{"id":15427,"date":"2016-10-01T00:00:00","date_gmt":"2016-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/anarchistische-piratenutopien\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:54","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:54","slug":"anarchistische-piratenutopien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/anarchistische-piratenutopien\/","title":{"rendered":"Anarchistische Piratenutopien"},"content":{"rendered":"<p>Piratengeschichten sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Insbesondere wenn man wei\u00df, dass der sogenannte Jolly Roger, also eine &#8222;schwarze Flagge mit wei\u00dfem Totenkopf und gekreuzten Knochen&#8220; wahrscheinlich &#8222;eine sp\u00e4tere Erfindung der Popul\u00e4rkultur&#8220; ist. (S. 118). Die Geschichte um die Piratengemeinschaft von Kapit\u00e4n Misson f\u00e4llt dabei sowieso schon aus dem Rahmen, da diese &#8222;eine wei\u00dfe Flagge mit der G\u00f6ttin der Freiheit, Libertas, darauf&#8220; (S. 26) f\u00fcr sich als Symbol gew\u00e4hlt hat.<\/p>\n<p>Bei Kapit\u00e4n Misson und seinem engsten Vertrauten Caraccioli f\u00e4llt zun\u00e4chst deren f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse absolut ungew\u00f6hnliche Haltung auf. Denn die Geschichte, die in den beiden Libertalia-Kapiteln im zweiten Band der &#8222;Allgemeinen Geschichte der Piraten&#8220; von 1728 \u00fcber sie erz\u00e4hlt wird, ist an sich eher trivial. Beide ergreifen gemeinsam die Gelegenheit, ein Schiff zu \u00fcbernehmen, und segeln pl\u00fcndernd und raubend durch die Weltmeere, bis sie sich im n\u00f6rdlichen Teil von Madagaskar mit Gleichgesinnten niederlassen und ihre Piratenrepublik Libertalia gr\u00fcnden. Diese wird sp\u00e4ter von Einheimischen zerst\u00f6rt. Dabei kommt Caraccioli ums Leben, Misson stirbt kurze Zeit darauf beim Untergang seines Schiffes.<\/p>\n<p>Zu dieser Haltung geh\u00f6rt die anst\u00e4ndige Behandlung von Gefangenen (&#8222;ihre Gefangenen sollten sie so behandeln, wie sie selbst behandelt werden wollten&#8220;, S. 17), die Verteidigung bzw. Wiederherstellung der Menschenw\u00fcrde (&#8222;indem sie Seeleute [also gerade Gefangengenommene] ohne oder mit entw\u00fcrdigender Bekleidung als Erstes aus gemeinschaftlichem Besitz neu einkleiden&#8220;, S. 198). Au\u00dferdem gleiche Rechte f\u00fcr alle und G\u00fctergemeinschaft (&#8222;dass alles allen geh\u00f6ren und die Habgier eines Einzelnen nicht das Eigentum aller verletzen solle&#8220;, S. 26), das Freiwilligkeitsprinzip (Gefangenen wurde das Angebot gemacht, anzuheuern, und sie, aber auch alle anderen M\u00e4nner der Piratengemeinschaft, hatten das Recht, das Schiff zu verlassen und sich auszahlen zu lassen), gegen Sklaverei (&#8222;dass es [&#8230;] nie geziemlich sein k\u00f6nne, die eigene Art f\u00fcr Geld zu handeln, und dass kein Mensch Macht \u00fcber die Freiheit eines anderen habe&#8220;, S. 39), die Ablehnung der Todesstrafe (&#8222;dass es zu seinen [Missons] Glaubensgrunds\u00e4tzen geh\u00f6re, dass niemand au\u00dfer Gott allein, da er es schenke, Macht \u00fcber das Leben eines anderen habe&#8220;, S. 78) sowie die Ablehnung von Religion (&#8222;eine Fessel f\u00fcr den Geist der Schwachen&#8220;, S. 12).<\/p>\n<p>All das basiert auf der Grundannahme, &#8222;dass jeder Mensch frei geboren sei und auf die Dinge, die er zum Leben brauche, ebenso viel Recht habe wie auf die Luft zum Atmen&#8220;. (S. 20) Das ist auch die Legitimation daf\u00fcr, &#8222;rechtm\u00e4\u00dfig der ganzen Welt den Krieg [zu] erkl\u00e4ren, weil sie ihn [Misson bzw. den Menschen ganz allgemein] der Freiheit beraubt habe, auf die er nach dem Naturgesetz ein Anrecht habe.&#8220; (S. 23) Diese Haltung pr\u00e4gt auch ihr ganzes Selbstverst\u00e4ndnis: &#8222;Sie seien keine Piraten, sondern M\u00e4nner, entschlossen, die Freiheit zu behaupten, die Gott und die Natur ihnen geschenkt h\u00e4tten; sie w\u00fcrden sich keinen anderen Regeln unterwerfen als denen, die f\u00fcr das Wohlergehen aller n\u00f6tig seien. Gehorsam gegen\u00fcber Vorgesetzten sei n\u00f6tig, wenn diese die Pflichten ihres Amtes kennten und danach handelten&#8220;. (S. 24) Dabei geb\u00e4rdeten sie sich als Sozialrebellen, die &#8222;Krieg mit den Unterdr\u00fcckern f\u00fchre[n] und nicht mit den Unterdr\u00fcckten.&#8220; (S. 70)<\/p>\n<p>Die Piratengemeinschaft von Kapit\u00e4n Misson, aber auch die anderer Piraten, gaben sich sogenannte Piratensatzungen, von denen im Buch vier beispielhaft abgedruckt worden sind. Diese zeugen davon, dass sich diese Piratengemeinschaften selbstgew\u00e4hlte Regeln gaben. &#8222;Die Piratensatzungen nun wurden zu den ersten in die Praxis umgesetzten Vertragstheorien gez\u00e4hlt [&#8230;] die eine Selbstverwaltung nach selbstgegebenen Gesetzen proklamierten.&#8220; (S. 132) Aber was den Grad an gelebter Freiheit betrifft, ragt Libertalia heraus: &#8222;So praktizierten sie eine radikalere Demokratie, als es hundert Jahre sp\u00e4ter die Franz\u00f6sische Revolution oder gar die Amerikanische fordern sollte [&#8230;] Libertalia ragt aus der Zeit und bricht ihre Konventionen an der Schwelle vom 17. zum 18. Jahrhundert.&#8220; (S. 122)<\/p>\n<p>Da die Piratenrepublik Libertalia im Verh\u00e4ltnis zu einem einzelnen Piratenschiff relativ gro\u00df geworden war, wurde das bisherige demokratische Verfahren (&#8222;die direkte Demokratie der Piratensatzungen&#8220;, S. 121) zu einer repr\u00e4sentativen Demokratie als selbstgew\u00e4hlte Regierungsform weiter ausgebaut. Motivation hierf\u00fcr: &#8222;Denn wenn es keine verl\u00e4sslichen Gesetze gebe, w\u00fcrden die Schw\u00e4chsten immer zu leiden haben [und:] Die Leidenschaften der Menschen machten sie f\u00fcr die Gerechtigkeit blind und lie\u00dfen sie stets ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen.&#8220; (S. 80) Aber ein wesentliches Prinzip blieb dabei: Keine Unterordnung unter andere Regierungen!<\/p>\n<h3>&#8222;wenn man aufh\u00f6rte, uns als anr\u00fcchige Piraten zu beschimpfen [&#8230;] Aber es ist ein l\u00e4cherlicher Gedanke, dass wir uns noch gr\u00f6\u00dferen Schurken, als wir es selber sind, unterordnen werden.&#8220; (S. 84)<\/h3>\n<p>In &#8222;Kommentar und Anmerkungen zu Libertalia&#8220; hei\u00dft der letzte Abschnitt &#8222;Piraten als Anarchisten mit Verfassung&#8220; (S. 180).<\/p>\n<p>Das klingt wie ein Widerspruch in sich, ein Anachronismus. Und so hei\u00dft es auch deshalb: &#8222;Eine repr\u00e4sentative Demokratie wie in Libertalia wird von den meisten Anarchisten abgelehnt, wie alle Formen der Vertragstheorien. Formen direkter Demokratie wie in den Piratensatzungen dagegen stehen hoch im Kurs.&#8220; (S. 176-177) Aber letztendlich geht es doch darum, f\u00fcr sich als Mensch oder als Gemeinschaft, einen Weg in die Freiheit zu finden.<\/p>\n<p>Mehrfach habe ich beim Lesen des Buches den Eindruck gehabt, dass manches, was sich auf einem Piratenschiff oder in der Piratenrepublik Libertalia im Kleinen abgespielt hat, sich auf unsere heutige Situation im Gro\u00dfen \u00fcbertragen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&#8222;Dabei waren die Mannschaften der Piratenschiffe bunt zusammengew\u00fcrfelt [&#8230;] So globalisiert wie dieser buntscheckige Haufen erscheint uns erst die Gegenwart&#8220; (S. 113-114). Mit dieser Kombination aus Gleichheit und Freiheit gelang es, zumindest auf den Piratenschiffen von Kapit\u00e4n Misson, ein halbwegs friedliches Miteinander untereinander zu erreichen.<\/p>\n<p>Und das in Form direkter bzw. radikaler Demokratie. Denn: &#8222;Die Piraten dagegen konnten sich bei ihrem Gesch\u00e4ftsmodell nicht auf staatliche Gesetze und Gewalt verlassen. Unter diesen Umst\u00e4nden, so die libert\u00e4re These Leesons, war die Demokratie f\u00fcr sie die beste Organisationsform.&#8220; (S. 181-182)<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich dem Umgang mit Gefangenen in Libertalia hei\u00dft es an einer Stelle: &#8222;den Gefangenen wurde bei Todesstrafe <i>[Anm. d. GWR-S\u00e4zzers: Ein Widerspruch zur obigen Behauptung, die Todesstrafe werde von den Piraten abgelehnt. Was denn nun?]<\/i> verboten, die ihnen genannten Grenzen zu \u00fcberschreiten, damit sie nicht ihre eigene St\u00e4rke entdeckten und revoltierten.&#8220; (S. 68) Bezogen auf die heutige Zeit k\u00f6nnte das doch hei\u00dfen: Das System bzw. die M\u00e4chtigen versuchen insbesondere durch die Massenmedien zu verhindern, dass das Volk hinter die Kulissen schaut, dass es sich seiner eigenen St\u00e4rke bewusst wird.<\/p>\n<p>Das Buch &#8222;Libertalia&#8220; ist deshalb heute noch lesenswert, um auszuloten, was sich davon, von seinen Inhalten &#8211; als politischer Gegenentwurf &#8211; f\u00fcr unsere heutige Situation sinnvoll einsetzen l\u00e4sst. Deswegen sind auch offene Fragen, die im Kommentar diskutiert werden, eigentlich zweitrangig. Es ist bei diesen zwei Libertalia-Kapiteln n\u00e4mlich nicht eindeutig gekl\u00e4rt (und wird es wohl auch nie werden), ob es sich um eine Utopie oder um eine wirkliche Begebenheit handelt. Auch ob der Autor ein gewisser Captain Charles Johnson gewesen ist, oder ob Daniel Defoe unter diesem Pseudonym diese Texte ver\u00f6ffentlicht hat, ist umstritten. Verwirrend ist auch, dass in der weiterf\u00fchrenden Literatur unterschiedliche Schreibweisen verwendet werden. Also: Libertalia oder Libertatia; Kapit\u00e4n bzw. Captain Mission oder Misson?<\/p>\n<p>Tatsache ist dagegen, dass dieser utopische Stoff Freidenker wie William S. Burroughs und Peter Lamborn Wilson aka Hakim Bey stark beeinflusst hat. Bei Burroughs zeigt sich dies insbesondere im Vorspann zu &#8222;Die St\u00e4dte der Roten Nacht&#8220;, sowie in seinem sp\u00e4teren Buch &#8222;Ghost of Chance&#8220;, das von den Lemuren auf Madagaskar handelt. Die B\u00fccher von Peter Lamborn Wilson bez\u00fcglich Piraten: Hakim Bey, &#8222;T.A.Z. Die Tempor\u00e4re Autonome Zone&#8220;; Peter Lamborn Wilson, &#8222;Piraten Anarchisten Utopisten. Mit ihnen ist kein Staat zu machen&#8220;. Bezogen auf die T.A.Z. hei\u00dft es im Kommentar: &#8222;Libertalia ist f\u00fcr ihn [Bey] das Vorbild f\u00fcr eine zu schaffende anarchistisch befreite Zone innerhalb eines [&#8230;] den Globus umspannenden Informationsnetzwerks von Piratenutopien.&#8220; (S. 170)<\/p>\n<p>In den Erl\u00e4uterungen kann man folgenden bemerkenswerten Satz finden: &#8222;Die Bezeichnungen T\u00fcrken, \u201aMohammedaner&#8216; [&#8230;] werden vom Autor dem zeitgen\u00f6ssischen Gebrauch entsprechend synonym und abwertend gebraucht. Sie stehen f\u00fcr \u201adie mohammedanische Bedrohung des christlichen Abendlandes'&#8220; (S. 191). Demgegen\u00fcber steht PEGIDA f\u00fcr &#8222;Patriotische Europ\u00e4er gegen die Islamisierung des Abendlandes&#8220;. Die frappante \u00c4hnlichkeit dieser beiden Begrifflichkeiten zeigt doch, dass sich viele Menschen in Europa im 21. Jahrhundert gegen\u00fcber denen im 17. &amp; 18. Jahrhundert nicht wirklich weiterentwickelt haben!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Piratengeschichten sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Insbesondere wenn man wei\u00df, dass der sogenannte Jolly Roger, also eine &#8222;schwarze Flagge mit wei\u00dfem Totenkopf und gekreuzten Knochen&#8220; wahrscheinlich &#8222;eine sp\u00e4tere Erfindung der Popul\u00e4rkultur&#8220; ist. (S. 118). Die Geschichte um die Piratengemeinschaft von Kapit\u00e4n Misson f\u00e4llt dabei sowieso schon aus dem Rahmen, da diese &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/anarchistische-piratenutopien\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Anarchistische Piratenutopien - graswurzelrevolution","description":"Piratengeschichten sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. 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