{"id":15389,"date":"2016-09-01T00:00:00","date_gmt":"2016-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/09\/wir-gruenden-eine-freie-schule\/"},"modified":"2016-11-19T23:34:14","modified_gmt":"2016-11-19T21:34:14","slug":"wir-gruenden-eine-freie-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/09\/wir-gruenden-eine-freie-schule\/","title":{"rendered":"Wir gr\u00fcnden eine Freie Schule"},"content":{"rendered":"<p>Als Sch\u00fclerInnenvertreter in den 1980er Jahren tr\u00e4umte ich von Summerhill. Diese vom Reformp\u00e4dagogen A.S. Neill gegr\u00fcndete Schule, in der die Kinder selber entscheiden durften, ob sie lernen und zum Unterricht kommen wollten, erschien mir in den t\u00e4glichen Auseinandersetzungen in Klassen- und Schulkonferenzen wie eine unerreichbare Utopie.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich h\u00e4tte ich 25 Jahre sp\u00e4ter mein Kind daher ganz selbstverst\u00e4ndlich in die lokale Grundschule eingeschult. Eher zuf\u00e4llig ging ich vor zweieinhalb Jahren zu einem Infotreffen der Elterninitiative f\u00fcr eine Freie Schule Wendland und war begeistert: Inzwischen gibt es auch in Deutschland 92 Freie Alternative Schulen (FAS), in denen die Kinder selbstbestimmt lernen und frei von Klassenarbeiten und Notendruck aufwachsen k\u00f6nnen. Klar, dass ich das auch f\u00fcr meine Kinder wollte und in die Gr\u00fcndungsinitative einstieg.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck wussten wir nicht, auf was wir uns eingelassen hatten. Anfangs schienen sich alle Probleme von selbst aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Schulm\u00f6bel erhielten wir von anderen Schulen, ein Geb\u00e4ude stand in Aussicht, die Schulbeh\u00f6rde schien aufgeschlossen und die Finanzierung, naja, daf\u00fcr bekommen wir dann den Kredit. Doch manche Probleme blieben hartn\u00e4ckig. Dass wir sie schlie\u00dflich doch alle l\u00f6sen konnten, ist vor allem der Gruppe zu verdanken. Mit gut zwanzig Familien waren wir gro\u00df genug, um die meisten Aufgaben abdecken zu k\u00f6nnen. Wenn wir mal etwas nicht selber machen konnten, so kannte jemand bestimmt jemanden. Das Wendland ist klein und unsere Gruppe war gut vernetzt. Mit den Menschen in allen Beh\u00f6rden konnten wir immer gut sprechen, waren es doch auch unsere NachbarInnen.<\/p>\n<p>Schon bald hatten wir das Gef\u00fchl, mit dieser Gruppe von kreativen und starken Pers\u00f6nlichkeiten alles erreichen zu k\u00f6nnen. Doch je konkreter unsere Schule wurde, desto klarer zeigten sich auch unsere unterschiedlichen Tr\u00e4ume. Zudem stie\u00df unsere Entscheidungsstruktur in vierzehnt\u00e4gigen Gesamttreffen an ihre Grenzen.<\/p>\n<p>Immer mehr Kleingruppen gr\u00fcndeten sich und wussten doch nicht, was sie entscheiden durften oder mussten. F\u00fcr die gro\u00dfen Fragen mussten Tagestreffen her, au\u00dferdem Kennenlernfr\u00fchst\u00fccke, denn unsere Gruppe wuchs immer weiter. Schon bald wurde es kompliziert. Erste Konflikte drohten die Stimmung zu kippen.<\/p>\n<p>In dieser Phase half uns die Gr\u00fcndung der &#8222;Wohlf\u00fchl-, Kommunikations- &amp; Prozessgruppe&#8220;, die auf das Klima in der Gruppe achten und die Wochenenden gestalten sollte. Hier setzen wir uns selber mit verschiedenen Demokratie- und Konsensmodellen auseinander. Wir setzten uns Regeln, nach denen alle Kleingruppen Entscheidungen treffen sollten, solange alle dar\u00fcber informiert werden und jedeR die Ausf\u00fchrung aufhalten oder wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machen kann. Wir entwickelten eine Kultur der gegenseitigen Achtsamkeit. &#8222;Niemanden ausgrenzen, jede und jeden mitnehmen&#8220; wurde zum unausgesprochenen Motto unserer Gr\u00fcndungsgruppe.<\/p>\n<p>Dennoch machten wir Fehler und verletzten uns. Als wir endlich den Tr\u00e4gerverein gr\u00fcndeten und den Vorstand w\u00e4hlten, lie\u00dfen wir uns von den Formalia \u00fcberw\u00e4ltigen. Kleinb\u00fcrgerlich arbeiteten wir die vorgesehene Tagesordnung ab und lie\u00dfen es zur Kampfkandidatur kommen, bei der eine Bewerberin abgew\u00e4hlt wurde. Wie dumm waren wir, jemanden aus unserer Mitte einfach so abzustrafen. Anstelle sich vor der Wahl zusammenzusetzen und eine L\u00f6sung zu finden, mussten wir \u00fcber ein halbes Jahr immer wieder schlichten und vers\u00f6hnen. Seitdem ist klar: Gew\u00e4hlt wird nur, wenn das Ergebnis vorher von allen gewollt wird. Abstimmungen sind immer nur Meinungsbilder, nach denen wir schauen, wie wir die Bedenken der Minderheit aufl\u00f6sen und eine bessere L\u00f6sung finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sind wir deshalb jetzt demokratisch, gar anarchistisch? Ich wei\u00df es nicht. Auch nach einem Jahr Schulbetrieb sitzt die Angst davor, \u00fcberstimmt zu werden oder nicht bestimmen zu k\u00f6nnen, tief in den Herzen mancher Sch\u00fclerInnen und LernbegleiterInnen, aber vor allem von uns Eltern, die wir das Loslassen noch \u00fcben. Manchmal leiden wir darunter, dass Entscheidungen sehr lange in der Schwebe h\u00e4ngen, bis wir eine L\u00f6sung finden und sie umsetzen k\u00f6nnen. Wir haben bis heute kein gro\u00dfes Er\u00f6ffnungsfest gefeiert, weil zuerst alle so viel mitreden wollten, dass sp\u00e4ter Niemand mehr entscheiden wollte und alle zu \u00fcberarbeitet waren, um es umzusetzen. Auch die anderen gro\u00dfen Konflikte des ersten Schuljahres ben\u00f6tigten viel Zeit und gegenseitiges Verst\u00e4ndnis, bevor sie gel\u00f6st werden konnten:<\/p>\n<p>So kam es beim ersten Elternabend zum Tumult. Die Sch\u00fclerInnen und LernbegleiterInnen der \u00e4lteren Jahrg\u00e4nge (4.-6. Klasse) hatten sich Regeln erarbeitet, nach denen Handys unter bestimmten Bedingungen genutzt werden konnten. Nun wurden Geschichten erz\u00e4hlt von Gewaltvideos und Computerspielen, die auch j\u00fcngeren Kindern gezeigt wurden, die bei vielen Eltern den Impuls ausl\u00f6sten, Handys ganz aus der Schule zu verbannen. Den Sch\u00fclerInnen in der w\u00f6chentlichen Schulversammlung f\u00fchlten sich pl\u00f6tzlich gar nicht mehr frei, aber sie lie\u00dfen sich darauf ein, die Handynutzung einen Monat bis zum eilends anberaumten Gesamttreffen auszusetzen. Dort wurde dann klar, dass die schlimmsten Geschichten gar nicht in der Schule, sondern im Schulbus geschehen waren. Vor allem aber konnten die Eltern erkennen, dass die Sch\u00fclerInnen ihre Bedenken ernst genommen und verantwortungsvolle L\u00f6sungsideen entwickelt hatten. In der anschlie\u00dfenden Zustimmung zum Beschluss der Sch\u00fclerInnen und LernbegleiterInnen spiegelte sich daher auch die Erkenntnis, dass nicht nur wir Eltern dabei etwas \u00fcber Demokratie und r\u00fccksichtsvolle Konfliktentscheidungen gelernt hatten.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte diese Gr\u00fcndungsgeschichte auch anders erz\u00e4hlen k\u00f6nnen: als Kampf um die Finanzen, in dem FAS Startkredite brauchen, um diese dann (in Niedersachsen) mit einer F\u00f6rderung von nur 60% der \u00fcblichen Schulkosten zur\u00fcckzuzahlen. Als Auseinandersetzung mit den Beh\u00f6rden, um eine grunds\u00e4tzlich andere P\u00e4dagogik mit den Normen der Schulaufsicht in Einklang zu bringen. Als Geschichte der Rettung und Fusion mit einer gescheiterten Freien Schule. Vielleicht auch einfach nur als Verwirklichung eines Traumes. Oder als Geschichte, wie der Traum auf die Wirklichkeit stie\u00df, mit \u00fcberarbeiteten LernbegleiterInnen und Mobbing in der Klasse. Als Loblied auf das Team oder auf die unerm\u00fcdlich putzende, reparierende, bauende und Geld besorgende Elternschaft. Sicher ist auch: Meine Tochter h\u00e4tte eine ganz andere Geschichte erz\u00e4hlt. Sie w\u00fcrde davon erz\u00e4hlen, wie auch \u00e4ltere Kinder in den von ihr als Erstkl\u00e4sslerin angebotenen Tanzunterricht gekommen sind. Wie sie sich in einem halben Jahr Lesen und Schreiben beibrachte, um jetzt doch noch Rechnen zu lernen. Sie w\u00fcrde von ihren Auftritten bei der w\u00f6chentlichen Pr\u00e4sentationszeit erz\u00e4hlen oder dem selbstgemachten Geschichtenbuch. Es w\u00e4re eine freudige Geschichte, aber sie w\u00fcsste auch, wer sich gerade nicht wohlf\u00fchlt oder zerstritten hat. Auch hier gilt, andere Kinder (und Eltern) w\u00fcrden andere Geschichten erz\u00e4hlen. Dass es uns gibt und wir das erste Jahr \u00fcberstanden haben, ist das Ergebnis dieser Vielfalt und wie wir lern(t)en, damit um zu gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Sch\u00fclerInnenvertreter in den 1980er Jahren tr\u00e4umte ich von Summerhill. Diese vom Reformp\u00e4dagogen A.S. Neill gegr\u00fcndete Schule, in der die Kinder selber entscheiden durften, ob sie lernen und zum Unterricht kommen wollten, erschien mir in den t\u00e4glichen Auseinandersetzungen in Klassen- und Schulkonferenzen wie eine unerreichbare Utopie. 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