{"id":15294,"date":"2016-05-01T00:00:00","date_gmt":"2016-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/nuit-debout-aufstehenwach-bleiben-in-der-nacht\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:10","slug":"nuit-debout-aufstehenwach-bleiben-in-der-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/nuit-debout-aufstehenwach-bleiben-in-der-nacht\/","title":{"rendered":"Nuit Debout (Aufstehen\/wach bleiben in der Nacht)"},"content":{"rendered":"<h3>Zum Ablauf einer Nuit Debout in Marseille<\/h3>\n<p>Wie l\u00e4uft eine Nuit Debout konkret ab? Aus eigener Erfahrung kann ich von einer Nuit Debout Mitte April in Marseille berichten: Angesetzt war sie auf 18 Uhr abends auf dem autofreien Juliansplatz, einem Zentrum der fr\u00fcheren Antiglobalisierungsbewegung der Stadt, inzwischen schon gentrifiziert. Neben den kommerziellen Caf\u00e9s wird der Platz bereits von Vorbereitungsgruppen eingenommen, als ich ankomme.<\/p>\n<p>Eine selbstgezimmerte Holzb\u00fchne wird aufgebaut, welche die &#8222;Agora&#8220;, die gro\u00dfe Vollversammlung, nach hinten abschlie\u00dfen und den dort Sitzenden einen guten Blick nach vorne verschaffen soll. \u00dcberall werden wei\u00dfe Papierfl\u00e4chen ausgelegt, auf denen Meinungen verk\u00fcndet werden k\u00f6nnen. Eine fahrende Second-Hand-Bibliothek stellt ihre B\u00fccher aus. In der N\u00e4he des Kinderspielplatzes wird eine Kinoleinwand hochgezogen, gegen 22 Uhr wird dort ein Film gezeigt werden. Nebenan werden Boxen f\u00fcr eine Tango-Tanzm\u00f6glichkeit aufgebaut. Eine &#8222;Cantine&#8220; versorgt die Leute w\u00e4hrend des Abends mit gef\u00fcllten Baguettes, frei oder gegen Spende. Auf einem Empfangstisch gibt es die M\u00f6glichkeit, sich in eine Mailingsliste einzutragen, die Website &#8222;Nuit Debout Marseille&#8220; befindet sich gerade im Aufbau. Schlie\u00dflich steht da ein Lautsprecherwagen, der die Stimme aus dem Mikro in Richtung der auf dem Boden sitzenden Zuh\u00f6hrerInnen und die Holzb\u00fchne \u00fcbertr\u00e4gt. Es sind ca. 300 Leute zusammengekommen; um 19 Uhr, mit fast einer Stunde Versp\u00e4tung, geht es los. Die Zahl der Beteiligten steigt im Verlauf des Abends.<\/p>\n<p>Bereits fast einen Monat vor der Arbeiterbewegung, also seit Anfang M\u00e4rz waren die StudentInnen und GymnasiastInnen Frankreichs gegen das Arbeitsgesetz mit Spontandemos auf die Stra\u00dfe gegangen. In Marseille hatte sich aus studentischen Kreisen das Komittee &#8222;13 en lutte&#8220; (13 ist die drollige Departementszahl von Marseille, also etwa: &#8222;Distrikt Nr. 13 im Kampf&#8220;) etabliert, aus dem wiederum die InitiatorInnen von &#8222;Nuit Debout&#8220; hervorgingen. Sie wurden inzwischen von zwei Aktivisten verst\u00e4rkt, die die letzten Wochen in Paris auf der Place de la R\u00e9publique verbracht haben und nun herunter in den S\u00fcden gekommen sind, um ihre organisatorischen Erfahrungen weiterzutragen. Sie stellen abwechselnd das Konzept und den Ablauf vor. Jede Person, die die Hand hebt und ihren Vornamen einem Aktivisten mit einem Block, der durch die Sitzreihen l\u00e4uft, gibt, kommt in die Redeliste und erh\u00e4lt f\u00fcr drei bis f\u00fcnf Minuten Gelegenheit, durchs Mikro vorne etwas zu sagen. Um langes Klatschen zu vermeiden, wird von den OrganisatorInnen eine Zeichensprache vorgestellt, die zur Anwendung kommen soll: Zustimmung bedeutet beidseitiges Armheben und Wedeln mit den H\u00e4nden (es ist die Zustimmung der Geb\u00e4rdensprache), Ablehnung bedeutet verschr\u00e4nkte Unterarme vor der Brust, Lauter\/Deutlicher-Sprechen bedeutet mit beiden H\u00e4nden wie Schaufeln von unten nach oben deuten. In der Praxis stellt sich heraus, dass Klatschen doch \u00f6fter ausge\u00fcbt wird als diese simplen Geb\u00e4rden &#8211; es besteht noch \u00dcbungsbedarf.<\/p>\n<p>Mehrfach wird zwischen den Redebeitr\u00e4gen von den OrganisatorInnen immer wieder darauf hingewiesen, dass es zu aufgeworfenen Thematiken auch &#8222;Kommissionen&#8220; (besser: Arbeitsgruppen), zu denen man sich auf den Listen am Empfangstisch eintragen kann, geben soll, die Projekte und direkte Aktionen vorbereiten, die dann auf dem n\u00e4chsten Nuit Debout vorgestellt und entweder gleich in der Nacht oder zu einem verk\u00fcndeten Termin verwirklicht werden sollen.<\/p>\n<p>So hat es auch an diesem Tag bereits nachmittags direkte Aktionen gegeben: Eine Bio-Aktionsgruppe hat in einem Supermarkt alle nicht-biologischen Lebensmittel, besonders gentechnisch ver\u00e4nderte Produkte, mit einem Warnzettel beklebt. Eine &#8222;Aktions&#8220;-Kommission stellt jede Nacht am Ende der Nuit Debout einen Ort vor, zu dem nun eine Spontandemo (&#8222;manif sauvage&#8220; genannt) hinziehen soll &#8211; das wird erst ganz am Ende bekanntgegeben, um den anwesenden ZivilpolizistInnen keine Zeit zur gezielten Vorbereitung zu geben.<\/p>\n<p>Dieses Mal, um das vorwegzunehmen, geht es ab Mitternacht mit ungef\u00e4hr noch 200 Aufrechtgebliebenen zum nahen Parteib\u00fcro der PS (Parti socialiste; die Regierungspartei), das von CRS (kasernierte Bundespolizei) bewacht wird und wo die Eisenrolll\u00e4den heruntergelassen sind; dasselbe erlebt der Zug beim \u00f6rtlichen Parteilokal des &#8222;Front National&#8220;. Doch dann hat das B\u00fcro der faschistischen &#8222;Action fran\u00e7aise&#8220; pl\u00f6tzlich keinen Polizeischutz und auch keinen Eisenrollladen, die Holzt\u00fcr ist schnell aufgebrochen und das B\u00fcromaterial zerst\u00f6rt. Die &#8222;Action fran\u00e7aise&#8220; ver\u00f6ffentlicht anderntags unter Protest Fotos davon. Es kommt zu keiner Auseinandersetzung mit Personen oder Polizei, nur Sachschaden bleibt zur\u00fcck. (1)<\/p>\n<h3>Doch zur\u00fcck zum Ablauf der Nuit Debout<\/h3>\n<p>Ganz am Anfang spricht ein Mann nach dem anderen ins Mikro &#8211; und der Organisator muss zwischendrin immer wieder dazu auffordern, dass sich auch Frauen zu Wort melden. Erst mit der Zeit ergreifen immer mehr Frauen das Wort. Auch Schwarze, Gefl\u00fcchtete und prek\u00e4r Lebende, die zwischendurch, manchmal mit der Bierdose in der anderen Hand, das Mikro okkupieren. Marseille ist ein zusammengeballter Brennpunkt aller Probleme der franz\u00f6sischen Gesellschaft, eine Rednerin spricht einmal von 60 % der Bev\u00f6lkerung unter der Armutsgrenze &#8211; und viele Obdachlose und Drogenabh\u00e4ngige verbringen normaler Weise den Tag und den Abend auf dem Juliansplatz. Es ist gut, dass auch sie die M\u00f6glichkeit haben, sich zu \u00e4u\u00dfern, auch wenn sie manchmal schon einen betrunkenen Eindruck machen. Sie werden nicht ausgesto\u00dfen, sondern integriert &#8211; und es gibt auch keine peinlichen Situationen, etwa der Art, dass eine\/r von ihnen das Mikro zu lange okkupiert und nicht wieder hergeben will.<\/p>\n<p>Die Organisatoren nennen die Vollversammlung (VV) immer wieder &#8222;Agora&#8220; (nach dem historischen Fest-, Versammlungs- und Marktplatz in der griechischen Antike), der Begriff soll sich wohl einpr\u00e4gen. Trotzdem wird dadurch auch die VV als Basisk\u00f6rperschaft festgeschrieben, sie ist ein Relikt des studentisch-universit\u00e4ren Protestmilieus, denn bei Studi-Mobilisierungen hat sich auch eine Tradition der VVs herausgebildet, nach der stundenlang, oft bis in die Nacht hinein im gr\u00f6\u00dften H\u00f6rsaal unter Hunderten von Beteiligten diskutiert wurde. Dieses Modell ist nun auf die Stra\u00dfe versetzt worden, aber die basisdemokratischen Probleme, die mit jeder VV als Basis der Entscheidungsfindung in Kauf genommen werden, reproduzieren sich nat\u00fcrlich auch hier: Das geht schon bei der Beibehaltung des Instruments Mikrofon los, der Konstellation Redner\/in am Mikro gegen\u00fcber der zuh\u00f6renden Masse, was einfach AktivistInnen (meist M\u00e4nner) aus Parteien oder hierarchischen Gruppen mit Redegewandtheit Vorteile verschafft. Die InitiatorInnen haben sich bem\u00fcht, dem durch die M\u00f6glichkeit Abhilfe zu schaffen, dass Einzelne, die Angst haben, mit dem Mikro vor so einer gro\u00dfen Menge zu reden, an einem Tisch im Hintergrund von einer Person interviewt werden und das dann mit einer Kamera aufgenommen und projiziert wird. Das nehmen einige wahr, aber ihre Meinung und die Projektionen gehen doch gegen\u00fcber dem Geschehen auf der Agora unter. Wenn ich da an die selbst erlebten Bem\u00fchungen des Milieus der gewaltfreien Aktionsgruppen in Aktionscamps in der Anti-AKW-Bewegung der Achtziger- und Neunzigerjahre denke, anstatt \u00fcber Vollversammlungen durch Bezugsgruppenbildungen mit Sprecherrat zu diskutieren und zu kommunizieren, dann fallen mir Alternativen zu dieser strukturellen Zentrierung auf die Vollversammlung ein. Vor allem wird die Vereinzelung nicht aufgehoben: Man geht einzeln hin und wieder weg &#8211; oder maximal in Freundesgruppen.<\/p>\n<h3>Der Zusammenfluss sozialer K\u00e4mpfe<\/h3>\n<p>Inhaltlich wird gleich zu Anfang und zwischendurch immer wieder von den beiden Organisatoren auf das Ziel des Zusammenflie\u00dfens der sozialen K\u00e4mpfe hingewiesen, das &#8222;Nuit Debout&#8220; erm\u00f6glichen soll. Dazu wird auch gleich die von Kommissionen erarbeitete Charta von Nuit Debout Marseille vorgestellt (siehe \u00dcbersetzung in dieser GWR). Und dieser Anspruch kann tats\u00e4chlich umgesetzt werden. Es melden sich zwar in chaotischer Reihenfolge abwechselnd einzelne B\u00fcrgerInnen oder Jugendliche ohne Projektzugeh\u00f6rigkeit und dann wieder erkennbar langj\u00e4hrige Aktivistinnen mit einer spezifischen Projektvorstellung zu Wort, doch \u00fcberraschend ist es m\u00f6glich, sich aufeinander zu beziehen und sogar bei manchen Themen zu einer Art Diskussion zu kommen.<\/p>\n<p>Bei den Leuten, die Projekte vorstellen, ergibt sich ein \u00dcberblick \u00fcber die doch \u00fcberraschende F\u00fclle der vorhandenen Initiativen in der Stadt, von denen mir selbst viele bisher noch unbekannt waren: Eine Frau von &#8222;Marseille en transition&#8220; stellt ihr Projekt einer &#8222;Integral-Kooperative&#8220; vor, an der sich schon jetzt rund 50 Leute beteiligen, der es darum geht, \u00fcber eine Lebensmittel-Coop hinaus alle im Alltag ben\u00f6tigten G\u00fcter (Kleidung, Spielsachen usw.) mit einzubeziehen und sich damit immer weiter vom \u00fcber Geld vermittelten Markt abzukoppeln. Zwei Menschen mit Behinderung im Rolli stellen ihr Projekt vor, den Fahrzeughangar der st\u00e4dtischen Verkehrsbetriebe zu blockieren, weil die Stadt eine der behindertenfeindlichsten in Frankreich ist. Sie erz\u00e4hlen auch interessant von den internen Diskussionen in ihrer Gruppe \u00fcber Gegengewalt oder gewaltfreie Aktion und dass sie sich bewusst f\u00fcr Letztere entschieden haben: Es gebe nur eine Ausfahrt aus dem Hangar, ein quergestelltes Auto und einige Hundert Soli-DemonstrantInnen w\u00fcrden reichen, um ihn zu blockieren. Ein Arbeiter von &#8222;Fralib&#8220;, einer fr\u00fcheren Teefirma des Konzerns &#8222;Unilver&#8220;, stellt den nun in Arbeiterselbstverwaltung hergestellten Tee &#8222;1336&#8220; und einen Film \u00fcber ihren Streik \u00fcber 1336 Tage hinweg vor, der im Anschluss an die Agora in der Nacht gezeigt wird: Anstatt einer Firmenschlie\u00dfung und Produktionsverlagerung nach Osteuropa hat der Kampf erreicht, dass von urspr\u00fcnglich 76 LohnarbeiterInnen heute immerhin noch 58 in einer Arbeiterkooperative arbeiten und ihren eigenen Tee herstellen und vertreiben. Ein Mitglied der Videokooperative &#8222;Videodrome&#8220; stellt ein selbstverwaltetes Kino vor, das sich direkt auf dem Juliansplatz hinter den Leuten befindet. Und ein Mitglied der seit zwei Jahren existierenden Stadtteilversammlung, die sich urspr\u00fcnglich zum gemeinsamen Kampf und selbst\u00e4ndigen Abbau der \u00fcberall von der Stadt aufgebauten \u00dcberwachungskameras zusammengefunden hat, spricht \u00fcber den aktuellen Kampf gegen die weitere Gentrifizierung des Stadtteils und st\u00e4dtische Verbote gegen einen selbstorganisierten Karneval oder einen kostenlosen Flohmarkt, die beide zur Stadtteilkultur von unten geh\u00f6ren, aber einem verordneten Tourismuskonzept weichen sollen. Und das ist nur eine kleine Auswahl der Projekte, Gruppen und auch lokalen Gewerkschaftsorganisationen, die vorgestellt werden.<\/p>\n<p>Jenseits und auch zwischen diesen Projektvorstellungen ergreifen Einzelleute das Mikro, die einfach ihre Meinung zu einem inhaltlichen Thema kundtun wollen. So beginnt jemand eine Diskussion \u00fcber die Forderung nach einem garantierten Mindesteinkommen. Zwei Mikro-Beitr\u00e4ge sp\u00e4ter bezieht sich dann jemand auf diesen Vorredner und fordert dazu ein ebenso festgelegtes &#8222;Maximaleinkommen&#8220;, welches das Dreifache des Mindesteinkommens nicht \u00fcbersteigen d\u00fcrfe. Eine andere Diskussion, auf die sich immer wieder einzelne RednerInnen zwischendurch beziehen, ist die Frage nach Wahlenthaltung oder Wahlbeteiligung. Hier gehen die Meinungen erkennbar auseinander. Eine Person stellt sogar eine von mir noch nie geh\u00f6rte &#8222;B\u00fcrgervereinigung gegen Wahlabstinenz&#8220; vor, die es sich zur Aufgabe stellt, die Leute wieder zur Urne zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Missfallenszeichen in der Agora werden auch durch Buhrufe lautstark unterst\u00fctzt und viele Wortmeldungen nach ihm fordern zum Wahlboykott oder zum Ung\u00fcltigw\u00e4hlen auf. Eine Frau stellt eine neue Brosch\u00fcre mit Argumenten gegen die Wahlbeteiligung vor, die allgemeine Tendenz ist scharf gegen Parteien und BerufspolitikerInnen gerichtet. Der erste und vereinzelte weitere Beitr\u00e4ge zeigen aber, dass sich das \u00e4ndern kann und noch nicht ausdiskutiert ist, was die Option, dass aus Nuit Debout auch sowas wie &#8222;Podemos&#8220; in Spanien werden kann, nicht ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Derzeit trauen sich aber, etwa in Paris, nicht einmal linke potentielle Pr\u00e4sidentschaftskandidaten wie Jean-Luc M\u00e9lenchon (der frz. Lafontaine), offiziell das Wort zu ergreifen, geschweige denn im Namen ihrer Organisation zu sprechen. Sie sind bisher simple, &#8222;interessierte&#8220; BesucherInnen dieser neuen Diskussionsform, wie sie behaupten. Denn alle &#8222;Nuits Debout&#8220; wehren sich bisher explizit in ihren Chartas und Selbstdarstellungen gegen jede Form der &#8222;politischen Vereinnahmung.&#8220; ((2)) Obwohl \u00fcbrigens kein\/e gemeldete RednerIn zur\u00fcckgewiesen wird, ist es eine eindeutig linke, in Teilen libert\u00e4re Veranstaltung, kein\/e Rechte\/r wagt es, an diesem Abend das Mikro zu okkupieren &#8211; hier liegt sicher ein Unterschied zu den deutschen &#8222;Montagsmahnwachen&#8220; und dem &#8222;Friedenswinter&#8220;, in die sich auch Rechte und Querfront-Strategen einmisch(t)en (vgl. Artikel dazu, in: GWR 390, 396 und 399).<\/p>\n<h3>Probleme der sozialen Zusammensetzung, Spontandemos sp\u00e4t in der Nacht<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend in Marseille alle sozial benachteiligten Schichten, Gefl\u00fcchtete, Franzosen\/Franz\u00f6sinnen mit kolonialgeschichtlichem Hintergrund und Obdachlose in der Innenstadt leben und daher auch bei Nuit Debout wie selbstverst\u00e4ndlich zu Wort kommen, werden Probleme der sozialen Zusammensetzung eher in Paris offensichtlich. Dort wurde nach dem 31. M\u00e4rz 2016 versucht, Nuit Debout auf die Banlieues auszuweiten. Es sollte versucht werden, den Zentralismus der Place de la R\u00e9publique und auch den Eindruck, es handle sich um eine wei\u00dfe Mittelschichtsbewegung, zu \u00fcberwinden. Im vornehmlich von muslimischen B\u00fcrgerInnen bewohnten Stadtteil Saint-Denis im Pariser Norden zeigten sich etwa bei der ersten Nuit Debout dort die Grenzen dieser Ausweitung: Die soziale Zusammensetzung der rund 300 Beteiligten dort kam \u00fcber den Charakter einer Versammlung von StudentInnen und ProfessorInnen der nahe gelegenen Universit\u00e4t Paris-VIII nicht hinaus. Die BewohnerInnen des Stadtteils mischten sich nicht unter die AktivistInnen, beobachteten das Geschehen eher verwundert aus der Ferne. Von JournalistInnen dokumentierte Aussagen von PassantInnen wie von Samir, 19 Jahre: &#8222;Ich wei\u00df nicht mal, was das ist; ich wohne aber hier&#8220;, oder von einem rund 40j\u00e4hrigen Schwarzen: &#8222;Wen wollt ihr denn hier repr\u00e4sentieren? Macht die Augen auf: Unter euch ist kein Araber, keine Asiatin, keiner aus den Antillen!&#8220;, sind durchaus typisch. ((3))<\/p>\n<p>Auch zur Gewaltfrage gibt es bei Nuits Debout unterschiedliche Ansichten und Widerspr\u00fcche. In Paris zogen bei manchmal bis zu 3.000 Beteiligten der Nuit Debout oft mehrere Hundert sp\u00e4tnachts zu teilweise militanten Spontandemos los, die nicht bei Sachbesch\u00e4digungen haltmachten. Die Ziele waren etwa leerstehende Wohnungen (in Zusammenarbeit mit der Initiative Droit au logement\/Recht auf Wohnraum), Demos zur Unterst\u00fctzung von Gefl\u00fcchteten, das \u00dcberfluten des Bahnhofs Saint-Lazare zur Unterst\u00fctzung des Eisenbahnerstreiks, Besuche bei Polizeikommissariaten mit der Forderung nach Freilassung von Festgenommenen oder auch bei der Privatwohnung des verhassten Premierministers Manuel Valls. ((4))<\/p>\n<p>Unterwegs werden bei diesen n\u00e4chtlichen Spontandemos von einer Minderheit Symbole der Macht angegriffen, Schaufenster von Banken entglast und militante Konfrontationen mit der Polizei gesucht. Die Polizei ist besonders verhasst, seit sie am 24. M\u00e4rz einen bereits festgenommenen Jugendlichen am Lyc\u00e9e Bergson offen k.o.-geschlagen hatte und das aufgenommene Video durch die &#8222;sozialen Netzwerke&#8220; ging. ((5))<\/p>\n<p>Der Staat und die b\u00fcrgerliche Presse nutzen diese n\u00e4chtlichen Konfrontationen, von manchen AktivistInnen als notwendige &#8222;Konfliktualit\u00e4t&#8220; eingefordert, um medial ein generelles Verbot der Nuits Debout vorzubereiten, wenn diese sich dauerhaft etablieren sollten. Schlie\u00dflich ist in Frankreich noch immer der Notstand g\u00fcltig (vgl. GWR 405). Aufgrund der breiten \u00f6ffentlichen Unterst\u00fctzung, bis ins b\u00fcrgerliche Lager hinein, wagen es die Autorit\u00e4ten aber im Moment nicht, die Versammlungen von Anfang an zu verbieten: Auf der Place de la R\u00e9publique etwa kommt es bisher immer erst zu R\u00e4umungen am fr\u00fchen Morgen, gegen 5 Uhr oder 5 Uhr 30. Seit Anfang April wurden trotzdem bereits mehr als 400 AktivistInnen verhaftet, ca. die H\u00e4lfte davon wurden f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit in Gewahrsam genommen.<\/p>\n<p>So gibt es auch in Marseille von einer zahlenm\u00e4\u00dfigen Minderheit der insurrektionalistischen-autonomen Str\u00f6mung, die sich einer in der Szene leider verbreiteten Abgrenzungsmanie hingibt, eine Kritik am bisher positiven, &#8222;festlich-pazifistischen&#8220; Charakter der Nuits Debout, die dann gleich nur noch als &#8222;B\u00fcrgerbewegung&#8220; gescholten und der Geist der &#8222;luttes&#8220;, der sozialen K\u00e4mpfe, abgesprochen wird ((6)), was ich aus meiner eigenen Erfahrung in Marseille nicht best\u00e4tigen kann und was auch die Spontandemo zum B\u00fcro der A\u00e7tion fran\u00e7aise widerlegt hat.<\/p>\n<p>In Paris ist diese insurrektionalistische Tendenz jedoch st\u00e4rker und wird auch unterst\u00fctzt von Intellektuellen wie dem Universit\u00e4tsprofessor Fran\u00e7ois Cusset, der sogar propagierte, dass nach einer Art Unterdr\u00fcckung gewaltsamer Aktionen w\u00e4hrend der Zeit der terroristischen Attentate mit islamistischem Hintergrund nunmehr soziale Gegengewalt mit den Nuits Debout wieder m\u00f6glich sein m\u00fcsse. ((7))<\/p>\n<p>Es kann gut sein, dass diese Tendenz ganz im Sinne der Regierung ist, denn selbstverst\u00e4ndlich hat der Staat auch wieder Agents provocateurs im militanten K\u00e4mpferoutfit unter die K\u00e4mpferInnen geschickt, die sich, wie die franz\u00f6sische anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT unl\u00e4ngst in einer Presseerkl\u00e4rung mit Foto \u00f6ffentlich machte, nicht einmal scheuten, anarchistische Aufkleber auf ihre Kampfanz\u00fcge zu kleben.<\/p>\n<p>Diese militanten Zivilpolizisten tragen in Paris l\u00e4ngst dazu bei, Vorw\u00e4nde f\u00fcr das brutale Eingreifen der CRS im Notstandsstaat zu liefern. ((8))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Ablauf einer Nuit Debout in Marseille Wie l\u00e4uft eine Nuit Debout konkret ab? Aus eigener Erfahrung kann ich von einer Nuit Debout Mitte April in Marseille berichten: Angesetzt war sie auf 18 Uhr abends auf dem autofreien Juliansplatz, einem Zentrum der fr\u00fcheren Antiglobalisierungsbewegung der Stadt, inzwischen schon gentrifiziert. Neben den kommerziellen Caf\u00e9s wird der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/nuit-debout-aufstehenwach-bleiben-in-der-nacht\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Nuit Debout (Aufstehen\/wach bleiben in der Nacht) - graswurzelrevolution","description":"Zum Ablauf einer Nuit Debout in Marseille Wie l\u00e4uft eine Nuit Debout konkret ab? Aus eigener Erfahrung kann ich von einer Nuit Debout Mitte April in Marseille b"},"footnotes":""},"categories":[894,1027],"tags":[],"class_list":["post-15294","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-409-mai-2016","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15294","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15294"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15294\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15294"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15294"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15294"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}