{"id":15376,"date":"2016-09-01T00:00:00","date_gmt":"2016-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/09\/die-andere-form-des-terrors-amok\/"},"modified":"2022-07-26T13:30:55","modified_gmt":"2022-07-26T11:30:55","slug":"die-andere-form-des-terrors-amok","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/09\/die-andere-form-des-terrors-amok\/","title":{"rendered":"Die andere Form des Terrors: Amok"},"content":{"rendered":"<p>Medien, PolitikerInnen, die Terroranschl\u00e4ge in Frankreich und Verlautbarungen des &#8222;Islamischen Staates&#8220; (IS) schufen im Sommer 2016 in Deutschland eine Atmosph\u00e4re, in der alle auf das erste islamistische Attentat warteten, nachdem das Land bisher ausgespart geblieben war.<\/p>\n<p>Wie um diese Erwartung zu best\u00e4tigen, wurde dann die Reihe W\u00fcrzburg, M\u00fcnchen, Ansbach aufgemacht.<\/p>\n<p>Als lie\u00dfe sich das alles unter einer Perspektive zusammenfassen, erkl\u00e4rte Bayerns Ministerpr\u00e4sident Horst Seehofer (CSU): &#8222;Der islamistische Terror ist in Deutschland angekommen.&#8220; ((2)) Obwohl viele wissen, dass islamistische Attent\u00e4ter auch deutsche Staatsb\u00fcrger, im Land aufgewachsen (so wie das auch bei den meisten Attent\u00e4terInnen in Frankreich der Fall ist) sein k\u00f6nnen, verabsolutiert die Rede vom &#8222;Ankommen&#8220; die nat\u00fcrlich auch bestehende M\u00f6glichkeit, dass sich Eingeschleuste, Gefl\u00fcchtete zu vom IS gesteuerten Attentaten hinrei\u00dfen lassen.<\/p>\n<p>Die reflexartige Aneinanderreihung der drei Attentate vom 18., 22. und 24. Juli lenkte die unmittelbare Kritik sofort auf die Fl\u00fcchtlingspolitik Merkels vom letzten Jahr, in der etwa auch die Linke Sahra Wagenknecht &#8222;Gefahrenpotenziale&#8220; entdeckte, die man aufsp\u00fcren m\u00fcsse, damit &#8222;sich die Menschen in unserem Land wieder sicher f\u00fchlen&#8220;. ((3)) Auch auf Seiten der &#8222;Linken&#8220; wurde also suggeriert, von Gefl\u00fcchteten aus Syrien und Afghanistan gingen vorwiegend &#8222;Gefahren&#8220; aus. Auch wenn es dort Kritik an Wagenknecht gab, zeigt das Beispiel, zu welch skandal\u00f6sen Positionen wahltaktischer &#8222;linker&#8220; Opportunismus f\u00fchren kann.<\/p>\n<h3>&#8222;Ich bin Deutscher&#8220;<\/h3>\n<p>Dass die AfD in diesen Chor aus allen parteipolitischen Richtungen an prominenter Stelle mit einstimmte, verwunderte nicht. Noch am Abend des M\u00fcnchner Attentats, das sich schlie\u00dflich als das mit zehn Toten und vielen Verletzten blutigste herausstellte, wollte sie den Beginn einer ganzen islamistischen Anschlagswelle sehen. Tweets von AfD-Mitgliedern sprachen am 22. Juli ohne n\u00e4here Kenntnis des Hergangs, aber sofort in Anspielung auf das b\u00fcrgerbewegte Engagement f\u00fcr Gefl\u00fcchtete von &#8222;verblendeten GutmenschInnen&#8220; (sic!; die Feminisierung wurde dabei gleich mit erledigt), von &#8222;Merklern&#8220; oder von &#8222;Linksidioten&#8220; und fragte im Imperativ: &#8222;Wann macht Frau Merkel endlich die Grenze dicht!&#8220; (sic!)<\/p>\n<p>Doch schnell geschah in der Phase der unmittelbaren Aufkl\u00e4rung zum M\u00fcnchner Attentat das Unerwartete: Auf einem Video, das ihn auf einem Dach zeigte, schrie der in M\u00fcnchen geborene und aufgewachsene T\u00e4ter David S., 18 Jahre alt, klar h\u00f6rbar: &#8222;Ich bin Deutscher!&#8220;<\/p>\n<p>Wenn auch das Bekanntwerden der Tatsache, dass David der Sohn eines eingewanderten Iraners war, wieder in das Raster, nach dem jede Terrorgefahr aus dem Ausland kommen muss, passte, wurde dieses endg\u00fcltig zerst\u00f6rt, als die gesamte Amoklauf-Szene in den Blick der BeobachterInnen kam; als etwa ein deutscher Freund Davids, ein 15-J\u00e4hriger aus Gerlingen bei Ludwigsburg, unter Verdacht eines Amoklaufs festgenommen wurde, weil er unter &#8222;Diabolic Psychopath&#8220; die M\u00f6rder Eric Harris und Dylan Klebold, die T\u00e4ter des Amoklaufs 1999 in Columbine\/USA (siehe dazu den Dokumentarfilm von Michael Moore: &#8222;Bowling for Columbine&#8220;), verherrlicht, au\u00dferdem Messer, Patronen, Chemikalien, Bombenbauanleitungen sowie Fluchtpl\u00e4ne seiner Schule zuhause versteckt hatte. ((4))<\/p>\n<p>Es zeigte sich, dass das zeitliche Zusammentreffen des M\u00fcnchner Attentats mit denen von W\u00fcrzburg und Ansbach rein zuf\u00e4llig war. F\u00fcr David S. war das wirklich bedeutsame Datum der 22. Juli, der 5. Jahrestag des Attentats von Anders Behring Breivik von 2011, war. Letzterer hatte in Norwegen 77 Menschen ermordet, aus antiislamischen, antifeministischen und neofaschistischen Motiven. ((5))<\/p>\n<p>Breivik sieht sich in der Tradition der Kreuzritter. In seiner Kampfschrift, in der er vor &#8222;Marxismus und Islamisierung&#8220; warnt, bezeichnet er sich selbst als &#8222;Justiciar Knight Commander&#8220;. Seinen Ausf\u00fchrungen zufolge ist das der h\u00f6chste Rang bei den Tempelrittern.<\/p>\n<p>Bei der Hausdurchsuchung bei S. wurden alle Ingredenzien eines Amokl\u00e4ufers gefunden, der T\u00e4ter nannte sich im Internet &#8222;Hass&#8220; und &#8222;Amok&#8220;; Peter Langmans Buch &#8222;Amok im Kopf. Warum Sch\u00fcler t\u00f6ten&#8220; \u00fcber Lebensl\u00e4ufe von Amokl\u00e4ufern wurde als Lekt\u00fcre des T\u00e4ters ausgemacht.<\/p>\n<p>Wie viele Amokl\u00e4ufer vor ihm spielte er das Ego-Shooter-Spiel &#8222;Counterstrike&#8220; mit eigener Konfiguration des Tatorts. Er war beh\u00fctet und in geordneten Familienverh\u00e4ltnissen in M\u00fcnchen-Hasenbergl aufgewachsen, zuletzt in den wohlhabenden Nymphenburger H\u00f6fen. Neben Breivik und den Columbine-Amokl\u00e4ufern verehrte er Tim K., den Amokl\u00e4ufer von Winnenden 2009. David war sogar im Mai 2015 vor Ort in Winnenden. Die Waffe, eine Glock 17, hatte neben Breivik auch Robert Steinh\u00e4user, Amokl\u00e4ufer von Erfurt 2002, benutzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr David war der Iran die historische &#8222;Heimst\u00e4tte der Arier&#8220;. Internet-Mitspieler \u00e4u\u00dferten \u00fcber David: &#8222;Er sei sehr nationalistisch gewesen. Auf den Plattformen (&#8230;) \u00e4u\u00dferte er sich so offen fremdenfeindlich, dass viele den Kontakt abbrachen.&#8220;<\/p>\n<p>David war am 20. April 1998 geboren, f\u00fcr ihn eine &#8222;Auszeichnung&#8220;, &#8222;dass sein Geburtstag auf den von Adolf Hitler fiel&#8220;. ((6)) Alle Opfer dieses rassistischen Attent\u00e4ters hatten einen Migrationshintergrund.<\/p>\n<h3>Amokl\u00e4ufe &#8211; Terror von rechts?<\/h3>\n<p>Medien und PolitikerInnen tun sich schwer damit, Amokl\u00e4ufe unter Terrorismus zu fassen. Man sucht das Wort zu vermeiden, oder eiert herum wie der &#8222;Spiegel&#8220;: &#8222;Alles Terror? Mitnichten.&#8220; Dann aber werde es doch schwieriger, &#8222;die eruptive von der geplanten Tat&#8220; zu unterscheiden. &#8222;Irrer oder Islamist? Oder weder noch?&#8220; Fast schon verzweifelt: Es sei eben ein &#8222;Wimmelbild&#8220;. ((7))<\/p>\n<p>Neofaschistische Motive f\u00fcr Terrorismus mag die \u00d6ffentlichkeit gerade jetzt nicht h\u00f6ren, sie passen nicht ins Erwartungsbild: &#8222;Schon vor den Anschl\u00e4gen des Juli hatte die Terrorangst [vor dem Islamismus; d.A.] alle anderen \u00c4ngste der Deutschen in Umfragen verdr\u00e4ngt.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Doch die Szene im Internet, in der sich David bewegte, ist ideologisch immer wieder eindeutig. So sagte ein Mit-Gamer des Spiels &#8222;Doom&#8220;, in dem der Columbine-Amoklauf nachgespielt wurde: &#8222;Ich liebe das System der nat\u00fcrlichen Auslese. Aber leider erfolgt diese unter Menschen nicht mehr.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Eine europ\u00e4ische Studie zu 98 Einzelangriffen von sogenannten &#8222;einsamen W\u00f6lfen&#8220; in der EU, der Schweiz und Norwegen kam zu dem Ergebnis, dass &#8222;von 2009 bis 2014 zwar 38 Prozent \u201areligi\u00f6s motiviert&#8216; waren, aber auch 33 Prozent von Rechtsextremisten begangen wurden.&#8220; ((10)) Hier w\u00e4re noch zu kl\u00e4ren, ob &#8222;religi\u00f6s motiviert&#8220; in jedem Fall islamistisch bedeutet, Breivik war \u00fcberzeugt, mit seinem Massenmord das christliche Abendland zu verteidigen.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis kehrt sich f\u00fcr die BRD deutlich um: Einerseits sind die durch islamistischen Terror Ermordeten noch immer sehr wenige (im Wesentlichen die Attent\u00e4ter von Ansbach und W\u00fcrzburg selbst, der Messermord eines Syrers am 24. Juli in Reutlingen ((11)) war offensichtlich nicht islamistisch motiviert). Dazu der &#8222;Spiegel&#8220;: &#8222;Seit der Axtattacke von W\u00fcrzburg jedenfalls greifen Bundesb\u00fcrger wieder zur Selbstjustiz. Im nieders\u00e4chsischen Gailhof und im nordrhein-westf\u00e4lischen R\u00f6srath wurden Asylbewerber auf offener Stra\u00dfe attackiert. Im s\u00e4chsischen Niesky fielen aus einem Auto heraus Sch\u00fcsse auf eine Asylunterkunft. In Dresden, Heidenau und K\u00f6nigstein malten Unbekannte Leichenumrisse vor die Bahnh\u00f6fe und hinterlie\u00dfen Flugbl\u00e4tter mit der Aufschrift \u201aMigration t\u00f6tet&#8216;.&#8220; ((12))<\/p>\n<p>Auch an die Opfer der NSU-Mordserie sei an dieser Stelle erinnert, wenngleich es sich hier gerade nicht um Einzelt\u00e4terInnen handelte.<\/p>\n<h3>Narzisstische Kr\u00e4nkung des Amokl\u00e4ufers und des islamistischen Terroristen<\/h3>\n<p>David Sonboly wurde in der Schule gemobbt. Er habe schwer Anschluss gefunden und sei oft schikaniert worden. &#8222;Er habe so weibisch geredet, sagen Leute, die Sonboly aus der Schulzeit kannten. Auch sein Gang, der wirkte, als h\u00e4tte er einen Handball zwischen den Beinen, gab Anlass zu H\u00e4nseleien. (&#8230;) Ein anderes Mal meldet er sich bei der Polizei, weil er von drei Jugendlichen verdroschen wurde. (&#8230;) In dieser Zeit entwickelt David offenbar einen Hass auf T\u00fcrken und Araber, die, so berichten Mitsch\u00fcler, zu seinen gr\u00f6\u00dften Peinigern geh\u00f6rten.&#8220; ((13))<\/p>\n<p>Auch islamistische Attent\u00e4ter sind in der Regel jung und haben bereits in fr\u00fchem Alter, oft schon in der Schule und in Familienkreisen, eine Kr\u00e4nkung ihres Selbst erlebt, die sie offenbar nicht verarbeiten konnten, wodurch sie suizidgef\u00e4hrdet wurden oder einen Hass auf die Gesellschaft entwickelten.<\/p>\n<p>Mohammed D., der Ansbacher T\u00e4ter, hatte bereits zwei Suizidversuche unternommen. Franz\u00f6sische Kommentatoren wie Farhad Khosrokhavar ((14)) oder Olivier Roy ((15)) sehen hier eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr einen Verhaltenswandel, der die erlittene Frustration mitunter nach au\u00dfen wendet: Fr\u00fcher brachten sich Depressive still und ohne Aufsehens um, seit dem 11. September 2001 &#8222;nehmen sie andere Menschen mit in den Tod&#8220; ((16)) und\/oder berufen sich dabei auf den IS.<\/p>\n<p>So \u00e4hneln sich islamistische Attent\u00e4ter und Amokl\u00e4ufer, auch wenn Letztere nicht immer einer neofaschistischen Ideologie nachh\u00e4ngen oder diese nachgewiesen werden kann: Der aus Montabaur stammende, deutsche Ko-Pilot Andreas L. nahm an Bord eines Airbus A 320 am 24. M\u00e4rz 2015 genau 149 Flugg\u00e4ste beim Flug Barcelona-D\u00fcsseldorf in den franz\u00f6sischen Alpen mit sich in den Tod. L. lief aus seiner eigenen Sicht Gefahr, im kapitalistischen Wettbewerb um seine Berufskarriere alsbald als Verlierer dazustehen, weil er Angstst\u00f6rungen hatte, Sehst\u00f6rungen, Furcht vor Erblindung und ein Arzt ihn zwei Wochen vor seinem Suizid und Massenmord in eine psychiatrische Klinik einweisen wollte. ((17))<\/p>\n<p>Wer will heute schon ein Loser sein? Ganz besonders \u00fcbrigens nicht in den USA, wo &#8222;Loser&#8220; ein gesellschaftlich verbreitetes Schimpfwort ist, wo es mehr Waffen als EinwohnerInnen gibt und wo die wei\u00dfen, m\u00e4nnlichen und amoklaufenden Terroristen weltweit am zahlreichsten sind.<\/p>\n<p>Aus dieser Sicht heraus besteht bei KommentatorInnen die Versuchung, das so unvermittelt wie als st\u00f6rend registrierte Amokph\u00e4nomen nach der psychologischen Seite hin aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Der Autor und Psychoanalytiker Peter Altmeyer etwa stellt zwar ebenfalls eine \u00c4hnlichkeit zwischen amoklaufendem und islamistischem Terroristen fest, konzentriert sich aber ganz auf das psychologische Erkl\u00e4rungsmuster einer &#8222;enormen Kr\u00e4nkungswut&#8220;, die sich dann in &#8222;eitlem Gr\u00f6\u00dfenwahn&#8220;, einer &#8222;\u00f6ffentlichen Inszenierung von Allmachtphantasien&#8220; Luft mache. Der Amokl\u00e4ufer und der Islamist w\u00fcrden beide \u00fcber l\u00e4ngere Zeit hinweg ein &#8222;rampage killing&#8220; vorbereiten (also kein Gegensatz zwischen &#8222;eruptiver&#8220; und &#8222;geplanter&#8220; Tat), sie seien beide auf der Suche nach &#8222;Resonanz&#8220;, nach einer &#8222;offenen B\u00fchne&#8220;. Es ginge beiden erkennbar darum, &#8222;m\u00f6glichst viele Opfer&#8220; umzubringen, um ihre eigene &#8222;posthume Ber\u00fchmtheit&#8220; zu erzielen. Da gebe es eine &#8222;\u00d6konomie der Aufmerksamkeit&#8220;: Amokl\u00e4ufer und Islamist seien in einem &#8222;pathologischen Narzissmus&#8220; auf eine &#8222;Neugeburt&#8220; aus, die &#8222;aus einer schwachen eine starke Figur, aus dem Gekr\u00e4nkten einen R\u00e4cher, aus dem Verlierer einen Gewinner macht.&#8220; ((18))<\/p>\n<p>Neben der psychologischen Dimension will Altmeyer aber die gesellschaftspolitische Ideologie vieler Amokl\u00e4ufer nicht zur Kenntnis nehmen, dabei gibt es da flie\u00dfende \u00dcberg\u00e4nge, die bei Amokl\u00e4ufern nur unterschiedlich stark ausgepr\u00e4gt sind: &#8222;Es gibt Onlinegruppen, in denen die Grenzen zwischen Ausl\u00e4nderhass, Rechtsextremismus und allgemeiner Menschenverachtung zerflie\u00dfen. Die \u201asocial club misfit gang&#8216; begr\u00fc\u00dft Besucher mit einem Hakenkreuz und den Worten \u201aWillkommen, potenzieller zuk\u00fcnftiger Amokl\u00e4ufer&#8216;. Rund 1600 Mitglieder aus aller Welt geh\u00f6ren dieser virtuellen Gang an.&#8220; ((19))<\/p>\n<p>So auch der 15j\u00e4hrige Freund Sonbolys aus Gerlingen. Er formuliert eine \u00c4sthetik, die die ideologische Verbindung zwischen Amoklauf und Neofaschismus herstellt: &#8222;Ich w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte meine Brandbomben an einem lebendigen K\u00f6rper testen. Ich w\u00fcrde so gerne die verbrannte Haut und den Ru\u00df auf dem Fleisch sehen.&#8220; ((20))<\/p>\n<p>Unter denen, die so denken, endet da nicht manchmal notwendig einer bei einer Wiederholungstat nach dem Vorbild Breiviks? Insofern ist der Terrorismus nicht im Juli 2016 in Deutschland &#8222;angekommen&#8220;, er war l\u00e4ngst da, w\u00fcrden auch Amokl\u00e4ufe und die dahinter stehende \u00c4sthetik als Terror behandelt, nicht nur das islamistische Attentat.<\/p>\n<h3>Hoffnungszeichen der Solidarit\u00e4t anstatt immer neuer Repression<\/h3>\n<p>Wenn Amoklauf und islamistisches Attentat in der politischen und Medien\u00f6ffentlichkeit gleichwertig behandelt w\u00fcrden, best\u00fcnde zwar die Gefahr, dass sich als Nebeneffekt gesellschaftliche \u00c4ngste st\u00e4rker auf psychisch Kranke verlagern. Aber w\u00e4re damit nicht eine andere, fatale und falsche Zuspitzung wenigstens gebrochen?<\/p>\n<p>Dass n\u00e4mlich Gefl\u00fcchtete, die hierzulande Attentate begehen, die einzig vorstellbare Form des Terrors sind, w\u00e4hrend einheimische Amokl\u00e4ufer, die bis heute bei weitem mehr Opfer verursachen, immer mit einem psychologischen Bonus rechnen k\u00f6nnen?<\/p>\n<h3>Warum wird kaum \u00fcber die allt\u00e4glichen rassistisch motivierten Brandanschl\u00e4ge und Angriffe von deutschen RassistInnen auf Fl\u00fcchtlingsheime und MigrantInnen berichtet?<\/h3>\n<p>Seit 1990 wurden Hunderte Menschen in Deutschland durch Neonazis get\u00f6tet. Im gleichen Zeitraum kamen in Deutschland zwei Menschen durch islamistischen Terror ums Leben. Der gr\u00f6\u00dfte (bis heute nicht aufgekl\u00e4rte) Terrorangriff in der deutschen Nachkriegsgeschichte wurde nicht durch Islamisten oder die RAF ver\u00fcbt, sondern am 26.9.1980 von Neonazis. Durch die Explosion einer selbstgebauten Rohrbombe wurden damals auf dem M\u00fcnchner Oktoberfest 13 Menschen get\u00f6tet und 211 verletzt, 68 davon schwer.<\/p>\n<p>Wer sich diese Fakten vergegenw\u00e4rtigt, kann erkennen, dass die Hauptprobleme in Deutschland der Rassismus und der neofaschistische Terrorismus sind. Dies wird in den deutschen Medien aber kaum erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Auch aufgrund dieser unterschiedlichen Wahrnehmung haben sich die regierungsoffiziellen Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Gesetzesversch\u00e4rfungen trotz des M\u00fcnchner Amokl\u00e4ufers wieder schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf Ma\u00dfnahmen gegen MigrantInnen eingependelt, ganz so, als br\u00e4chte eine Kehrtwende bei der Fl\u00fcchtlingspolitik Merkels automatisch ein Ende der Terroranschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Ein Blick nach Frankreich reicht, um das als Mythos zu enttarnen: Dort wurden 2015 insgesamt nur 65.000 Menschen aufgenommen und 30.000 abgeschoben. Wurden dadurch etwa Terroranschl\u00e4ge verhindert?<\/p>\n<p>Sei es die Diskussion um ein Burka-Verbot, um die Abschaffung der doppelten Staatsb\u00fcrgerschaft, um schnellere Verfahren zur Ausweisung, um den Zugriff der Nachrichtendienste auf die Vorratsdatenspeicherung, um verst\u00e4rkte Video\u00fcberwachung, um verst\u00e4rkte Bundeswehr-Eins\u00e4tze im Innern, Fu\u00dffesseln f\u00fcr sogenannte &#8222;Gef\u00e4hrder&#8220; &#8211; alle in der \u00f6ffentlichen Diskussion stehenden Ma\u00dfnahmen zielen auf den Typus des gefl\u00fcchteten, nicht-deutschen, islamistischen Terroristen ab. ((21))<\/p>\n<p>Damit ist \u00fcber die Frage der Wirksamkeit der einzelnen Ma\u00dfnahmen noch gar nichts gesagt. K\u00f6nnte die nicht sogar \u00fcberhaupt vom milit\u00e4rischen Engagement bei den Kriegen im Mittleren Osten abh\u00e4ngen?<\/p>\n<p>Waren solche Ma\u00dfnahmen vielleicht nur deshalb in Spanien und Gro\u00dfbritannien wirksam (beide L\u00e4nder zogen ihre Truppen weitgehend zur\u00fcck), w\u00e4hrend sie in Frankreich, wo das Burkaverbot seit Jahren existiert und jetzt sogar der Schwimmanzug &#8222;Burkini&#8220; verboten wird, allesamt scheiterten?<\/p>\n<p>Nur das Vorhaben, die \u00e4rztliche Schweigepflicht zu lockern, k\u00f6nnte im Prinzip neben traumatisierten B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlingen auch auf Amokl\u00e4ufer abzielen. Zum Gl\u00fcck laufen die \u00c4rztevereinigungen dagegen Sturm. Bereits jetzt sind \u00c4rzte befugt, Beh\u00f6rden zu informieren, wenn in einem Therapiegespr\u00e4ch Attentatspl\u00e4ne offenbar werden. Ansonsten: &#8222;W\u00fcrde man die Regelungen versch\u00e4rfen, f\u00fchrte das m\u00f6glicherweise dazu, dass gef\u00e4hrdete Menschen gar nicht erst zum Therapeuten gingen.&#8220; ((22))<\/p>\n<p>Wieder w\u00fcrde versucht, der Repression den Vorrang vor der Pr\u00e4vention zu geben und etwa die Unterst\u00fctzung f\u00fcr wichtige Einrichtungen wie das Behandlungszentrum f\u00fcr Folteropfer in Berlin der n\u00e4chsten Repressionsschleife zu opfern.<\/p>\n<h3>Lichtblicke<\/h3>\n<p>Doch es gibt auch Lichtblicke angesichts dieses \u00c4ngstesch\u00fcrens und der noch immer einseitigen Ausrichtung der Terrordiskussion auf Gefl\u00fcchtete.<\/p>\n<p>Zu allererst ist hier das aller Hetze zum Trotz anhaltende gro\u00dfe humanit\u00e4re Engagement vieler Fl\u00fcchtlingshelferInnen zu nennen.<\/p>\n<p>Ein Lichtblick ist auch der betr\u00e4chtliche Widerstand bei Abschiebungen: Seit Anfang 2015 wurden laut WDR 637 Abschiebungen abgebrochen. In mindestens 330 F\u00e4llen von diesen 637 geht dies nach Angaben der Tageszeitung &#8222;Neues Deutschland&#8220; auf die Gegenwehr der AsylbewerberInnen zur\u00fcck. In 160 F\u00e4llen haben die Piloten Humanit\u00e4t und Zivilcourage gezeigt und die Entscheidung getroffen, die Person nicht mitzunehmen. ((23))<\/p>\n<p>Auch im Chaos des Attentatsabends des M\u00fcnchner Amokl\u00e4ufers, als durch \u00fcberhitzte und zum Teil verantwortungslose Meldungen in den &#8222;sozialen Netzwerken&#8220; vor einem islamistischen Terrorangriff auf eine ganze Stadt gewarnt wurde, nahmen M\u00fcnchnerInnen &#8222;gestrandete, ver\u00e4ngstigte und panische Menschen bei sich auf.<\/p>\n<p>Auch der Bayerische Landtag und mehrere Moscheen \u00f6ffneten spontan ihre Pforten. Unter dem Hashtag #offenetuer organisierten Twitter-Nutzer Notunterk\u00fcnfte in der Nachbarschaft.&#8220; ((24))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medien, PolitikerInnen, die Terroranschl\u00e4ge in Frankreich und Verlautbarungen des &#8222;Islamischen Staates&#8220; (IS) schufen im Sommer 2016 in Deutschland eine Atmosph\u00e4re, in der alle auf das erste islamistische Attentat warteten, nachdem das Land bisher ausgespart geblieben war. Wie um diese Erwartung zu best\u00e4tigen, wurde dann die Reihe W\u00fcrzburg, M\u00fcnchen, Ansbach aufgemacht. 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