{"id":15416,"date":"2016-10-01T00:00:00","date_gmt":"2016-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/klimacamp-im-rheinland-2016\/"},"modified":"2016-11-20T00:00:27","modified_gmt":"2016-11-19T22:00:27","slug":"klimacamp-im-rheinland-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/klimacamp-im-rheinland-2016\/","title":{"rendered":"Klimacamp im Rheinland 2016"},"content":{"rendered":"<p>Es ist zu einer festen Gr\u00f6\u00dfe geworden im Revier, f\u00fcr die Bewegung, f\u00fcr die betroffenen Bewohner*innen und f\u00fcr den Energieriesen RWE, der jedes Jahr aufs neue mit bunten Formen des Widerstands zu rechnen hat.<\/p>\n<p>Auf dem diesj\u00e4hrigen Klimacamp fand zum zweiten Mal die &#8222;Degrowth Summer School&#8220; statt. In vielf\u00e4ltigen Kursen entwickelten die Teilnehmenden Wege, die herausf\u00fchren aus dem Wachstumszwang, den das kapitalistische Gesellschaftssystem vorgibt und dessen Folgen auch in fossiler Energieerzeugung und Klimawandel offenbar werden. Wie bereits im letzten Jahr (die GWR berichtete) wurde das Camp gemeinschaftlich von den urspr\u00fcnglichen Initiator*innen der Rheinlandcamps und Menschen aus dem Degrowth-Zusammenhang in einem basisdemokratischen Prozess auf die Beine gestellt. Die Camp-Infrastruktur, das Programm, die Aktionen und Angebote der vielen beteiligten Gruppen: Ein Camp in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung von etwa tausend Teilnehmenden wird erst m\u00f6glich durch den unerm\u00fcdlichen Einsatz von Menschen, die ihre Utopie von einem besseren Leben Wirklichkeit werden lassen wollen.<\/p>\n<p>Unter dem Motto &#8222;Skills for System Change&#8220; bot das Camp den Raum, einander zu erm\u00e4chtigen, um aufzuzeigen und erlebbar zu machen, dass Alternativen zum bestehenden Herrschaftssystem m\u00f6glich sind. In Vortr\u00e4gen, Podiumsdiskussionen, Workshops und Dokumentarfilmen galt es, sich theoretisch mit globalen Herausforderungen auseinander zu setzen. Es geht um eine umfassende Gesellschaftskritik, die neben Klimaschutz aktuell brennende Themen wie Rassismus und Flucht, globale Ungerechtigkeit, Landwirtschaft, Gender-Fragen einschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Doch bei der &#8222;Kopfarbeit&#8220; sollte es nicht bleiben: Praktische F\u00e4higkeiten, die Voraussetzung f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Unabh\u00e4ngigkeit von der Konsumgesellschaft sind, waren allein f\u00fcr den Aufbau des Camps unabdingbar. Zum ersten Mal entstand auf diesem Camp ein regelrechtes &#8222;Industriegebiet&#8220;, in dem die ganze Zeit \u00fcber unabl\u00e4ssig geschraubt und gewerkelt wurde. Die Infrastruktur der Klimacamps wird in Handarbeit mit einfachsten Mitteln aufgebaut und in Stand gehalten. Eine besondere Bedeutung, symbolisch und praktisch, hat das Strom-Zelt. Elektrische Energie ist notwendig f\u00fcr die Beleuchtung, Filme und Konzerte, Laptops und Mobiltelefone. Die m\u00f6chte Mensch nat\u00fcrlich nicht vom gro\u00dfen Bruder RWE beziehen. Also, ran an die Erneuerbaren aus eigener Kraft! Die Photovoltaik-Zellen liefen hei\u00df in der Sommersonne, drei campeigene Windr\u00e4der aus Holz drehten sich schon. Damit nicht genug, in tagelanger Arbeit entstand ein viertes Rad, das begeistert mit &#8222;Power to the People&#8220;-Ges\u00e4ngen wie ein Totempfahl aufgerichtet wurde, jubelnd begr\u00fc\u00dften die Erbauer*innen den ersten Strom.<\/p>\n<p>Die traurige Wirklichkeit der Stromerzeugung aus Kohle ist einen Katzensprung vom Camp entfernt zu sehen. Hier fressen sich die Bagger weiter in die Landschaft, vom Dorf Borschemich, in dem 2015 noch ein Klimacamp-Stra\u00dfenfest stattfand, ist kaum noch etwas \u00fcbrig. Ein Demonstrationszug am 20. August bekam die Dorfkirche und die Wasserburg &#8222;Haus Paland&#8220; nicht mehr zu Gesicht, denn die geschichtstr\u00e4chtigen Geb\u00e4ude wurden vor wenigen Monaten f\u00fcr den Tagebau abgerissen.<\/p>\n<p>Die Demo zog weiter nach Keyenberg, ein weiteres von Abriss und Umsiedlung bedrohtes Dorf. Bis in den Abend feierten die Teilnehmenden aus dem Klimacamp, von lokalen B\u00fcrgerinitiativen, der Gewerkschaft ver.di und vielen anderen Gruppen im gr\u00fcnen Dorfpark mit Ansprachen, Musik, Lesungen und gutem Essen aus der VoK\u00fc &#8222;Rampenplan&#8220;.<\/p>\n<p>Ihr Anliegen ist eine &#8222;Zukunft ohne Kohle&#8220;. Die Zerst\u00f6rung geht weiter, obwohl der Braunkohleabbau den Klimazielen von Paris zuwider l\u00e4uft und den Traum von Deutschland als Energiewende-Land ad absurdum f\u00fchrt. Selbst wirtschaftlich f\u00e4hrt der Riese RWE vor die Wand, dennoch bleiben Unternehmen und Politik auf dem \u00fcber Jahrzehnte eingefahrenen Weg, stemmen sich gegen eine Ver\u00e4nderung, die fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ohnehin auf sie zukommt.<\/p>\n<p>Wegen des Klimas dagegen ist keine Zeit zu verlieren: Sofortiges Handeln ist gefragt, um die katastrophalen Folgen der fossilen Energieerzeugung zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Demo setzte ein erstes Zeichen zum Auftakt des Camps. Es folgten unter dem Titel &#8222;Aktionslabor&#8220; ein Spielraum und ein Probefeld f\u00fcr dezentrale Kleingruppen-Aktionen. W\u00e4hrend bei den gro\u00dfen Besetzungen von Kohle-Infrastruktur im Rahmen von &#8222;Ende Gel\u00e4nde&#8220; einiges im Voraus organisiert war und Aktivist*innen aus aller Welt mit wenig eigener Vorbereitung dabei waren, setzte das Aktionslabor ganz auf die selbstst\u00e4ndige Gestaltungskraft aus Kleingruppen. Das Ziel war, dass m\u00f6glichst viele unterschiedliche Interventionen an mehreren Orten gleichzeitig stattfinden konnten, so dass jede*r eine Ausdrucksform und einen Konfrontationsgrad finden konnte, der ihm\/ihr entspricht.<\/p>\n<p>Am Aktionstag vom 25. August hie\u00df das Motto &#8222;Infrastruktur markieren&#8220;. In den D\u00f6rfern und rings um die Abbruchkante des Tagebaus waren Aktivist*innen unterwegs mit Banner-Drops, schossen beeindruckende Fotos, sprachen an Mahnwachen mit Menschen aus der Region.<\/p>\n<p>Gerade an diesen Infopunkten wurde deutlich, wie sehr der Braunkohleabbau die Betroffenen aufw\u00fchlt: Viele teilten ihre Geschichten, die mit offenen Ohren aufgenommen wurden.<\/p>\n<p>Ein Mann kam wenig sp\u00e4ter zur\u00fcck, mit einem Eimer voller selbst gezogener Tomaten. Ein H\u00f6hepunkt des ersten Aktionstages war die Besetzung einer alten Schule in Immerath.<\/p>\n<p>Binnen Minuten verwandelte sich das verlassene Geb\u00e4ude in ein buntes Wespennest, geschm\u00fcckt mit Bannern, Spr\u00fcchen und Schildern: &#8222;School is out &#8211; we are in!&#8220; Auf der Stra\u00dfe und im Dorfpark wurden spontan Workshops abgehalten, der Camp-B\u00e4cker backte Pizza und Cr\u00eapes, &#8222;Rampenplan&#8220; lieferte Essen. Im Haus ein wundersch\u00f6nes altes Eichen-Treppenhaus, die Kinder haben Fensterbilder zur\u00fcck gelassen, eine T\u00fcr ziert der Schriftzug &#8222;M\u00e4use&#8220;. Wenn sie nicht in die Stadt gezogen sind, leben die Kinder und ihre Familien heute im Retorten-Dorf Neu-Immerath.<\/p>\n<p>Der zweite Aktionstag &#8222;Infrastruktur blockieren&#8220; rief Kleingruppen auf den Plan, die in den Tagebau hinabstiegen, um den Betrieb der Bagger aufzuhalten, Kohlez\u00fcge zu blockieren und vieles anderes. Eine vollst\u00e4ndige Dokumentation aller Aktionen w\u00e4hrend des Klimacamps 2016 zeigt die Online-Karte &#8222;climateactionmap&#8220;.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Das Aktionslabor hat der Bewegung Mut gemacht, im Sommer 2017 Aktionstage im gr\u00f6\u00dferen Stil durchzuf\u00fchren, \u00e4hnlich den Protesten gegen die Castor-Transporte im Wendland. &#8222;Ende Gel\u00e4nde&#8220; wird wieder ins Rheinland mobilisieren und daneben wird es eine Vielfalt von selbstorganisierten Kleingruppen-Aktionen geben, genauso wie Demonstrationen, Camps oder kulturelle Veranstaltungen. Ein solches &#8222;Fl\u00e4chenkonzept&#8220; soll mehrere tausend Aktivist*innen im rheinischen Braunkohlerevier zusammenbringen.<\/p>\n<p>Wer sich einbringen m\u00f6chte in die Vorbereitung von Camp und Aktionen, ist herzlich eingeladen zur Rheinland-Aktionskonferenz vom 28. &#8211; 30. Oktober in K\u00f6ln!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist zu einer festen Gr\u00f6\u00dfe geworden im Revier, f\u00fcr die Bewegung, f\u00fcr die betroffenen Bewohner*innen und f\u00fcr den Energieriesen RWE, der jedes Jahr aufs neue mit bunten Formen des Widerstands zu rechnen hat. Auf dem diesj\u00e4hrigen Klimacamp fand zum zweiten Mal die &#8222;Degrowth Summer School&#8220; statt. In vielf\u00e4ltigen Kursen entwickelten die Teilnehmenden Wege, die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/klimacamp-im-rheinland-2016\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Klimacamp im Rheinland 2016 - graswurzelrevolution","description":"Es ist zu einer festen Gr\u00f6\u00dfe geworden im Revier, f\u00fcr die Bewegung, f\u00fcr die betroffenen Bewohner*innen und f\u00fcr den Energieriesen RWE, der jedes Jahr aufs neue mi"},"footnotes":""},"categories":[900,26],"tags":[],"class_list":["post-15416","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-412-oktober-2016","category-okologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15416","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15416"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15416\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15416"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15416"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15416"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}