{"id":15340,"date":"2016-06-01T00:00:00","date_gmt":"2016-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/selbstorganisierung-in-griechenland\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:09","slug":"selbstorganisierung-in-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/selbstorganisierung-in-griechenland\/","title":{"rendered":"Selbstorganisierung in Griechenland"},"content":{"rendered":"<p>Schon im M\u00e4rz hatte die Solidarit\u00e4tsbewegung den argentinischen Schriftsteller Andr\u00e9s Ruggeri eingeladen, der in Athen und Thessalon\u00edki sein Buch &#8222;Die R\u00fcckeroberung der Betriebe Argentieniens. Besetzen, Widerstand leisten, Produzieren&#8220; vorstellte und im S\u00e4gewerk mit Arbeitern und Unterst\u00fctzer_innen diskutierte.<\/p>\n<p>Die seit Jahren unbezahlten Holzarbeiter folgen damit dem Beispiel von Vio.Me in Thessalon\u00edki (vgl. GWR 406). Die \u00dcbernahme des Holz- und S\u00e4gewerks in Patr\u00edda k\u00f6nnte die beispielgebende Antwort fortschrittlicher gesellschaftlicher Kr\u00e4fte auf die weitgehende Entindustrialisierung weiter Teile des l\u00e4ndlichen Raums in Griechenland sein. Im Landkreis Imath\u00eda liegt die offizielle Arbeitslosenquote nach nunmehr sechs Jahren Spardiktat bei 35% (Efimer\u00edda ton Syntakt\u00f3n, 21.03.2016). &#8222;Guter Wille und Ideen gibt es mehr als genug, was wir dringend brauchen, ist ein gesetzlicher Rahmen. Von unserer Seite aus k\u00f6nnten wir schon morgen den Sicherungshebel umlegen und mit der Produktion beginnen.&#8220;<\/p>\n<p>Der 54j\u00e4hrige St\u00e1vros beschreibt das Hauptproblem der Werksbesetzer, die alle mit ihren Familien in Patr\u00edda leben und 20 bis 30 Jahre im Betrieb gearbeitet haben. Die Arbeiter_innen von Vio.Me haben mit der Produktion \u00f6kologischer Reinigungsmittel eine alternative Nische besetzt und vertreiben ihre Produkte vor allem in sozialen Zentren, besetzten H\u00e4usern, auf informellen Stra\u00dfenm\u00e4rkten und \u00fcber die Solidarit\u00e4tsbewegung. F\u00fcr ein besetztes S\u00e4gewerk ist es dagegen momentan noch bedeutend schwieriger, ohne legalen Rahmen zu produzieren.<\/p>\n<h3>Die Geschichte<\/h3>\n<p>Die Probleme des Werks begannen 2009, als die bis dahin gesunde Firma die Schulden einer Zweigstelle in Bulgarien \u00fcbernahm. Ab 2010 zahlten die Besitzer nur noch monatliche Abschl\u00e4ge zwischen 200 und 400 Euro pro Arbeiter, k\u00fcrzten gleichzeitig die Einzahlungen in die Renten- und Sozialversicherungskassen um die H\u00e4lfte und entlie\u00dfen nach und nach immer mehr Besch\u00e4ftigte. 2011 stellte die Gesch\u00e4ftsleitung schlie\u00dflich den Insolvenzantrag.<\/p>\n<p>Die Zeitspanne bis zur endg\u00fcltigen Pleite 2013 nutzten die Besitzer, um wertvolle Maschinen zu verkaufen. Nach undurchsichtigen \u00dcbernahmeverhandlungen tauchte 2015 ein neuer Investor auf, der in der Folge neue Schulden anh\u00e4ufte und weitere Maschinen verkaufte.<\/p>\n<p>Bis heute kennen die Arbeiter nicht einmal seinen Namen. Von den einst \u00fcber 60 Besch\u00e4ftigten waren inzwischen nur noch zehn \u00fcbrig, die nicht gezahlten L\u00f6hne hatten sich auf gut 700.000 Euro summiert.<\/p>\n<p>Im Februar 2016 schritten 12 der ehemaligen Arbeiter zur Tat und halten das Werk mit der Hilfe von Unterst\u00fctzer_innen seitdem besetzt. &#8222;Wir hatten von Vio.Me gelesen, haben Kontakt aufgenommen und in der Logik von \u0082wenn ihr nicht k\u00f6nnt, wir k\u00f6nnen&#8216; damit begonnen, erste Schritte in Richtung Selbstverwaltung zu gehen. Jetzt werden wir versuchen, eine ?OINSEP (Sozialkooperative) aufzubauen. Wenn der legale Rahmen steht, legen wir sofort los.&#8220; Die Robin Hoods des Holzes, wie sie sich selbst nennen, stellen das verbreitete Vorurteil, nach dem Griechenland einfach nichts produziere, in Frage. &#8222;Sie m\u00fcssen uns nur produzieren lassen. Der Wiederaufbau kann nur durch die Arbeiter selbst gelingen. Das Werk k\u00f6nnte gut 50-60 Familien ern\u00e4hren und der Stadt V\u00e9ria, die vor sich hin rottet wie der Rest von Imath\u00eda, neues Leben bringen. Was wir jedoch sicher brauchen, ist ein staatlicher Beitrag, um den juristischen Weg f\u00fcr den legalen Betrieb in Selbstverwaltung zu er\u00f6ffnen.&#8220; Ob das selbst formulierte Ziel &#8222;wir wollen wie unser Namensgeber die Reichen enteignen, um den Armen zu geben&#8220;, mit staatlicher Unterst\u00fctzung legal zu erreichen sein wird, ist eine andere Frage.<\/p>\n<h3>Ein Transporter f\u00fcr Vio.Me<\/h3>\n<p>Seit inzwischen f\u00fcnf Jahren halten die Arbeiter_innen von Vio.Me in Thessalon\u00edki ihre Fabrik besetzt. Seit drei Jahren produzieren sie in Selbstverwaltung \u00f6kologische Seifen und Reinigungsmittel. Trotz vieler rechtlicher Probleme, R\u00e4umungsandrohungen und einem von den Gl\u00e4ubigern der alten Eigent\u00fcmer angestrengten Insolvenzverfahren hat es die Belegschaft inzwischen geschafft, den offiziellen Status einer Sozialkooperative (KOINSEP) zu erlangen und das vor\u00fcbergehende Aussetzen der Zwangsversteigerung des Betriebsgel\u00e4ndes zu erreichen. Zurzeit wird versucht, den Betriebsteil von Vio.Me aus der Insolvenzmasse der Muttergesellschaft herauszul\u00f6sen. Um weiterhin erfolgreich produzieren und besser als bisher verkaufen zu k\u00f6nnen, wird nun dringend ein Transporter ben\u00f6tigt. Das Griechenland Solidarit\u00e4ts Komitee K\u00f6ln (GSKK) unterst\u00fctzt die internationale Spendenkampagne. (Infos: www.gskk.eu und www.viome.org) Neue Vio.Me-Seife ist unterdessen bei der FAU eingetroffen und kann bei verschiedenen FAU-Ortsgruppen (www.fau.org\/ortsgruppen\/) und im Cafe Klatsch Kollektiv in Wiesbaden (www.cafeklatsch-wiesbaden.de\/) geordert werden.<\/p>\n<h3>Syriza &#8211; vorw\u00e4rts immer, r\u00fcckw\u00e4rts nimmer<\/h3>\n<p>Begleitet vom dritten Generalstreik seit der Wiederwahl von Ministerpr\u00e4sident Tz\u00edpras und gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen, hat das griechische Parlament einer erneuten Renten- und Steuerreform zugestimmt. Damit erf\u00fcllte die Syriza-Anel-Regierung in der Nacht zum 9. Mai die Forderungen der internationalen Gl\u00e4ubiger. Die mit EU-Kommission, Internationalem W\u00e4hrungsfonds (IWF), Europ\u00e4ischer Zentralbank (EZB) und Europ\u00e4ischem Stabilit\u00e4tsmechanismus (ESM) vereinbarten \u00c4nderungen treffen erneut vor allem \u00e4rmere Bev\u00f6lkerungsschichten. So erfolgt eine Anhebung der Mehrwertsteuer von 23 auf 24%, der Steuerfreibetrag wird von derzeit 9.545 auf 9.090 Euro und f\u00fcr Kinderlose auf 8.182 Euro gesenkt. Gleichzeitig erh\u00f6hen sich die Abgaben f\u00fcr die Rentenversicherung, w\u00e4hrend die Renten abermals gek\u00fcrzt werden. Anders als in Deutschland gibt es in Griechenland nach l\u00e4ngerer Arbeitslosigkeit keine Sozialhilfe, weshalb in den letzten Jahren ganze Familien von der Rente der Gro\u00dfeltern leben m\u00fcssen. Tsipras bezeichnete die Ma\u00dfnahmen trotzdem als &#8222;soziale Reform&#8220;, mit der &#8222;die Renten gesichert, die sozial Schwachen gesch\u00fctzt und die Lasten bei Steuern und Renten gleichm\u00e4\u00dfiger verteilt werden&#8220;. Gegen die Ma\u00dfnahmen hatte es erneut heftige Proteste gegeben. Dabei kam es am Abend des 8. Mai zu Auseinandersetzungen in Athen, bei denen Demonstrant_innen Steine, Flaschen und Molotowcocktails warfen, die Sondereinsatztruppen der Polizei ihrerseits Schlagst\u00f6cke, Tr\u00e4nengas und Blendschockgranaten einsetzten. In Thessalon\u00edki griffen Demonstrant_innen das zentrale Syriza Parteib\u00fcro mit Molotowcocktails an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon im M\u00e4rz hatte die Solidarit\u00e4tsbewegung den argentinischen Schriftsteller Andr\u00e9s Ruggeri eingeladen, der in Athen und Thessalon\u00edki sein Buch &#8222;Die R\u00fcckeroberung der Betriebe Argentieniens. Besetzen, Widerstand leisten, Produzieren&#8220; vorstellte und im S\u00e4gewerk mit Arbeitern und Unterst\u00fctzer_innen diskutierte. Die seit Jahren unbezahlten Holzarbeiter folgen damit dem Beispiel von Vio.Me in Thessalon\u00edki (vgl. GWR 406). 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