{"id":15429,"date":"2016-10-01T00:00:00","date_gmt":"2016-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/fritz-oerter-in-jeder-form-ist-gewalt-unkultur\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:54","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:54","slug":"fritz-oerter-in-jeder-form-ist-gewalt-unkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/fritz-oerter-in-jeder-form-ist-gewalt-unkultur\/","title":{"rendered":"Fritz Oerter: &#8222;In jeder Form ist Gewalt Unkultur.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Fritz Oerter (1869-1935), Lithograph, Schriftsteller und Buchh\u00e4ndler aus F\u00fcrth, geh\u00f6rte zum gewaltlos-anarchistischen Fl\u00fcgel des Anarchosyndikalismus und der FAUD der 1920er-Jahre. Davon zeugt eine eindrucksvolle Textsammlung, erschienen im Verlag Edition AV als Band 4 der Reihe &#8222;AnarchistInnen &amp; SyndikalistInnen und der Erste Weltkrieg&#8220;. Im Band sind wichtige Texte Oerters aus den anarchistischen Zeitungen &#8222;Der freie Arbeiter&#8220; und vor allem &#8222;Der Syndikalist&#8220; versammelt, gruppiert in Kapitel &#8222;Grundsatztexte&#8220;, &#8222;Militarismus und Krieg&#8220;, &#8222;Ausblicke und Appelle&#8220; und ein letztes Kapitel mit sehr interessanten Rezensionen, die zu Unrecht historisch oft vernachl\u00e4ssigt werden. Wie Rudolf Rocker sah Oerter den Anarchosyndikalismus haupts\u00e4chlich als Kulturbewegung, doch dezidierter als bei Rocker, der einen Gewaltvorbehalt vertrat, hie\u00df es bei Oerter: &#8222;In jeder Form ist Gewalt Unkultur&#8220; (S. 44). \u00dcber welche Themen Oerter auch schrieb, seien es freie Liebe, \u00f6konomische Kampfmittel, Antimilitarismus oder Texte gegen den aufkommenden Antisemitismus und Faschismus, immer waren grunds\u00e4tzliche Stellungnahmen pro Gewaltlosigkeit deutlich herauszulesen. Damit geh\u00f6rte Oerter zu denjenigen gewaltlosen Anarchisten, die als pr\u00e4gende Bezugspersonen der heutigen Graswurzelrevolution und des gewaltfreien Anarchismus gelten k\u00f6nnen. Davon zeugt etwa der Wiederabdruck von Oerters Brosch\u00fcrentext &#8222;Gewalt oder Gewaltlosigkeit?&#8220; (Wien 1920; nicht in diesem Band abgedruckt) nach einem internen Richtungsstreit in der programmatischen Graswurzelrevolution Nr. 125 vom September 1988. Ein Text Oerters, &#8222;Gewalt und Gewaltlosigkeit&#8220;, findet sich im &#8222;Syndikalist&#8220; 30\/1920 (ebenfalls hier nicht abgedruckt). Bereits im Oktober 1977 erschien als Beilage zu GWR 32 die Anarchismus-Information Nr. 3 &#8222;Anarchosyndikalismus und Gewaltlosigkeit&#8220;, in der es etwa hei\u00dft: &#8222;Zweifellos der bedeutendste Theoretiker der Gewaltlosigkeit unter den deutschen Anarchosyndikalisten ist Fritz Oerter. Heute kennt kaum noch jemand seinen Namen&#8230;&#8220; Es werden dann Oerters Beitr\u00e4ge zur Diskussion ziemlich ausf\u00fchrlich dargestellt. Leider fehlen gerade diese Texte zur revolution\u00e4ren Gewaltlosigkeit im vorliegenden Band und leider ist das auch kein Zufall.<\/p>\n<p>Besonders beeindruckt war ich gleichwohl von Oerters Syndikalist-Artikel &#8222;Die Kulturideale des Syndikalismus&#8220; aus dem Jahr 1921, worin es u.a. hei\u00dft, der Syndikalismus sei gerade deshalb revolution\u00e4r, weil er das Ziel der Herrschaftslosigkeit &#8222;nicht wie die Revolution\u00e4re anderer Art mit den veralteten Mitteln und Methoden der bisherigen Machthaber, sondern mit den revolution\u00e4ren Kampfmitteln der direkten, wirtschaftlichen Aktion zu erringen strebt&#8220; (S. 49). Oerter kritisierte die marxistischen Parteien in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit der Frage: &#8222;Vertrauen sie nicht auch alle noch auf die Gewalt der Waffen, auf dieselbe Gewalt, auf welche sich die B\u00fcrgerlichen ebenfalls st\u00fctzen?&#8220; (S. 57) Und weiter: &#8222;Was k\u00f6nnen wir tun, um die Gewalt zu beseitigen oder unwirksam zu machen? Ebenfalls Gewalt \u00fcben? Ich sage nein. Die Gewalt wird nie dadurch abgeschafft, dass man sie wieder durch Gewalt bek\u00e4mpft. (&#8230;) Der Gewalt wohnt stets die Tendenz inne, selbst Ziel zu werden und an die Stelle einer zertr\u00fcmmerten Zentralisation eine neue Herrschaft zu setzen. Aber hat denn die Arbeiterschaft nicht andere, viel sch\u00e4rfere Mittel, die Gewalt zu beseitigen? Wer stellt denn immer noch Waffen und Munition her (&#8230;)? Und wahrlich, derjenige zeigt gr\u00f6\u00dferen Mut, der jede direkte und indirekte Unterst\u00fctzung der Gewalt verweigert, als derjenige, der sie durch seine Arbeit unterst\u00fctzt oder selbst in momentaner Erregung zur Waffe greift. (&#8230;) Gewalt wird bei einem Generalstreik umso weniger gebraucht werden, als der Wille vorhanden ist, sie um jeden Preis zu vermeiden&#8220; (S. 61f.). Hier wird der gewaltfreie Anarchismus als Radikalisierung des herk\u00f6mmlichen gewaltsamen Anarchismus klar herausgearbeitet. Solche wie selbstverst\u00e4ndlich vorgetragenen Passagen weckten in mir als jungem Aktivisten meine Begeisterung und verursachten eine gewaltfrei-anarchistische Pr\u00e4gung. Oerter war denn auch, so wei\u00df selbst die Wiki-Seite der Stadt F\u00fcrth, &#8222;Verfechter der Idee der Gewaltlosigkeit&#8220;. Eine solche, historisch richtige Charakterisierung wird man jedoch in der Einleitung und den editorischen Kommentaren von Helge D\u00f6hring in diesem Buch vergeblich suchen. Geradezu obsessiv, f\u00fcr jeden mit einer Mindestkenntnis der historischen Genese des gewaltfreien Anarchismus Vertrauten auf den ersten Blick erkennbar, sucht D\u00f6hring den Begriff gewaltloser Anarchist oder \u00fcberhaupt &#8222;gewaltlos&#8220; zu vermeiden. H\u00f6hepunkt dieses ideologischen Verzerrungsversuches ist der Kommentar D\u00f6hrings direkt nach dem hier zitierten Text Oerters: &#8222;Die von Oerter gemachten pazifistischen Aussagen fanden in der anarcho-syndikalistischen Arbeiterbewegung keinen Konsens [Wer hat das je behauptet?; d.A.], sondern starken Widerspruch&#8220; (S. 63).<\/p>\n<p>Die Militanten der FAUD, die eine radikale Gewaltlosigkeit als Kampfmittel innerhalb der FAUD vertraten, nannten sich damals explizit &#8222;Gewaltlose&#8220;; der Begriff gewaltfreier Anarchismus, gewaltfreie direkte Aktion usw. tauchte erst nach 1945 im deutschen Sprachraum auf und verbreitete sich dann immer mehr. D\u00f6hring spricht von Oerter jedoch nie als von einem Gewaltlosen oder gewaltlosen Anarchisten, sondern immer von &#8222;pazifistischen Aussagen&#8220;. Er integriert Oerter damit falsch in die historische Str\u00f6mung des Pazifismus, die zu 90 Prozent nichts mit dem Anarchismus zu tun hatte, sondern naiv Staaten zu Friedensverhandlungen bewegen wollte. Nicht einmal den Begriff &#8222;anarchopazifistisch&#8220; mag D\u00f6hring benutzen. Es ist eines selbst ernannten Historikers der Bewegung, der wissenschaftlichen Kriterien gerecht werden will, unw\u00fcrdig, den zentralen Begriff des damaligen Selbstverst\u00e4ndnisses der Militanten dieser Str\u00f6mung auf groteske Weise zu vermeiden. D\u00f6hring stelle sich einmal vor, anarchistische HistorikerInnen w\u00fcrden AnarchosyndikalistInnen durchweg blo\u00df als &#8222;Gewerkschafter&#8220; oder ihre Aussagen als &#8222;gewerkschaftlich&#8220; bezeichnen und damit etwa Fernand Pelloutier in eine historische Linie mit DGB-Vorsitzenden wie Sommer oder Hoffmann stellen. Ein emp\u00f6rter Aufschrei w\u00fcrde durch die Reihen anarchistischer HistorikerInnen gehen &#8211; und nun mag D\u00f6hring vielleicht eine Ahnung davon bekommen, warum ich emp\u00f6rt bin. Aber was soll&#8217;s: Die Oerter-Texte sind so stark, die widerstehen locker jedem ideologischen Verzerrungsversuch des Herausgebers.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fritz Oerter (1869-1935), Lithograph, Schriftsteller und Buchh\u00e4ndler aus F\u00fcrth, geh\u00f6rte zum gewaltlos-anarchistischen Fl\u00fcgel des Anarchosyndikalismus und der FAUD der 1920er-Jahre. Davon zeugt eine eindrucksvolle Textsammlung, erschienen im Verlag Edition AV als Band 4 der Reihe &#8222;AnarchistInnen &amp; SyndikalistInnen und der Erste Weltkrieg&#8220;. Im Band sind wichtige Texte Oerters aus den anarchistischen Zeitungen &#8222;Der freie Arbeiter&#8220; &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/fritz-oerter-in-jeder-form-ist-gewalt-unkultur\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Fritz Oerter: \"In jeder Form ist Gewalt Unkultur.\" - graswurzelrevolution","description":"Fritz Oerter (1869-1935), Lithograph, Schriftsteller und Buchh\u00e4ndler aus F\u00fcrth, geh\u00f6rte zum gewaltlos-anarchistischen Fl\u00fcgel des Anarchosyndikalismus und der FA"},"footnotes":""},"categories":[900,44,1030,1042],"tags":[],"class_list":["post-15429","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-412-oktober-2016","category-bucher","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15429","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15429"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15429\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15429"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15429"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15429"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}