{"id":15383,"date":"2016-09-01T00:00:00","date_gmt":"2016-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/09\/wenn-die-wahl-keine-ist\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:08","slug":"wenn-die-wahl-keine-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/09\/wenn-die-wahl-keine-ist\/","title":{"rendered":"Wenn die Wahl keine ist"},"content":{"rendered":"<p>Gitarrenzupfen, das Trommeln der Djembe und Trompetenkl\u00e4nge leiten den Song &#8222;Pilu Pemilu&#8220; (Die Wahl, die traurig macht) ein. Er stammt von Kepal SPI, einer Gruppe von Stra\u00dfenmusikern und ist eine entspannte Einladung zur Wahlverweigerung. Wer den Rhythmus h\u00f6rt, dem wird es schwer fallen, nicht mit zu wippen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich, als in den 80er Jahren Geborene, klang der Rhythmus des Liedes \u00e4u\u00dferst vertraut, obwohl das Video dazu erst seit 2014 im Netz zu finden ist: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HqspaGE9U_s#t=41<\/p>\n<p>Kepal SPI haben f\u00fcr &#8222;Pilu Pemilu&#8220; einen Wahlmarsch gecovert, der w\u00e4hrend der Suharto-Diktatur bis 1998 st\u00e4ndig in Radio und Fernsehen gespielt wurde.<\/p>\n<p>In der Originalversion des aus Makassar stammenden Komponisten Mochtar Embut ist der Gesang eines Chors, begleitet von Pianokl\u00e4ngen, zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Kepal SPI ver\u00e4nderten nicht nur die instrumentelle Begleitung und den Gesang, sondern auch die Verse des Liedes. Und schufen so mit ihrem 2009 aufgenommenen Song eine Parodie des ehemals staatstragenden Musikst\u00fccks.<\/p>\n<h3>Die Originalverse des Wahlmarsches lauten:<\/h3>\n<p>pemilihan umum sedang memanggil kita\/\/ Die Wahl ruft uns.<br \/> seluruh rakyat menyambut gembira\/\/Das Volk freut sich darauf.<br \/> hak demokrasi pancasila\/\/ Sie ist das demokratische Recht aus unserer Verfassung,<br \/> hikmah Indonesia merdeka\/\/ die Kraft der Unabh\u00e4ngigkeit Indonesiens.<br \/> pilihlah wakilmu yang dapat dipercaya\/\/ W\u00e4hle den Vertreter, der vertrauensw\u00fcrdig ist,<br \/> pengemban ampera yang setia\/\/ das Mandat des Volkes treu zu erf\u00fcllen.<br \/> di bawah undang-undang dasar 45\/\/ Gem\u00e4\u00df unserer Verfassung von 1945<br \/> kita menuju ke pemilihan umum\/\/ gehen wir zur Wahl.<\/p>\n<h3>Und so lautet der &#8222;Wahlmarsch&#8220; von Kepal SPI:<\/h3>\n<p>pemilihan umum telah menipu kita\/\/ Wir wurden betrogen durch die Wahlen.<br \/> seluruh rakyat dipaksa gembira\/\/ Das Volk soll sich dar\u00fcber freuen,<br \/> hak demokrasi dikantongi\/\/ dass es seiner demokratischen Rechte beraubt wird.<br \/> hidup kita belum merdeka\/\/ Unser Leben ist noch nicht unabh\u00e4ngig.<br \/> semua partai asu tak dapat dipercaya\/\/ Keiner Arschloch*-Partei kann man mehr vertrauen,<br \/> ujung-ujungnya cuma duitnya\/\/ am Ende geht es allen nur ums Kohle machen.<br \/> di bawah undang-undang warisan Belanda\/\/ Unter einem Grundgesetz, das uns [die Kolonialmacht] Holland vererbt hat,<br \/> jangan nyoblos ayo tinggal tidur saja\/\/ist es besser, auszuschlafen, als zur Wahl zu gehen.<\/p>\n<p>* &#8222;Asu&#8220; bedeutet w\u00f6rtlich &#8222;Hund&#8220;, wird jedoch im Sinne des deutschen &#8222;Arschloch&#8220; verwendet.<\/p>\n<p>Kepal ist das Akronym f\u00fcr Keluarga Seni Pinggiran Anti Kapitalisasi\/ Familie der marginalisierten K\u00fcnste gegen die Kapitalisierung). SPI steht f\u00fcr Serikat Pengamen Indonesia\/ Gewerkschaft der Stra\u00dfenmusiker Indonesiens. Die seit 2001 bestehende Band hat zwei feste Mitglieder, den S\u00e4nger Mantopane (auch Gonzales genannt) und den Gitarristen Tole. Seit sie auf der Stra\u00dfe singen, wissen die beiden, wie die Lebensbedingungen f\u00fcr die \u00c4rmsten der Bev\u00f6lkerung aussehen. Daher bestehen ihre Texte &#8211; wie bei &#8222;Pilu pemilu&#8220; immer aus Herrschaftskritik.<\/p>\n<p>Die Wahlen der letzten Jahre h\u00e4tten deutlich gezeigt, wie das Volk betrogen worden sei, sagen die Mitglieder von Kepal-SPI. Die schweren Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit seien nicht aufgearbeitet und dauerten, wie zum Beispiel in Westpapua, immer noch an. Die wahren Schuldigen der Ermordungen der Arbeiter-Aktivistin Marsinah (1993) und des Menschenrechtlers Munir Said Thalib (2004), die im Milit\u00e4r bzw. Geheimdienst vermutet werden, seien nach wie vor straffrei. Das Verschwindenlassen des kritischen Poeten Wiji Thukul und weiterer AktivistInnen 1998 wenige Wochen vor dem R\u00fccktritt von Diktator Suharto sei nicht aufgekl\u00e4rt. Und Indonesiens &#8222;Volksvertreter&#8220; betrieben trotz schwerer Umweltsch\u00e4den und Marginalisierung weiter Teile der Bev\u00f6lkerung einfach weiter eine Politik f\u00fcr die Investoren und ihre Gro\u00dfprojekte.<\/p>\n<p>Am Ende ihres Videos, das kurz vor den Parlamentswahlen im April 2014 ins Netz geladen wurde, geben Kepal SPI der indonesischen Bev\u00f6lkerung ihren Segen bei der Verrichtung der &#8222;religi\u00f6sen Pflicht&#8220; der Wahl-Abstinenz &#8211; in Anlehnung an die Transparente, die im Land mit der weltweit gr\u00f6\u00dften muslimischen Bev\u00f6lkerung vor Beginn des Fastenmonats die Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Der Begriff der &#8222;Gruppe der Wei\u00dfen&#8220;, wie sich die Nichtw\u00e4hlerInnen in Indonesien nennen, kam zum ersten Mal im Jahr 1971 auf, als nach der Machtergreifung von Diktator Suharto 1965\/66 zum ersten Mal Wahlen abgehalten wurden. Damals wurde die Wahlverweigerung f\u00fcr einige Intellektuelle und AktivistInnen zu einer Form der Opposition, da die Wahlen nur dazu dienten, das bestehende System zu legitimieren. Eine wirkliche Alternative, die zur Wahl gestanden h\u00e4tte, gab es nicht. Die Begr\u00fcnder der &#8222;Gruppe der Wei\u00dfen&#8220; (golongan putih, golput) riefen also die W\u00e4hlerInnen auf, zu den Wahlurnen zu gehen und ihren Einstich ins Papier au\u00dferhalb der Partei-Felder auf dem wei\u00dfen Rand zu machen. Viele, die sich zur Bewegung der Wei\u00dfw\u00e4hler z\u00e4hlten, blieben den Wahlurnen aus Protest auch ganz fern. Das Spiel wiederholte sich bei allen Wahlen w\u00e4hrend der Suharto-Diktatur.<\/p>\n<p>Auch heute, in der so genannten reformasi, der Zeit nach Suhartos R\u00fccktritt, gibt es viele Menschen, die den Wahlurnen fern bleiben und die weiterhin als golput bezeichnet werden. Bei den Parlamentswahlen 2014 waren es 24,89 Prozent der Bev\u00f6lkerung. Die Zahl ausschlie\u00dflich als Ausdruck politischen Protests zu werten, w\u00e4re jedoch irref\u00fchrend, da sie auch jene Menschen umfasst, die wegen Registrierungsproblemen nicht w\u00e4hlen k\u00f6nnen oder die aus akuten Gr\u00fcnden verhindert sind.<\/p>\n<p>Als ich den Kepal-SPI-S\u00e4nger Mantopane Ende Juli f\u00fcr diesen Artikel interviewte, sagte er, die golput-Bewegung habe noch immer eine wichtige Bedeutung, da viele der KandidatInnen &#8222;alte Gesichter&#8220; seien, die eng mit dem Suharto-Regime verkn\u00fcpft seien. Zwar konkurrierten diese &#8222;alten Gesichter&#8220; um die Stimmen des Volkes, doch Hoffnung auf wirkliche Ver\u00e4nderung gebe es nicht, weder bei Parlaments- noch bei Pr\u00e4sidentschaftswahlen. Der im Wahljahr 2009 entstandene Song &#8222;Pilu Pemilu&#8220; spiegele dieses Gef\u00fchl, so Mantopane. &#8222;Wenn keiner zur Wahl ginge, w\u00e4re sie ung\u00fcltig. Dann k\u00f6nnte die Frage, was das Volk will, erst wirklich gestellt werden. Und dann k\u00f6nnten wir gemeinsam eine L\u00f6sung daf\u00fcr suchen, was wirklich das Beste f\u00fcr die Menschen ist&#8220;, erkl\u00e4rt Mantopane.<\/p>\n<p>Die Parodie des Wahlmarsches erwies sich als effektiver Schritt. Millionen von Menschen, die die Suharto-Diktatur miterlebt haben, kennen den &#8222;alten Marsch&#8220;, f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung hat er noch immer die gr\u00f6\u00dfere G\u00fcltigkeit. Und die etablierten Parteien haben im Wahljahr zus\u00e4tzlich eigene Hymnen, in denen in gro\u00dfen Worten verk\u00fcndet wird, welche Segnungen nach der Wahl auf das Volk warten, und die f\u00fcr teuer erkaufte Sendezeit im Radio und Fernsehen laufen.<\/p>\n<p>Mit &#8222;Pilu Pemilu&#8220; hat die &#8222;Gruppe der Wei\u00dfen&#8220; nun endlich auch ihre eigene Hymne, eine, die viele Anh\u00e4ngerInnen und viel Verbreitung findet &#8211; und das ganz ohne teure Sendezeiten. &#8222;Ich hab den Song oft von bettelnden Menschen auf der Stra\u00dfe geh\u00f6rt&#8220;, sagt Mantopane.<\/p>\n<p>Im Video von Kepal SPI sind auch einige Poster zu sehen, die zum Wahlboykott aufrufen. Sie stammen von der Gruppe Serikat Kebudayaan Masyarakat Indonesia (Gewerkschaft der Volkskunst), kurz Sebumi genannt, die aus der SPI hervor gegangen ist. Auf einem der Poster hei\u00dft es &#8222;Lieber nicht w\u00e4hlen als falsch w\u00e4hlen&#8220;, auf einem anderen &#8222;Lasst nicht zu, dass das Milit\u00e4r die Macht hat&#8220; &#8211; ein Verweis auf die Biographien zahlreicher Kandidaten im Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf. Sebumi bringen diese Botschaften mit Postern und Murals auf Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen an die \u00d6ffentlichkeit, die dort eine Gegenposition zu den massenhaft aufgeh\u00e4ngten Postern der verschiedenen KandidatInnen bilden.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verf\u00e4hrt auch das K\u00fcnstlerkollektiv Taring Padi aus Yogyakarta. 2009 begann die Gruppe, mit Linoldruck hergestellte Poster auf die W\u00e4nde der Stadt zu kleben, die zu einer kritischen Sicht auf das politische Establishment einluden. Bei den n\u00e4chsten Wahlen, 2014, wurden diese Poster in gr\u00f6\u00dferer St\u00fcckzahl und mit weniger Aufwand reproduziert. Aufnahmen einer der n\u00e4chtlichen &#8222;Tapezieraktionen&#8220; wurden vor den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2014 ins Netz gestellt: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VprDJivzvrI&amp;feature=youtu.be<\/p>\n<p>Das K\u00fcnstlerkollektiv, das sich im Zuge der Studentenproteste gegen Suharto 1998 gegr\u00fcndet hat, ist f\u00fcr klare Botschaften bekannt. Diese sprechen sowohl aus den Slogans als auch aus der bildlichen Darstellung auf ihren Postern. &#8222;Unabh\u00e4ngig denken&#8220;, hei\u00dft es dort, &#8222;Verweigert euch der Verdummung!&#8220; oder &#8222;Habt Selbstvertrauen, trefft frei eure Wahl, lasst Euch nicht unter Druck setzen!&#8220;<\/p>\n<p>Laut Taring-Padi-Mitglied Fitri DK gibt es inzwischen eine Serie von 22 verschiedenen &#8222;Wahl-Poster&#8220;. Sie stellten ein Instrument der politischen Bildung dar, so die K\u00fcnstlerin Fitri. Deshalb geh\u00f6rten sie auch in den \u00f6ffentlichen Raum, damit m\u00f6glichst viele vorbei laufende Menschen die Botschaften sehen. Diese Botschaften umfassen die Rechte von ArbeiterInnen und Bauern, Gleichberechtigung von Frau und Mann und Anti-Militarismus &#8211; all das, wof\u00fcr Taring Padi als Kollektiv steht. Im Wahl-Kontext hei\u00dft das f\u00fcr die K\u00fcnstlerInnen, die Bev\u00f6lkerung an ihr Recht zu erinnern, niemanden zu w\u00e4hlen, der ihr Vertrauen nicht genie\u00dft. Und wenn es eben keine Volksvertreter gibt, denen man vertrauen kann, dann hei\u00dft das Res\u00fcmee, wie auf einem der Poster: &#8222;W\u00e4hlen oder Nicht w\u00e4hlen ist die Wahl&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gitarrenzupfen, das Trommeln der Djembe und Trompetenkl\u00e4nge leiten den Song &#8222;Pilu Pemilu&#8220; (Die Wahl, die traurig macht) ein. 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