlebte ich zum ersten Mal Marianne als Vorsitzende der B\u00fcrgerinitiative, als sie die anderen Sprecherinnen und Sprecher der Kundgebung vorstellte.<\/p>\n<p>Seit Beginn des Gorleben-Konfliktes nutzte ich die M\u00f6glichkeit, in Hamburg wie im Wendland die internen Diskussionen der Widerstandsgruppen zu verfolgen. Einmal die Woche trafen sich im Martin-Luther-King-Haus der Hamburger ESG die &#8222;Gorleben-Emigranten&#8220;, die am Wochenende meist zu ihren Familien oder in ihr H\u00e4uschen ins Wendland fuhren. Oft kam ich mit und konnte an Gespr\u00e4chen mit diversen Aktiven in L\u00fcchow-Dannenberg teilnehmen.<\/p>\n<p>Wenn sich die verschiedenen Fraktionen der Anti-Atombewegung bei den \u00fcberregionalen &#8222;Trebeler Treffen&#8220; \u00fcber die K\u00f6pfe der Einheimischen hinweg \u00fcber Protestformen und Definitionen von Gewalt stritten, sah Marianne Fritzen die Vertreterinnen und Vertreter der gewaltfreien Gruppen als willkommene Verb\u00fcndete an. Es herrschten damals starke Bef\u00fcrchtungen, es k\u00f6nnte in Gorleben, \u00e4hnlich wie zuvor an den AKW-Baustellen in Brokdorf und Grohnde, zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei kommen und damit die Sympathie und das Verst\u00e4ndnis der konservativen Bev\u00f6lkerung des Wendlands verloren gehen. Das Verst\u00e4ndnis von Legalit\u00e4t und Legitimit\u00e4t war noch stark von der konservativen Gleichsetzung von Gesetzes\u00fcberschreitung und Gewalt bestimmt. Das sp\u00fcrten Aktive durch negative Reaktionen auf die ersten Sitzblockaden gegen die Flach- und Tiefbohrungen im Wald zwischen Trebel und Gorleben.<\/p>\n<p>Als ich ab Anfang 1979 begann, Verb\u00fcndete f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer Bildungs- und Begegnungsst\u00e4tte f\u00fcr gewaltfreie Aktion zu suchen, hatte insbesondere Marianne Fritzen ein offenes Ohr f\u00fcr dieses Vorhaben. ((1))<\/p>\n<p>So wie die Wendland-Bauern die Treckerdemonstration vom s\u00fcdfranz\u00f6sischen Larzac 710 km nach Paris 1973 zum Vorbild f\u00fcr ihren Treck 1979 vom Wendland nach Hannover nahmen, gab das Zentrum f\u00fcr Gewaltfreiheit &#8222;Le Cun du Larzac&#8220; entscheidende Impulse f\u00fcr den Aufbau eines Tagungshauses f\u00fcr gewaltfreie Aktion im Wendland. Die im Elsass aufgewachsene Marianne wusste u. a. durch ihre Kontakte zu Aktiven in Wyhl und Marckolsheim, wie Solange Fernex, Walter Mossmann oder Jean J. Rettig, dass der gewaltfreie Widerstand im Larzac ein Vorbild f\u00fcr die \u00d6kologie-Bewegung am Oberrhein gewesen war ((2)).<\/p>\n<p>Marianne nahm sich stets viel Zeit f\u00fcr Besucherinnen und Besucher aus Frankreich, wie z.B. Herv\u00e9 Ott vom Cun, Pierre Parodi von der Arche-Gemeinschaft oder Didier Anger, Sprecher von CRILAN, der Initiative gegen das Atomzentrum La Hague.<\/p>\n<p>Marianne Fritzen war 55 Jahre alt, als sie am 19. M\u00e4rz 1979 zum ersten Mal an einer Stra\u00dfenblockade teilnahm. Sie wollte mit ihren MitstreiterInnen die Abfahrt von Bohrfahrzeugen verhindern, mit denen der Salzstock bei Gorleben auf seine Eignung als atomares Endlager erkundet werden sollte. Die wendl\u00e4ndischen Bauern waren emp\u00f6rt, dass die Ger\u00e4te ausgerechnet auf dem Gel\u00e4nde &#8222;ihrer&#8220; L\u00e4ndlichen Warenabsatz-Genossenschaft in L\u00fcchow geparkt wurden.<\/p>\n<p>Stra\u00dfenblockaden wurden damals nicht wie heute als Ordnungswidrigkeit, sondern als Straftat geahndet. Noch fehlte die \u00dcberzeugung, dass begrenzte Regelverletzungen legitim sein k\u00f6nnen und ein wichtiges Element des Zivilen Ungehorsam darin besteht, sich offensiv den Konsequenzen ihrer Aktion zu stellen: Die Bauern stellten ihre Traktoren vor die Tore des Depots, der Polizei gegen\u00fcber stritten sie ab, ihre Fahrzeuge dorthin gelenkt zu haben. Gen\u00fctzt hat ihnen das allerdings nichts, die Fahrzeughalter waren leicht zu identifizieren und damit der Kreis, der f\u00fcr die Zahlung von Schadensersatz und Ausfallentsch\u00e4digung herangezogen wurde, die von den Betreibern gefordert wurde. Die sog. Gesamtschuldnerische Haftung, eine nieders\u00e4chsische Besonderheit, erleichterte den Justiz-Beh\u00f6rden die Arbeit, da sie sich im Zweifelsfall nur an den reichsten der beteiligten Bauern zu halten brauchten, der sich dann seinerseits bem\u00fchen musste, die jeweiligen Anteile bei seinen Kollegen einzutreiben. Au\u00dferdem verzichteten die Landwirte durch den vermeintlichen Schutz vor Repression auf die M\u00f6glichkeit, ihre Argumente vor Gericht und in der \u00d6ffentlichkeit vorzutragen. ((3))<\/p>\n<p>Im Wendland wurde die Wiederaufbereitungsanlage gleich zweimal verhindert, erst in Gorleben, dann noch einmal in Dragahn. Vom urspr\u00fcnglich geplanten &#8222;Nuklearen Entsorgungszentrum&#8220; ist nicht viel \u00fcbrig geblieben. Marianne Fritzen sagte in einem Interview: &#8222;Das haben wir verhindert. Ich habe erlebt, wie in der Umweltschutzbewegung Leute miteinander ins Gespr\u00e4ch gekommen sind und an einem Strick gezogen haben, die sonst nicht viel miteinander zu tun haben: Sch\u00fcler, Studenten, Bauern, \u00c4rzte, Anw\u00e4lte, Adelige, Hausfrauen. Das haben wir dieser Gesellschaft geschenkt, diese schichten\u00fcbergreifende Bewegung, das geht auch nicht wieder verloren, glaube ich.&#8220;<\/p>\n<p>Hier liegt eine der herausragenden Eigenschaften von Marianne. So manche Autonome aus den St\u00e4dten konnten nicht verstehen, dass Marianne bereit und f\u00e4hig war, mit Politikern aller Parteien, mit Polizisten und Beamten ebenso zu sprechen wie mit Landwirten, Adeligen oder Journalisten. In einem der vielf\u00e4ltigen Nachrufe in der Elbe-Jeetzel-Zeitung, schreibt z.B. der fr\u00fchere B\u00fcrgermeister der Samtgemeinde L\u00fcchow, Eberhard von Plato, CDU, \u00fcber Mariannes lokalpolitische Arbeit:<\/p>\n<p>&#8222;Marianne hatte eine \u00fcberzeugende Art, war hellwach dabei, sie war einfach pfiffig und so schnell im unkonventionellen Denken, dass ich mich dauernd zusammenrei\u00dfen musste, um nicht zu sagen: \u201aSuper, Marianne Fritzen, seit Jahren haben wir eine L\u00f6sung gesucht und Sie haben genau die richtige Idee!'&#8220;<\/p>\n<p>Marianne handelte nach der selben \u00dcberzeugung wie die Larzac-Bauern: Es geht nicht darum, bei Wahlen die Mehrheit der Stimmen zu gewinnen, sondern partei\u00fcbergreifend mit Argumenten, konstruktiven Alternativen und direkten gewaltfreien Aktionen die K\u00f6pfe und Sympathien der landesweiten \u00d6ffentlichkeit zu gewinnen.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig fiel im Rahmen der Kampagne &#8222;Gorleben 365&#8220; die Endlager-Blockade einer Gruppe aus Frankreich am 7. April 2012 auf den 88. Geburtstag von Marianne. Sie freute sich sehr dar\u00fcber und nahm gern an der Aktion teil. So k\u00f6nne sie manchen Gratulanten entkommen und die anderen w\u00fcrden auch nach Gorleben kommen. Nicht nur die franz\u00f6sischen DemonstrantInnen sahen erstaunt, wie mitten in der Aktion Zivilen Ungehorsams Polizisten Marianne mit einem Strau\u00df Rosen zum Geburtstag gratulierten. Marianne und die gut 30 Aktiven aus dem Widerstandshaus in Bure\/Lothringen und aus dem Netzwerk &#8222;sortir du nucl\u00e9aire&#8220; lernten sich in den Tagen vor der Blockade kennen und tauschten sich \u00fcber Erfahrungen im Widerstand aus.<\/p>\n<p>Bei meinem letzten Besuch in Mariannes Haus am Kolborner Waldwinkel machte ich sie mit der Konfliktforscherin Veronique Dudouet bekannt, die in ihrer Jugend mit ihrer Familie in Les Truels auf dem Larzac lebte, einem Bauernhof, den die Armee schon gekauft hatte, der aber trotzdem von der gandhianischen Arche-Gemeinschaft gewaltfrei besetzt worden war. Heute arbeitet Veronique in Berlin bei der Berghofstiftung zu internationalen Konflikten, interessiert sich aber weiterhin f\u00fcr die Praxis gewaltfreien Widerstands im eigenen Land. Mit Marianne waren wir uns einig, dass internationale Solidarit\u00e4t ihre Ausgangsbasis in der soliden Verbindung mit den Bewegungen &#8222;zuhause&#8220; haben muss. Marianne war immer dankbar, wenn ich ihr Berichte von Basisbewegungen innerhalb Frankreichs schickte, wie z.B. von der geplanten Atomm\u00fclldeponie Bure oder vom Widerstand gegen den Gro\u00dfflughafen &#8222;Notre Dame des Landes&#8220; bei Nantes.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re der Widerstand im Wendland ohne gro\u00dfe Frauen wie Marianne Fritzen &#8211; oder Undine von Blottnitz, Marianne von Alemann, Lilo Wollny und einige andere?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den Tag genau 35 Jahre nach der ersten Kundgebung in Gorleben wurde Marianne Fritzen unter gro\u00dfer \u00f6ffentlicher Anteilnahme in L\u00fcchow begraben. Am 12. 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