{"id":15422,"date":"2016-10-01T00:00:00","date_gmt":"2016-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/anarchismus-gender-und-machismo\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:54","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:54","slug":"anarchismus-gender-und-machismo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/anarchismus-gender-und-machismo\/","title":{"rendered":"Anarchismus, Gender und Machismo"},"content":{"rendered":"<p>Philippe Kellermann ist den Leserinnen und Lesern der <i>Graswurzelrevolution<\/i> bekannt. In den letzten elf Jahren hat der Berliner Genosse 39 Artikel f\u00fcr die GWR geschrieben. In letzter Zeit macht er sich als GWR-Autor allerdings rar.<\/p>\n<p>Kein Wunder. Seit Anfang 2015 gibt er die lesenswerte Zeitschrift f\u00fcr Anarchismusforschung <i>Ne znam<\/i> (siehe Rezension in dieser GWR) heraus. Ebenfalls in der Edition AV ver\u00f6ffentlichte er B\u00fccher \u00fcber &#8222;Marxistische Geschichtslosigkeit&#8220;. Er ist Herausgeber des erhellenden Interviewbandes &#8222;Anarchismus Reflexionen&#8220;, der &#8222;Begegnungen feindlicher Br\u00fcder&#8220;, au\u00dferdem diverser Anarchismus-Klassiker im Unrast Verlag.<\/p>\n<p>Der soeben von ihm herausgegebene erste Band von &#8222;Anarchismus und Geschlechterverh\u00e4ltnisse&#8220; vereinigt verschiedene Artikel, die sich dem Verh\u00e4ltnis von Gender, Anarchismus und Machismo widmen.<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre ist ein Genuss. Das Buch regt zur kritischen Reflexion an und ist weiterf\u00fchrend.<\/p>\n<p>Dabei liest sich Kellermanns Einleitung zun\u00e4chst ein bisschen so, als ginge es dem Herausgeber um eine Art &#8222;Ehrenrettung&#8220; der Anarchisten. So behauptet er, dass der Anarchismus &#8222;seit seinem Beginn&#8220; auch &#8222;f\u00fcr die Gleichheit der Geschlechter eingetreten&#8220; sei (S. 7).<\/p>\n<p>Leider ist das eine \u00dcbertreibung, die im Buch auch eindrucksvoll widerlegt wird. Der Begriff &#8222;Anarchist&#8220; war nach seiner Entstehung zun\u00e4chst ein reiner Schm\u00e4hbegriff. Der erste Mensch, der sich ab 1840 selbst als Anarchisten bezeichnet hat, war Pierre-Joseph Proudhon. Dieser franz\u00f6sische Fr\u00fchsozialist trat allerdings keineswegs &#8222;f\u00fcr die Gleichheit der Geschlechter&#8220; ein. Ganz im Gegenteil. Proudhon war ein \u00fcbler Frauenhasser und Antisemit, auf den sich heutige AnarchistInnen nicht ernsthaft positiv beziehen k\u00f6nnen, auch wenn ohne ihn die Entstehung der anarchistischen Bewegung (ab den 1860er Jahren) nicht zu erkl\u00e4ren ist.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Widerling Proudhon war, wird von Werner Portmann in seinem Beitrag &#8222;Die \u00d6konomie der Liebe oder Pierre-Joseph Proudhons <i>Frauenfrage<\/i>&#8220; herausgearbeitet. Portmann stellt klar, dass die antifeministischen und misogynen Zitate Proudhons &#8222;bis heute erschreckende Beispiele m\u00e4nnlicher Allmachtsfantasien&#8220; geblieben sind, die &#8222;selbst f\u00fcr Wohlgesinnte Proudhons nicht zu rechtfertigen sind und als die schlechten und <i>dunklen Punkte<\/i> des Philosophen betrachtet werden&#8220;. (S. 13)<\/p>\n<p>Portmanns Artikel ist nicht der einzige, der mich begeistert hat.<\/p>\n<p>Die aus dem Englischen, Franz\u00f6sischen und Spanischen von Julia Hoffmann, Michael Halfbrodt und Andreas F\u00f6rster hervorragend \u00fcbersetzten Beitr\u00e4ge sind allesamt, wie die Niederl\u00e4nderInnen sagen w\u00fcrden, lekker: John Clark: &#8222;Elis\u00e9e Reclus und die Kritik des Patriarchats&#8220;, Gaetano Manfredonia\/Francis Ronsin: &#8222;E. Armand und die \u0082Liebeskameradschaft&#8216;. Revolution\u00e4rer Sexualismus und der Kampf gegen die Eifersucht&#8220;, sowie Richard Cleminson: &#8222;Die Konstruktion von Maskulinit\u00e4t in der spanischen Arbeiterbewegung: eine Studie zur Revista Blanca (1923-1936)&#8220;.<\/p>\n<p>Auch die deutschsprachigen AutorInnen des Sammelbandes schreiben zu ihren Herzblut- oder Dissertationsthemen: Antje Schrupp \u00fcber &#8222;Feminismus und die Politik von Frauen in der Pariser Kommune&#8220;, Vera Bianchi \u00fcber &#8222;Anarchistinnen, Humanismus und Geschlechterverh\u00e4ltnis: Die Mujeres Libres im Spanischen B\u00fcrgerkrieg&#8220;, Siegbert Wolf \u00fcber &#8222;Gustav Landauer: Sex und Gender&#8220;.<\/p>\n<p>Zu meinen Lieblingsautoren geh\u00f6rt der Literaturwissenschaftler Martin Baxmeyer. Seine romanistische Dissertation &#8222;Das ewige Spanien der Anarchie. Die anarchistische Literatur des B\u00fcrgerkriegs (1936-1939) und ihr Spanienbild&#8220; (Edition Tranvia 2012) war f\u00fcr mich allerdings nur zum Teil zu verstehen, weil sie zahlreiche, nicht \u00fcbersetzte spanische und katalanische Originalzitate enth\u00e4lt. Zwei Sprachen, die ich leider nicht spreche.<\/p>\n<p>Umso mitrei\u00dfender ist sein Beitrag in diesem Sammelband: &#8222;Mann aus Stahl. M\u00e4nnlichkeits- und Weiblichkeitsbilder in der anarchistischen Literatur des Spanischen B\u00fcrgerkriegs (1936-1939)&#8220;.<\/p>\n<p>Dieser Text sei vor allem auch heutigen &#8222;syndikalistischen&#8220; M\u00f6chtegernpistoleros und <i>Barrikade<\/i>-Machos empfohlen, die bisher den Gewaltfreien Anarchismus verabscheuen und lieber online und in ihren Publikationen die Geschichte verkl\u00e4ren, anstatt historische Fehler und eigene Schw\u00e4chen zu analysieren und daraus zu lernen.<\/p>\n<p>Martin Baxmeyer stellt klar, dass es zur &#8222;Tragik so manchen libert\u00e4ren Schicksals in Spanien geh\u00f6rte, mitunter Jahrzehnte lang gezwungen gewesen zu sein, mit der Waffe in der Hand tief empfundene pers\u00f6nliche \u00dcberzeugungen zu verraten: erst im B\u00fcrgerkrieg, dann in der R\u00e9sistance, und schlie\u00dflich (m\u00f6glicherweise) im erfolglosen Guerillakampf gegen Franco.&#8220; (S. 161)<\/p>\n<p>&#8222;Der Krieg und das massenhafte T\u00f6ten und Sterben erscheinen als vom Gegner aufgezwungene Schandtat und als dessen vielleicht gr\u00f6\u00dftes Verbrechen, weil es die Anarchisten zwinge, ihr positives, aufbauendes Werk mit jenem des Mordens und Zerst\u00f6rens zu vertuschen.&#8220; (ebd.)<\/p>\n<p>Der Hispanist zeigt den Einfluss eines neomilitaristischen Machismo (S. 168) auf die anarchosyndikalistische Literatur und Bewegung im Spanischen B\u00fcrgerkrieg. Er konstatiert: &#8222;Es dominierte der patriarchale Kult um den k\u00e4mpfenden Mann, der die bedrohte Mutter, Schwester, Tochter etc. verteidigt. Eine Revolutionierung der konservativ-patriarchalen <i>gender-order<\/i> der vorrevolution\u00e4ren Zeit war unter diesen Umst\u00e4nden von der anarchistischen Literatur des B\u00fcrgerkriegs kaum zu erwarten.&#8220; (S. 180)<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Der Sammelband &#8222;Anarchismus und Geschlechterverh\u00e4ltnisse&#8220; geh\u00f6rt zu den wichtigen B\u00fcchern, die die anarchistische Bewegung hierzulande in diesem Jahr ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p>Ich freue mich schon auf den zweiten Band.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philippe Kellermann ist den Leserinnen und Lesern der Graswurzelrevolution bekannt. In den letzten elf Jahren hat der Berliner Genosse 39 Artikel f\u00fcr die GWR geschrieben. In letzter Zeit macht er sich als GWR-Autor allerdings rar. Kein Wunder. 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