{"id":15332,"date":"2016-06-01T00:00:00","date_gmt":"2016-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/gewaltfrei-im-buergerkrieg\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:09","slug":"gewaltfrei-im-buergerkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/gewaltfrei-im-buergerkrieg\/","title":{"rendered":"Gewaltfrei im B\u00fcrgerkrieg"},"content":{"rendered":"<h3>Anti-Militaristen im Krieg<\/h3>\n<p>Es geh\u00f6rt zur Tragik so manchen libert\u00e4ren Schicksals in Spanien, mitunter jahrzehntelang gezwungen gewesen zu sein, mit der Waffe in der Hand tief empfundene pers\u00f6nliche \u00dcberzeugungen zu verraten: im B\u00fcrgerkrieg, in der franz\u00f6sischen R\u00e9sistance und schlie\u00dflich wom\u00f6glich im hoffnungslosen Guerillakampf gegen Franco.<\/p>\n<p>In einer bisher unver\u00f6ffentlichten Filmaufnahme steht ein Schweizer Anarchist, der nach dem Ausbruch des B\u00fcrgerkriegs sofort nach Spanien geeilt war, auf einer Bergspitze und sagt bitter: &#8222;Ich bin Anarchist. Ich hasse den Krieg. Ich hasse das Milit\u00e4r. Und trotzdem tue ich seit Jahren nichts anderes, als Krieg zu f\u00fchren.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Verflucht sollen sie sein!&#8220;, schrieb in Spanien der anarchistische Dichter Antonio Agraz \u00fcber die Truppen Francos: &#8222;Verflucht wie tollw\u00fctige Hunde\/ dass sie uns zwingen\/ so zu sein wie sie.&#8220; F\u00fcr viele Anarchistinnen und Anarchisten legitimierten allein der schiere \u00dcberlebenswille und die Aussicht auf revolution\u00e4re Ver\u00e4nderungen den ungeliebten Waffengang.<\/p>\n<p>&#8222;Der Krieg &#8211; diese \u00fcberalterte Idiotie &#8211; wird nur durch die Soziale Revolution gerechtfertigt&#8220;, schrieb etwa der deutsche Schriftsteller Carl Einstein, der mehrere Monate lang mit der Kolonne Durruti k\u00e4mpfte.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgerkrieg wurde zum \u0082revolution\u00e4ren Volkskrieg&#8216; umgedeutet. Je l\u00e4nger er jedoch andauerte, desto mehr schwanden auch in den Reihen der Anarchistinnen und Anarchisten die anf\u00e4nglichen Hemmungen und Bedenken. Insbesondere in der anarchistischen Literatur begann sich ein soldatisches M\u00e4nnlichkeitsbild auszubreiten, gest\u00fctzt und best\u00e4tigt durch eine entsprechende Kriegsweiblichkeit voller Tr\u00e4nen und Hilflosigkeit. Der Zwang, sich auf Leben und Tod gegen einen m\u00f6rderischen Gegner in einem offenen Krieg zur Wehr zu setzen, und die Notwendigkeit, diesen Bruch mit den eigenen \u00dcberzeugungen vor sich und anderen irgendwie legitimieren zu m\u00fcssen, lie\u00dfen im spanischen Anarchismus w\u00e4hrend der B\u00fcrgerkriegsjahre eine widerspr\u00fcchliche Kultur entstehen, die h\u00e4ufig zwischen Militarismus und Anti-Militarismus, Ablehnung der Gewalt und Verherrlichung der Gewalt hin- und herpendelte.<\/p>\n<p>Es gab allerdings in dieser Zeit in Spanien auch eine Organisation, die sich strikt weigerte, sich an gewaltsamen Aktionen zu beteiligen, und trotzdem die Soziale Revolution nach Kr\u00e4ften unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>An ihrer Spitze stand eine der bemerkenswertesten Frauengestalten des spanischen Anarchismus im 20. Jahrhundert; eine Frau, die mit ihrer ebenso unersch\u00fctterlichen wie freundlichen Eigensinnigkeit Rechte wie Linke gleicherma\u00dfen gegen sich aufbringen konnte, anarchistische Genossinnen und Genossen genauso wie konservative Katholiken. Sie war gleichfalls als Rednerin auf der gescheiterten Anti-Kriegs-Kundgebung der CNT vorgesehen gewesen, und zwar als spanische Vertreterin der War Resisters International [\u0082Internationale der Kriegsgegner&#8216;].<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu vielen ihrer Genossinnen und Genossen jedoch st\u00fcrzte der Ausbruch des B\u00fcrgerkriegs sie nicht in politische Gewissensn\u00f6te. Bis zum Schluss blieb sie im blutigen Irrsinn des Kriegs und der keineswegs gewaltfreien Revolution eine \u00fcberzeugt gewaltfreie Anarchistin: &#8222;Unser Gewissen weist den Krieg ganz und gar zur\u00fcck&#8220;, schrieb sie 1937: &#8222;Unser Herz kann Gewalt unter keinen Umst\u00e4nden als vern\u00fcnftig und gerecht anerkennen. Kein Ereignis hat unsere \u00dcberzeugungen [&#8230;] schwankend gemacht.&#8220;<\/p>\n<h3>Das &#8222;Schreckgespenst von Zaragoza&#8220;<\/h3>\n<p>Mar\u00eda del Pilar Amparo Poch y Gasc\u00f3n kam am 15. Oktober 1902 in der spanischen Pilgerstadt Zaragoza zur Welt, der Hauptstadt der Region Arag\u00f3n.<\/p>\n<p>Es mag schmunzeln machen, dass die sp\u00e4tere Anarchistin und Atheistin auf den Namen gleich zweier regionaler Verk\u00f6rperungen der Mutter Gottes getauft wurde: Die Virgen del Pilar, die &#8222;Jungfrau [auf] der S\u00e4ule&#8220;, ist die ber\u00fchmte Schutzheilige von Zaragoza. Ihr Bildnis steht in der Kathedrale der Stadt, und, da ihr Patronatsfest auf den 12. Oktober f\u00e4llt, den Tag der sogenannten \u0082Entdeckung&#8216; Amerikas durch Kolumbus, ist sie au\u00dferdem die Besch\u00fctzerin alles &#8222;Spanischen in der Welt&#8220;, der sogenannten Hispanidad. Hinter dem Namen &#8222;Amparo&#8220; verbirgt sich ebenfalls eine regional gebundene Madonnengestalt, n\u00e4mlich die Virgen de los Desamparados [\u0082Jungfrau der Schutzlosen&#8216;], die Schutzheilige von Valencia. Dergleichen fromme Namensh\u00e4ufungen sind freilich in Spanien, wo bis heute kleine M\u00e4dchen auf Namen wie &#8222;Revelaci\u00f3n&#8220; [\u0082Offenbarung&#8216;] oder &#8222;Encarnaci\u00f3n&#8220; [\u0082Erscheinung&#8216;] getauft werden, nichts Ungew\u00f6hnliches. Zumal die kleine Amparo als \u00e4ltestes von f\u00fcnf Geschwistern in einer konservativen Familie aus der Provinzmittelschicht aufwuchs. Am Tag ihrer Geburt waren die Stra\u00dfen Zaragozas noch voll von unz\u00e4hligen Blumengebinden zu Ehren der Virgen del Pilar.<\/p>\n<p>Falls ihr Vater, Jos\u00e9 Poch Segura, der beim Milit\u00e4r als Ingenieur im Offiziersrang sein Geld verdiente, allerdings gehofft haben sollte, seiner Tochter katholische Gesittung und frommen Gehorsam gleichsam \u0082eintaufen&#8216; zu k\u00f6nnen, so sah er sich bald get\u00e4uscht. Bereits im Teenageralter \u00fcberwarfen sich Vater und Tochter. Das Zerw\u00fcrfnis wurde nie beigelegt. Noch als Vierzigj\u00e4hrige im franz\u00f6sischen Exil zeichnete die auch k\u00fcnstlerisch begabte Amparo Karikaturen ihres Vaters, die ihn mit w\u00fcst rollenden Augen und gez\u00fccktem S\u00e4bel auf dem Kasernenhof zeigen. Gemessen an dem, was im Spanien der 1920er Jahre, zumal in der Provinz, als schicklich galt, war die junge Amparo aber auch wirklich ein wandernder Skandal, das &#8222;Schreckgespenst von Zaragoza&#8220;.<\/p>\n<p>Zu einer Zeit, in der junge Frauen beispielsweise nur in m\u00e4nnlicher Begleitung und possierlich herausgeputzt das Haus verlie\u00dfen, wollten sie nicht in den Ruch kommen, wandernde Prostituierte zu sein, spazierte Amparo alleine und in Hose, Jackett und Krawatte (!) \u00fcber die Stra\u00dfe &#8211; eine Mode, die Marlene Dietrich aus Hollywood mitgebracht hatte. Sie studierte, gegen den ausdr\u00fccklichen Willen ihres Vaters, als eine der ersten Frauen in der Geschichte Spaniens, Medizin und schloss ihr Studium 1929 mit Auszeichnung ab.<\/p>\n<p>Sie \u00e4u\u00dferte sich in der Presse ihrer Heimatstadt und Universit\u00e4t kritisch zur praktisch l\u00fcckenlosen M\u00e4nnerdominanz in der spanischen Gesellschaft und trat (unter anderem) f\u00fcr das Recht auf Abtreibung ein. In einer katholischen Pilgerstadt h\u00e4tte sie genauso gut Butterfahrten in die H\u00f6lle anbieten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor allem aber empfand Jos\u00e9 Poch den gesellschaftlichen Umgang seiner Tochter als keineswegs standesgem\u00e4\u00df und als Schande f\u00fcr die Familie: Denn sie verkehrte mit Arbeiterinnen und Arbeitern. Schon als Sechzehnj\u00e4hrige scheint Amparo Poch y Gasc\u00f3n erste Kontakte zur anarchistischen Bewegung Zaragozas gekn\u00fcpft zu haben. Sie war bald eine regelm\u00e4\u00dfige Besucherin der ateneos, libert\u00e4rer Bildungs-und Kulturzentren der CNT, und gab dort schlie\u00dflich sogar Alphabetisierungskurse. Als examinierte Frauen- und Kinder\u00e4rztin richtete sie Sondersprechzeiten f\u00fcr Arbeiterinnen ein, denen sie f\u00fcr gew\u00f6hnlich die Behandlung nicht berechnete, und bei Hausbesuchen in den \u00e4rmeren Vierteln der Stadt konnte es vorkommen, dass sie selbst zum Geldbeutel griff, um einer Patientin Hausschuhe oder Hygienet\u00fccher zu kaufen, damit die Heilung \u00fcberhaupt Aussicht auf Erfolg hatte. &#8222;Am Bett eines Kranken&#8220;, erkl\u00e4rte sie, &#8222;muss jeder Arzt alle Erw\u00e4gungen \u00fcber Gewinn, soziale Stellung und Prestige vergessen&#8220;.<\/p>\n<p>Als sie 1934 nach Madrid zog, trat sie dem Gesundheitssyndikat der CNT bei. Sie leistete unerm\u00fcdlich \u00f6ffentliche medizinische Aufkl\u00e4rungsarbeit in den proletarischen Schichten der Hauptstadt, bek\u00e4mpfte mit Feuer und Verve die heuchlerische Doppelmoral der Zeit, die M\u00e4nnern sexuell alles und Frauen nichts durchgehen lie\u00df, und leitete unter anderem eine Gruppe, die sich f\u00fcr kostenlose und nat\u00fcrliche Verh\u00fctungsverfahren einsetzte. Im Mai 1936 gr\u00fcndete sie, gemeinsam mit Mercedes Comaposada und Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil, die anarchosyndikalistische Frauenorganisation Mujeres Libres [\u0082Freie Frauen&#8216;].<\/p>\n<p>Als der B\u00fcrgerkrieg ausbrach, war Amparo Poch y Gasc\u00f3n in den Reihen der spanischen Anarchistinnen und Anarchisten fast schon eine Ber\u00fchmtheit.<\/p>\n<h3>Die Liga Espa\u00f1ola de los Refractores a la Guerra [\u0082Spanische Liga der Kriegsgegner&#8216;] und der Spanische B\u00fcrgerkrieg<\/h3>\n<p>Ihre vielleicht ungew\u00f6hnlichste und bemerkenswerteste politische Positionierung jedoch war, dass Amparo Poch y Gasc\u00f3n auch in den blutigen Wirren des B\u00fcrgerkriegs und der Revolution eine \u00fcberzeugte, gewaltfreie Antimilitaristin und Kriegsgegnerin blieb. Im Februar 1936, kurz nach dem kurzlebigen Sieg der Volksfront bei den Wahlen zum spanischen Parlament, war sie Pr\u00e4sidentin der neu gegr\u00fcndeten Liga Espa\u00f1ola de Refractores a la Guerra [\u0082Spanische Liga der Kriegsgegner&#8216;] geworden, die sich als spanische Sektion den War Resisters International (WRI) anschloss.<\/p>\n<p>Die Mitglieder der Spanischen Liga der Kriegsgegner nahmen w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs klar Partei f\u00fcr die republikanische, in Poch y Gasc\u00f3ns Fall sogar revolution\u00e4re Seite im Kampf gegen Franco. Sie weigerten sich jedoch strikt, sich an gewaltsamen Aktionen zu beteiligen. Die CNT unterst\u00fctzte die Arbeit der Liga bis zum Ende des B\u00fcrgerkriegs. Von Parteien und Gewerkschaften unabh\u00e4ngig organisierte Antimilitaristinnen und Antimilitaristen hatte es in Spanien im Grunde erst seit Beginn der 1930er Jahre gegeben, obwohl die Ablehnung kriegerischer Gewalt (vor allem nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs) auch im damals neutralen Spanien sp\u00fcrbar zugenommen hatte. Als 1931 die frisch gegr\u00fcndete Zweite Republik im Artikel 6 ihrer Verfassung festlegte: &#8222;Spanien verzichtet auf den Krieg als Mittel der nationalen Politik&#8220;, sch\u00f6pften viele Antimilitaristinnen und Antimilitaristen Hoffnung, dem jungen Regime noch weitere Zugest\u00e4ndnisse abringen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>1932 gr\u00fcndete der geachtete Pazifist Jos\u00e9 Brocca, der als spanischer Delegierter im Rat der WRI sa\u00df, die erste antimilitaristische Organisation Spaniens: den Orden des Olivenzweigs.<\/p>\n<p>Brocca geh\u00f6rte 1936 auch zu den Gr\u00fcndern der Liga. Seine ideologische N\u00e4he zu Amparo Poch y Gasc\u00f3n kam nicht von ungef\u00e4hr: Schon der Orden hatte sich politisch der entschieden antimilitaristischen anarchistischen Bewegung Spaniens angen\u00e4hert, ohne freilich mit ihr zu verschmelzen. Vor allem bei der Frage nach der Legitimit\u00e4t politischer Gewalt gingen die Meinungen in beiden Bewegungen stark auseinander.<\/p>\n<p>F\u00fcr junge Anarchisten war die (illegale) Verweigerung des Milit\u00e4rdiensts seit dessen Einf\u00fchrung schon immer eine wirksame und verbreitete Form der direkten Aktion gewesen. Bereits im 19. Jahrhundert hatte der ber\u00fchmte Anarchist Ferm\u00edn Salvochea vom &#8222;Blutzoll&#8220; gesprochen, den die Armen f\u00fcr die Kriege der Reichen bezahlen m\u00fcssten. Als sich herausstellte, dass die Zweite Republik die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erf\u00fcllen w\u00fcrde, wurde die Kriegsdienstverweigerung auch unter dem neuen Regime fortgesetzt. Die Aktionen wurden dabei immer spektakul\u00e4rer: 1935 etwa weigerten sich drei junge katalanische Anarchisten \u00f6ffentlich, ihren Kriegsdienst anzutreten, und stellten sich den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden. Nach einer beeindruckenden Solidarit\u00e4tskampagne mussten sie nach drei Tagen Haft wieder freigelassen werden. Die Autorit\u00e4ten erkl\u00e4rten sie f\u00fcr &#8222;geistesgest\u00f6rt&#8220;. Die &#8222;Geistesgest\u00f6rten&#8220; erl\u00e4uterten daraufhin noch einmal \u00f6ffentlich die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Verweigerung und l\u00f6sten damit eine Massenbewegung aus, in der sich hunderte von jungen M\u00e4nnern weigerten, zum Milit\u00e4r einzur\u00fccken. Selbst unter der Diktatur Francos wurde die illegale Kriegsdienstverweigerung als direkte Aktion fortgef\u00fchrt, obwohl schlie\u00dflich bis zu acht Jahre Gef\u00e4ngnis darauf standen.<\/p>\n<p>Jenseits seiner Sympathisantinnen und Sympathisanten innerhalb der anarchistischen Gro\u00dforganisationen hatte der Orden des Olivenzweigs kaum je mehr als ein paar hundert Mitglieder.<\/p>\n<p>Die Spanische Liga der Kriegsgegner war sogar noch kleiner: Ihr organisatorischer Kern bestand aus gerade einmal zehn Personen. Dennoch war ihr (zumal internationales) Ansehen betr\u00e4chtlich.<\/p>\n<p>F\u00fcr Amparo Poch y Gasc\u00f3n bedeutete die Weigerung, Gewalt in einer extrem gewaltt\u00e4tigen Situation anzuwenden oder gutzuhei\u00dfen, keinen Bruch mit ihren bisherigen \u00dcberzeugungen. Im Gegenteil: Die Konzentration der Liga auf humanit\u00e4re Hilfe entsprach ihrem medizinischen Selbstverst\u00e4ndnis. Schon 1935 hatte Poch y Gasc\u00f3n in einem Artikel mit dem Titel &#8222;Wider den Krieg!&#8220; insbesondere die Frauen aufgerufen, sich s\u00e4mtlichen kriegerischen Aktivit\u00e4ten zu verweigern, beispielsweise der Arbeit in R\u00fcstungsfabriken. Kriegsrelevante Forschung nannte sie &#8222;Wissenschaft, die sich im Dienst des Todes prostituiert&#8220;.<\/p>\n<p>Ihre sp\u00e4tere Genossin bei den Mujeres Libres, Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil, hatte unabh\u00e4ngig von Poch y Gasc\u00f3n im gleichen Jahr dieselbe Forderung gestellt: &#8222;Die Revolution braucht keine Waffen&#8220;, hatte sie k\u00e4mpferisch verk\u00fcndet, &#8222;denn wenn die Waffen dazu dienen, die Revolution zu machen, dann dienen sie auch dazu, sie zu ersticken oder unm\u00f6glich zu machen.&#8220; Positionen wie diese hatten w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs einen noch provozierenderen Ton als vorher: Denn praktisch alle kollektivierten R\u00fcstungsfabriken, vor allem in Barcelona, standen unter der Kontrolle der CNT.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Spanische B\u00fcrgerkrieg die internationale pazifistische Bewegung in ihre erste gro\u00dfe Krise st\u00fcrzte und auch innerhalb der WRI zu ernsten Zerw\u00fcrfnissen f\u00fchrte, gibt es keine Anhaltpunkte, dass die frisch gebackene Pr\u00e4sidentin der Liga jemals an ihren gewaltfreien \u00dcberzeugungen irre geworden w\u00e4re. Es war wohl nicht zuletzt ihrem Einfluss zu verdanken, dass die Mujeres Libres nur sehr selten Frauen dazu aufriefen, sich (auch) am bewaffneten Kampf an der Front zu beteiligen. Und dies zu einer Zeit, in der das Heldenbild der bewaffneten Miliciana zum Kernbestand der anarchistischen Kriegspropaganda geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Im Februar 1937 forderte Poch y Gasc\u00f3n als Rednerin der Mujeres Libres im Rahmen einer Gro\u00dfkundgebung der proletarischen Jugendorganisationen in Barcelona alle politischen Kr\u00e4fte auf, sich zu einigen, um den Krieg rasch zu beenden. Sie war die einzige Frau, die an diesem Tag ans Mikrofon trat.<\/p>\n<h3>Gewaltfreie Revolutionen jenseits der Front<\/h3>\n<p>Trotz ihrer zahlenm\u00e4\u00dfig geradezu lachhaften Gr\u00f6\u00dfe war die Liga mit Amparo Poch y Gasc\u00f3n an der Spitze an zahlreichen revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderungen der spanischen Gesellschaft beteiligt. F\u00fcr die Auslandspropaganda der CNT erwiesen sich die internationalen Kontakte der Liga ohnehin als wertvoll.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Ansehen, das insbesondere Amparo Poch y Gasc\u00f3n und Jos\u00e9 Brocca international genossen, \u00f6ffnete der Organisation viele T\u00fcren. Innerhalb Spaniens vereinte Poch y Gasc\u00f3n h\u00e4ufig die Kr\u00e4fte der Liga mit denen der Mujeres Libres, um im Bereich der Sozialf\u00fcrsorge Ver\u00e4nderungen durchzusetzen.<\/p>\n<p>So dr\u00e4ngten beide Organisationen die Zentralregierung in Madrid beispielsweise, die alten, kirchlichen Waisenh\u00e4user zu schlie\u00dfen: d\u00fcstere, meist bauf\u00e4llige K\u00e4sten, die wie Gef\u00e4ngnisse aussahen und in denen die Schutzbefohlenen zu allerlei erniedrigenden Diensten gezwungen wurden, die Amparo Poch y Gasc\u00f3n vor allem anderen verabscheute. An ihrer Stelle gr\u00fcndete sie sogenannte &#8222;Farm-Schulen&#8220;, die eigentlich zun\u00e4chst nur f\u00fcr die zahllosen Fl\u00fcchtlingskinder eingerichtet wurden, die im Laufe des Krieges, allein oder mit ihren Eltern, in die republikanische Zone flohen. Sehr bald jedoch wurden sie auch f\u00fcr andere Kinder ge\u00f6ffnet. Die &#8222;Farm-Schulen&#8220; wurden meist in verlassenen Bauerh\u00f6fen er\u00f6ffnet, aber auch in enteigneten Industriellenvillen mit gro\u00dfen G\u00e4rten, in denen die Kinder herumtollen und den f\u00fcr Anarchisten so wichtigen Kontakt zur Natur genie\u00dfen konnten. Das Konzept zu dieser Art fr\u00fcher, bunter und fortschrittlicher Kindertagesst\u00e4tte stammte von Poch y Gasc\u00f3n.<\/p>\n<p>Selbst die Namen erinnern an heutige Zeiten. Die erste &#8222;Farm-Schule&#8220; in San Gervasio beispielweise hie\u00df &#8222;Las Tortugas&#8220; [\u0082Die Schildkr\u00f6ten&#8216;]. Als Untersekret\u00e4rin f\u00fcr Sozialf\u00fcrsorge der Regierung Caballero unter der anarchistischen Gesundheitsministerin Federica Montseny evakuierte Poch y Gasc\u00f3n bis Mitte 1937 au\u00dferdem zahlreiche Kinder ins (noch) sichere Ausland. Auch hierbei erwiesen sich die internationalen Kontakte der Liga als n\u00fctzlich. Hinzu kamen w\u00e4hrend des gesamten Kriegs noch Poch y Gasc\u00f3ns medizinische Verpflichtungen, die Gr\u00fcndung von Feldlazaretten und improvisierten Krankenh\u00e4usern, Schulungen von \u00c4rzten und Krankenschwestern, Besuche in ausl\u00e4ndischen Kinderheimen, die spanische Fl\u00fcchtlingskinder aufgenommen hatten, Vortr\u00e4ge \u00fcber Erst- und Nothilfe vor Gewerkschaften und Milizkolonnen, und nat\u00fcrlich die \u00e4rztliche Versorgung von Verletzten des Kriegs und der erstmals in der Menschheitsgeschichte fl\u00e4chendeckenden Bombenangriffe auf offene St\u00e4dte durch die italienische und deutsche Luftwaffe.<\/p>\n<p>Man m\u00f6chte meinen, es habe w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs f\u00fcnf Amparo Poch y Gasc\u00f3ns gegeben, und nicht nur eine. Gewalt war bei all diesen Aktivit\u00e4ten nicht n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Nach der Niederlage im B\u00fcrgerkrieg floh Poch y Gasc\u00f3n, wie fast 200.000 andere Spanierinnen und Spanier auch, beladen mit nichts weiter als ihrem Leben und den zerbrochenen Hoffnungen einer Revolution, \u00fcber die Grenze nach Frankreich.<\/p>\n<p>Sie \u00fcberlebte das Vichy-Regime und die Besetzung des Landes durch die Nationalsozialisten. Nach der Befreiung lie\u00df sie sich mit ihrem Lebenspartner in Toulouse nieder, dem eigentlichen Zentrum der anarchistischen Exilspanierinnen und -Spanier.<\/p>\n<p>Sie arbeitete wieder als \u00c4rztin, hielt Schulungen in anarchistischen Kulturzentren und schrieb f\u00fcr die libert\u00e4re Presse im Exil. Nach Spanien kehrte sie nie wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Zu Beginn der 1960er Jahre r\u00fcstete sie sich im Gegenteil sogar, um auf Bitten eines gewaltfreien Netzwerks um die Hispanistin Marie Laffranque nach Algerien \u00fcberzusiedeln, um dort die Verletzten des ebenso blutigen wie sinnlosen Kolonialkriegs zu versorgen, den Frankreich in dem nordafrikanischen Land f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Sie sa\u00df schon auf gepackten Koffern, als General de Gaulle den Algerienkrieg beendete. Nie r\u00fcckte sie auch nur ein Jota von ihren politischen \u00dcberzeugungen ab. Am 15. April 1968 starb sie, gerade einmal 66 Jahre alt, an den Folgen eines Hirntumors. Seit 2002 ist der zentrale Empfangssaal ihrer ehemaligen Universit\u00e4t in Zaragoza nach ihr benannt. Auch eine k\u00e4mpferische feministische Organisation tr\u00e4gt ihren Namen. In einer vor kurzem organisierten Ausstellung \u00fcber Menschen aus Arag\u00f3n, die durch ihr Tun das Gesicht der Region ver\u00e4ndert h\u00e4tten, war ihr eine ganze Sektion gewidmet.<\/p>\n<p>Amparo Poch y Gasc\u00f3n, die freundliche und lebensfr\u00f6hliche Umst\u00fcrzlerin, das &#8222;Schreckgespenst von Zaragoza&#8220;, das seiner Zeit in so vielem voraus war, die gewaltfreie K\u00e4mpferin f\u00fcr Mitmenschlichkeit und Z\u00e4rtlichkeit in Zeiten blutigen Wahnsinns, ist nach Jahrzehnten des Vergessens wieder gegenw\u00e4rtig geworden. Und das ist gut so.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anti-Militaristen im Krieg Es geh\u00f6rt zur Tragik so manchen libert\u00e4ren Schicksals in Spanien, mitunter jahrzehntelang gezwungen gewesen zu sein, mit der Waffe in der Hand tief empfundene pers\u00f6nliche \u00dcberzeugungen zu verraten: im B\u00fcrgerkrieg, in der franz\u00f6sischen R\u00e9sistance und schlie\u00dflich wom\u00f6glich im hoffnungslosen Guerillakampf gegen Franco. 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