{"id":15423,"date":"2016-10-01T00:00:00","date_gmt":"2016-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/gustav-landauer\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:54","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:54","slug":"gustav-landauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/gustav-landauer\/","title":{"rendered":"Gustav Landauer"},"content":{"rendered":"<p>Der zweite Band der Gustav Landauer-Biographie Tilman Leders (Rezension zu Band I siehe GWR 408, S. 24) erstreckt sich von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in deren Mittelpunkt die anarchistische Organisation des Sozialistischen Bundes (im Weiteren: S.B.) mit der 2. Folge der Zeitung &#8222;Der Sozialist&#8220; (1909-1915) steht, \u00fcber die Kriegszeit bis hin zur Revolution in Bayern und der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik im April 1919.<\/p>\n<p>Politik, Praxis und interne Diskussionen des S.B., aber auch das Verh\u00e4ltnis zu anderen Str\u00f6mungen wie kommunistische AnarchistInnen, fr\u00fche lokalistische AnarchosyndikalistInnen und Zeitungen wie &#8222;Revolution&#8220; und &#8222;Der freie Arbeiter&#8220; sind wohl noch nie so detailliert und materialreich dargestellt worden. Sie umfassen 300 Seiten dieses 2. Bandes. Landauer zeigt sich dabei als getreuer deutscher Vertreter der mutualistisch-kollektivistischen Strategie Proudhons, aus dem Kapitalismus auszutreten durch die Gr\u00fcndung vor allem von Siedlungen, in zweiter Linie von Konsumgenossenschaften.<\/p>\n<p>Sozialismus war f\u00fcr Landauer wesentlich eine Agrarfrage und eine Frage des Bodens, auf dem dieser Ausstieg stattfinden kann. Zweck von Organisation und Zeitung des S.B. war allerdings zun\u00e4chst die Sammlung von Ausstiegswilligen und das Propagieren dieses Ansatzes.<\/p>\n<p>Es kam, von der lange bestehenden lebensreformerischen Kolonie Eden bei Oranienburg abgesehen (S. 432), kaum zu praktischen Umsetzungen.<\/p>\n<p>Diese Str\u00f6mung war klein, der &#8222;Sozialist&#8220; hatte anfangs eine Auflage von ca. 5000, vor dem Ersten Weltkrieg nur noch 1500, die Anzahl der unsteten Mitgliedsgruppen lag selbst zu besten Zeiten bei kaum mehr als 20 (aufgef\u00fchrt S. 553ff.).<\/p>\n<p>In den Jahren vor der Gr\u00fcndung des zweiten &#8222;Sozialist&#8220; entwickelte sich Landauers Kontakt und auch eine Liebesbeziehung zur Schweizer Gewerkschaftssekret\u00e4rin Margarethe Faas-Hardegger. Ich habe Regula Bochslers Hardegger-Biographie (Pendo, Z\u00fcrich 2004), die auch Leder auswertet, kurz vor dieser Landauer-Biographie gelesen und es bleibt mir ein bitterer Beigeschmack, was den Umgang Landauers mit Hardegger betrifft, die begeistert auf Landauers Kurs umschwenkte und anfangs 2000 &#8222;Sozialist&#8220;-Exemplare in der Schweiz vertrieb, als Redakteurin f\u00fcr die Zeitung vorgesehen war, bevor ihr Landauer schnell die redaktionelle Leitung aus der Hand nahm. Auch im gr\u00f6\u00dften inhaltlichen Streit mit ihr, in dem sich Landauer gegen Hardeggers Verst\u00e4ndnis von freier Liebe und Mutterrecht mit einer Verteidigung der Ehe (wenn auch ohne Trauschein) als dem kleinsten, nat\u00fcrlichen Bund von B\u00fcnden wendete, und in den auch Erich M\u00fchsam verwickelt war, trat Landauer zurechtweisend und unehrlich auf: Laut Bochsler zwang er Hardegger dazu, seiner Ehefrau Hedwig Lachmann das Liebesverh\u00e4ltnis zu verschweigen, obgleich Hardegger die Familie in Berlin besuchte. Landauer praktizierte also die freie Liebe zu seinen Bedingungen, propagierte aber theoretisch das Gegenteil.<\/p>\n<p>M\u00fchsam zwang Landauer immerhin theoretische Zugest\u00e4ndnisse ab, doch lie\u00df Landauer Hardegger in ihrer Situation ziemlich allein. Dies wiederholte sich sp\u00e4ter auch noch einmal, als sich Hardegger in einer Zwangslage sah, weil sie einen fr\u00fcheren Genossen, Ernst Frick, mittels eines Meineids vor Gericht vor Repression f\u00fcr eine Tat, die sie nicht unterst\u00fctzt hat, sch\u00fctzte und daf\u00fcr sogar 1913 einige Monate ins Gef\u00e4ngnis musste. In der Zeit starb ihr Vater &#8211; und ausgerechnet in diesem Moment entzog ihr Landauer den Schweizer Vertrieb des &#8222;Sozialist&#8220; ganz (S. 637ff.). Es war ein unsensibles Verhalten, ganz auf Sicherung bedacht, dabei hatte Hardegger au\u00dfergew\u00f6hnliche organisatorische und agitatorische F\u00e4higkeiten, was sie M\u00fchsam bei Besuchen in M\u00fcnchen unter Beweis stellte.<\/p>\n<p>Leder interpretiert diese Vorg\u00e4nge vor allem als wichtiges Zeichen f\u00fcr die innere Basisdemokratie des S.B., denn M\u00fchsam stellte wenigstens hier die ansonsten unangefochtene Dominanz Landauers auch einmal in Frage (S. 549). Leder urteilt kritisch: &#8222;In Auseinandersetzung tendiert Landauer zu Unnachgiebigkeit und H\u00e4rte; so manche Freundschaft geht dar\u00fcber in die Br\u00fcche.&#8220; (S. 699)<\/p>\n<p>Dieselbe problematische Charaktereigenschaft hatte leider auch Pierre Ramus in \u00d6sterreich, der im genannten Streit Hardeggers Position zur freien Liebe verteidigte. 1910-11 kam es zudem in einem &#8222;Brief \u00fcber die anarchistischen Kommunisten&#8220; (Landauer) und Ramus&#8216; Antwort &#8222;Ein Brief \u00fcber den Sozialistischen Bund&#8220; (nachgedruckt in Ne znam, Nr. 1\/2015, S. 92-122) zu einem Streit mutualistisch-kollektivistischer versus kommunistischer Anarchismus, der von Ramus vertreten wurde (S. 550f.). Den Text Ramus&#8216; finde ich dabei argumentativ \u00fcberzeugend, der Siedlungsgedanke wurde von ihm gesch\u00e4tzt, aber als Hauptstrategie zur Bek\u00e4mpfung des Kapitalismus verworfen.<\/p>\n<p>Landauer hatte \u00fcber l\u00e4ngere Zeit hinweg Einreiseverbot nach \u00d6sterreich und so konnte er den S.B. nicht dorthin ausweiten, wie das \u00fcber Hardegger in die Schweiz m\u00f6glich war. Schade finde ich f\u00fcr die damalige Ausgangssituation des gewaltlosen Anarchismus, dass sich hier zwei ihrer brillanten K\u00f6pfe, beide dar\u00fcber hinaus \u00fcbrigens bedeutende Theoretiker der anarchistischen Marxismuskritik, gegenseitig bek\u00e4mpften und es ob ihres jeweiligen ungeheuren Egos nicht schafften, ausr\u00e4umbare inhaltliche Differenzen von pers\u00f6nlichem Konkurrenzdenken zu trennen, denn Landauer bef\u00fcrwortete sp\u00e4ter, ab der Marokko-Krise 1911, auch wieder den Generalstreik, den er im S.B. verwarf, jedoch als politischen Generalstreik gegen den Krieg, w\u00e4hrend er f\u00fcr Ramus gerade das zentrale \u00f6konomische Kampfmittel f\u00fcr die freie Gesellschaft darstellte. Margarethe Hardegger war auch Leidtragende dieses Hahnenkampfes. Beim Lesen dieser unfruchtbar ausgetragenen Konflikte kommt eine Ahnung davon auf, was f\u00fcr den gewaltlosen Anarchismus an Entwicklung h\u00e4tte m\u00f6glich sein k\u00f6nnen, wenn diese drei konstruktiv und langfristig h\u00e4tten zusammenarbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Haltung Landauers w\u00e4hrend Krieg und Revolution (S. 701-847) ist dann durchweg ehrenwert. Er h\u00e4lt als \u00fcberzeugter Kriegsgegner so manchem Freund, der in einen deutschnationalen Rausch verfiel, konsequent den Spiegel vor (M\u00fchsam, Buber, Dehmel usw.). In seinem Engagement in der bayerischen Novemberrevolution 1918 und der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik sah er, entgegen den Behauptungen im sp\u00e4teren &#8222;Rechenschaftsbericht&#8220; M\u00fchsams, keinen Widerspruch zu seinem Prinzip der Gewaltlosigkeit. Das wird in Leders Arbeit immer wieder in Zitaten deutlich (etwa S. 808), auch wenn Landauer nach dem Mord an Kurt Eisner zum Schutz die bedingte Gefangennahme von Geiseln bef\u00fcrwortete, diese jedoch wie Ernst Toller auch wieder freilassen wollte.<\/p>\n<p>Am Ende der zweiten R\u00e4terepublik, Ende April 1919, als sich Toller mit der KPD, die dann von ihr verhaftete Geiseln ermorden sollte, \u00fcberwarf, schlug Landauer, bezeugt durch Else Eisner, eine Aktion vor, die nur jemand vorschlagen kann, der seine Vernunft und seine Phantasie immer f\u00fcr gewaltfreie L\u00f6sungen einsetzte, n\u00e4mlich &#8222;f\u00fcr den Fall milit\u00e4rischer Aktionen gegen M\u00fcnchen (&#8230;) einen Zug von Frauen und Kindern zu bilden, um auf diese Weise ein Blutbad zu verhindern.&#8220; (S. 840) Doch zum Blutbad kam es, und Landauer fiel ihm zum Opfer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zweite Band der Gustav Landauer-Biographie Tilman Leders (Rezension zu Band I siehe GWR 408, S. 24) erstreckt sich von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in deren Mittelpunkt die anarchistische Organisation des Sozialistischen Bundes (im Weiteren: S.B.) mit der 2. 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