{"id":15431,"date":"2016-10-01T00:00:00","date_gmt":"2016-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/bestandsaufnahme-zum-neoanarchismus\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:54","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:54","slug":"bestandsaufnahme-zum-neoanarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/bestandsaufnahme-zum-neoanarchismus\/","title":{"rendered":"Bestandsaufnahme zum Neoanarchismus"},"content":{"rendered":"<p>Im Zuge der 68er Revolte und dem Aufkommen der Neuen Linken entstand auch innerhalb des anarchistischen Spektrums der &#8222;Neoanarchismus&#8220; &#8211; als eine Form des Neuen Anarchismus.<\/p>\n<p>Dieser Neologismus ist allerdings im Gegensatz zum Begriff der Neuen Linken nur schwer zu definieren. Das zeigt sich auch in der beim Schmetterling Verlag neuaufgelegten Studie &#8222;Neoanarchismus in Deutschland. Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautorit\u00e4ren Linken&#8220; von Markus Henning und Rolf Raasch.<\/p>\n<p>Der Begriff &#8222;Neoanarchismus&#8220; ist bei lediglich durch die zeitliche Ebene (nach 1968), der Offenheit gegen\u00fcber dem \/ herauskommen aus dem (kritischen) Marxismus (Herbert Marcuse, Frankfurter Schule) und der Psychoanalyse sowie einer stark subkulturellen Orientierung in Abgrenzung vom Altanarchismus zu bestimmen. Diese Abgrenzung wird in einem eigenen Unterkapitel dargestellt (S. 142-147). Dementsprechend w\u00e4re dieser Begriff kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls definitorisch zu sch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Dies ist allerdings nicht das Anliegen der beiden Autoren, die bereits 1990 ihre Diplomarbeit \u00fcber das Thema geschrieben haben. Sie wollen &#8222;eine soziologische Bestandsaufnahme der Entwicklung vom Antiautoritarismus der &#8217;68er Bewegung&#8216; hin zum Anarchismus.&#8220; (S. 8). Dem hohen Anspruch werden Markus Henning und Rolf Raasch leider nicht gerecht, obwohl sie vom Background und auch vom Zugang zur Literatur her f\u00fcr eine solche Untersuchung pr\u00e4destiniert gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>\u00dcber eine weite Strecke wird die 68er Bewegung (SDS, Gruppe Spur, Situationisten, Provos) und Protagonisten und Vorl\u00e4ufer (Karl Korsch, Herbert Marcuse, Rudi Dutschke) dargestellt, wobei sich die Autoren an den obligatorischen Standardwerken \u00fcber diese Bewegung orientieren (Tilman Fichter, Wolfgang Kraushaar, Siegward L\u00f6nnendonker). Sofern es m\u00f6glich ist, verweisen sie auch auf eine \u00d6ffnung hin zum Anarchismus, wobei sie weitgehend auf bereits publizierte Erkenntnisse (z.B. Texte von G\u00fcnter Bartsch und Hans J\u00fcrgen Degen) zur\u00fcckgreifen. Sie stellen es zwar gut dar, aber es bietet f\u00fcr die KennerInnen der entsprechenden Sekund\u00e4rliteratur nur wenig Neues.<\/p>\n<p>Von Relevanz erscheinen mir hier die Auseinandersetzung mit dem Anarchismuskonzept von Rudi Dutschke und Bernd Rabehl.<\/p>\n<p>Dieser erste Teil m\u00fcndet in einer Bestandsaufnahme der in den 2010er Jahren existierenden Str\u00f6mungen des Neoanarchismus, was leider d\u00fcrftig ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Einer n\u00e4heren Analyse wird der Anarchistische Arbeiterbund (AAB) unterzogen, in dem einer der beiden Autoren damals aktiv war. &#8222;Dieser nimmt auch dahingehend eine gewisse Sonderstellung ein, als Einzelfallbeschreibung neoanarchistischer Organisationsversuche und ihrer jeweiligen politischen Arbeit f\u00fcr uns kein vorrangiges Anliegen war.&#8220; (S. 13). Gr\u00fcnde f\u00fcr dieses Abweichen von ihrem sonstigen Vorgehen geben sie nicht an.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil widmen sich Henning und Raasch der Spurensuche nach Anarchismus in der DDR, konkret in der Endphase der DDR. Dieser Teil ist \u00fcber weite Strecken aber nur eine allgemeine Darlegung der politischen Situation in der DDR mit ein paar ebenfalls oberfl\u00e4chlichen Ausfl\u00fcgen in das Spektrum der Opposition. Sie haben dabei leider weder die bereits existierende Forschung gr\u00fcndlich rezipiert noch eigenst\u00e4ndige Forschung unternommen. Hier w\u00e4ren unter anderem auch der Quellenband &#8222;mOAaning star. Eine Ostberliner Untergrundpublikation 1985 &#8211; 1989&#8220; und die Memoiren von Kurt Wafner (&#8222;Ausgeschert aus Reih&#8216; und Glied&#8220;) zu rezipieren gewesen.<\/p>\n<p>Die Arbeit weist streckenweise &#8211; z.B. im Kapitel &#8222;Methodische Vorbemerkungen&#8220; &#8211; den typischen Unihausarbeitscharakter auf. Dies h\u00e4tte sich bei der Neuauflage &#8211; elf Jahre nach der Erstauflage ((1)) beim Oppo-Verlag &#8211; \u00e4ndern lassen. Weder der Begriff &#8222;Anarchismus&#8220; noch &#8222;Neoanarchismus&#8220; werden direkt von den Autoren definiert, so dass sich gerade mal an einzelnen Eckpunkten erahnen l\u00e4sst, wie breit (fast schon bis zur Unkenntlichkeit) sie den Begriff dehnen.<\/p>\n<p>Als Kriterien zur Zuordnung von Individuen, Gruppen oder Str\u00f6mungen werden sowohl Selbstbeschreibung als auch die \u00dcbereinstimmung mit anarchistischen Positionen und Praktiken herangezogen, d.h. die Verwendung von &#8222;Direkten Aktionen&#8220; zur Erreichung der anvisierten Ziele oder das Konzept der &#8222;Propaganda der Tat&#8220;. Die Einordnung oder Ablehnung der Zuschreibung wirkt daher z.T. willk\u00fcrlich und esoterisch. Dies zeigt sich z.B. in der Auseinandersetzung mit den Autonomen, wo \u00fcber deren Zuschreibung zum Anarchismus als Gegenargument angef\u00fchrt wird: &#8222;Wenn sich auch Teile der &#8218;Autonomen&#8216; punktuell auf den Anarchismus berufen haben, ist ihre h\u00e4ufig gewaltf\u00f6rmige, rein konfrontative Anti-System-Opposition nur sehr schwer mit der &#8218;Propaganda der Tat&#8216; zu vergleichen.&#8220; (S. 188). Gleichzeitig werden andere Vertreter der Neuen Linken, die sich ebenfalls mit dem Label versahen, unhinterfragt zum Spektrum gez\u00e4hlt. Der Provokationscharakter, den der Begriff &#8222;Anarchismus&#8220; als Selbsttitulierung gehabt hat, wird nicht in die \u00dcberlegungen einbezogen.<\/p>\n<p>Einzelne Str\u00f6mungen des neueren Anarchismus wie z.B. die anarchistisch ausgerichtete Punk- und Redskin-Szene (Anarchopunk, RASH etc.) finden \u00fcberhaupt keine Erw\u00e4hnung in der Darstellung. Selbst die, der mit einem eigenen Unterkapitel bedachten Freien ArbeiterInnen Union nahestehende Anarchosyndikalistische Jugend (ASJ) findet keine Erw\u00e4hnung.<\/p>\n<p>Den Autoren muss man zu Gute halten, dass ihr Werk eines der wenigen auf weiter Flur ist, was sich dem Themenkomplex &#8222;Neoanarchismus in Deutschland&#8220; n\u00e4hert. Seit Ende der 1970er bis in die 2000er Jahre hinein, lagen zum Thema im Wesentlichen nur die Studien von Hans Manfred Bock (&#8222;Geschichte des \u0082linken Radikalismus&#8216; in Deutschland&#8220;) G\u00fcnter Bartsch (&#8222;Anarchismus in Deutschland&#8220;), Holger Jenrich (&#8222;Anarchistische Presse in Deutschland 1945 &#8211; 1985&#8220;) und Bernd Dr\u00fccke (&#8222;Libert\u00e4re Presse in Deutschland 1985 &#8211; 1995&#8220;) sowie agitatorische Publikationen aus der DDR vor.<\/p>\n<p>Mittlerweile sind zwar u.a. auch Arbeiten von Hans J\u00fcrgen Degen (&#8222;Anarchismus in Deutschland 1945-1960&#8220;, &#8222;Die Wiederkehr der Anarchisten. Anarchistische Versuche 1945 &#8211; 1970&#8220;) erschienen, die einen Teil dessen abdecken.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist die Studie von Henning und Raasch wichtig. Dennoch ist es \u00e4rgerlich, dass die hier vorliegende Neuauflage, die zwar um ca. 1\/3 Text gegen\u00fcber der Erstauflage angewachsen ist, noch diese Schwachstellen aufweist.<\/p>\n<p>Gerade Markus Henning, der in der anarchistischen <i>Bibliothek der Freien<\/i> in Berlin mitgearbeitet hat, hatte einen privilegierten Zugriff sowohl auf Quellen als auch auf Literatur zum Thema.<\/p>\n<p>Wieso er sie kaum genutzt hat, bleibt offen. Insofern bleibt der Band eine erste \u00dcbersicht und Rekonstruktion der Entstehung jener Str\u00f6mung &#8211; und vielleicht eine Basis f\u00fcr weitere Forschungen und erg\u00e4nzende Studien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge der 68er Revolte und dem Aufkommen der Neuen Linken entstand auch innerhalb des anarchistischen Spektrums der &#8222;Neoanarchismus&#8220; &#8211; als eine Form des Neuen Anarchismus. Dieser Neologismus ist allerdings im Gegensatz zum Begriff der Neuen Linken nur schwer zu definieren. 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