{"id":15298,"date":"2016-05-01T00:00:00","date_gmt":"2016-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/an-den-kerkertoren-hat-der-bruderzwist-zu-schweigen\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:57","slug":"an-den-kerkertoren-hat-der-bruderzwist-zu-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/05\/an-den-kerkertoren-hat-der-bruderzwist-zu-schweigen\/","title":{"rendered":"&#8222;An den Kerkertoren hat der Bruderzwist zu schweigen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Nach der blutigen Niederschlagung der R\u00e4tebewegung durch rechte Freikorps und der Inhaftierung von Zehntausenden linker AktivistInnen waren ab 1919 im gesamten Reichsgebiet lokale Unterst\u00fctzungsgruppen gegr\u00fcndet worden. Sie organisierten materiellen und politischen Beistand f\u00fcr die politischen Gefangenen und f\u00fcr die oftmals notleidenden Familien, deren Hauptverdiener in den K\u00e4mpfen get\u00f6tet oder zu langer Haft verurteilt worden waren.<\/p>\n<p>Als 1921 nach dem Mitteldeutschen Aufstand erneut eine massive Verfolgungswelle gegen die linke ArbeiterInnenbewegung einsetzte, rief die Kommunistische Partei zur Gr\u00fcndung von Rote-Hilfe-Komitees auf, die 1924 in der Roten Hilfe Deutschlands zusammengefasst wurden.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die RHD zu einer der bedeutendsten linken Massenorganisationen und erreichte bis 1932 einen Mitgliederstand von fast einer Million. Obwohl der Zentralvorstand stets von der KPD dominiert war, kam der str\u00f6mungs\u00fcbergreifende Anspruch in der allt\u00e4glichen Praxis ebenso wie in der Zusammensetzung der Mitgliedschaft deutlich zum Ausdruck:<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der Roten HelferInnen war parteilos, und die Unterst\u00fctzungst\u00e4tigkeit beschr\u00e4nkte sich keineswegs auf linientreue KommunistInnen, sondern bezog Angeh\u00f6rige unterschiedlicher Bewegungen mit ein. So ist es wenig erstaunlich, dass in einer der ersten Kampagnen die Freilassung Erich M\u00fchsams gefordert wurde.<\/p>\n<p>Der anarchistische Dichter hatte sich 1919 in der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik engagiert und war nach der brutalen Niederschlagung der Bewegung am 12. Juli 1919 standgerichtlich zu f\u00fcnfzehn Jahren Festungshaft verurteilt worden. Im Herbst 1920 wurde er in die ber\u00fcchtigte Festung Niedersch\u00f6nenfeld verlegt, wo ein besonders schikan\u00f6ser und gesundheitsgef\u00e4hrdender Strafvollzug herrschte. Durch die katastrophalen Haftbedingungen verschlechterte sich sein Gesundheitszustand st\u00e4ndig, und schlie\u00dflich verlor er das H\u00f6rverm\u00f6gen auf einem Ohr.<\/p>\n<p>Die jahrelange Haft spiegelt sich in M\u00fchsams literarischem Schaffen dieser Jahre wider. Bereits im Sommer 1919 entstand sein ber\u00fchmtes Gedicht &#8222;Der Gefangene&#8220;, dessen Zeile &#8222;Sich f\u00fcgen, hei\u00dft l\u00fcgen!&#8220; zum gefl\u00fcgelten Wort wurde, und zahlreiche weitere Gedichte und Texte kreisen um dieses Thema.<\/p>\n<p>In seiner politischen Alltagspraxis wurden der Kampf gegen das Gef\u00e4ngnisregime und die Organisierung von Solidarit\u00e4t ebenfalls zentral. Zu Beginn seiner Haft erhielt er aus dem anarchistischen Spektrum finanzielle Unterst\u00fctzung, die er an seine Mitgefangenen verteilte. Dabei kam es kurzzeitig zu Differenzen mit KPD-Anh\u00e4ngern, die ihm unterstellten, Gelder zu veruntreuen und aus seinem Bekanntheitsgrad pers\u00f6nliche Vorteile zu ziehen. Derartigen Vorw\u00fcrfen stellte sich die frisch gegr\u00fcndete Rote Hilfe entgegen, deren Vorsitzender Wilhelm Pieck, der zugleich KPD-Spitzenpolitiker war, dem Dichter sein Vertrauen aussprach. Zu den Bem\u00fchungen der Organisation geh\u00f6rten breite \u00d6ffentlichkeitsarbeit und materielle Unterst\u00fctzung ebenso wie der Versuch, den Dichter durch einen Gefangenenaustausch mit der Sowjetunion freizubekommen.<\/p>\n<p>In der Haft befasste sich M\u00fchsam mit juristischen Fragen, um f\u00fcr eine Verbesserung der Haftbedingungen zu k\u00e4mpfen und seine Mitgefangenen bei rechtlichen Schritten zu beraten. 1923 erschien die Brosch\u00fcre &#8222;Das Standrecht in Bayern&#8220;, in der er sich kenntnisreich mit dieser Sonderjustiz auseinandersetzte. Nach einer Schilderung der Abl\u00e4ufe der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik und der folgenden Repressionswelle gegen die AktivistInnen untersuchte er die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit des angewandten Sonderrechts, insbesondere des Standrechts und des Hochverratsparagrafen, deren Anwendung er als &#8222;groteske Verkennung der staatsrechtlichen Lage&#8220; (Erich M\u00fchsam, Das Standrecht in Bayern, Berlin 1923, S. 36) bezeichnete.<\/p>\n<p>Durch gegenseitige Solidarit\u00e4t und in gemeinsamen Einreichungen wehrten sich die H\u00e4ftlinge gegen die Schikanen, die regelm\u00e4\u00dfig in den Publikationen der Roten Hilfe thematisiert wurden. Die bedeutendste Kampagne, die auf die kollektive Initiative der R\u00e4terevolution\u00e4re zur\u00fcckging, war die Bekanntmachung des Tods von August Hagemeister und die Forderung, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Hagemeister war am 16. Januar 1923 in Niedersch\u00f6nenfeld an einer Rippenfellentz\u00fcndung gestorben, nachdem der Anstaltsarzt ihn als &#8222;Simulanten&#8220; abgewiesen hatte. In einer gemeinsamen Beschwerde wandten sich die Festungsgefangenen aller politischen Str\u00f6mungen an den bayerischen Landtag und machten auf diese Weise die m\u00f6rderischen Zust\u00e4nde publik, wodurch die &#8222;H\u00f6lle Niedersch\u00f6nenfeld&#8220; reichsweit zum Inbegriff des willk\u00fcrlichen und schikan\u00f6sen Strafvollzugs wurde.<\/p>\n<p>Im Jahr 1924 hatte sich der Gesundheitszustand M\u00fchsams so stark verschlechtert, dass sein Leben in Gefahr war, woraufhin die RHD ihre Bem\u00fchungen f\u00fcr seine Freilassung intensivierte. Im Juli 1924 sprachen seine Ehefrau Zenzl M\u00fchsam und der Anarchopazifist Ernst Friedrich vor 2000 Menschen, die sich in Berlin unter dem Motto &#8222;Rettet Erich M\u00fchsam!&#8220; versammelt hatten. Prominente wie Kurt Tucholsky, Albert Einstein und Else Lasker-Sch\u00fcler konnten ebenso f\u00fcr Petitionen gewonnen werden wie bekannte SozialdemokratInnen, und die KPD setzte sich unerm\u00fcdlich f\u00fcr eine Amnestie ein. Daneben beteiligten sich viele anarchistische Strukturen an den Aktionen.<\/p>\n<p>Am 20. Dezember 1924 kam der Anarchist gemeinsam mit mehreren weiteren R\u00e4terepublikanern endlich auf Bew\u00e4hrung frei und wurde in M\u00fcnchen von zahlreichen ArbeiterInnen begeistert in Empfang genommen. Als er am n\u00e4chsten Tag nach Berlin weiterreiste, begr\u00fc\u00dften ihn auch dort 5000 Unterst\u00fctzerInnen mit der &#8222;Internationalen&#8220;. In einer Gru\u00dfbotschaft bedankten sich die frisch Entlassenen bei der Roten Hilfe, doch f\u00fcr M\u00fchsam war es mit diesen herzlichen Worten nicht getan. Vielmehr war es ihm von diesem Zeitpunkt an ein zentrales Anliegen, als Teil der Solidarit\u00e4tsorganisation f\u00fcr die Freiheit der 7000 noch immer inhaftierten Linken zu k\u00e4mpfen, wie er in der RHD-Zeitung &#8222;Der Rote Helfer&#8220; vom 1. April 1926 erkl\u00e4rte: &#8222;Damals habe ich es den Klassengenossen und mir selbst gelobt, (\u2026) meine Arbeit und meine Energie denen zu widmen, die in den deutschen Menschenk\u00e4figen zur\u00fcckbleiben mu\u00dften, denen, die zum Nachf\u00fcllen der leer gewordenen Zellen weiterhin die Opfer der politischen Justiz sein w\u00fcrden.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Neben seiner ganz pers\u00f6nlichen Erfahrung sah der Dichter im str\u00f6mungs\u00fcbergreifenden Ansatz der Roten Hilfe eine M\u00f6glichkeit, alle zersplitterten Gruppierungen des &#8222;revolution\u00e4ren Proletariats&#8220; zu vereinen. F\u00fcr ihn stand dabei das Bem\u00fchen im Mittelpunkt, r\u00e4tekommunistische Kleingruppierungen und Parteien ebenso wie libert\u00e4re Kreise f\u00fcr die gemeinsame Solidarit\u00e4tsarbeit zu gewinnen. Ohnehin hatte er &#8211; inspiriert von den Erfahrungen der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik &#8211; bereits w\u00e4hrend seiner Haftzeit f\u00fcr ein Zusammengehen kommunistischer und anarchistischer Kr\u00e4fte pl\u00e4diert. Seine Vorstellung einer nur von diesen beiden Str\u00f6mungen getragenen &#8222;Einheitsfront&#8220; stand dabei in deutlichem Kontrast zum Versuch der RHD, gezielt in der sozialdemokratischen ArbeiterInnenschaft um Mitglieder zu werben. Die reformistische Politik der SPD war M\u00fchsam schon immer zuwider, und in seinem ber\u00fchmten Gedicht &#8222;Der Revoluzzer&#8220; hatte er die kleinm\u00fctigen &#8222;Lampenputzer&#8220; geschm\u00e4ht. Zudem hatte er den m\u00f6rderischen Repressionsapparat der SPD-Regierung am eigenen Leib erfahren und machte sich \u00fcber die W\u00e4hlerInnen dieser Partei keine Illusionen.<\/p>\n<p>Weiteres Konfliktpotenzial bestand in der Frage der politischen Gefangenen in der Sowjetunion, deren Situation die Rote Hilfe als KPD-nahe Organisation in realit\u00e4tsferner Weise besch\u00f6nigte. Zudem stritt sie ab, dass neben monarchistischen Reaktion\u00e4ren auch linke ArbeiterInnen inhaftiert seien, wohingegen M\u00fchsam auf die Repression nach dem Aufstand in Kronstadt und gegen die Machno-Bewegung aufmerksam machte. Der Schriftsteller lie\u00df jedoch nicht zu, dass sich an dieser Frage ein un\u00fcberbr\u00fcckbarer Konflikt auftat, da in der Antirepressionsarbeit keine Grabenk\u00e4mpfe gef\u00fchrt werden d\u00fcrften. So schrieb er 1927 in &#8222;Der Rote Helfer&#8220;: &#8222;An den Kerkertoren, vor den K\u00e4figgittern unserer Gefangenen hat der Bruderzwist zu schweigen, da gilt es den revolution\u00e4ren Kampf aller, die ihre Genossen unter den Justizopfern wissen, aller, die aller gefallenen Revolution\u00e4re in Dankbarkeit gedenken. Einigung des revolution\u00e4ren Proletariats zu diesem Kampfe, vorerst nur zu diesem &#8211; das bedeutet Rote Hilfe.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Folglich erzielte M\u00fchsam mit der RHD die \u00dcbereinkunft, dass er seine anarchistische Haltung nicht verleugnen m\u00fcsse, aber sich nicht im Rahmen der Organisation zu den sowjetischen Gefangenen \u00e4u\u00dfere. Zudem lehnte er eine Beteiligung an internationalen Kampagnen ab, solange die Forderung nach einer russischen Amnestie nicht mit aufgegriffen w\u00fcrde, und beschr\u00e4nkte sich auf die Unterst\u00fctzung der politischen Gefangenen in Deutschland.<\/p>\n<p>Direkt nach seiner Freilassung trat M\u00fchsam als Redner bei Demonstrationen und Veranstaltungen der Roten Hilfe auf, etwa bei einer Berliner Kundgebung am 4. Januar 1925 unter dem Motto &#8222;Heraus mit den politischen Gefangenen! Her mit der Reichsamnestie!&#8220;, wo er gemeinsam mit seinem ehemaligen Mitgefangenen Fritz Sauber und dem RHD-Vorsitzenden Wilhelm Pieck sprach. Mit einem langen Beitrag war er auf der 1. Reichskonferenz der Roten Hilfe im Mai 1925 vertreten, bei der M\u00fchsam den Strafvollzug in Bayern anhand seiner eigenen Erfahrungen schilderte. Dank seiner Bekanntheit waren die Veranstaltungen, bei denen der Anarchist referierte, sehr gut besucht. So sprach er im Fr\u00fchjahr 1927 auf Einladung eines breiten linken B\u00fcndnisses in Stuttgart vor 1000 Menschen zum Thema &#8222;Deutsche Justizreaktion&#8220; und erkl\u00e4rte laut Polizeibericht, &#8222;die Justiz sei lediglich ein Mittel des Klassenkampfes gegen die Arbeiterklasse und nur dazu da, die Ausbeutungsmethoden der Kapitalisten zu sch\u00fctzen.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Folglich rief er im Sinne der Roten Hilfe zu konsequenter Aussageverweigerung gegen\u00fcber der Polizei auf, und die \u00f6rtliche RHD nutzte den Auftritt zur Mitgliederwerbung.<\/p>\n<p>Am bekanntesten ist M\u00fchsams Einsatz f\u00fcr die Freilassung von Max Hoelz, der f\u00fcr seine spektakul\u00e4ren militanten Aktionen w\u00e4hrend des Mitteldeutschen Aufstands als &#8222;deutscher Robin Hood&#8220; gefeiert wurde. Wegen seiner eigenm\u00e4chtigen Aktionen &#8211; so hatte er bereits w\u00e4hrend der R\u00e4tebewegung am Ende des Ersten Weltkriegs von FabrikbesitzerInnen &#8222;Revolutionssteuern&#8220; erpresst mit der Drohung, ihre Villen abzubrennen, und das Geld an bed\u00fcrftige Familien verteilt &#8211; war er aus der KPD ausgeschlossen worden. Nach seiner Verhaftung im April 1921 inszenierte das Gericht ein absurdes Verfahren, in dem Hoelz des Mordes an einem Gutsbesitzer beschuldigt wurde, obwohl er nachweislich gar nicht vor Ort war. Die Rote Hilfe stellte ihm ihre besten Anw\u00e4lte zur Verf\u00fcgung und begleitete die Justizposse mit intensiver \u00d6ffentlichkeitsarbeit, konnte aber nicht verhindern, dass der popul\u00e4re Aktivist im Juni 1921 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde. \u00dcber sieben Jahre hinweg k\u00e4mpfte die RHD gemeinsam mit unterschiedlichen politischen Kr\u00e4ften f\u00fcr seine Freilassung und gewann unter dem Motto &#8222;Heraus mit Max Hoelz und allen politischen Gefangenen!&#8220; zahllose prominente Unterst\u00fctzerInnen. Erich M\u00fchsam, der bereits in seinem 1920 in Haft verfassten &#8222;Max-Hoelz-Marsch&#8220; seiner enthusiastischen Sympathie f\u00fcr den Revolution\u00e4r Ausdruck verliehen hatte, setzte sich stark in der Kampagne ein, die ihm auch zu seinem gr\u00f6\u00dften literarischen Erfolg verhalf: Die im Rote-Hilfe-Verlag erschienene Schrift &#8222;Gerechtigkeit f\u00fcr Max Hoelz!&#8220; wurde mit einer Auflage von 45.000 Exemplaren nicht nur das meistverkaufte Buch M\u00fchsams, sondern geh\u00f6rte auch zu den beliebtesten Publikationen der Solidarit\u00e4tsorganisation. Er erkl\u00e4rte darin: &#8222;Wir fordern Generalamnestie, nicht als Akt der Gnade, sondern als Akt der primitivsten Gerechtigkeit! Will die Reichsregierung zeigen, dass ihr die Stimme des beleidigten Volksgewissens noch das geringste gilt, dann schaffe sie als ersten Ausdruck ihrer Abkehr vom Wege der Erbarmungslosigkeit und Klassenwillk\u00fcr Gerechtigkeit f\u00fcr Max Hoelz!&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Dass der prominente H\u00e4ftling 1928 endlich amnestiert wurde, ist auch dem Einsatz Erich M\u00fchsams zu verdanken.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seine Aktivit\u00e4ten f\u00fcr die Rote Hilfe stark rezipiert wurden, liefen die Bem\u00fchungen, das anarchistische Spektrum f\u00fcr diese Arbeit zu gewinnen, gro\u00dfteils ins Leere. M\u00fchsams Einsatz f\u00fcr die Solidarit\u00e4tsorganisation wurde vielfach als blo\u00dfe Werbung f\u00fcr die KPD geschm\u00e4ht und als unvereinbar mit anarchistischen Grunds\u00e4tzen betrachtet. Am 15. Oktober 1925 wurde der Dichter wegen seiner RHD-Mitgliedschaft aus der F\u00f6deration Kommunistischer Anarchisten Deutschlands ausgeschlossen. Auch die anarchosyndikalistische Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) lehnte eine Zusammenarbeit ab. Als M\u00fchsam kurz nach seiner Freilassung bei einer anarchistischen Veranstaltung in Hamburg f\u00fcr die RHD warb, wurde die Versammlung von w\u00fctenden TeilnehmerInnen gesprengt.<\/p>\n<p>Dennoch griffen libert\u00e4re Kreise punktuell die Initiative auf, insbesondere die Anarchistische Vereinigung Berlins, in der M\u00fchsam eine zentrale Rolle spielte. In diesem Zusammenschluss war 1926 auch der junge Anarchist und M\u00fchsam-Sekret\u00e4r Herbert Wehner aktiv, der 1927 zur KPD wechselte und sp\u00e4ter in der BRD als Sozialdemokrat Karriere machen sollte. Mitte der 1920er Jahre war Wehner jedoch in der Dresdner Ortsgruppe der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD) organisiert, die 1926 den Gesamtverband verlie\u00df und unter M\u00fchsams Einfluss als &#8222;Anarchistische Tatgemeinschaft&#8220; geschlossen der Roten Hilfe beitrat. Da Wehner in der RHD schnell verschiedene \u00c4mter \u00fcbernahm, musste er die Syndikalistische Arbeiterf\u00f6deration verlassen, die einen Unvereinbarkeitsbeschluss in ihrer Satzung verankert hatte. Seine intensive Zusammenarbeit mit M\u00fchsam umfasste Aktionen im Rahmen der Kampagne f\u00fcr Max Hoelz ebenso wie die Mitarbeit an der von dem Dichter herausgegebenen Zeitschrift &#8222;Fanal&#8220;, in der ebenfalls h\u00e4ufig Artikel zu Repression zu finden waren.<\/p>\n<p>Doch auch jenseits von M\u00fchsams engstem Umfeld beteiligten sich anarchistische Gruppen in Form von Petitionen oder durch Teilnahme an Kundgebungen an einzelnen RHD-Kampagnen, etwa bei der Reichsamnestie 1928 oder beim Kampf gegen die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti. Gab es schon an der Basis anarchistische Mitglieder, so war ab Oktober 1929 mit dem Publizisten Karl Schneidt sogar ein Anarchist im Zentralvorstand der Roten Hilfe.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Kritikpunkt an der Solidarit\u00e4tsarbeit der Roten Hilfe blieb f\u00fcr Erich M\u00fchsam die fehlende Thematisierung der politischen Gefangenen in der Sowjetunion. Diesen Mangel erg\u00e4nzte er, indem er in seiner Zeitschrift &#8222;Fanal&#8220; Spendenaufrufe f\u00fcr die inhaftierten russischen AnarchistInnen abdruckte und Artikel dazu verfasste. Unter dem Titel &#8222;Amnestie: auch in Russland&#8220; schrieb er 1926: &#8222;Das Verlangen des ganzen internationalen Proletariats nach Amnestierung der politischen Gefangenen, die f\u00fcr den Sieg des Sozialismus gek\u00e4mpft haben, darf nicht vor den Grenzen Russlands verstummen. (\u2026) All unsre Agitation f\u00fcr die Rote Hilfe wird um einen guten Teil des Erfolges gebracht, die gesamte Atmosph\u00e4re des gemeinsamen Kampfes der revolution\u00e4ren Arbeiterschaft wird vergiftet durch die unfassbare Starrk\u00f6pfigkeit der russischen Regierung, die sich (\u2026) noch nicht ein einziges Mal entschlie\u00dfen konnte, wenigstens diejenigen politischen Gefangenen zu amnestieren, deren Organisationen im Oktober 1917 auf derselben Seite der Barrikade wie die Bolschewiken f\u00fcr den Sieg der roten Fahne ihr Blut verspritzt haben&#8220; (in: Erich M\u00fchsam, Fanal 1.1926\/27, Nr. 3, Dez. 1926, S. 43f).<\/p>\n<p>Dass M\u00fchsam diese Forderungen im &#8222;Fanal&#8220; \u00e4u\u00dferte, wurde von der Roten Hilfe toleriert, doch zum Eklat kam es, als er im April 1927 auf einer RHD-Bezirkskonferenz f\u00fcr eine Amnestiekampagne zu Russland durch die Rote Hilfe eintrat. Damit hatte er gegen die Abmachung versto\u00dfen, diesen strittigen Punkt nicht als Repr\u00e4sentant der Solidarit\u00e4tsorganisation vorzubringen, und nach dem folgenden heftigen Streit mit Wilhelm Pieck lud ihn die RHD nicht mehr zu \u00f6ffentlichen Auftritten ein. Anfang 1929 sah sich der Dichter schlie\u00dflich zum Austritt gezwungen, als die Solidarit\u00e4tsorganisation eine Werbeaktion f\u00fcr die KPD-Zeitung &#8222;Rote Fahne&#8220; startete. In der im &#8222;Fanal&#8220; ver\u00f6ffentlichten &#8222;Absage an die Rote Hilfe&#8220; bezeichnete M\u00fchsam die Kampagne als &#8222;vollkommene Preisgabe der \u00dcberparteilichkeit und schwerste Br\u00fcskierung aller Mitglieder der Organisation, die etwa einer antiparlamentarischen oder gewerkschaftsfeindlichen, selbst auch nur einer kommunistisch-oppositionellen oder unabh\u00e4ngig-sozialdemokratischen Bewegung angeh\u00f6ren&#8220; (in: Erich M\u00fchsam, Fanal 3. 1928\/29, Nr. 5, Febr. 1929, S. 120). Die Austrittserkl\u00e4rung stellt zugleich eine Bestandsaufnahme seines Engagements f\u00fcr die RHD und der dadurch entstandenen Konflikte dar. Trotzdem bedeutete dieser Schritt f\u00fcr den Schriftsteller nicht das Ende seines Einsatzes f\u00fcr die politischen Gefangenen oder den Beginn einer offenen Feindschaft mit der Roten Hilfe, und er hielt sich eine punktuelle Zusammenarbeit ausdr\u00fccklich offen.<\/p>\n<p>In der zu diesem Zeitpunkt laufenden internationalen Kampagne gegen die Hinrichtung der italienischen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti waren unterschiedlichste politische Kr\u00e4fte aktiv, darunter selbstverst\u00e4ndlich auch die anarchistische Bewegung. Es war von daher naheliegend, dass M\u00fchsam sich eher im Umfeld der anarchosyndikalistischen FAUD, der er sich ann\u00e4herte, engagierte und bei von ihr organisierten Kundgebungen sprach. Seinen Schwerpunkt legte er jedoch auf literarisches Schaffen: Sowohl das zweiteilige Gedicht &#8222;Sacco und Vanzetti&#8220; als auch das dokumentarische Drama &#8222;Staatsr\u00e4son. Ein Denkmal f\u00fcr Sacco und Vanzetti&#8220;, das im FAUD-Verlag &#8222;Gilde Freiheitlicher B\u00fccherfreunde&#8220; erschien, fanden gro\u00dfe Verbreitung. Daneben setzte er sich durch praktische Antirepressionsaktionen f\u00fcr Verfolgte ein, indem er beispielsweise zusammen mit seinem Freund Rudolf Rocker Fluchthilfe f\u00fcr die spanischen Anarchisten Francisco Ascaso und Buenaventura Durruti leistete.<\/p>\n<p>Trotz seines organisatorischen Bruchs mit der Roten Hilfe pflegte er weiterhin Kontakte und trat mehrfach bei ihren Veranstaltungen auf. So referierte er im Dezember 1930 in Berlin zum Strafvollzug im Gef\u00e4ngnis Tegel, das er zuvor mit dem RHD-Vorstandsmitglied Erich Steinfurth besucht hatte. Ebenfalls aktiven Anteil nahm er an der Kampagne zur Freilassung der afroamerikanischen Scottsboro Boys, die in Alabama in einem offen rassistischen Prozess der Vergewaltigung zweier wei\u00dfer Prostituierter beschuldigt und zum Tode verurteilt worden waren. Bei einer Kundgebung der Roten Hilfe in Berlin trat M\u00fchsam im Sommer 1932 als Redner auf und wurde bei seinem Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Amnestierung der Jugendlichen so emotional, dass die Polizei schlie\u00dflich die Versammlung mit Gewalt aufl\u00f6ste.<\/p>\n<p>Nach der Macht\u00fcbertragung an die Nazis geh\u00f6rte der Anarchist zu den fr\u00fchsten Opfern und wurde direkt nach dem Reichstagsbrand verhaftet. Erneut setzte sich die inzwischen verbotene Rote Hilfe f\u00fcr seine Freiheit ein und machte international auf seine Situation aufmerksam, wobei seine Frau Zenzl mit eingebunden wurde. Nachdem Erich M\u00fchsam am 9. Juli 1934 im KZ Oranienburg ermordet worden war, griff die Solidarit\u00e4tsorganisation den brutalen Mord mehrfach auf. Im RHD-eigenen Tribunal-Verlag erschien Zenzls Bericht &#8222;Erich M\u00fchsams Leidensweg&#8220;, in dem sie detailliert die brutalen Misshandlungen durch die Nazis und die m\u00f6rderischen Zust\u00e4nde in den Lagern schildert.<\/p>\n<p>War Zenzl M\u00fchsam zun\u00e4chst nach Prag geflohen, folgte sie 1935 einer Einladung der russischen Roten Hilfe in die Sowjetunion, wo sie jedoch wie viele deutsche EmigrantInnen schon bald in den Strudel der stalinistischen Verfolgungen geriet. Nach mehrfachen Inhaftierungen und st\u00e4ndiger \u00dcberwachung konnte sie erst 1955 nach Deutschland (in die DDR) zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Erich M\u00fchsams Engagement f\u00fcr die str\u00f6mungs\u00fcbergreifende Solidarit\u00e4tsarbeit pr\u00e4gte mehrere Jahre seines Lebens. Trotz der Konflikte und seines Austritts aus der Roten Hilfe Deutschlands bleibt sein Name mit der linken Gefangenenorganisation verbunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der blutigen Niederschlagung der R\u00e4tebewegung durch rechte Freikorps und der Inhaftierung von Zehntausenden linker AktivistInnen waren ab 1919 im gesamten Reichsgebiet lokale Unterst\u00fctzungsgruppen gegr\u00fcndet worden. 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