{"id":15435,"date":"2016-10-01T00:00:00","date_gmt":"2016-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/ins-herz-linker-theorie\/"},"modified":"2022-07-26T12:49:24","modified_gmt":"2022-07-26T10:49:24","slug":"ins-herz-linker-theorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/ins-herz-linker-theorie\/","title":{"rendered":"Ins Herz linker Theorie"},"content":{"rendered":"<p>Als sein verhasster Vater gestorben ist, besucht der Soziologe Didier Eribon seine Mutter. Nach Jahren kehrt er damit an Orte zur\u00fcck, denen er bewusst ferngeblieben war, und taucht am K\u00fcchentisch in Geschichten ein, die er lange nicht hat h\u00f6ren wollen. Es sind Erz\u00e4hlungen aus dem Milieu der ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Didier Eribons &#8222;R\u00fcckkehr nach Reims&#8220; ist nicht nur die Reise eines Intellektuellen an die Orte seiner Kindheit und Jugend. Es ist eine Sozioanalyse, die eine Gesellschaft im Wandel portr\u00e4tiert. Einerseits wird die Geschichte einer jugendlichen Emanzipation erz\u00e4hlt, wie sie f\u00fcr die linken Milieus der letzten f\u00fcnfzig Jahre in Westeuropa sicherlich paradigmatisch ist: die Enge der Kleinstadt verlassen, als Schwuler dem homophoben Kreis kleingeistiger Spie\u00dfer entfliehen und die Gro\u00dfstadt und die Universit\u00e4t als Orte der Befreiung erleben. Das Lesen und der &#8211; in Eribons Fall trotzkistische &#8211; Aktivismus werden als Erfahrungen beschrieben, mit denen die Losl\u00f6sung zur Selbstbestimmung wird, in der &#8222;die Schande in Stolz umschl\u00e4gt&#8220; (217). Etwas, das ihm bez\u00fcglich seiner sozialen Herkunft nicht gelingt. Warum er seine Klassenherkunft verdr\u00e4ngt hat und nicht zum Gegenstand positiver Identit\u00e4tsfindung machen konnte, ist das zentrale Thema des h\u00f6chst sympathischen Buches.<\/p>\n<p>Doch es handelt sich bei seiner R\u00fcckkehr nicht nur um eine pers\u00f6nliche, sondern auch um eine politische Aufarbeitung. Andererseits versucht Eribon n\u00e4mlich, Erkl\u00e4rungen f\u00fcr den Rechtsruck innerhalb der sozial benachteiligten Schichten zu finden, der seit einigen Jahren nicht nur in Frankreich um sich greift. Wie aus ehemals treuen Anh\u00e4ngerInnen der Kommunistischen Partei oder der Sozialdemokratie massenhaft W\u00e4hlerInnen des Front National wurden, ist ja tats\u00e4chlich einigerma\u00dfen schleierhaft.<\/p>\n<p>Eine seiner Erkl\u00e4rungen klingt zun\u00e4chst etwas nach Entschuldigung: &#8222;politische Notwehr&#8220; (124). Es bleibe den prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten und letztlich den gesamten Arbeitermilieus kaum mehr etwas anderes \u00fcbrig, als rechtsextrem zu w\u00e4hlen, nachdem die Sozialdemokratie ab den 1990er Jahren aufgeh\u00f6rt habe, sie zu repr\u00e4sentieren. Die SozialdemokratInnen haben den Klassenbegriff aus dem politischen Diskurs entfernt. Diese scheinbar rein sprachliche Taktik mit Blick auf die Mittelschichten und das neue Unternehmertum, hatte Eribon zufolge immense Auswirkungen \u00fcber den Diskurs hinaus. Es f\u00fchrte n\u00e4mlich dazu, dass auch die materiellen Lebensbedingungen vieler Leute aus dem Blick der &#8211; parlamentarischen, aber auch aktivistischen &#8211; Politik gerieten. Es sei ihm etwa v\u00f6llig unbegreiflich, wie die H\u00e4rte der Fabrikarbeit und der Protest gegen sie &#8222;aus der Vorstellungswelt und dem Vokabular der Linken verschwinden konnte&#8220; (78). Seine Emp\u00f6rung richtet sich dabei vor allem gegen die neoliberal gewendete Sozialdemokratie. Dar\u00fcber hinaus aber attackiert er auch die politische Philosophie. Er macht darin eine Str\u00f6mung aus, die die M\u00f6glichkeit zur demokratischen Umgestaltung f\u00fcr allgegenw\u00e4rtig h\u00e4lt. Diese sch\u00f6nf\u00e4rbende Sichtweise, die sich nicht mehr die M\u00fche mache, sich konkret zu fragen, wie sich Meinungen herausbilden und wieso sie umschlagen, beschreibt er als &#8222;Mythologisierungen und Mystifizierungen&#8220; (142). Der Vorwurf, der sich hier gegen die linken Philosophen Jacques Ranci\u00e8re und Alain Badiou richtet, trifft letztlich auch grunds\u00e4tzlich ins Herz linker und libert\u00e4rer Theorie. Denn er zielt auf den blinden Glauben an die vermeintlich per se emanzipatorische Kraft der ArbeiterInnenklasse oder an die angeblich selbstverst\u00e4ndliche moralische G\u00fcte von Gesellschaften jenseits des Staates.<\/p>\n<p>Eribon ist nicht weniger linksradikal, nur vorsichtiger. Vielleicht, schreibt er, war es ohnehin blau\u00e4ugig und falsch zu glauben, dass die Angeh\u00f6rigen der ArbeiterInnenklasse &#8222;naturgem\u00e4\u00df links w\u00e4hlen m\u00fcssten&#8220; (140). Rassismen, Hass auf Homosexuelle und auf Frauen seien fr\u00fcher nicht seltener, nur durch linke Parteizugeh\u00f6rigkeit oder milieutypische Weltbilder anders gerahmt gewesen.<\/p>\n<p>Bisher im deutschsprachigen Raum vor allem durch seine biografisch-historische Studie &#8222;Michel Foucault und seine Zeitgenossen&#8220; (1998) bekannt, orientiert sich Eribon hier politisch wie analytisch stark an der Sozialtheorie Pierre Bourdieus (1930-2002). Unschwer erkennt man die Modelle des befreundeten Kollegen, wenn Eribon beispielsweise die pers\u00f6nlichen Netzwerke innerhalb der Arbeiterklasse als &#8222;negatives soziales Kapital&#8220; (85) beschreibt. Anders als Menschen mit b\u00fcrgerlicher Herkunft, die ihre Beziehungen pflegen und sprichw\u00f6rtlich spielen lassen k\u00f6nnen, um ihr gesellschaftliches Fortkommen zu sichern, m\u00fcssten Menschen aus der Arbeiterklasse ihre Kontakte eher verleugnen oder gar kappen. Sie sind hinderlich. Deshalb war etwa Eribon die Umwandlung von Schande in Stolz bezogen auf die soziale Herkunft auch viel weniger m\u00f6glich als beim Schwulsein.<\/p>\n<p>Das genauer zu beschreiben, wie also die Klassenherkunft sich im individuellen Verhalten nachteilig auswirkt und wie nach wie vor dagegen angek\u00e4mpft werden muss, darin liegt eine besondere St\u00e4rke des Buches. Es sollte daher auch ein &#8222;Must Read&#8220; der Klassismusdebatten werden. Denn hier geht es um die Feinheiten von Ausgrenzung. Mit welcher Verwunderung der Neu-Intellektuelle Eribon etwa zur Kenntnis nimmt, wie ungezwungen seine Kollegen b\u00fcrgerlicher Herkunft sich dem &#8211; als proletarisch gebrandmarkten &#8211; Sport widmen, dass kann nur ein Ex-Arbeiterkind beschreiben. Denn die Herkunft pr\u00e4gt die Wahrnehmung und die Zugeh\u00f6rigkeit zu marginalisierten Gruppen sch\u00e4rft das Wahrnehmen von Differenzen. Demgegen\u00fcber merken die &#8222;Herrschenden [&#8230;] nicht, dass ihre Welt nur einer partikularen, situierten Wahrheit entspricht&#8220; (92).<\/p>\n<p>Eribon spielt die soziale und die sexuelle Marginalisierung, das Arbeiterkind- und das Schwulsein, nicht gegeneinander aus. Er versucht zu vermitteln. Das hebt ihn auch gegen\u00fcber anderen theoretischen Wiederentdeckungen von Klassenherrschaft positiv hervor. Auch wenn die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus schlie\u00dflich etwas unvermittelt abbricht, ist Eribon bei seinem Zwischenres\u00fcmee nur zuzustimmen: Einen theoretischen Rahmen und politische Sichtweisen zu schaffen, die jene ultrarechten &#8222;negativen Leidenschaften&#8220; (146) neutralisieren helfen, sei die gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr &#8222;kritische Intellektuelle und soziale Bewegungen&#8220; (146) heute.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als sein verhasster Vater gestorben ist, besucht der Soziologe Didier Eribon seine Mutter. Nach Jahren kehrt er damit an Orte zur\u00fcck, denen er bewusst ferngeblieben war, und taucht am K\u00fcchentisch in Geschichten ein, die er lange nicht hat h\u00f6ren wollen. Es sind Erz\u00e4hlungen aus dem Milieu der ArbeiterInnen. Didier Eribons &#8222;R\u00fcckkehr nach Reims&#8220; ist nicht &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/ins-herz-linker-theorie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Ins Herz linker Theorie - graswurzelrevolution","description":"Als sein verhasster Vater gestorben ist, besucht der Soziologe Didier Eribon seine Mutter. Nach Jahren kehrt er damit an Orte zur\u00fcck, denen er bewusst ferngebli"},"footnotes":""},"categories":[900,44,1478],"tags":[],"class_list":["post-15435","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-412-oktober-2016","category-bucher","category-die-qual-der-wahl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15435","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15435"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15435\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15435"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15435"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15435"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}