{"id":15336,"date":"2016-06-01T00:00:00","date_gmt":"2016-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/solidaritaet-mit-oder-ohne-waffen\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:09","slug":"solidaritaet-mit-oder-ohne-waffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/solidaritaet-mit-oder-ohne-waffen\/","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t mit oder ohne Waffen?"},"content":{"rendered":"<h3>Diskussion vor dem Hintergrund einer starken Tradition des revolution\u00e4ren Antimilitarismus<\/h3>\n<p>Wie in jedem Land stellte sich den AnarchistInnen die Frage der transnationalen Solidarit\u00e4t: Wie sollte den spanischen GenossInnen bei ihrer Revolution von au\u00dfen geholfen werden? Mit oder ohne Waffen?<\/p>\n<p>Die Diskussion wurde in den Niederlanden besonders intensiv gef\u00fchrt, weil sich dort eine starke Tradition des revolution\u00e4ren Antimilitarismus etabliert hatte. Sie spiegelte sich in Artikeln der Zeitungen &#8222;Bevrijding&#8220; (Befreiung), dem Blatt des BAS (Bond van Anarcho-Syndicalisten) mit dem Redakteur Bart de Ligt wider, aber auch in &#8222;De Wapens neder&#8220; (Die Waffen nieder!), dem Organ der Internationalen Antimilitaristischen Vereinigung (IAMV) oder &#8222;De Arbeider&#8220; (Der Arbeiter), einem &#8222;frei-sozialistischen Wochenblatt&#8220; von kleineren anarchistischen und revolution\u00e4r-antimilitaristischen Gruppen.<\/p>\n<p>Der revolution\u00e4re Syndikalist Albert de Jong stellte de Ligt direkt die herausfordernde Frage, ob die Spanische Revolution von 1936 mit Waffen unterst\u00fctzt werden solle oder nicht und forderte eine klare Antwort. Die Frage entbehrt bis heute nichts von ihrer Aktualit\u00e4t, wir erinnern uns, dass unl\u00e4ngst David Graeber dieselbe Frage zur Solidarit\u00e4t mit dem kurdisch-syrischen bewaffneten Kampf gestellt hat &#8211; mit dem expliziten Verweis auf die Spanienerfahrung seines eigenen Vaters. Der Druck auf anarchistische AntimilitaristInnen war auch damals in den Niederlanden gro\u00df, die bewaffnete Solidarit\u00e4t gutzuhei\u00dfen. Schlie\u00dflich jedoch antwortete de Ligt mit &#8222;Nein&#8220; und, so schreib der Historiker Gernot Jochheim, &#8222;mit ihm die anarchistische Bewegung&#8220;. ((2)) Gleichzeitig war sie dadurch aber auch zu einer ausf\u00fchrlichen Rechtfertigung verpflichtet.<\/p>\n<h3>&#8222;Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution&#8220;<\/h3>\n<p>De Ligt f\u00fchrte aus: &#8222;Es ist ihre Schuld [die der gewaltlosen AnarchistInnen] nicht, dass sie immer noch eine verschwindend kleine Minderheit bilden. Doch sie sind \u00fcberzeugt, dass, wenn die gro\u00dfe Masse in Spanien ihre Auffassungen \u00fcbernehmen w\u00fcrde, die Gewalt, wenn nicht g\u00e4nzlich \u00fcberfl\u00fcssig, so doch nur eine verschwindend geringe Bedeutung haben w\u00fcrde. Aber das will nicht sagen, dass sie sich mit der revolution\u00e4ren Volksbewegung nicht solidarisieren w\u00fcrden. Im Gegenteil! Sie stehen ihr ganz nahe, sie k\u00e4mpfen f\u00fcr Freiheit und Recht und nehmen an der konstruktiven Arbeit &#8211; sei es in den Schulen, sei es in den Organisationen des freien Landbaus, der Industrie usw., sei es beim Roten Kreuz oder anderswo &#8211; aktiv teil. Sie sind unter denen, die selbst bereit sind, den Heeren der reaktion\u00e4ren Rebellen gewaltlos entgegenzutreten und alle Risikos, die aus ihrer \u00dcberzeugung folgen, zu tragen.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>In einem weiteren Artikel wies de Ligt auf die Ver\u00e4nderung des Charakters des revolution\u00e4ren B\u00fcrgerkriegs hin: &#8222;Moderne gewaltt\u00e4tige Reaktion und Konterrevolution war in ihrem eigenen Rahmen nur noch zu besiegen, indem man sie an Gewaltt\u00e4tigkeit und R\u00fccksichtslosigkeit \u00fcbertraf. So ergab sich f\u00fcr einen verantwortlichen Menschen die Frage, ob er, auch wenn er es konnte, auf diese Weise noch siegen wollte&#8230;&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Die Dynamik moderner Destruktionsmittel w\u00fcrde die Herrscher st\u00e4rker beg\u00fcnstigen als die Unterdr\u00fcckten, wodurch Bart de Ligt zu seiner Maxime kam: &#8222;Je mehr Revolution &#8211; d.h. gesellschaftliche und geistige Erneuerung &#8211; desto weniger Gewalt; je mehr Gewalt, desto weniger Revolution.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1937 beschloss deshalb der BAS eine Resolution, die sich gegen die Unterst\u00fctzung der Spanischen Revolution mit Waffen wandte, weil die &#8222;errungenen Erfolge durch den gew\u00e4hlten bewaffneten Widerstandskampf zunehmend \u00fcberlagert und beeintr\u00e4chtigt werden.&#8220;<\/p>\n<p>In Punkt 6 der Resolution hie\u00df es: &#8222;Der Bond van Anarcho-Syndikalisten, der sich einer Vermilitarisierung der sozialen Revolution aus prinzipiellen und praktischen Gr\u00fcnden widersetzt, kann daher am nationalen und internationalen Kampf nur teilnehmen im Sinne einer neuen, historisch und moralisch notwendig gewordenen gewaltfreien (bovengewalddadige) Taktik (Nichtzusammenarbeit, Boykott, Streik, b\u00fcrgerlicher Ungehorsam, Fabrikbesetzungen).&#8220; ((6))<\/p>\n<p>In &#8222;De Arbeider&#8220; \u00fcbernahm vor allem Henk Eikeboom in umfangreichen Beitr\u00e4gen diese Position. Er f\u00fchrte drei Gr\u00fcnde an, so Gernot Jochheim in seiner Studie zu den Niederlanden, &#8222;einmal die Eigengesetzm\u00e4\u00dfigkeit von Gewalt, ihre Auswirkungen auf die Aus\u00fcbenden; weiter den technischen Charakter von Gewalt, ihre Tendenz zur Organisation und Verselbst\u00e4ndigung; schlie\u00dflich die strukturelle Unterlegenheit der Revolution\u00e4re in der Verf\u00fcgung und Handhabung von Gewaltmitteln.&#8220; Die &#8222;Arbeider&#8220;-Gruppe sah im Ablauf der Spanischen Revolution, so Jochheim weiter, &#8222;weniger eine Schw\u00e4chung als vielmehr eine St\u00e4rkung der antimilitaristischen Positionen, und zwar insofern, als da\u00df einmal mehr bewiesen werde, dass der historische Fehler der internationalen Arbeiterbewegung das faktische Abgehen von der antimilitaristischen Position war. Denn wiederum sei nun gezeigt worden, da\u00df die Gefahr f\u00fcr eine soziale Revolution vornehmlich vom Milit\u00e4r komme. Der antimilitaristische Kampf setze demnach zu Recht daran an &#8211; und das war ja eine alte anarchistische These -, das Haupthindernis f\u00fcr eine revolution\u00e4re Umgestaltung der Gesellschaft, n\u00e4mlich das Milit\u00e4r, zu paralysieren.&#8220; ((7))<\/p>\n<h3>Die Diktatur der Mittel<\/h3>\n<p>In der IAMV schlie\u00dflich kam es zur Spaltung: Albert de Jong verlor mit seinem Ansinnen, die Spanische Revolution mit Waffenlieferungen zu unterst\u00fctzen gegen die gewaltfreie Fraktion.<\/p>\n<p>Im Dezember 1936 verwarf die damals 500 Mitglieder starke IAMV, so Jochheim, &#8222;jegliche Form kollektiver Gewaltanwendung. Der Umstand einer zunehmenden Militarisierung auch innerhalb der CNT und FAI beg\u00fcnstigte diesen Entschlu\u00df. Das Gespenst eines neuen \u201aroten Militarismus&#8216; kam auf. So lautete der kennzeichnende Titel eines Aufsatzes in der Weihnachtsnummer 1936 von \u201aDe Wapens neder&#8216;: \u201aDie Diktatur der Mittel &#8211; von der Volksmiliz zum Roten Heer.'&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter, in seinem Buch &#8222;The Conquest of Violence&#8220; von 1937, untersuchte Bart de Ligt, ausgehend von diesen Diskussionen, die weiteren konkreten Abl\u00e4ufe der Sozialen Revolution in Spanien.<\/p>\n<p>Er bewunderte zun\u00e4chst die konstruktive Arbeit in den Kollektiven und l\u00e4ndlichen Kommunen Spaniens, stellte dann aber fest: &#8222;Doch hier begann die wirkliche Trag\u00f6die. Die spanischen Anarchisten waren zwar gegen jede Form der milit\u00e4rischen Zwangsrekrutierung, wie alle \u00fcberzeugten Antimilitaristen. Doch sie akzeptierten zumindest \u201adie spontane Gewalt f\u00fcr die Revolution&#8216; und organisierten eine freie Miliz, in der die Gewerkschaftsmethoden der Zusammenarbeit zur Anwendung kommen und alles von unten nach oben kontrolliert werden sollte. Aber die Notwendigkeiten der modernen Kriegsf\u00fchrung machten es f\u00fcr die revolution\u00e4re Armee unumg\u00e4nglich, systematisch militarisiert zu werden, das Kommando wurde zentralisiert und die Zwangsrekrutierung wurde wieder eingef\u00fchrt. Au\u00dferdem konnte der totale Krieg nur gef\u00fchrt werden, wenn er vom totalit\u00e4ren Staat unterst\u00fctzt wurde. Je l\u00e4nger also der B\u00fcrgerkrieg dauerte, desto mehr begannen Militarismus und Etatismus zu wachsen, sogar in den radikalsten libert\u00e4ren Zirkeln. Die spanischen Syndikalisten und Anarchisten wurden von falschen Hoffnungen get\u00e4uscht, bis dahin, der Teilnahme an einem im Kern b\u00fcrgerlichen Regierungssystem zuzustimmen.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Bart de Ligt, der ein Jahr sp\u00e4ter leider starb, blieb aber nicht bei seiner Kritik stehen, sondern wagte eine Alternativvision, wobei er besonders die Entstehung milit\u00e4rischer Frontlinien durch die Anwendung des Milizsystems als f\u00fcr einen landesweiten Generalstreik hinderlich analysierte:<\/p>\n<p>&#8222;Ich propagiere hier weder passiven Widerstand noch Nicht-Widerstand, sondern eine aktive Verteidigung sowohl aus einem moralischen als auch einem materiellen Blickwinkel. Der beste Weg, um Franco zu bek\u00e4mpfen, w\u00e4re zweifellos gewesen, wenn es das spanische Volk Franco erlaubt h\u00e4tte, das gesamte Territorium Spaniens kurzzeitig zu besetzen und dann eine riesige Bewegung gewaltfreien Widerstands gegen ihn losgetreten h\u00e4tte (Boykott, Nichtzusammenarbeit usw.). Aber unsere Taktik beinhaltet auch &#8211; in weit gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df als milit\u00e4rische Taktiken &#8211; eine wirksame internationale Zusammenarbeit. Wir teilen nicht die tr\u00fcgerische Idee einer Nicht-Intervention: Wo immer die Menschlichkeit bedroht oder angegriffen wird, m\u00fcssen alle M\u00e4nner und Frauen guten Willens f\u00fcr ihre Verteidigung intervenieren. In diesem Falle also h\u00e4tte von Anfang an eine Parallelbewegung von au\u00dfen organisiert werden m\u00fcssen, um die Bewegung im Innern zu unterst\u00fctzen, vor allem in dem Bem\u00fchen, Franco und dessen Freunde daran zu hindern, Kriegsmaterial zu bekommen, oder es zumindest auf ein Minimum zu reduzieren.&#8220; Wenn, so schlie\u00dft de Ligts Analyse von 1937, die internationale Arbeiterbewegung &#8222;dies nur getan h\u00e4tte, so w\u00e4re die Gewalt auf ein Minimum reduziert worden und die M\u00f6glichkeit einer wirklichen Revolution w\u00e4re so gro\u00df gewesen, dass sie das Antlitz der Welt ver\u00e4ndert h\u00e4tte.&#8220; ((10))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskussion vor dem Hintergrund einer starken Tradition des revolution\u00e4ren Antimilitarismus Wie in jedem Land stellte sich den AnarchistInnen die Frage der transnationalen Solidarit\u00e4t: Wie sollte den spanischen GenossInnen bei ihrer Revolution von au\u00dfen geholfen werden? 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