{"id":15425,"date":"2016-10-01T00:00:00","date_gmt":"2016-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/emma-goldman-und-die-spanische-revolution-entfachte-utopie-ist-eine-detaillierte-darstellung-der-letzten-lebensetappe-der-anarchistin\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:54","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:54","slug":"emma-goldman-und-die-spanische-revolution-entfachte-utopie-ist-eine-detaillierte-darstellung-der-letzten-lebensetappe-der-anarchistin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/emma-goldman-und-die-spanische-revolution-entfachte-utopie-ist-eine-detaillierte-darstellung-der-letzten-lebensetappe-der-anarchistin\/","title":{"rendered":"Emma Goldman und die Spanische Revolution"},"content":{"rendered":"<p>Die &#8222;rote Emma&#8220; ist die bekannteste Anarchistin des 20. Jahrhunderts. Dies zeigt nicht zuletzt die breite und positive Resonanz auf ihre Memoiren, die die Edition Nautilus 2010 in neuer \u00dcbersetzung herausgab (vgl. Antje Schrupps Rezension, in: GWR 354). Im November 2010 stand ihre Autobiographie auf Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste von NDR und SZ.<\/p>\n<p>Emma Goldman, geboren 1869 in Kowno, heute Litauen, hatte sich nach ihrer Emigration in die USA Ende der 1880er Jahre der anarchistischen Bewegung angeschlossen, die damals noch von den deutschen Emigranten um Johann Most dominiert wurde. 1906 gr\u00fcndete sie die Monatszeitschrift &#8222;Mother Earth&#8220;, in der aus anarchistischer Perspektive Artikel \u00fcber Frauenemanzipation, Arbeiterbewegung, Erziehung, Kunst etc. publiziert wurden. Die Zeitschrift, deren LeserInnen und AutorInnen sich aus dem gesamten Spektrum der radikalen Linken rekrutierten, und ihre gro\u00dfen rhetorischen F\u00e4higkeiten machten die &#8222;rote Emma&#8220; zu einer prominenten Figur in den USA und in der internationalen anarchistischen Bewegung. Wegen ihrer Antikriegspropaganda wurde sie 1917 verhaftet und Ende 1919 als unerw\u00fcnschte Ausl\u00e4nderin zusammen mit Alexander Berkman in die Sowjetunion deportiert.<\/p>\n<p>Nach der Niederschlagung des Kronst\u00e4dter Aufstands durch die Rote Armee verlie\u00dfen Goldman und Berkman die Sowjetunion und lebten einige Jahre in Berlin. Durch die Heirat mit dem schottischen Anarchisten James Colton erhielt Goldman die britische Staatsb\u00fcrgerschaft und zog nach London, wo sie sich aber politisch isoliert f\u00fchlte. 1929 erwarb sie dank der Unterst\u00fctzung von FreundInnen ein Haus in St. Tropez, wo sie ihre Memoiren schrieb. \u00dcber ihre pers\u00f6nliche Situation in den 1930er Jahren schreibt David Porter:<\/p>\n<p>&#8222;Trotz endloser Briefe, Artikel und Reden, die den Tatendrang vieler anderer wom\u00f6glich befriedigt h\u00e4tten, vermisste Goldman schmerzlich eine lokale Basis f\u00fcr den direkten Aktivismus. In ihrem pers\u00f6nlichen Gef\u00fchl der Isolation spiegelte sich in der Tat die allgemeine, untragbare politische Situation &#8211; die wachsende Popularit\u00e4t sowohl linker als auch rechter, autorit\u00e4rer Bewegungen beim Volk. Goldman drohte in diesem Vakuum zu ersticken, doch ihr starker Idealismus, ihre endlose Korrespondenz und ihr regelm\u00e4\u00dfiger Kontakt zu Berkman gaben ihr die n\u00f6tige Kraft zum Weitermachen. Im Juni 1936 brach letztere Unterst\u00fctzung allerdings weg, als sich Berkman nach langer Depression wegen seines Exils und seiner Krankheit das Leben nahm. F\u00fcr Goldman brach eine Welt zusammen. Nur noch mechanisch kommunizierte sie mit ihren Kontakten in den USA. Drei Wochen sp\u00e4ter brach in Spanien die Revolution aus.&#8220; (S. 40)<\/p>\n<p>Die Spanische Revolution erl\u00f6ste sie aus dieser schweren Depression. Im August 1936 erreichte sie ein Brief Augustin Souchys, der damals die Auslandsleitung der CNT-FAI leitete, und sie bat, die Revolution zu unterst\u00fctzen. Sie reiste nach Barcelona, arbeite in der Auslandsabteilung der CNT-FAI und unternahm mehrere Reisen durch das revolution\u00e4re Spanien; u.a. mit dem niederl\u00e4ndischen Anarchisten Arthur Lehning und den deutschen Anita Karfunkel und Hans Erich Kaminski. Schweren Herzens verlie\u00df sie im Dezember 1937 Barcelona. Sie hatte sich von den spanischen GenossInnen \u00fcberzeugen lassen, dass ihre Arbeit im Ausland wichtiger als in Spanien sei. In London war sie nun Vertreterin der CNT-FAI und versuchte Solidarit\u00e4tsaktionen zu organisieren. 1937 und 1938 reiste sie jeweils f\u00fcr zwei bis drei Monate nach Spanien.<\/p>\n<p>&#8222;Bei seiner Erstver\u00f6ffentlichung im Jahr 1983&#8220;, schreibt Porter im Vorwort der jetzt \u00fcbersetzten zweiten Auflage von 2006, &#8222;hatte Entfachte Utopie (Vision on Fire) drei Hauptziele. Mein erstes Ziel bestand darin, die erste detaillierte Darstellung und Analyse der letzten Etappe in Emma Goldmans militantem Leben als Anarchistin zu erstellen. Bis dahin gab es kaum Publikationen zu ihren Schriften und ihrem Aktivismus bez\u00fcglich des spanischen Anarchismus. Zweitens wollte ich eine neue Informations- und Analysequelle zur Revolution und zum B\u00fcrgerkrieg im Spanien der sp\u00e4ten 1930er Jahre sowie zu bestimmten Diskussionen \u00fcber diese Zeit innerhalb der internationalen anarchistischen Bewegung schaffen. Als international anerkannte, langj\u00e4hrige Anarchistin stand Emma Goldman im Mittelpunkt intensiver Korrespondenz, die die damaligen Ereignisse sowohl f\u00fcr die spanischen AnarchistInnen als auch f\u00fcr die gesamte internationale Bewegung beleuchtete. Schlie\u00dflich wollte ich Goldmans pers\u00f6nliche und \u00f6ffentliche Beobachtungen in einem Format pr\u00e4sentieren, welches zum Dialog mit den heutigen LeserInnen anregt. Indem ich ihre Gedanken in thematisch aufgeteilten Kapiteln ordnete und in den Einleitungen jeweils den spanischen und andere historische anarchistische Kontexte mit heutigen Problemstellungen verkn\u00fcpfte, wollte ich Emma Goldman in die Gegenwart bringen und mit allgemeinen Fragestellungen verbinden, die auch heutige antiautorit\u00e4re AktivistInnen besch\u00e4ftigen. (Solch eine Verbindung l\u00e4dt ebenso die heutigen AktivistInnen dazu ein, die Spanische Revolution besser zu verstehen.&#8220; (S. 7).<\/p>\n<p>Dieses Ziel hat Porter in hervorragender Weise erreicht. Obwohl seit 1983 eine Reihe von Arbeiten \u00fcber Emma Goldman, der Spanischen Revolution und dem spanischen Anarchismus erschienen sind, ist seine Arbeit immer noch aktuell. In keinem anderen Buch wird der politische aber auch der mentale Konflikt zwischen der internationalen anarchistischen Bewegung und den spanischen GenossInnen so anschaulich und nachvollziehbar geschildert wie bei Porter. Eines der zentralen Themen des Buches ist &#8222;die Debatte dar\u00fcber, ob Kompromisse oder \u00c4nderungen der eigenen Strategie als Verrat oder weise Weiterentwicklung anzusehen sind, hat die Bewegung \u00fcber die Jahre stets in Mitleidenschaft gezogen&#8220; (S. 47).<\/p>\n<p>Auch Goldmans Haltung gegen\u00fcber Spanien folgte einer &#8222;Zickzacklinie&#8220;: &#8222;Dreimal wechselte sie von einem puristisch kritischen, isolierten Standpunkt zu einer durchweg begeisterten Unterst\u00fctzung der spanischen AnarchistInnen und wieder zur\u00fcck.&#8220; (ebd.)<\/p>\n<p>In ihrer Ansprache zum Kongress der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) im Dezember 1937 in Paris, der von scharfen Kontroversen zwischen der CNT und den anderen Sektionen der IAA begleitet war, brachte sie ihre Ambivalenzen folgenderma\u00dfen auf den Punkt:<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin geneigt, zu glauben, dass das Urteil der KritikerInnen aus unseren Reihen au\u00dferhalb Spaniens weniger streng ausfiele, wenn auch sie dem Kampf um Leben und Tod der CNT-FAI n\u00e4hergekommen w\u00e4ren &#8211; nicht, dass ich mit ihrer Kritik nicht einverstanden w\u00e4re. Ich teile sie zu 95%. Ich betone, dass unabh\u00e4ngiges Denken und das Recht auf Kritik stets unser gr\u00f6\u00dfter Stolz gewesen ist, ja das Bollwerk des Anarchismus. Das Problem mit unseren spanischen GenossInnen ist ihre besondere Empfindlichkeit gegen\u00fcber Kritik oder gar Ratschl\u00e4gen von GenossInnen aus dem Ausland.<\/p>\n<p>Sie sollten jedoch verstehen, dass ihre KritikerInnen nicht von Feindseligkeit geleitet werden, sondern von ihrer gro\u00dfen Besorgnis um das Schicksal der CNT-FAI. (\u0085) Wenn unsere spanischen GenossInnen das blo\u00df verstehen k\u00f6nnten, dann w\u00e4ren sie weniger aufgebracht und w\u00fcrden ihre KritikerInnen nicht als Feinde betrachten. Ich bef\u00fcrchte, dass die KritikerInnen ebenso Schuld tragen. Sie sind nicht weniger dogmatisch als die spanischen GenossInnen. Sie verurteilen ungehalten jeden Schritt, der in Spanien unternommen wird. (\u0085) Es wurde angemerkt, dass unsere GenossInnen aus allen L\u00e4ndern gro\u00dfz\u00fcgige Summen und zahlreiche K\u00e4mpferInnen zum spanischen Kampf beigetragen hatten und dass es ausgereicht hatte, sie zu bitten. Meine lieben Genossinnen und Genossen, wir sind ja nun aus derselben Familie und unter uns. Daher brauchen wir nicht um den hei\u00dfen Brei herumzureden. Eine bedauernswerte Tatsache ist, dass es keine wirkliche anarchistische oder anarchosyndikalistische Bewegung au\u00dferhalb Spaniens gibt, au\u00dfer in Schweden und in kleinerem Rahmen in Frankreich&#8220; (S. 404).<\/p>\n<p>Es ist dem Unrast Verlag hoch anzurechnen, dass er das verlegerische Risiko eingegangen ist, Porters Arbeit in deutscher \u00dcbersetzung zu publizieren.<\/p>\n<p>Im Kontrast dazu steht aber leider die editorische Sorgfalt. Im Unterschied zum englischen Original fehlt ein Personenregister, was den Gebrauchswert des Buches besonders f\u00fcr den historischen Laien unn\u00f6tigerweise einschr\u00e4nkt. Es fehlt ein Hinweis darauf, dass mittlerweile der Nachlass Goldmans im Internationalen Institut f\u00fcr Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam digitalisiert ist. ((1))<\/p>\n<p>Zu seinem gro\u00dfen Bedauern war Porter 1983 noch die Publikation l\u00e4ngerer Passagen vom IISG nicht gestattet worden. So war er &#8222;gezwungen, die entsprechenden Texte, so gut es ging, unter diesen willk\u00fcrlich einschr\u00e4nkenden Bedingungen zu verwerten&#8220; (S. 19). Interessierte LeserInnen haben nun die M\u00f6glichkeiten, die von Porter paraphrasierten Briefe Goldmans im Original zu lesen. Und zu guter Letzt h\u00e4tte die Publikation gewonnen, wenn in einem Vorwort zur deutschen Ausgabe Goldmans Beziehungen zu den deutschen AnarchosyndikalistInnen detaillierter ausgef\u00fchrt worden w\u00e4ren. Denn zum einen waren ihre wichtigsten Briefpartner Rudolf Rocker und Helmut R\u00fcdiger und zum anderen setzte sie sich f\u00fcr die Freilassung der nach den Mai-Tagen inhaftierten deutschen und internationalen Anarchosyndikalisten ein und besuchte sie im Gef\u00e4ngnis (S. 207-210).<\/p>\n<p>So bleibt auf einen gro\u00dfen Erfolg des Buches zu hoffen, damit der Verlag alle die genannten Kritikpunkte bei der hoffentlich bald erscheinenden zweiten Auflage des Buches korrigieren kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &#8222;rote Emma&#8220; ist die bekannteste Anarchistin des 20. Jahrhunderts. Dies zeigt nicht zuletzt die breite und positive Resonanz auf ihre Memoiren, die die Edition Nautilus 2010 in neuer \u00dcbersetzung herausgab (vgl. Antje Schrupps Rezension, in: GWR 354). Im November 2010 stand ihre Autobiographie auf Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste von NDR und SZ. 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