{"id":15430,"date":"2016-10-01T00:00:00","date_gmt":"2016-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/streik-was-fuer-ein-wunderbarer-tag\/"},"modified":"2022-07-26T13:17:58","modified_gmt":"2022-07-26T11:17:58","slug":"streik-was-fuer-ein-wunderbarer-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/streik-was-fuer-ein-wunderbarer-tag\/","title":{"rendered":"Streik! Was f\u00fcr ein wunderbarer Tag"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren hat sich eine lebhafte Diskussion \u00fcber die Ausbreitung prek\u00e4rer Arbeitsverh\u00e4ltnisse und die Notwendigkeit neuer Organisationsans\u00e4tze und Instrumente des Arbeitskampfes entwickelt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich zeigt sich immer deutlicher, dass die gro\u00dfen Branchengewerkschaften nicht mehr in der Lage sind, auf die Probleme in weiten Bereichen der heutigen Arbeitswelt ad\u00e4quat zu reagieren. Der Berliner Journalist Peter Nowak legt mit dem vorliegenden Buch nun ein Sammelb\u00e4ndchen vor, das als Beitrag zu dieser Debatte aus aktivistischer Sicht gelten kann. Viele der hier versammelten Texte behandeln Beispiele aus Bereichen, die meist nicht mit Streiks in Verbindung gebracht werden. So geht es um Arbeitsk\u00e4mpfe von Sexarbeiterinnen, in einem Berliner Sp\u00e4tkauf, im Theater oder im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Die Autoren und Autorinnen waren und sind zumeist selbst ProtagonistInnen dieser K\u00e4mpfe oder in Unterst\u00fctzungsaktionen aktiv. Deutlich wird dabei die gro\u00dfe Rolle, welche ein solidarisches Umfeld und die Auseinandersetzung in der Gesellschaft haben, um eine oft mangelhafte Produktionsmacht der Besch\u00e4ftigten auszugleichen.<\/p>\n<p>Daher geht es im Buch auch um die Verbindung von Arbeitsk\u00e4mpfen und sozialen Bewegungen in der j\u00fcngsten Zeit. Bis auf einen Beitrag zu einem Solidarit\u00e4tskomitee von Lesben und Schwulen f\u00fcr den britischen Bergarbeiterstreik 1984 und 1985 werden frische und teilweise noch laufende Auseinandersetzungen behandelt.<\/p>\n<p>Zu loben ist, dass die Beitr\u00e4ge sich nicht auf Deutschland beschr\u00e4nken, sondern sich, durch Beispiele aus Frankreich und Italien, in einen internationalen Kontext einordnen lassen.<\/p>\n<p>So geht Willi Hajek, im Rahmen eines Beitrages \u00fcber ein europ\u00e4isches Netzwerk von Basis- und alternativen Gewerkschaften, auf die franz\u00f6sischen Basisgewerkschaften sud-solidaires und ihr Selbstverst\u00e4ndnis eines &#8222;syndicalisme different&#8220; (S. 10) ein, welcher auch das Verh\u00e4ltnis zu den Konsumenten und Konsumentinnen reflektiert und diese in die eigene Strategie mit einbezieht. &#8222;Der Typ Syndikalismus, den die Sud-Gewerkschaften repr\u00e4sentieren, betrachtet umgekehrt die Gesellschaft als praktischen Zusammenhang der Menschen, in dem die Lohnabh\u00e4ngigen nicht nur Objekte, sondern zugleich t\u00e4tige Subjekte, gesellschaftliche Produzent_innen sind und in dieser Eigenschaft das Kapitalverh\u00e4ltnis und die es sch\u00fctzende Politik als Hindernis, als \u0082Ballast&#8216; erleben.&#8220; (S. 10f.)<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang wird auf eine Reihe von Arbeitsk\u00e4mpfen eingegangen, in denen sich die Arbeiter und Arbeiterinnen direkt an ihr gesellschaftliches Umfeld wandten. So etwa Arbeitsniederlegungen im Pariser Hotel- und Friseurgewerbe, bei einem Energieversorger, oder die j\u00fcngsten K\u00e4mpfe der &#8222;Intermittents du spectacle&#8220;, der franz\u00f6sischen Kulturschaffenden, deren Schilderung den Prolog zu den j\u00fcngsten Auseinandersetzungen um die Reform des Arbeitsgesetzes bilden k\u00f6nnte: &#8222;die Intermittants sind praktisch seit 2003 ein aktiver Teil der rebellischen Lohnarbeit, der auch gerade durch seine Aktionsformen, durch seine Kultur der Versammlungen, durch sein \u00f6ffentliches Auftreten ein wirklich sozialrevolution\u00e4res Milieu geschaffen hat.&#8220; (S. 22f.)<\/p>\n<p>Zwei Mitglieder von labournet.tv behandeln die Auseinandersetzungen in der italienischen Logistikbranche, wo seit 2008 zumeist migrantische Arbeitskr\u00e4fte um Lohnerh\u00f6hungen und die Anerkennung der nationalen Tarifvertr\u00e4ge in ihren Unternehmen k\u00e4mpfen. In diesen Auseinandersetzungen spielen ebenfalls kleine lokal verankerte Basisgewerkschaften, wie die S.I. COBAS, eine gro\u00dfe Rolle. Hinzu kommt die Unterst\u00fctzung durch die radikale Linke vor Ort, mit deren Hilfe eine Reihe von Streiks erfolgreich durchgef\u00fchrt werden konnten.<\/p>\n<p>Die vielen Parallelen und Verbindungen zu den Beispielen aus Deutschland sind deutlich vorhanden. So bei den Auseinandersetzungen an der Berliner Universit\u00e4tsklinik Charit\u00e9 um eine bessere Personalausstattung, wo die Besch\u00e4ftigten unter dem Slogan &#8222;Mehr von uns ist besser f\u00fcr alle&#8220; (S. 82) auch die Qualit\u00e4t der Gesundheitsversorgung f\u00fcr die Patienten und Patientinnen thematisieren.<\/p>\n<p>Aber auch bei den Auseinandersetzungen im Einzelhandel, bei H&amp;M und bei Amazon, die von Solidarit\u00e4tskreisen unterst\u00fctzt werden, in denen sich vor allem die au\u00dferparlamentarische Linke einbringt. Ein Unterschied zu Frankreich und Italien ist dabei, dass in Deutschland diese Arbeitsk\u00e4mpfe mit ver.di von einer gro\u00dfen Branchengewerkschaft gef\u00fchrt werden, wobei auch Reibereien nicht ausbleiben.<\/p>\n<p>Abgeschlossen wird das B\u00e4ndchen mit einem stark theoretischen Beitrag der Gruppe &#8222;Antifa Kritik und Klassenkampf&#8220; aus Frankfurt am Main, in welchem diese ihr Engagement in oben genannten Soli-Kreisen mit der Absicht begr\u00fcndet, eine Verbindung von antikapitalistischer Perspektive und konkreten Einzelk\u00e4mpfen herzustellen. Wenn auch aus einer anderen Position heraus und in einem deutlich didaktischeren Tonfall, zeigt die Begr\u00fcndung f\u00fcr diese Orientierung am Klassenkampf auch \u00c4hnlichkeiten zum oben zitierten Selbstverst\u00e4ndnis der franz\u00f6sischen Basisgewerkschafter: &#8222;Wird in kollektiven Erfahrungs- und Reflexionsprozessen deutlich, dass die eigenen Bed\u00fcrfnisse hier und heute nur befriedigt werden, sofern sie sich der Wertvergesellschaftung anpassen, vermitteln sich Bed\u00fcrfnisse mit der kritischen Einsicht, dass eine gesellschaftliche Produktion, die auf die Bed\u00fcrfnisbefriedigung und -entfaltung der Gesellschaftsmitglieder gerichtet ist, nur jenseits der kapitalistischen Klassengesellschaft zu haben ist&#8220; (S. 105). Der Text endet mit einem Vorschlag zum Aufbau von Strukturen zur Herstellung von Solidarit\u00e4t zwischen Lohnabh\u00e4ngigen aus unterschiedlichen Branchen und gesellschaftlichen Bereichen. Darunter werden &#8222;Streikende, Betriebsgruppen, Arbeitsloseninitiativen, Repro-Arbeiter_innen oder Soli-Aktivist_innen&#8220; (S. 107) verstanden, die sich &#8222;rund um die Orte, an denen Herrschaft und Ausbeutung sich allt\u00e4glich reproduzieren&#8220; (S. 108) organisieren. Das l\u00e4sst wiederum an \u00e4hnliche Experimente der j\u00fcngsten Zeit in Italien denken, nicht zuletzt an die lokalen Organisations- und Unterst\u00fctzungsstrukturen f\u00fcr die Logistikarbeiter und -arbeiterinnen.<\/p>\n<p>Das Sammelb\u00e4ndchen ist sicher keine Fachliteratur. Eine ausf\u00fchrlichere Einleitung, die die vielen teils sehr unterschiedlichen Beitr\u00e4ge miteinander in Beziehung setzt und sie versucht mit gemeinsamen Thesen \u00fcber die neuen Arbeitsk\u00e4mpfe zu unterf\u00fcttern, wird nicht geboten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Leserinnen und Leser aber, die sich \u00fcber neuere und teils ungew\u00f6hnliche Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz aus erster Hand informieren wollen, ebenso wie f\u00fcr solche, die in \u00e4hnliche K\u00e4mpfe verwickelt sind, ist es dennoch eine anregende Lekt\u00fcre, die zudem handlich und auch f\u00fcr Menschen mit wenig Zeit zubereitet worden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren hat sich eine lebhafte Diskussion \u00fcber die Ausbreitung prek\u00e4rer Arbeitsverh\u00e4ltnisse und die Notwendigkeit neuer Organisationsans\u00e4tze und Instrumente des Arbeitskampfes entwickelt. 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