{"id":15338,"date":"2016-06-01T00:00:00","date_gmt":"2016-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/was-kommt-nach-idomeni\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:09","slug":"was-kommt-nach-idomeni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/was-kommt-nach-idomeni\/","title":{"rendered":"Was kommt nach Idomeni?"},"content":{"rendered":"<p>Schon vor der vollst\u00e4ndigen R\u00e4umung am 26. Mai wurden die mehr als 10.000 Fl\u00fcchtlinge in dem gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingscamp Idomeni im Norden Griechenlands in andere Siedlungen transportiert. Die Lage in dem Ort ist katastrophal. Die Menschen haben eine ungewisse Zukunft. Es herrschen Ratlosigkeit, Frustration und eine immer weiter steigende Depression und Wut bei den Fl\u00fcchtlingen vor.<\/p>\n<p>Erst in der Nacht vom 18. Mai kam es zu heftigen Ausschreitungen, als Fl\u00fcchtlinge versuchten mit einem Bahnwaggon als Rammbock die Grenze zu durchbrechen. Schnell wurden in dem Zuge Pl\u00e4ne laut, Idomeni zu schlie\u00dfen. Doch eine Umsiedlung des Fl\u00fcchtlingscamps ist schon lange geplant.<\/p>\n<p>Idomeni ist ein kleines, verschlafenes Dorf an der mazedonischen Grenze, eine knappe Autostunde von Griechenlands zweitgr\u00f6\u00dfter Stadt Thessaloniki entfernt. 2011 lebten knapp 300 Menschen in dem Ort. Seit 2014 sind die Zahlen radikal angestiegen, als sich Fl\u00fcchtlinge auf ihrem Weg nach Europa in dem an den Bahnschienen angesiedelten Zeltlager einfanden. Die urspr\u00fcnglich f\u00fcr knapp 2.000 Menschen angelegten Zelte platzten bald aus allen N\u00e4hten.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat sich ein gro\u00dfes Dorf aus Campingzelten gebildet. Hier lebten zeitweise bis zu 15.000 Fl\u00fcchtlinge aus allen Teilen der Erde, vor allem aus Syrien und Afghanistan, aber auch aus dem Irak, Bangladesch, der indischen Kaschmir-Provinz, Marokko oder Kurdistan.<\/p>\n<p>Erst im Februar 2016 verst\u00e4rkten mazedonische Soldaten den bereits im November errichteten Grenzzaun, um den Fl\u00fcchtlingen den Weg in das eigene Land und nach Europa zu versperren. Seitdem sitzen die Menschen in Idomeni fest. Es gab zwar einige Versuche, die Grenze illegal zu \u00fcberqueren, um auf verschlungenen Pfaden nach Europa zu gelangen, aber die Fl\u00fcchtlinge wurden meist von mazedonischen Soldaten verhaftet und wieder nach Griechenland deportiert.<\/p>\n<h3>&#8222;Wieso hat Deutschland die Grenze geschlossen?&#8220;, ist eine der meist geh\u00f6rten Fragen, wenn ich den Fl\u00fcchtlingen mitteile, dass ich aus Deutschland komme<\/h3>\n<p>Viele von ihnen sind von Deutschland und vor allem von den europ\u00e4ischen Politikern entt\u00e4uscht. Insgeheim vermuten sie, dass die deutsche Regierung Mazedonien gezwungen hat, ihre Grenzen zu schlie\u00dfen. Sie f\u00fchlen sich vergessen. Ihre Lage ist verst\u00e4ndlich. Sie sind gestrandet im Nirgendwo. Manche von ihnen harren nun seit mehreren Monaten in Idomeni aus.<\/p>\n<p>&#8222;Als wir Syrien verlie\u00dfen, waren die Grenzen noch offen. Wir haben uns Hoffnung gemacht, nach Europa zu kommen und hier ein friedliches Leben zu beginnen&#8220;, berichtet Wissam Alwaked (30), ein ehemaliger Lehrer aus Damaskus. &#8222;Aber als wir hier in Griechenland nach einer beschwerlichen Reise ankamen, waren die Grenzen geschlossen. Wir k\u00f6nnen nicht mehr zur\u00fcck und haben alles verloren, unser Haus wurde von Assads Bomben zerst\u00f6rt.&#8220;<\/p>\n<p>Wie Wissam geht es vielen Fl\u00fcchtlingen in Idomeni. Sie haben durch den Krieg in ihrer Heimat nicht nur ihre Vergangenheit, sondern durch die politische Planlosigkeit in der EU im Umgang mit den Fl\u00fcchtlingen auch ihre Zukunft verloren.<\/p>\n<p>Am 4. Mai 2016 beschlossen die griechischen Beh\u00f6rden, das &#8222;illegale Lager&#8220; zu r\u00e4umen und auch die Bahngleise wieder frei zu bekommen, die f\u00fcr den Export eine wichtige Rolle spielen. Am darauffolgenden Tag kam es zu Ausschreitungen, als die Polizei einige Zelte von den Gleisen r\u00e4umen wollte. Doch es sind nur wenige von den Bahnschienen gewichen. Die Behausungen haben sich dennoch merklich gelichtet, aber der Bahnhof ist weiterhin noch mit Zelten belegt und die R\u00e4umlichkeiten werden von Fl\u00fcchtlingen bewohnt. Die Proteste dauern weiterhin an und finden fast t\u00e4glich statt.<\/p>\n<p>Am 18. Mai ist dann die Frustration in den wohl heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Fl\u00fcchtlingen und der griechischen Polizei eskaliert.Das Fl\u00fcchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat seit einiger Zeit damit begonnen, die Menschen in Camps umzusiedeln, die vom Milit\u00e4r kontrolliert werden. Viele weigern sich jedoch. Auch der 25-j\u00e4hrige Hussam aus Syrien hat kein Interesse, in ein solches Milit\u00e4rcamp umzusiedeln. &#8222;Wieso sollte ich das machen? Hier ist es sehr offen und dort ist alles mit einem Zaun umgeben. Die Situation dort soll noch viel schlimmer sein als hier, habe ich geh\u00f6rt.&#8220;<\/p>\n<p>Die Ger\u00fcchtek\u00fcche brodelt in einem Ort wie Idomeni. Auch Wissam Alwaked ist skeptisch den Milit\u00e4rcamps gegen\u00fcber: &#8222;Es gibt dort kaum etwas zu essen. Und hier in Idomeni werden wir jeden Tag gut versorgt. Auch wenn die Lage hier schlecht ist, geht es uns hier sicher viel besser als in den anderen Camps. Ich habe viele Leute getroffen, die von den anderen Camps geflohen sind und wieder hierhin zur\u00fcckgekommen sind.&#8220;<\/p>\n<p>Laut der Schutzbeauftragten des UNHCR Elodie Lemal ist die Versorgung der Fl\u00fcchtlinge in den Milit\u00e4rcamps gesichert. Es sind dort internationale Hilfsorganisationen t\u00e4tig, die f\u00fcr die Verteilung von Lebensmitteln und f\u00fcr die Gesundheitsversorgung zust\u00e4ndig sind.<\/p>\n<p>Sie unterstreicht: &#8222;Es ist notwendig, die Fl\u00fcchtlinge in die anderen Camps zu transportieren. Es sind hier mittlerweile 32 Grad, die Zust\u00e4nde sind miserabel. Und wir haben gerade einmal Mai. Wie soll es n\u00e4chsten Monat aussehen, wenn es noch w\u00e4rmer wird?&#8220;<\/p>\n<p>Am 12. Mai beschwerten sich im UNHCR-B\u00fcro von Thessaloniki bereits f\u00fcnf Fl\u00fcchtlinge aus dem Ende April angelegten offiziellen Lagkadikia-Camp \u00fcber die mangelnden Zug\u00e4nge zum Asylverfahren und die fehlenden besseren Lebensumst\u00e4nde, die ihnen von den UNHCR-MitarbeiterInnen versprochen wurden. Ein Besuch des offiziellen Fl\u00fcchtlingscamps Nea Kavala in der N\u00e4he von Idomeni wurde mir vom Milit\u00e4r verweigert, so dass es mir unm\u00f6glich war, mich vor Ort \u00fcber die dortigen Zust\u00e4nde selbst zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Es gibt jedoch viele Aussagen, dass die Lebensumst\u00e4nde in den vom Milit\u00e4r kontrollierten Camps unhaltbar seien und sogar schlimmer als in Idomeni.<\/p>\n<p>Es h\u00e4ufen sich die Berichte, dass das Antragssystem f\u00fcr Asylsuchende oft nur schlecht funktioniert. Den Gefl\u00fcchteten drohen Abschiebungen in die T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Seit Mitte Mai hat die griechische Regierung begonnen, die Asylberechtigten vorab zu registrieren. Die wirklichen Asylantr\u00e4ge werden wahrscheinlich noch viel l\u00e4nger dauern. Bis dahin hei\u00dft es f\u00fcr die mehr als 54.000 Fl\u00fcchtlinge, die sich derzeit in Griechenland aufhalten, weiterhin zu warten.<\/p>\n<p>Die Gefl\u00fcchteten werden alleine gelassen in ihrer Not, der sie eigentlich entfliehen wollten.<\/p>\n<p>Durch politische Rangeleien und b\u00fcrokratische Hindernisse f\u00fchlen sie sich im Stich gelassen. Niemand kann ihnen sagen, was als N\u00e4chstes kommen wird. Dabei k\u00f6nnte alles so einfach sein, wie Wissam zielsicher sagt: &#8222;Es sind doch nur 50.000 Fl\u00fcchtlinge in Griechenland gestrandet. Europa ist gro\u00df und hat 28 Mitgliedsstaaten. Griechenland selbst ist wirtschaftlich arm und kann die ganzen Menschen nicht versorgen. Wieso verteilt die EU die Fl\u00fcchtlinge nicht gleichm\u00e4\u00dfig auf alle Mitgliedsstaaten? Damit h\u00e4tten wir eine Basis, um ein menschenw\u00fcrdiges Leben zu beginnen und das gr\u00f6\u00dfte Problem der Fl\u00fcchtlinge w\u00e4re erst einmal gel\u00f6st.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon vor der vollst\u00e4ndigen R\u00e4umung am 26. Mai wurden die mehr als 10.000 Fl\u00fcchtlinge in dem gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingscamp Idomeni im Norden Griechenlands in andere Siedlungen transportiert. Die Lage in dem Ort ist katastrophal. Die Menschen haben eine ungewisse Zukunft. 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