{"id":15374,"date":"2016-09-01T00:00:00","date_gmt":"2016-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/09\/der-inbegriff-von-freiheit-und-sozialer-gerechtigkeit\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:55","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:55","slug":"der-inbegriff-von-freiheit-und-sozialer-gerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/09\/der-inbegriff-von-freiheit-und-sozialer-gerechtigkeit\/","title":{"rendered":"Der Inbegriff von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Stell dich bitte mal vor.<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>Aufgewachsen bin ich in Lorch im Rheingau, einem Weinbaudorf unterhalb von Wiesbaden. Es war eine idyllische Kindheit, mit viel Natur.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Wie hast du dich dann politisiert? Wie kamst du zum Anarchismus?<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>Wenn die Idylle zu idyllisch ist, dann ist es letztendlich doch nicht so toll. Das Dorf war damals zu 99 Prozent erzkatholisch. In diesem erzkonservativen Nest gab es dann die Jugendgeneration derejenigen, die etwas \u00e4lter als ich waren und ein selbstverwaltetes autonomes Jugendzentrum durchgesetzt haben. In dem waren wir mit 14, 15 Jahren zugange, haben viel diskutiert, gefeiert, uns verliebt. Wir wollten ein ganz anderes Leben. Anfang der 1980er Jahre kamen da auch die \u00d6kologie- und Selbstverwaltungsbewegungen auf.<\/p>\n<p>Im Rhein-Main-Gebiet begann der Widerstand gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens gr\u00f6\u00dfer zu werden. Die Anti-AKW-Bewegung und besetzte H\u00e4user interessierten mich. Gemeinsam mit meinen FreundInnen sind wir dann h\u00e4ufig auf Demos gefahren, nach Wiesbaden, Frankfurt, an die Startbahn, sp\u00e4ter nach Wackersdorf. So war das eine schnell von statten gehende Politisierung, mit 13 noch eher in der Natur zugange und Fu\u00dfball spielen und mit 15, 16 Jahren ein Schnelleinstieg in die Alternativ- und \u00d6ko-Bewegung. Hervorgerufen durch die Auseinandersetzungen an der Startbahn West war ich ab da vor allem in der autonomen Szene in Wiesbaden unterwegs, ab 1980\/ 81.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Was verstehst du unter Anarchie?<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>F\u00fcr mich ist Anarchie der Inbegriff von Freiheit. Dabei ist ein ganz wichtiger Bestandteil dieser Freiheit die soziale Gerechtigkeit. Ohne soziale Gerechtigkeit verkommt Freiheit zur Herrschaft der Starken \u00fcber die Schwachen, zu dem, was wir in den letzten Jahren zunehmend auch in Europa sehen. Die Freiheit derjenigen, die es sich leisten k\u00f6nnen, das w\u00e4re in Reinform das, was die herrschende Politik und die Wirtschaftseliten versuchen mit aller Macht durchzusetzen. Wogegen wir uns wehren.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Bernd Dr\u00fccke: Wie haben deine Freunde und deine Familie auf deine Politisierung reagiert?<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>Wir haben uns auf unterschiedliche Weise gemeinsam politisiert und radikalisiert. Sp\u00e4testens 1980 mit der Besetzung im Startbahn-Wald und 1981 mit der H\u00fcttendorfr\u00e4umung und den Auseinandersetzungen um die Startbahn ging es Tausenden von Jugendlichen \u00e4hnlich wie mir. Das hei\u00dft, in meinem Freundeskreis war das keine Frage, einige haben sich mehr radikalisiert, andere weniger. Dass von den Tausenden nur wenige \u00fcbriggeblieben sind, h\u00e4ngt mit individuell unterschiedlichen Lebensentscheidungen, der r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und staatlicher Repression zusammen. Die st\u00e4ndige Konfrontation mit der Polizei, die Verhaftungen, Razzien und die Toten (G\u00fcnter Sare, 28.9.1985 ; Conny Wessmann, 17.11.1989) haben viele traumatisiert. Ein tiefer Einschnitt waren dar\u00fcber hinaus die toten Polizisten nach Sch\u00fcssen aus einer Demo an der Startbahn am 2.11.1987, die das Selbstbild einer ganzen Bewegung in Frage stellten.<\/p>\n<p>Meine Eltern hatten bis zu dieser Zeit mit Politik eigentlich nichts am Hut. Mein Vater war B\u00fcrokaufmann, meine Mutter Hausfrau. Sp\u00e4ter hat sie wieder als Sekret\u00e4rin gearbeitet. Die Beiden haben sich mit dem Erwachsenwerden ihrer politisierten Kinder selbst politisiert. Sie sind mit uns an die Startbahn gefahren, waren auf Friedensdemos, haben sich der \u00d6kologiebewegung angeschlossen und den B.U.N.D. (Bund f\u00fcr Umwelt- und Naturschutz Deutschland) im Dorf gegr\u00fcndet. Sie wurden zu der Zeit angefeindet, weil der B.U.N.D. in Lorch als &#8222;Die Gr\u00fcnen&#8220; galt. Und &#8222;Die Gr\u00fcnen&#8220; waren f\u00fcr viele &#8222;Terroristen&#8220;.<\/p>\n<p>Dass ich als Jung\u00f6ko aus dem Dorf rauskomme, nach Abi und G\u00e4rtnerlehre nach Wiesbaden ziehe und Anarchist werde, das war noch nicht unbedingt ausgemacht. Das h\u00e4ngt mit einer Besonderheit des Rhein-Main-Gebiets der damaligen Zeit und speziell Wiesbadens zusammen. Es gab da eine extreme Aufspaltung der autonomen Bewegung in sogenannte Anti-Imps und eher antiautorit\u00e4re, anarchistische Str\u00f6mungen. Das lag daran, dass es in Wiesbaden eine starke Fraktion der anti-imperialistischen Szene gab, weil einige der Untergetauchten der Dritten RAF-Generation wie Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams aus Wiesbaden stammten.<\/p>\n<p>Als Neuank\u00f6mmlinge vom Dorf &#8211; wir sind mit einer kleinen Gruppe nach Wiesbaden gezogen, um im Caf\u00e9 Klatsch-Kollektiv zu arbeiten &#8211; wurden wir agitiert von den verschiedenen Str\u00f6mungen der Szene. Vor allem die Anti-Imps haben WG-Besuche gemacht und zu Gespr\u00e4chen gebeten, um die radikale Jugend f\u00fcr sich zu gewinnen. Mir war das alles zu strikt, zu gewollt konspirativ, zu kommunistisch, zu wenig frei. Sp\u00e4testens seit der Ermordung des US-GIs Edward Pimental am 8.8.1985, den die RAF hingerichtet hat, um an seine ID-Karte zu kommen, war mir klar, dass ich mit dieser Art von Politik nichts zu tun haben m\u00f6chte, dass sie mit Befreiung und Freiheit nichts zu tun hat, sondern nur eine neue Art der Unterdr\u00fcckung ist. Es war in Wiesbaden eine krasse Auseinandersetzung, dass die gro\u00dfe autonome Szene gemeinsam an der Startbahn, der Hamburger Hafenstra\u00dfe, in Brokdorf oder Wackersdorf gegen den Staat, gegen die Polizeitruppen in sehr militanten Auseinandersetzungen gek\u00e4mpft hat und andererseits so zerstritten war, dass es teilweise zu k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen kam. Wie beim Antiimperialistischen Kongress 1986 in Frankfurt, als die selben autonomen Anti-Imps, die an der Startbahn gemeinsam mit uns militant gegen den Versuch der Bullen ank\u00e4mpften, ein generelles Demoverbot durchzusetzen, nun Taschen- und K\u00f6rperkontrollen bei uns durchf\u00fchren wollten. Wir haben das verweigert, versucht den Eingang zu st\u00fcrmen und den Kongress schlie\u00dflich boykottiert. Da war mir klar, meine politische Richtung ist auf Seiten der Freiheit und nicht auf Seiten so einer Stalino- und Kopfschusspolitik.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Dann hast du dich in einer Wiesbadener anarchistischen Gruppe engagiert?<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>Nee, ich bin ins Caf\u00e9 Klatsch eingestiegen. Das ist ein gro\u00dfes Kollektiv, welches heute nach 33 Jahren noch existiert. Nach einer bundesweiten Unterst\u00fctzungskampagne gelang es dem heutigen Kollektiv im Januar 2016 die R\u00e4umlichkeiten zu kaufen. Das Caf\u00e9 war der damalige Szenetreff in Wiesbaden. Wir waren 32 Leute zu der Zeit im Klatsch, sehr politisiert. Es haben dort Feministinnen, AnarchistInnen, Autonome, Anti-Imps, Antifa, \u00d6kos und kommunistisch orientierte Leute zusammen gearbeitet. Wir hatten innerhalb des Kollektivs heftige Auseinandersetzungen. Aber das Klatsch als Ganzes tendierte zum anarchistischen Teil der autonomen Bewegung, w\u00e4hrend der damalige Infoladen in Wiesbaden die Hochburg der Anti-Imp-Szene war. Ich habe mich hauptberuflich als Mitglied des Caf\u00e9-Klatsch-Kollektivs verstanden und bin au\u00dferdem in den AKU (Arbeitskreis Umwelt) Wiesbaden eingetreten, der eine \u00f6kologisch-libert\u00e4re Richtung vertritt, heute noch Anti-Atom-Politik macht, in den letzten Jahren verst\u00e4rkt gegen Kohlekraftwerke mobilisiert und zur damaligen Zeit bei Hausbesetzungen aktiv war. Als Bezugspunkte m\u00f6chte ich noch die autonome Frauenbewegung und die Aktionen und Texte der RZ (Revolution\u00e4re Zellen und Rote Zora) in dieser Zeit erw\u00e4hnen. Mir war klar, dass es nicht den einen wahren Kampf gibt, sondern dass die vielen Teilbereichsk\u00e4mpfe miteinander verbunden sein sollten. Die verschiedenen gesellschaftlichen K\u00e4mpfe sollten zusammen gebracht werden. Um erfolgreich zu sein, m\u00fcssen wir den Zusammenhang zwischen \u00d6kologie, sozialer Unterdr\u00fcckung, ungerechten L\u00f6hnen und Freiheitsk\u00e4mpfen, die damals ja weltweit stattfanden, klar machen. Da bot mir der Anarchismus die bei weitem \u00fcberzeugendsten L\u00f6sungen.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Du bist aktiv in der FAU. Erz\u00e4hl mal.<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>Die FAU ist eine anarchistische Basisgewerkschaft. Sie wurde 1977 nach dem gro\u00dfen anarchosyndikalistischen Kongress in Barcelona gegr\u00fcndet, in Tradition der Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD), die von den Faschisten 1933 zerschlagen worden war.<\/p>\n<p>In den 1980er Jahren hatte mich gewerkschaftliche Organisierung nicht interessiert. Wir hatten im Klatsch nat\u00fcrlich auch die Direkte Aktion (DA) als Leseexemplar und haben sie auch verkauft. Zwei meiner Mitkollektivisten waren FAU-Mitglieder. Aber Gewerkschafter waren f\u00fcr mich vor allem dickb\u00e4uchige, schnauzb\u00e4rtige M\u00e4nner, die nichts mit meinem Lebensgef\u00fchl zu tun hatten. Ich war Hausbesetzer, militanter Umweltaktivist, Kollektivist. Auf die Idee, mich in der FAU zu organisieren, kam ich Ende der 1990er Jahre in Griechenland, da dort die AnarchistInnen viel organisierter waren, als ich es aus Deutschland kannte. Sie waren alle in festen Gruppen organisiert und hatten Pl\u00e4ne. Sie haben mehr auf die Beine gestellt als wir. In ihren besetzten H\u00e4usern, gemieteten Treffpunkten und Zentren hatten sie viele internationale Zeitungen. In einem dieser Zentren, in Thessalon\u00edki, begann ich regelm\u00e4\u00dfig die DA zu lesen und war recht angetan. In mir reifte der Entschluss, sollte ich denn zur\u00fcck nach Deutschland gehen, dass ich nicht mehr als frei fliegender Anarcho in der autonomen Szene agieren, sondern mich in einer festen Gruppe organisieren will.<\/p>\n<p>Ich bin Anfang der 2000er Jahre zur\u00fcck nach Wiesbaden und hatte im Rhein-Main-Gebiet das Problem, dass es keine anarchistischen Gruppen gab. Es gab aber die FAU. Da dachte ich, dass es f\u00fcr einen Anarchisten, der auf Lohnarbeit angewiesen ist, nat\u00fcrlich w\u00e4re, sich in der Gewerkschaft zu organisieren, die mir ideologisch am n\u00e4chsten steht. Das war die FAU. Seitdem bin ich in der FAU Frankfurt organisiert und halte das f\u00fcr einen richtigen Weg, um in Deutschland im Bereich der Arbeit Ver\u00e4nderungen zu erk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Wie du sind viele durch die DA auf die FAU aufmerksam geworden. Jetzt wurde auf dem FAU-Kongress 2016 beschlossen, die DA nicht mehr herauszugeben. Es gibt sie nur noch online. Somit ist die FAU vermutlich die erste Gewerkschaft ohne eigene Zeitung?<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>Ob das die erste Gewerkschaft ohne eigene Zeitung ist, glaube ich eher nicht. Den Beschluss halte ich dennoch f\u00fcr eine Katastrophe. Er ist politisch falsch, da die DA das Aush\u00e4ngeschild der FAU ist, die in Kneipen, Zentren, besetzten H\u00e4usern, auf Demos und gewerkschaftlichen Mobilisierungen verteilt und mit Interesse gelesen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Online-Zeitung so viel Bekanntheit und so viele Kontakte zu Leuten die man erreichen will bringen kann. Ich glaube nicht, dass der Beschluss endg\u00fcltig sein wird, da wir viele in der FAU sind, die ein starkes Interesse daran haben, dass die DA als Printmedium bestehen bleibt. Da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ich schreibe ja auch seit vielen Jahren f\u00fcr die DA und werde daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass sie nicht eingestellt wird.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Das finde ich gut. Mir erscheint der Beschluss des FAU-Kongresses als politische Dummheit. Es tendiert in Richtung politischer Suizid, wenn eine Gewerkschaft ihr etabliertes und \u00fcber die eigene Mitgliedschaft hinaus beliebtes Sprachrohr ohne Not in die Tonne kloppt.<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>In Erw\u00e4gung gezogen wurde das schon seit zwei Jahren. Es gibt eine starke Fraktion innerhalb der FAU, die behauptet, dass eine Papierzeitung altmodisch sei und dass die FAU-Website wesentlich mehr \u00d6ffentlichkeitswirkung h\u00e4tte.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Wie sch\u00e4tzt du die Situation Neuer Sozialer Bewegungen und des Anarchismus in Deutschland ein?<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>Ich sehe zum einen die gesellschaftliche Entsolidarisierung und europaweite Faschisierung, die voran schreitet. Ich sehe in den letzten Jahren, die FAU betreffend, auch eine zunehmende Bereitschaft von Leuten, die von Natur aus nicht dem Anarchismus nahe stehen, sich innerhalb der FAU zu organisieren. Vor allem in Frankfurt, Berlin, Hannover, Dresden und Leipzig hat die FAU Zuspruch. Interesse erzeugt sie bei Leuten, die sich gewerkschaftlich organisieren wollen und mit den DGB-Gewerkschaften unzufrieden sind. Sie suchen eine selbstbestimmte Art der Organisierung, wollen selbst entscheiden, was in ihrem Namen geschieht, sind nicht mehr bereit, sich diktieren zu lassen, wann sie auf die Stra\u00dfe gehen, wann sie streiken, wann sie ihre Stimme erheben. Von daher sehe ich den Ansatz, sich in dieser immer krasser werdenden gesellschaftlichen Entsolidarisierung, mit uns AnarchistInnen gewerkschaftlich zu organisieren.<\/p>\n<p>Andererseits ist die anarchistische Bewegung in Deutschland immer noch so schwach, dass sie f\u00fcr breite Teile der Bev\u00f6lkerung leider keine Alternative bietet. Es ist weitgehend eine Jugendbewegung, dominiert von jungen Menschen, die aus dem Alltag ausbrechen und etwas anderes ausprobieren wollen, was ja auch ok ist. Doch die meisten beenden irgendwann ihre Lehre oder ihr Studium und steigen aus ihren anarchistischen Zirkeln aus, weil es f\u00fcr viele \u00c4ltere keine Perspektive in der Bewegung gibt. Das ist einer der Schwachpunkte. Wir sollten kapieren, dass der Anarchismus Antworten und Perspektiven f\u00fcr Jugendliche, f\u00fcr Auszubildende, f\u00fcr Leute im Studium, sowie f\u00fcr Eltern, f\u00fcr alleinerziehende M\u00fctter und V\u00e4ter, f\u00fcr RentnerInnen bereitstellen muss. Wenn wir das schaffen, dass nicht mehr der junge, radikale Vorzeigeanarchist in einem bunten, besetzten Haus leben muss, sondern dass Leute sich auch, wenn sie es denn wollen, in einem Reihenhaus aktiv an der anarchistischen Bewegung beteiligen und dass es auch Treffpunkte f\u00fcr \u00c4ltere in der Bewegung gibt, dann w\u00e4ren wir weiter. Viele sind unzufrieden mit dem, was hier momentan existiert. Und es ist nicht absehbar, dass in den n\u00e4chsten Jahren von Seiten der Politik und der Wirtschaftseliten irgendetwas in Richtung solidarischer Gesellschaft ver\u00e4ndert werden soll, im Gegenteil.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Du bist oft in Griechenland und schreibst \u00fcber Soziale Bewegungen dort. Wie siehst du die gegenw\u00e4rtige Situation? Wie sch\u00e4tzt du die Politik der Syriza-Regierung ein?<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>Die Situation in Griechenland ist seit sechs Jahren eine Katastrophe. Sie wird mit jedem durchgesetzten Spardiktat schlimmer. Politisches Desinteresse, Ellbogenmentalit\u00e4t und die Propaganda der Massenmedien in Deutschland sorgen daf\u00fcr, dass hier ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung an den Sinn irgendwelcher &#8222;Rettungspakete&#8220; glaubt, unabh\u00e4ngig davon, ob sie diese bef\u00fcrwortet oder nicht, und sich nicht aktiv gegen diese f\u00fcr Griechenland zerst\u00f6rerische Politik engagiert. Diese sogenannten Rettungspakete retten einzig und allein das Gro\u00dfkapital, die Banken und auch den deutschen Staat, der hervorragende Gewinne mit den Geldern gemacht hat, die nach Griechenland transferiert wurden. Bei der griechischen Bev\u00f6lkerung kommt nichts davon an. Die Leute verarmen.<\/p>\n<p>Mehr als 35 % der GriechInnen sind nicht mehr krankenversichert, es herrscht eine Arbeitslosigkeit von offiziell 27 %. Das ist eine Katastrophe, vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass die Zahlen seit zwei Jahren stabil auf diesem Niveau bleiben, weil massenhaft Leute nicht mehr in die Statistiken mit eingerechnet werden und vor allem junge, gut ausgebildete Leute in gro\u00dfer Zahl ausgewandert sind, u.a. nach Deutschland.<\/p>\n<p>Momentan verfolgen wir in Griechenland den vielleicht vorletzten Akt des Desasters: Eine von Sozialdemokraten und Konservativen entt\u00e4uschte Bev\u00f6lkerung w\u00e4hlte 2015 zum ersten Mal die sogenannte radikale Linke in die Regierung, also Syriza mit Al\u00e9xis Ts\u00edpras als Ministerpr\u00e4sidenten, in der Hoffnung, dass sie die Spardiktate stoppen und eine neue Politik einleiten k\u00f6nnten. Die Menschen m\u00fcssen nun mit Entt\u00e4uschung feststellen, dass Ts\u00edpras und der Teil von Syriza, der noch in der Partei aktiv ist, es innerhalb von f\u00fcnf Monaten schafften, auf Linie der fr\u00fcheren Pasok- und N\u00e9a Dimokrat\u00eda (ND)-Regierungen einzuschwenken. Im Gleichschritt mit Sch\u00e4uble, Merkel, Hollande und sonstigen F\u00fchrern der EU werden die Spardiktate gegen alle Widerst\u00e4nde durchgesetzt.<\/p>\n<p>Im Jahr 2016 wurden die 14 gewinnbringenden Regionalflugh\u00e4fen Griechenlands an den Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport verkauft. Das sind die Flugh\u00e4fen, die dem Land Geld einbrachten. Die anderen 23 Lokalflugh\u00e4fen, die kleine Inseln mit dem Lebensnotwendigen versorgen und deswegen staatlich subventioniert werden m\u00fcssen, sind nach wie vor im griechischen Staatsbesitz, weil sich Fraport nicht f\u00fcr Flugh\u00e4fen interessiert, die man subventionieren muss. Die Fraport AG befindet sich zu 51 Prozent im Besitz des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt. F\u00fcr die n\u00e4chsten 40 Jahre hat sie sich alle Gewinnoptionen gesichert und dem griechischen Staat die Haftung f\u00fcr m\u00f6gliche Verluste aufgeb\u00fcrdet. So muss die griechische Staatskasse Opfer von Arbeitsunf\u00e4llen auch dann auszahlen, wenn Fraport f\u00fcr diese verantwortlich ist. Auch Abfindungen f\u00fcr entlassene Angestellte \u00fcbernimmt Griechenland. Bei m\u00f6glichen Streiks der Besch\u00e4ftigten wiederum haftet der Staat f\u00fcr entgangene Gewinne des Konzerns, der dar\u00fcber hinaus von allen ma\u00dfgeblichen Steuern befreit ist. Das Beispiel zeigt, wie verlogen die Propaganda ist, dass die Zwangsprivatisierungen dem griechischen Staat und der Bev\u00f6lkerung etwas bringen. Ich nenne es neokoloniale Ausbeutung. Vor kurzem wurde auch der gr\u00f6\u00dfte Hafen des Landes in Pir\u00e4us an den chinesischen Staatskonzern COSCO (China Ocean Shipping Company) verkauft. Dies wird zur Folge haben, dass die Hafenarbeiter demn\u00e4chst sozusagen zu chinesischen L\u00f6hnen arbeiten und auch der K\u00fcndigungsschutz ausgehebelt werden wird.<\/p>\n<p>Die Politik, die EU, IWF und Syriza in Griechenland betreiben, ist desastr\u00f6s. Die gleiche verbrecherische Politik, wie sie zuvor von EU, IWF, Pasok und ND verfolgt wurde. Der letzte Akt dieses griechischen Dramas k\u00f6nnte ein Umschwenken der W\u00e4hlerInnen zu den Faschisten von Chrys\u00ed Avg\u00ed (Goldene Morgenr\u00f6te) sein. Ich kann nicht vorhersagen, ob die Leute wirklich bereit sind, in Massen solche M\u00f6rderbanden zu w\u00e4hlen, aber es liegt zumindest im Bereich des M\u00f6glichen, dass nach der Entzauberung von Syriza vielen bei kommenden Wahlen Chrys\u00ed Avg\u00ed als einzige nicht korrupte Partei Griechenlands erscheint. Es w\u00e4re eine Katastrophe, wenn diese M\u00f6rderbande an die Regierung k\u00e4me. Zu den globalen Entwicklungen w\u00fcrde es durchaus passen.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Auf der anderen Seite gibt es au\u00dferparlamentarische Bewegungen, die zur Selbstorganisation \u00fcbergehen, z.B. Vio.Me oder selbstverwaltete Krankenh\u00e4user.<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>Das ist die positive Seite der Medaille. Sechs Jahre Spardiktat haben auch die au\u00dferparlamentarischen Bewegungen gest\u00e4rkt. Basierend auf einer vorher schon starken anarchistischen Bewegung, die schon immer Selbstverwaltung propagiert, gibt es eine breit gef\u00e4cherte Bewegung, die versucht, \u00fcber Selbstverwaltung, \u00fcber die Aneignung des eigenen Lebens, \u00fcber gegenseitige Hilfe, \u00fcber kollektiven, biologischen Anbau, \u00fcber Landbesetzungen, \u00fcber Hausbesetzungen, das Leben in der Krise gemeinsam zu organisieren. Gro\u00dfe Teile der Projekte sind prek\u00e4r, was hei\u00dft, dass die Leute es zwar schaffen, sich \u00fcber die kollektive Organisierung \u00fcber Wasser zu halten, aber auch klar ist, dass es aus der Not geborene Projekte sind, die immer kurz vorm Zusammenbruch stehen oder von staatlicher Repression bedroht sind.<\/p>\n<p>Solidarische Krankenstationen und Soziale Kliniken gibt es mittlerweile in ganz Griechenland, in jeder kleineren und gr\u00f6\u00dferen Stadt. Bekannt ist die Soziale Klinik der Solidarit\u00e4t (KIA) in Thessalon\u00edki. Die BetreiberInnen sind vor allem linke oder anarchistische \u00c4rztInnen, oder eben KollegInnen mit einem humanistischen Weltbild. Sie versuchen, zumindest eine gesundheitliche Grundversorgung der nicht mehr krankenversicherten Bev\u00f6lkerung sicherzustellen. Sie arbeiten unentgeltlich. Jeder Mensch, unabh\u00e4ngig vom Aufenthaltsstatus, egal ob Griechin, Grieche, Migrantin oder Fl\u00fcchtling, aus welchem Land auch immer, wird in diesen Sozialen Kliniken versorgt. Das geht nat\u00fcrlich nur bis zu einem gewissen Punkt. Leute, die Krebs haben, HIV-Infizierte oder Menschen, die eine schwierige Operation ben\u00f6tigen, k\u00f6nnen nicht versorgt werden und m\u00fcssen in einem normalen Krankenhaus behandelt werden. Das zeigt auch die Grenzen der Sozialen Kliniken, die eine super Arbeit leisten, der Bev\u00f6lkerung noch eine gute Grundversorgung garantieren, selbstverwaltet und au\u00dferstaatlich. Sie verf\u00fcgen aber nicht \u00fcber die Mittel der gro\u00dfen Krankenh\u00e4user, \u00fcber Maschinen, \u00fcber Medikamente, \u00fcber staatliche Zusch\u00fcsse. Sie k\u00f6nnen somit nicht wirklich ernsthafte Krankheiten behandeln. Das wird einer der Bereiche sein, die wir als AnarchistInnen angehen m\u00fcssen, n\u00e4mlich in der Lage zu sein, \u00fcber das absolut N\u00f6tigste hinaus die Versorgung der kompletten Bev\u00f6lkerung hinzubekommen.<\/p>\n<p>Das andere Projekt, das du ansprachst, ist Vio.Me, die erste besetzte und selbstverwaltete Fabrik in Griechenland. Mittlerweile gibt es noch eine weitere, ein S\u00e4gewerk (vgl. GWR 410). Die Arbeiter von Vio.Me haben ihre Fabrik im Mai 2011 besetzt, nachdem sich die damaligen Besitzer vom Acker gemacht und die Leute schon seit einem Jahr keine L\u00f6hne mehr erhalten hatten. Sie haben dann nach langen Diskussionen mit vielen Leuten aus den au\u00dferparlamentarischen und anarchistischen Bewegungen und mit selbstverwaltet arbeitenden Genossen, die aus Argentinien zu Besuch waren, 2013 beschlossen, die Produktion unter eigener Regie wieder aufzunehmen. Seitdem stellen sie umweltfreundliche Reinigungsmittel, Waschmittel und Seifen her. Die kleinen Vio.Me-Seifen haben auch in Deutschland eine gewisse Ber\u00fchmtheit erlangt, weil sie auf Solidarit\u00e4tsfesten, B\u00fcchertischen und Demonstrationen verkauft werden. Seit drei Jahren wird selbstverwaltet produziert, auch nur mit wenig Geld; aber die ArbeiterInnen, die sich an dem Projekt beteiligen, sind begeistert. Sie haben seit drei Jahren ihr Leben selbst in der Hand, bestimmen alles selbst und erleben eine einzigartige Solidarit\u00e4t aus vielen Teilen Europas und vor allem aus Griechenland, die sie so vorher weder erwartet hatten noch kannten. Diese ArbeiterInnen hatten zuvor weder mit der anarchistischen Bewegung noch mit anderen radikalen Bewegungen zu tun. Sie waren einfache FabrikarbeiterInnen, die hofften, ihr Auskommen \u00fcber eine normale Arbeit zu finden.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Welche Perspektiven siehst du f\u00fcr Soziale Bewegungen in Deutschland und Griechenland? Was m\u00f6chtest du als Schlusswort loswerden?<\/b><\/p>\n<p><i>Ralf Dreis: <\/i>Im Vergleich zu Griechenland fehlt mir in Deutschland eine zuverl\u00e4ssige Organisierung der Menschen, die sich als AnarchistInnen verstehen. Das ist mir zu viel auf &#8222;Heute habe ich Bock, morgen habe ich keinen Bock&#8220; ausgerichtet. Freiheit und Selbstbestimmung schlie\u00dfen auch (Selbst-)Disziplin mit ein. Wenn wir eine andere Gesellschaft aufbauen wollen, dann geht es nicht nach dem Bock-Prinzip, sondern dann ist relativ viel Arbeit n\u00f6tig. Und viele Diskussionen. In Griechenland ist die Frage momentan eine ganz andere. Dort gibt es zwar eine relativ starke anarchistische Bewegung, deren Problem ist aber, das scheint eine allgemeine Krankheit der Linken, der Bewegungen weltweit zu sein, ihre Zerstrittenheit. Die Gruppen sind teilweise so ideologisch miteinander verfeindet, dass einige anarchistische Gruppen mehr Wert darauf legen, andere anarchistische Gruppen zu bek\u00e4mpfen als Gemeinsamkeiten zu suchen, Gemeinsamkeiten auch zu finden und gemeinsam gegen die Spardiktate, gegen das Krisendiktat der EU und der griechischen Regierung vorzugehen. Das w\u00e4re das naheliegende Ziel in Griechenland, dass sich die Leute auf Gemeinsamkeiten besinnen, statt st\u00e4ndig Unterschiede zu betonen und die bis ins Letzte auszutragen.<\/p>\n<p>Ansonsten gilt hier wie dort: Staat und Kapital angreifen, Rassisten und Sexisten bek\u00e4mpfen, selbstverwaltete Strukturen ausbauen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke: Stell dich bitte mal vor. Ralf Dreis: Aufgewachsen bin ich in Lorch im Rheingau, einem Weinbaudorf unterhalb von Wiesbaden. Es war eine idyllische Kindheit, mit viel Natur. Bernd Dr\u00fccke: Wie hast du dich dann politisiert? 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