{"id":15341,"date":"2016-06-01T00:00:00","date_gmt":"2016-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/das-social-center-4-all-in-leipzig\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:56","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:56","slug":"das-social-center-4-all-in-leipzig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/das-social-center-4-all-in-leipzig\/","title":{"rendered":"Das Social Center 4 All in Leipzig"},"content":{"rendered":"<p>Den Ursprung der Idee zur Gr\u00fcndung von Social Center 4 All lieferte ein trauriger Anlass: Mehrere Dutzend Gefl\u00fcchtete sollten im Sommer 2015 nach Heidenau gebracht werden &#8211; ausgerechnet an den Ort, welcher kurze Zeit zuvor aufgrund der dortigen rassistischen Ausschreitungen wochenlang in den Medien pr\u00e4sent war.<\/p>\n<p>In dem Wissen, dass eine Verlegung der Gefl\u00fcchteten f\u00fcr diese eine weitere Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen zur Folge h\u00e4tte, solidarisierten sich mehrere linke Leipziger Gruppen sowie Einzelpersonen mit den Betroffenen und verhinderten die Verlegung durch eine Sitzblockade.<\/p>\n<p>Im Rahmen der erfolgreichen Blockade wurden die Aktivist_innen sich des Mangels eines Raums zur Vernetzung erst so richtig bewusst, weshalb sich einige Menschen dazu entschlossen, sich auf die Suche nach konkreten L\u00f6sungsans\u00e4tzen zu machen. Aus der Dynamik dieser ersten gemeinsamen Erfahrung heraus gr\u00fcndete sich die basisdemokratisch organisierte Gruppe &#8222;Social Center 4 All Leipzig&#8220;, welche es sich von Beginn an zum Ziel setzte, den \u00f6ffentlichen Druck auf die Stadt zu erh\u00f6hen, um auf die Einrichtung eines Sozialen Zentrums hinzuwirken.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wurden die Aktivist_innen inhaltlich aktiv: Die &#8222;Utopia-Workshops&#8220; wurden initialisiert. Bei diesen ging es insbesondere darum, wie die Stadt zu einem lebenswerteren Raum f\u00fcr alle umgestaltet werden kann &#8211; erneut war das Raumproblem Kernthema der Diskussion, und die Aktivist_innen entschieden sich kurzerhand dazu, eine symbolische Besetzung in einem ehemaligen Geb\u00e4ude der Erziehungswissenschaften an der Uni Leipzig durchzuf\u00fchren, um \u00f6ffentliches Bewusstsein f\u00fcr die Problematik zu schaffen.<\/p>\n<p>Im Anschluss an die symbolische Besetzung gab es einen Offenen Brief an die Stadt Leipzig, welcher ein Gespr\u00e4chsangebot enthielt. Leider lie\u00df die Stadt diese Chance auf einen Dialog ungenutzt verstreichen.<\/p>\n<p>Um den Druck zu erh\u00f6hen, entschloss man sich kurze Zeit darauf, die ehemalige F\u00fchrerscheinstelle in der Platostra\u00dfe zu besetzen. Das geschah dann auch im Handumdrehen, und nach Ver\u00f6ffentlichung des Aufrufs dauerte es nur wenige Augenblicke, bis sich die ersten Sympathisant_innen vor Ort einfanden. F\u00fcr die Aktivist_innen war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass es sich bei dieser Besetzung &#8211; anders als bei der vorherigen &#8211; nicht um eine symbolische Besetzung handeln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auch die ersten Solidarit\u00e4tsbekundungen anderer Hausprojekte lie\u00dfen nicht lange auf sich warten, so z.B. von der &#8222;Klinika&#8220; aus Prag bzw. von der &#8222;Hasi&#8220; aus Halle.<\/p>\n<p>Auch in anderer Hinsicht ging es schnell voran: So dauerte es nur wenige Stunden, um den ganzen Schutt aus dem Geb\u00e4ude herauszubekommen, wovon sich sp\u00e4ter auch das Ordnungsamt \u00fcberrascht zeigte.<\/p>\n<p>Die Polizei lie\u00df ebenfalls nicht lange auf sich warten, sondern traf unmittelbar nach Beginn der Besetzung am Ort des Geschehens ein.<\/p>\n<p>Eine schnelle R\u00e4umung kam jedoch nicht in Frage &#8211; zu gro\u00df war der Zuspruch nicht nur aus linksalternativen Kreisen, auch Menschen aus dem B\u00fcrgertum lie\u00dfen sich blicken, um sich selber einen Eindruck zu verschaffen. Allgemein stie\u00df das Projekt im n\u00e4heren Umkreis auf viel Gegenliebe.<\/p>\n<p>Doch es gab nicht nur Lob, sondern auch etwas Gegenwind, vor allem aus linksradikalen Kreisen: Wenn die Polizei mit R\u00e4umung drohe, solle man sich verbarrikadieren und dagegen wehren, auf keinen Fall klein beigeben. Leichter gesagt als getan, wenn man sich in einem Geb\u00e4ude mit zahlreichen Fenstern und mehreren Eing\u00e4ngen befindet &#8211; das war auch der Gedanke der Mehrheit der Gruppe, die sich im Rahmen einer der Plena darauf einigte, von militanten Mitteln keinen Gebrauch zu machen. Diese Entscheidung fiel nicht nur aus rein pragmatischen Gr\u00fcnden, sondern auch, weil die Gruppe nach au\u00dfen hin nicht den Eindruck eines militanten Hausprojekts erwecken wollte.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck kam es auch gar nicht erst zu einer Versch\u00e4rfung der Lage.<\/p>\n<p>Die Gruppe schaffte n\u00e4mlich einen Spagat, an dem schon viele andere Hausbesetzungen scheiterten: Zwar gab es ein klares &#8222;Nein!&#8220; zur Militanz, gleichzeitig lie\u00df man sich aber dennoch nicht zum Spielball der Ordnungsbeh\u00f6rden machen, sondern machte der Polizei deutlich klar, dass man mit dem Ordnungsb\u00fcrgermeister und auch ausschlie\u00dflich mit diesem reden wolle &#8211; ohne Anwesenheit der Polizei.<\/p>\n<p>In dem Gespr\u00e4ch mit dem Ordnungsb\u00fcrgermeister, welcher stets darauf bedacht war, die Stadt Leipzig vor einem Gesichtsverlust zu bewahren, konnten erste Teilerfolge errungen werden: Er sagte zu, den Aktivist_innen eine Liste mit Geb\u00e4uden zukommen zu lassen, welche potenziell f\u00fcr eine Fortsetzung ihres Projekts in Frage k\u00e4men. Dar\u00fcber hinaus teilte er mit, dass die Besetzung zumindest \u00fcber das Wochenende geduldet w\u00fcrde &#8211; das h\u00f6rt sich nach wenig an, war damit de facto aber die erste geduldete Hausbesetzung in Leipzig seit \u00fcber 20 Jahren.<\/p>\n<p>Jedoch war das Entgegenkommen der Stadt an eine Bedingung gekn\u00fcpft, n\u00e4mlich die &#8222;freiwillige&#8220; R\u00e4umung des Geb\u00e4udes bis sp\u00e4testens Montag.<\/p>\n<p>Dahinter steckt folgende Motivation: Die Stadt hat Interesse daran, das Geb\u00e4ude weiter leer stehen zu lassen, bis entschieden ist, inwiefern die Anspr\u00fcche, welche bspw. von der CG Group bzw. vom Max-Planck-Institut gestellt werden, rechtm\u00e4\u00dfig sind.<\/p>\n<p>Die Aktivist_innen lie\u00dfen sich auf diesen Handel ein, und es bleibt abzuwarten, ob und wie naiv das tats\u00e4chlich war. Leider zeigt sich n\u00e4mlich jetzt schon, dass die Kooperationsbereitschaft der Stadt stark nachgelassen hat, so hat sie z.B. die Deadline zur Versendung der Liste mit m\u00f6glichen Geb\u00e4uden f\u00fcr das Projekt wortlos verstreichen lassen.<\/p>\n<p>Allgemein verlaufen die Gespr\u00e4che der Stadt laut Aussage der Gruppe schleppend, man zeigt sich jedoch k\u00e4mpferisch und ist sich einig, dass man auch weiterhin den offiziellen Weg gehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Auch das mag f\u00fcr den einen oder die andere etwas naiv klingen &#8211; wer aber mit den Aktivist_innen selber redet, der bemerkt schnell, was f\u00fcr eine enorme Motivation dahintersteckt, das Projekt auf dem bisherigen Weg weiterzuf\u00fchren, und erf\u00e4hrt auch gleichzeitig, warum das so ist.<\/p>\n<p>So merkt die Aktivistin Nora Folgendes an: &#8222;Es ist spannend zu sehen, zu welchem Grad bereits Empowerment- und Politisierungsprozesse innerhalb der Gruppe stattgefunden haben. Auch ein gewisses anarchistisches Element ist nicht von der Hand zu weisen: Basisdemokratie und Hierarchiefreiheit sind praktisch aus der Gruppendynamik heraus entstanden &#8211; damit h\u00e4tte ich so nicht gerechnet.&#8220;<\/p>\n<p>Damit bezieht sie sich auch auf einen der wichtigsten Aspekte des Social Center; es machen nicht nur erfahrene Aktivist_innen mit, sondern auch sogenannte &#8222;Polit-Neulinge&#8220;.<\/p>\n<p>Alle m\u00f6glichen Menschen bringen alle m\u00f6glichen Ideen und Ans\u00e4tze in die Gruppe mit ein, und genau das ist es auch, was die Gruppe und ihre Dynamik ausmacht. Hier lernen nicht nur alle gemeinsam, sondern auch voneinander.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen des Wochenendes der Besetzung zeigten auch, wie schnell verschiedene Gruppen von Menschen, welche das selbe Bed\u00fcrfnis nach Freiraum haben, zueinander finden k\u00f6nnen. So machte sich eine Gruppe von ca. 70 Refugees aus einer Leipziger Unterkunft spontan in die Platostra\u00dfe auf, nachdem sie von der Besetzung erfahren hatte.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage, warum das Social Center jetzt kommen soll und wem es eigentlich n\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die Antwort darauf ist gar nicht so schwer: In Zeiten, in denen sich die Rechte zunehmend anschickt, soziale Themen wieder einmal f\u00fcr sich zu beanspruchen und im selben Atemzug gegen Gefl\u00fcchtete und andere Minderheiten zu hetzen, ist es umso wichtiger, dass die progressive Linke nicht nur in ihrer Abwehrhaltung bleibt, sondern auch aktiv dazu \u00fcbergeht, Themenfelder zu besetzen.<\/p>\n<p>Um das zu verwirklichen, ist die Gr\u00fcndung von Sozialen Zentren sicher nicht der einzige Weg, aber doch ein ziemlich effektiver. Es gibt kaum eine bessere M\u00f6glichkeit, verschiedene soziale K\u00e4mpfe miteinander zu verbinden, als in einem Raum, der permanent allen offensteht f\u00fcr Plena, Veranstaltungen oder auch einfach nur zum Ausruhen.<\/p>\n<p>Das ist umso wichtiger vor dem Hintergrund der Tatsache, dass man in der linken Szene zwar immer wieder betont, dass soziale K\u00e4mpfe nicht getrennt voneinander gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, sondern das immer das gro\u00dfe Ganze in den Blick genommen und dabei konkrete lokale L\u00f6sungsans\u00e4tze gefunden werden m\u00fcssen, dies in der Praxis aber nur selten geschieht.<\/p>\n<p>Ein trauriger Umstand, denn Hausbesetzungen k\u00f6nnen in der Tat eine linke Antwort auf soziale Fragen sein &#8211; wenn man es nur richtig angeht.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Die Aktivist_innen des Social Center 4 All Leipzig haben bereits ein Wochenende lang gezeigt, wie man es richtig macht. Sie haben gezeigt, dass es m\u00f6glich ist, verschiedene antikapitalistische, antirassistische und soziale K\u00e4mpfe zu einen und dabei Synergien freizusetzen.<\/p>\n<p>Es bleibt zu hoffen, dass die Aktivist_innen ihre Motivation nicht verlieren und dass die Solidarit\u00e4t aus anderen St\u00e4dten noch st\u00e4rker wird, als sie ohnehin schon ist. W\u00fcnschenswert w\u00e4re es ebenfalls, dass das Beispiel Schule machte und sich bald im ganzen Land sozialeZentren gr\u00fcnden w\u00fcrden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Ursprung der Idee zur Gr\u00fcndung von Social Center 4 All lieferte ein trauriger Anlass: Mehrere Dutzend Gefl\u00fcchtete sollten im Sommer 2015 nach Heidenau gebracht werden &#8211; ausgerechnet an den Ort, welcher kurze Zeit zuvor aufgrund der dortigen rassistischen Ausschreitungen wochenlang in den Medien pr\u00e4sent war. In dem Wissen, dass eine Verlegung der Gefl\u00fcchteten f\u00fcr &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/06\/das-social-center-4-all-in-leipzig\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Das Social Center 4 All in Leipzig - graswurzelrevolution","description":"Den Ursprung der Idee zur Gr\u00fcndung von Social Center 4 All lieferte ein trauriger Anlass: Mehrere Dutzend Gefl\u00fcchtete sollten im Sommer 2015 nach Heidenau gebra"},"footnotes":""},"categories":[896,1042],"tags":[],"class_list":["post-15341","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-410-sommer-2016","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15341","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15341"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15341\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15341"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15341"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15341"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}