{"id":15421,"date":"2016-10-01T00:00:00","date_gmt":"2016-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/sexualisierte-gewalt-mithu\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:52","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:52","slug":"sexualisierte-gewalt-mithu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/sexualisierte-gewalt-mithu\/","title":{"rendered":"Sexualisierte Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt kein anderes Verbrechen, das so stark &#8222;gegendert&#8220; ist, wie eine Vergewaltigung. Bei Diebstahl, Betrug oder Mord spielt das Geschlecht von Opfer oder T\u00e4ter bzw. T\u00e4terin h\u00f6chstens eine untergeordnete Rolle. Vergewaltigung hingegen, so die spontane Assoziation der meisten Menschen, ist ein Verbrechen, das ein Mann einer Frau antut. Das sehen die Konservativen so, f\u00fcr die sexuelle \u00dcbergriffigkeit zu einem ordentlichen Mannsein dazugeh\u00f6rt, und Frauen, die vergewaltigt werden, das mit kurzen R\u00f6cken, rotem Lippenstift und liederlichem Lebenswandel selbst provoziert haben. Aber das sehen auch viele Feministinnen so, f\u00fcr die Vergewaltigung &#8222;das Verbrechen des Patriarchats&#8220; schlechthin ist, ja sogar das haupts\u00e4chliche Mittel, mit dem M\u00e4nner Frauen in Schach halten.<\/p>\n<p>Mithu M. Sanyal stellt dieses Narrativ in Frage. Das Problem der Missachtung der sexuellen Selbstbestimmung einer Person, so ihre These, l\u00e4sst sich nicht beheben, ohne auch diese direkte Verkn\u00fcpfung von Vergewaltigung und Geschlecht aufzul\u00f6sen. Nicht nur, weil faktisch ja auch M\u00e4nner vergewaltigt werden, von anderen M\u00e4nnern, aber auch von Frauen, siehe Abu Ghraib. Sondern auch, weil es dabei um symbolische Ordnungen geht: Was genau unterscheidet denn eine Vergewaltigung von einem anderen Gewaltverbrechen?<\/p>\n<p>Welche Vorstellungen von Weiblichkeit und M\u00e4nnlichkeit werden durch die Debatte \u00fcber Vergewaltigung immer wieder erneut verfestigt? Warum, zum Beispiel, glauben immer noch viele, eine Frau sei im \u00f6ffentlichen Raum besonders gef\u00e4hrdet, w\u00e4hrend in Wirklichkeit das Risiko von M\u00e4nnern viel gr\u00f6\u00dfer ist, dass sie Opfer einer Gewalttat werden?<\/p>\n<p>Aktuelle Beispiele, anhand derer sich das Thema nachzeichnen und analysieren l\u00e4sst, gibt es zur Gen\u00fcge, von der erneut aufgeflammten Debatte \u00fcber Roman Polanski bis zur Silvesternacht von K\u00f6ln, von Gesetzesinitiativen wie &#8222;Nein hei\u00dft Nein&#8220; bis zur Anklage gegen Gina Lisa Lohfink wegen Falschbeschuldigung. Vor allem eine Vorstellung h\u00e4lt sich dabei hartn\u00e4ckig: dass eine Vergewaltigung nicht nur den betroffenen Menschen konkret verletzt, sondern im Fall von Frauen auch deren &#8222;Weiblichkeit&#8220; besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war es die Ehre, die &#8222;Anst\u00e4ndigkeit&#8220; einer Frau, von der ihre Weiblichkeit abhing und die durch eine Vergewaltigung zerst\u00f6rt wurde. Frauen, deren Lebenswandel b\u00fcrgerlichen Normen widersprach, konnten daher in der Logik einer vorfeministischen symbolischen Ordnung qua Definition nicht vergewaltigt werden: Sie hatten ja keine Ehre, keine &#8222;legitime Weiblichkeit&#8220;, die ihnen durch eine solche Tat genommen werden konnte.<\/p>\n<p>Dass diese Sichtweise keineswegs blo\u00dfe Geschichte ist, zeigte sich in der Berichterstattung \u00fcber Gina Lisa Lohfink, deren &#8222;Huren-Stigma&#8220; sowohl im Prozess als auch in dessen medialer Darstellung permanent aufgerufen wurde. Doch auch die feministische Vorstellung, wonach Vergewaltigung ein spezieller Auswuchs des Patriarchats sei, f\u00fcgt dem Angriff auf die k\u00f6rperliche Selbstbestimmung des Opfers sozusagen einen zus\u00e4tzlichen Angriff auf dessen &#8222;Weiblichkeit&#8220; hinzu.<\/p>\n<p>Mitunter kann das zu Erwartungshaltungen gegen\u00fcber Betroffenen f\u00fchren, das Erlebte auf eine bestimmte Art und Weise zu verarbeiten &#8211; zum Beispiel, wenn sie nicht genug oder nicht richtig oder gen\u00fcgend &#8222;leiden&#8220;. Manchmal tut die \u00f6ffentliche Emp\u00f6rung \u00fcber eine Vergewaltigung der Betroffenen sogar deutlich mehr Gewalt an als die Tat selbst &#8211; so geschehen bei Samantha Geimer, dem Opfer im Fall Polanski.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Qualit\u00e4t von Sanyals Buch ist, neben der sorgf\u00e4ltigen und detailreichen Analyse des Kulturph\u00e4nomens &#8222;Vergewaltigung&#8220;, ihre positive Bezugnahme auf die Frauenbewegung bei gleichzeitiger klarer Kritik an bestimmten feministischen Argumentationsmustern.<\/p>\n<p>Diese muss man schlie\u00dflich auch in ihrem historischen Kontext sehen: In den 1970er Jahren war es angesichts einer durchgehend ignoranten \u00f6ffentlichen Haltung zum Thema Vergewaltigung vermutlich notwendig, das Ganze so weit wie m\u00f6glich zu skandalisieren, um \u00fcberhaupt durchzudringen. Heute aber sind wir gesellschaftlich an einem anderen Punkt: Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar, seit kurzem ist &#8222;Nein hei\u00dft Nein&#8220; im Prinzip als strafrechtlicher Grundsatz anerkannt.<\/p>\n<p>Deshalb sollten nun auch feministischerseits neue Narrative entstehen, die Frauen nicht qua Geschlecht den Part des Opfers zuweisen und damit traditionelle Frauenbilder aufrufen. Wir m\u00fcssen anerkennen, dass die Hoheit \u00fcber die Bedeutung dessen, was ihnen geschehen ist, bei denjenigen Menschen liegt, die sexualisierte Gewalt erlebt haben.<\/p>\n<p>Vergewaltigung ist ein komplexes Ph\u00e4nomen. Sie kommt in vielen unterschiedlichen Formen vor, die nicht alle \u00fcber denselben Kamm geschoren werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt kein anderes Verbrechen, das so stark &#8222;gegendert&#8220; ist, wie eine Vergewaltigung. Bei Diebstahl, Betrug oder Mord spielt das Geschlecht von Opfer oder T\u00e4ter bzw. 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