{"id":1531,"date":"1997-12-01T00:00:15","date_gmt":"1997-11-30T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1531"},"modified":"2022-07-26T13:11:56","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:56","slug":"krummel-mal-richtig-abschalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/12\/krummel-mal-richtig-abschalten\/","title":{"rendered":"Kr\u00fcmmel: Mal richtig abschalten&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Obwohl die Atomlobby scheinbar den k\u00e4ltesten Novemberanfang seit anno da zumal bestellt hatte, war das Castorwiderstandscamp in Kr\u00fcmmel gut besucht. Am Freitag, drei Tage vor dem Transporttermin, wurden sechs Hundertschaften der Polizei, mit zugeh\u00f6rigem Ger\u00e4t, im Landkreis Lauenburg zusammengezogen um diesen Atomm\u00fclltransport notfalls mit allen Mitteln durchzusetzen. Ebenfalls ab Freitag begann sich im Widerstandscamp von Geesthacht, organisiert von <em>Mal richtig abschalten<\/em>, eine Hundertschaft unterschiedlichster RebellInnen im Camp zu sammeln, um Gr\u00fcppchen zu bilden und zu planen, wie das strahlende \u00dcbel zur\u00fcckzuhalten sei.<\/p>\n<p>Tags darauf, am Samstagvormittag, wurde bekannt, da\u00df der Polizei durch ein Versammlungsverbot repressive Handlungsspielr\u00e4ume erm\u00f6glicht wurden. \u00c4hnlich wie zu den Castortransporten ins Zwischenlager Gorleben wurde von dem Kreisordnungsamt Lauenburg \u00fcber mehrere Tage ein Versammlungsverbot an den Schienen zwischen dem AKW und der Stadtgrenze Hamburgs ausgesprochen. Dadurch konnte die Polizei jede Gruppe von mehr als drei Personen kontrollieren und unter Umst\u00e4nden sogar langfristig in Gewahrsam nehmen. Dies ist auch mehrfach am Wochenende passiert. Beispielsweise wurde ein Mitglied der \u00f6rtlichen BI Montag mittag unter dem Scheinargument der Gefahrenabwehr \u00fcber mehrere Stunden der Freiheit beraubt.<\/p>\n<p>Der Versuch, sofort gegen diesen Bescheid Widerspruch einzulegen, scheiterte daran, da\u00df der zust\u00e4ndige Vertreter der Kreisordnungsbeh\u00f6rde nur &#8222;zu Gesch\u00e4ftszeiten&#8220; bereit war, einen Widerspruch entgegenzunehmen. Per Eilantrag wurde dann beim Verwaltungsgericht in Schleswig die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung des Widerspruchs gefordert, was jedoch abgelehnt wurde. <em>Mal richtig abschalten<\/em> pr\u00fcft die rechtlichen M\u00f6glichkeiten, gegen diesen Bescheid vorzugehen. In Gorleben wurden derartige Versammlungsverbote vom Gericht als rechtswidrig erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Das Versammlungsverbot konnte den Anti-Atom-Widerstand jedoch nicht einsch\u00fcchtern,. Dies zeigte sich bei einem Schienenspaziergang am Samstag, bei dem vereinzelt mit Abri\u00dfarbeiten, die der Stilllegung des Castorgleises dienen sollten, begonnen wurde. Schon hier wurden die ersten Platzverweise ausgesprochen. Auch die geplante Aktion f\u00fcr den Sonntag, einen Prellbock in der Innenstadt von Geesthacht zu bauen und diesen auf dem Castorgleis abzustellen, wurde durch das Versammlungsverbot ungeplanterweise zu einer Aktion Zivilen Ungehorsams. Neben den geschilderten Aktionen diente das Wochenende auch der Vorbereitung der geplanten Castor-Blockade: ein gewaltfreies Aktionstraining wurde durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Gegen 5 Uhr Dienstag Morgen war es dann soweit: kurz vor Sonnenaufgang wurde im AKW mit Verladearbeiten begonnen. Ein Beobachtungsposten best\u00e4tigte die Vermutung, da\u00df es mit dem Transport losgehen sollte, und der gr\u00f6\u00dfte Teil des Camps machte sich enschlossen auf den Weg in Richtung Castorgleis. Ungef\u00e4hr 60 Personen besetzten die Schienen. Zwei gingen los, um die Lok zu warnen und die hektisch gewordene Polizei wurde beruhigt. So langsam trafen auch die ersten Kamerateams ein und die Lok fuhr zu guter letzt auch noch vor die Sitzblockade heran. In den n\u00e4chsten 10 bis 20 Minuten zeigte sich die personelle und technische \u00dcbermacht der Polizei. Einige Stichpunkte, die die Situation deutlich machen sollen: 57 Sitzblockierende, 3 Kamerateams, 6 Pressephotographen, ungef\u00e4hr 200 PolizistInnen in den unterschiedlichsten Kampfanz\u00fcgen, ein 20 Meter Teleskopbeleuchtungsmast der Polizei, 2 Wasserwerfer und ein R\u00e4umpanzer im Hintergrund, ein Gef\u00e4ngnisbus, unz\u00e4hlige Polizeibullis, &#8230;. . Nach ungef\u00e4hr einer Stunde wurden die BlockiererInnen recht brutal vom Eutiner Einsatzkommando von den Schienen auf die Stra\u00dfe geschleift. Auf der Stra\u00dfe wurden alle eingekesselt. Trotzdem schaffte es Rampenplan tats\u00e4chlich, hei\u00dfen Kaffee und Tee bis in den Kessel zu bringen. Ab dann begann die Zeit des Wartens und der Schikanen. Alle wurden durchsucht, in Gef\u00e4ngniswagen und Bullis verfrachtet. Schlie\u00dflich eine Fahrt in die 40 km entfernte BGS Kaserne in Ratzeburg. Stundenlang war unklar, wie es weitergeht. Das Prozedere dauerte bis in den sp\u00e4ten Nachmittag, bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Castortransport die Landesgrenze von Schleswig Holstein \u00fcberquert hatte und dadurch der Grund des &#8222;Sicherheitsgewahrsams&#8220; seine Berechtigung verloren hatte.<\/p>\n<p>Dieser Castortransport von Kr\u00fcmmel nach Sellafield konnte nur unter massivem Einsatz von Polizei und BGS durchgesetzt werden. Der Preis f\u00fcr diesen Transport war nicht nur finanziell, sondern auch politisch f\u00fcr die Betreiberfirma und die staatlichen Institutionen sehr hoch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl die Atomlobby scheinbar den k\u00e4ltesten Novemberanfang seit anno da zumal bestellt hatte, war das Castorwiderstandscamp in Kr\u00fcmmel gut besucht. Am Freitag, drei Tage vor dem Transporttermin, wurden sechs Hundertschaften der Polizei, mit zugeh\u00f6rigem Ger\u00e4t, im Landkreis Lauenburg zusammengezogen um diesen Atomm\u00fclltransport notfalls mit allen Mitteln durchzusetzen. 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