{"id":15492,"date":"2016-11-01T00:00:00","date_gmt":"2016-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/11\/die-wahl-in-den-usa\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:07","slug":"die-wahl-in-den-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/11\/die-wahl-in-den-usa\/","title":{"rendered":"Die Wahl in den USA"},"content":{"rendered":"<p>Trumps &#8222;Follower&#8220; sind &#8211; das ist das einzig Hoffnungsvolle &#8211; keine wirkliche Bewegung, nicht organisiert, sondern nur das Publikum einer One-man-Show, das sich nach einer Niederlage zerstreuen k\u00f6nnte. Nicht auszuschlie\u00dfen ist aber auch, dass andere dann die brachliegenden Gef\u00fchle bewirtschaften.<\/p>\n<h3>Trump sagt offen, wie er Macht versteht:<\/h3>\n<p>&#8222;Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?&#8220;, hat Trump des \u00d6fteren gefragt. ((2))<\/p>\n<p>Die Loyalit\u00e4t seiner Follower beschreibt er so:<\/p>\n<p>&#8222;Ich k\u00f6nnte mich auf die Fifth Avenue stellen und jemanden erschie\u00dfen und w\u00fcrde keinen W\u00e4hler verlieren, das ist unglaublich.&#8220; \u00dcbrigens warf er seiner Konkurrentin vor, sie k\u00f6nnte jemanden erschie\u00dfen und w\u00fcrde nicht einmal angeklagt (weil sie zum Establishment geh\u00f6rt) Das Erschie\u00dfen scheint eine Art Test und naheliegend zu sein.<\/p>\n<p>Seine Verteidigung des Waffenbesitzes, ein Recht mit Verfassungsrang in den USA, geht so weit, dass er bewaffneten Widerstand gegen Hillary Clintons Versuch einer Einschr\u00e4nkung nahelegt: &#8222;Vielleicht gibt es ja Anh\u00e4nger des 2. Verfassungszusatzes, die dann noch etwas machen k\u00f6nnen&#8220; (wenn Hillary Clinton Richter ernannt hat, die ihre Pl\u00e4ne absegnen k\u00f6nnten). Es wurde ihm dann vorgeworfen, zum Mord an Hillary Clinton aufzurufen. Der zweite Verfassungszusatz wird in den USA von vielen so interpretiert, dass sich das Volk mit Waffengewalt gegen eventuelle Despoten oder eine illegitime Regierung zur Wehr setzen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Deshalb gilt Trumps \u00c4u\u00dferung als verklausulierter Aufruf zum Aufstand oder Anschlag.<\/p>\n<p>Trump selbst weist dies in einer Stellungnahme zur\u00fcck. Er habe die Zweite-Verfassungszusatz-Leute (also Anh\u00e4nger des Verfassungsartikels) lediglich erw\u00e4hnt, weil sie einen \u201abewundernswerten Spirit&#8216; und \u201agro\u00dfe politische Kraft&#8216; h\u00e4tten. Und daher w\u00fcrden sie f\u00fcr ihn stimmen. Unerw\u00e4hnt l\u00e4sst Trump in dem Statement, dass sich die Passage in seiner Rede ganz offensichtlich auf die Zeit nach der Wahl bezieht, wenn eine Pr\u00e4sidentin Clinton Oberste Richter ernennen k\u00f6nnte&#8220;. ((3))<\/p>\n<h3>Trump: &#8222;Ich kann sie alle haben.&#8220;<\/h3>\n<p>Dass er mit Frauen Probleme hat, wurde auch bei vielen Interviews deutlich. Ein klarer Anti-Feminist. Macht ist m\u00e4nnlich.<\/p>\n<p>Deshalb ist seine Anh\u00e4ngerschaft meist m\u00e4nnlich.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich glauben auch diese von sich: &#8222;Niemand respektiert Frauen so wie ich&#8220; &#8211; das hat alles doppelten Boden: Welche Frauen werden respektiert? &#8222;Die Eigenen&#8220;. Und \u00fcbrigens, entgegen den vielen Erkl\u00e4rungen prominenter Sportler: Was in Umkleider\u00e4umen so geredet wird, ist wirklich ekelig.<\/p>\n<p>Die Mexikaner: &#8222;Sie bringen Drogen mit. Sie bringen Kriminalit\u00e4t mit. Sie sind Vergewaltiger.&#8220; Einen Tag, nachdem er als Gast des mexikanischen Pr\u00e4sidenten diesem seine Wertsch\u00e4tzung versichert und eine gemeinsame Front gegen China beschworen hatte, damit die Arbeitspl\u00e4tze in Amerika blieben: &#8222;Mexiko wird die Mauer bezahlen. Hundert Prozent. Sie wissen es noch nicht, aber sie werden sie bezahlen.&#8220; ((4))<\/p>\n<h3>&#8222;While others say don&#8217;t hate nothing at all &#8211; except hatred&#8220; ((5))<\/h3>\n<p>Ein Egomane (In meinem Film bin ich der Star und &#8222;Als Star kannst Du Dir gegen\u00fcber Frauen alles erlauben &#8230;&#8220;) organisiert Gemeinschaftserlebnisse, die durch massive Ausgrenzungen der Nicht-Dazugeh\u00f6rigen Amerika wieder gro\u00df machen sollen. &#8222;America first!&#8220;<\/p>\n<p>Ein Medien-Profi, der sich auf Krawall und &#8222;Hate-Speech&#8220; spezialisiert hat, Hass en gros et en detail.<\/p>\n<p>Das ist ein Teil der Selbstdarstellung, ein anderer geht so: &#8222;Trump fragte nun sein Publikum, ob er sein neues Gesundheitszeugnis herausgeben solle. Sie applaudierten, und der Kandidat holte zwei Bl\u00e4tter aus der Sakko-Tasche, woraufhin Dr. Oz Trumps Cholesterinwerte rezitierte und dem Republikaner einen Szeneapplaus organisierte, als er dessen Testosteron-Level als \u201agut&#8216; beglaubigte.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Der Testosteron-Spiegel als gewichtiges Argument, kein &#8222;Weichei&#8220;, kein &#8222;Warmduscher&#8220;, kein &#8222;Gutmensch&#8220;, das Rollenmodell ist eine offene Frage an die vergleichende Primatologie, Entschuldigung bei den z\u00e4hnefletschenden Schimpansen. Und dieses Rollenmodell bleibt nicht auf die USA beschr\u00e4nkt, die Mechanismen, einen &#8222;starken Mann&#8220; zu inszenieren, sind in der T\u00fcrkei, in Russland, auf den Philippinen \u00e4hnlich. Sie rufen immer Gewalt auf. So preist Trump auch andere &#8222;starke F\u00fchrer&#8220; wie Putin, die geliebt w\u00fcrden, weil sie eine &#8222;sehr starke Kontrolle&#8220; aus\u00fcben, es ist ein autorit\u00e4res Modell, das mit checks and balances und institutionellen Grenzziehungen Probleme hat. Leider kennt man dieses &#8222;Aufr\u00e4umen&#8220; nur zu gut und dass diese Macher-Mentalit\u00e4t tats\u00e4chlich bei vielen W\u00e4hlerInnen immer wieder verf\u00e4ngt, die schnelle, einfache, scheinbar effektive Entscheidungen fordern statt der notwendigerweise aufw\u00e4ndigeren demokratischen Prozeduren: Einer muss sagen, wo es langgeht &#8230; Gerne auch rabiat und bedrohlich.<\/p>\n<p>Sogar in Trumps Wahlkampf hat das zunehmend eine Rolle gespielt: Hillary Clinton als &#8222;Volksverr\u00e4terin&#8220;, die in den Knast geh\u00f6rt, wenn nicht der &#8222;National Rifle Association&#8220; anempfohlen.<\/p>\n<p>Ein Multimillion\u00e4r gilt seinen W\u00e4hlerInnen als &#8222;Anti-Establishment&#8220;. Dass er die Republikanische Partei, deren Establishment ihn zun\u00e4chst f\u00fcr einen hoffnungslosen Au\u00dfenseiter hielt, nach wenigen Monaten zerlegt und ihre Programmatik ins Gegenteil (vom Freihandel zum Protektionismus, von einer intervenierenden Au\u00dfenpolitik zum Disengagement) gewendet hat, sagt viel \u00fcber die morschen Strukturen und die br\u00f6ckelnde Basis solcher Organisationen und die geringe Bedeutung, die Programme haben. Die beiden gro\u00dfen US-Parteien sind Koalitionen tendenziell unvereinbarer Interessen und Weltanschauungen, wobei die Interessen von Wall Street oder Silicon Valley sich durchsetzen und die Weltanschauungen angesprochen werden, damit das Wahlvolk sich identifizieren kann (die Republikaner brauchen die religi\u00f6se Rechte, die Demokraten die Gewerkschaften, die Schwarzen und andere Minderheiten). Es scheint so, dass diese Formationen sich gerade zersetzen; Trump ist der Katalysator:<\/p>\n<p>Bei den Beleidigten kommt gut an, wie er beleidigt, die Gedem\u00fctigten f\u00fchlen sich befreit, wenn er andere dem\u00fctigt, eine Dampfwalze der Erniedrigung und Schm\u00e4hung zerdr\u00fcckt seine GegnerInnen. Das tut gut! Und das ist unterhaltend, ein wenig Comedy, etwas Marktschreier, ein wenig Dschungelkamp.<\/p>\n<p>Er spricht viele Verschw\u00f6rungstheorien an, zuletzt: Die Wahlen w\u00fcrden massiv manipuliert, um seinen Erfolg zu vereiteln. Man darf gespannt sein, wie sich diese Propaganda auswirkt: Der Held wurde gemeuchelt, schreit das nicht nach Rache?<\/p>\n<p>Auch die W\u00e4hlerInnen glauben die bizarrsten Dinge, etwa dass Hillary Clinton so krank sei, dass eine Doppelg\u00e4ngerin f\u00fcr sie auftreten m\u00fcsse. ((7))<\/p>\n<h3>Aber auch seine Gegenkandidatin ist gef\u00e4hrlich:<\/h3>\n<p>Die Kandidatin der Wallstreet, des Milit\u00e4risch-industriellen Komplexes, des Establishments. Sie ist eine zentrale Figur der etablierten Politikmaschinerie und hat nicht wenige Aff\u00e4ren durchgestanden. Sie gilt als kalt, berechnend, mitleidlos, geldgierig und unaufrichtig; allerdings enth\u00e4lt diese Kritik auch antifeministische Motive, es ist gut m\u00f6glich, dass Hillary Clintons Verhalten bei einem Mann anders bewertet w\u00fcrde und sogar zu dessen &#8222;St\u00e4rken&#8220; gez\u00e4hlt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Trumps W\u00e4hler r\u00fchmen ihn f\u00fcr seine Emotionalit\u00e4t, auch wenn diese sich in einem gro\u00dfm\u00e4uligen Triumphalismus, Wutausbr\u00fcchen und Drohungen ausdr\u00fcckt. Das wirkt &#8222;authentisch&#8220;, w\u00e4hrend Hillary Clinton allzu kontrolliert wirkt und so oft als unehrlich interpretiert wird. So wird Trump wesentlich mehr verziehen als ihr.<\/p>\n<p>Auf fatale Weise appelliert Trump an Werte, die in der politischen Kultur Amerikas tief verankert sind und die vor ihm auch die &#8222;Tea Party&#8220;-Bewegung aufgerufen hat: Hier ist besonders der Anti-Etatismus zu nennen, der uns sympathisch ist, soweit er pers\u00f6nliche Unabh\u00e4ngigkeit, damit eigentlich auch gesellschaftlichen Pluralismus und ein Motiv gegen staatliche Kontrollen, B\u00fcrokratie usw. aufruft.<\/p>\n<p>Auch die Polemiken gegen Washingtoner Zentralismus, gegen ein entfremdetes und abgehobenes Polit-Establishment sind ja nicht unberechtigt. Es ist ja wahr, dass eine Oligarchie den politischen Prozess steuert und mit Methoden des Marketing ihre Interessen zu vermassen sucht, eine stark kommerzialisierte Veranstaltung. Ein Willensbildungsprozess &#8222;von unten&#8220; ist auf den Feldern nationaler Politik ausgedorrt; viele Versprechen wurden nicht gehalten, viele Hoffnungen entt\u00e4uscht. Und die soziale Ungleichheit w\u00e4chst. Die f\u00f6deralistische Linke h\u00e4tte hier ein weites Feld f\u00fcr antikapitalistische Forderungen nach Dezentralisation. Die aus den &#8222;Occupy Wallstreet&#8220;-Aktivit\u00e4ten gespeiste Bewegung f\u00fcr die Wahl des eher sozialdemokratischen Bernie Sanders zeigt, dass es m\u00f6glich ist, emanzipatorisch auf die Entfremdungsthemen zu reagieren. Es sind nur die gesellschaftlichen Grundlagen einer Jeffersonschen Demokratie seit langem mehr und mehr erodiert. Der &#8222;amerikanische Traum&#8220; ist in manchen Aspekten zum Alptraum geworden: ein &#8222;survival of the fittest&#8220;. Seit einem Jahr ist bei allen Parteien eine Absetzbewegung von den bisher vertretenen neoliberalen Konzepten sichtbar geworden, Trump fordert in vielen Bereichen &#8222;mehr Staat&#8220; und Protektionismus.<\/p>\n<p>Und besonders die wei\u00dfen M\u00e4nner, die wei\u00dfe Arbeiterklasse und die wei\u00dfe untere Mittelschicht vertreten ihre Interessen, indem sie Trump folgend nach unten treten (gegen die Schwarzen und Chicanos), alles Fremde zur\u00fcckweisen (den Islam) und die Frauen einem &#8222;Roll-back&#8220; unterziehen m\u00f6chten. Das sind Kulturk\u00e4mpfe (&#8222;Identit\u00e4t&#8220;), aber sie sind \u00f6konomisch grundiert.<\/p>\n<p>So ist nicht einmal klar, ob nicht die provozierendsten, sexistischsten und rassistischsten \u00c4u\u00dferungen von Trump geeignet sind, jene zu mobilisieren, die sonst nicht w\u00e4hlen oder traditionell &#8222;Demokraten&#8220; gew\u00e4hlt haben (was leicht vergessen wird: Die RassistInnen der S\u00fcdstaaten waren Demokraten!).<\/p>\n<p>Trump verspricht &#8211; seit er im September 2016 Pl\u00e4ne korrigiert hat, die darauf hinausliefen, die Staatsfinanzen zu ruinieren, nicht ohne Superreiche dabei noch reicher zu machen &#8211; noch immer Steuersenkungen von 35 auf 15 % bei den Unternehmenssteuern und von 39,6 % auf 33 % als Spitzensteuersatz f\u00fcr pers\u00f6nliche Eink\u00fcnfte, will allerdings die Abzugsm\u00f6glichkeiten auf 200.000 Dollar pro Ehepaar begrenzen. Das Steuereinkommen sinkt so um 4,4 Billionen Dollar innerhalb von zehn Jahren, dadurch sollen Wachstumsimpulse entstehen, die 25 Millionen Arbeitspl\u00e4tze innerhalb zehn Jahren m\u00f6glich machen. Umweltauflagen sollen abgebaut und so die Energiewirtschaft gepusht werden. Alles ungedeckte Schecks, sicher ist so nur, dass das alte republikanische Prinzip ausgeglichener Haushalte aufgegeben wird. ((8))<\/p>\n<p>Auch seine wirtschaftspolitischen Berater sind alles andere als Angeh\u00f6rige der Arbeiterklasse, vielmehr Milliard\u00e4re, Hedgefondsgr\u00fcnder wie John Paulson, der an der Immobilienkrise reich geworden ist, die Trumps W\u00e4hler ruiniert hat, oder Steve Feinberg (Cerberus, das ist der Fonds ((9)), der ja auch in Deutschland sehr bekannt ist); der Fracking-Pionier Harold Hamm geh\u00f6rt dazu. ((10))<\/p>\n<p>Enth\u00fcllungen, dass der Kandidat eben nicht wie die hard working people dann vom Staat um Steuern erleichtert wird &#8211; 18 Jahre keine Einkommensteuer wegen eines Verlustvortrags &#8222;aus 1995&#8220;, das l\u00e4sst man sich gefallen &#8211; schaden ihm nicht etwa, sondern best\u00e4tigen gerade seine Qualifikation: Er ist einer der ganz wenigen, die das Steuersystem noch begreifen, deshalb kann er es ausnutzen, aber auch reformieren. Au\u00dferdem habe er viele Millionen Grundsteuern bezahlt (Hinweis auf den erfolgreichen Businessman).<\/p>\n<p>Auch dieser Mechanismus ist leider wohlbekannt, was der eine darf, darf der andere noch lange nicht; beim &#8222;gro\u00dfen Mann&#8220; best\u00e4tigt es nur seine Gr\u00f6\u00dfe, dass er sich \u00fcber Regeln hinwegsetzt, unter denen seine Fans\/Opfer leiden. Auch L\u00fcgen schaden ihm nicht.<\/p>\n<p>Wie alle Fundamentalisten verspricht Trump, an die alten Zeiten anzukn\u00fcpfen und erreicht so die, die den Abstieg f\u00fcr sich und ihre Kinder f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>In einer international vernetzten Weltgesellschaft fordert Trump einen homogenen, fast autarken Nationalstaat, der dann auch f\u00fcr seine B\u00fcrgerInnen sorgt und vor allem durch Abgrenzung Konturen gewinnt. So wie er denken die Brexit-Bef\u00fcrworterInnen, die AfD-Anh\u00e4ngerInnen und alle europ\u00e4ischen Rechtspopulisten, &#8222;wahre Finnen&#8220;, &#8222;Front National&#8220;, alle Abschottungs-Bewegungen von Skandinavien \u00fcber die Niederlande bis Ungarn und weltweit. Sie wollen eine &#8211; in gro\u00dfen Teilen erfundene &#8211; glorreiche Geschichte bewahren oder endlich ihr separates einheitliches und prosperierendes Leben &#8222;zur\u00fcck&#8220;. Im Fall der USA kommt hinzu, dass sie tats\u00e4chlich Hegemonialmacht sind und dass sie seit langem ihrer &#8222;manifest destiny&#8220; gewiss sein d\u00fcrfen, was Herrschaftsanspr\u00fcche wesentlich \u00fcberzeugender macht. Manchmal ist die Form der Identit\u00e4ts-Verteidigung auch eine national-separatistische: Sogar in Texas entsteht nun eine Bewegung, die Texas, die besondere texanische Kultur, von den USA abtrennen will, immerhin k\u00f6nnte daraus einer der zehn gr\u00f6\u00dften Industriestaaten entstehen, lone star!<\/p>\n<p>&#8222;Neulich versprach Trump in Detroit, dass \u201aamerikanischer Stahl neue Wolkenkratzer emporschnellen lassen wird&#8216;. Der Baul\u00f6we fuhr fort: \u201aWir werden neues amerikanisches Metall ins R\u00fcckgrat dieser Nation gie\u00dfen. Es werden amerikanische H\u00e4nde sein, die dieses Land wiederaufbauen, und amerikanische Energie &#8211; gef\u00f6rdert aus amerikanischen Vorkommen &#8211; wird das Land antreiben. Amerikanische Arbeiter werden die Jobs bekommen.'&#8220; ((11))<\/p>\n<p>Es ist \u00fcberdeutlich, dass hier das Problem der De-Industrialisierung in manchen Landesteilen der USA angesprochen ist. Wer nicht zu den akademisch Gebildeten geh\u00f6rt, wer nicht in digitalisierter und individualisierter Produktion unterkommt, hat allen Grund, sich Sorgen zu machen, sogar die Lebenserwartung vieler abgeh\u00e4ngter Gruppen sinkt. Selbst bei einem gro\u00dfen Land mit enormen Ressourcen bilden die Bew\u00e4ltigungsstrategien auf Kosten der Umwelt (Fracking, Erschlie\u00dfung und Abbau immer neuer Rohstoffvorkommen) und der Menschen (Repression, das Gef\u00e4ngnissystem und dem Generalverdacht gegen Schwarze) immer neue Krisenherde. Wie kompliziert Motive zusammenwirken k\u00f6nnen, die eine oder andere Wahlentscheidung zu treffen, wie die Widerspr\u00fcche oft durch die einzelnen Personen gehen, zeigt der Artikel von Andreas Ross. Ich zitiere:<\/p>\n<p>Dave Baloga, Mitglied der Teamsters ((12)), Drucker, 57 Jahre alt, katholisch und Abtreibungs-Gegner, beklagt sich \u00fcber viele allt\u00e4gliche \u00c4rgernisse.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe Bekannte, die auf ihren Grundst\u00fccken kleine W\u00e4lder haben, aber kein Geld f\u00fcr Heiz\u00f6l. Sollen sie frieren, nur weil die Regierung sich neue Auflagen zum Umweltschutz ausgedacht hat?&#8220;, wird er zitiert. Das hat mit einer vertrauten Lebenswelt und dem Selbstverst\u00e4ndnis zu tun; man will behalten, was man f\u00fcr ein gutes Leben h\u00e4lt, will jagen, Waffen tragen, weiter mit Holz heizen &#8230; Zu diesen &#8222;kulturellen&#8220; Motiven geh\u00f6rt nicht zuletzt die traditionelle M\u00e4nnlichkeit: Gegen Verweichlichung, ganz besonders der Armee, richten sich die traditionsgeleiteten wei\u00dfen M\u00e4nner. Wie Soldaten so oft sind sie stolz darauf, f\u00fcr ihr Land gelitten zu haben, sich &#8222;da durchgebissen&#8220; zu haben. Es geh\u00f6rt zum Erfolg der kulturrevolution\u00e4ren Bewegungen, dass diese Wertvorstellungen und eine ehemals hegemoniale M\u00e4nnlichkeit in Frage gestellt sind, aber das hat eine Konsequenz im Gef\u00fchl der nun nicht mehr problemlos ernst genommenen M\u00e4nner: &#8222;Jeder soll sich als Opfer f\u00fchlen&#8220;, wehrt sich Dave, das will er keinesfalls: Opfer oder Loser sein, nein, er will stolz sein. Ein Teil solcher Trennungs-Konflikte ist unvermeidlich. Wenn aber auch die soziale Sicherheit verloren geht und auch von Berufsstolz und der F\u00e4higkeit, sich selbst zu ern\u00e4hren, nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich die Rede sein kann, wenn man zudem sieht, wie zuf\u00e4llig und eben nicht von eigener Leistung abh\u00e4ngig ist, ob man auf- oder absteigt, so entsteht daraus eine generalisierte Unzufriedenheit. Verunsicherung und st\u00e4ndig wechselnde Bedingungen, an die man sich anpassen soll, f\u00fchren zu der Reaktion: &#8222;Great again&#8220; will man sein, nicht herumgesto\u00dfen oder verachtet oder Objekt willk\u00fcrlicher Entscheidungen. Es mischen sich hier oft Motive, die verst\u00e4ndlich sind, mit solchen, die nur auf Kosten anderer und nicht egalit\u00e4r-solidarisch befriedigt werden k\u00f6nnen. Es gibt auch viele lokale und Branchen-Probleme, die in politische Entscheidungen eingehen, ohne dass uns dies in der Regel bekannt ist, ein Beispiel:<\/p>\n<p>&#8222;Recht-auf-Arbeit-Gesetze&#8220; erlauben Gewerkschaften, auch Nichtmitglieder durch Pflichtbeitr\u00e4ge zur Kasse zu bitten.<\/p>\n<p>Solche Gesetze haben die mit den Gewerkschaften verbundenen Demokraten verabschiedet, sie sind in den republikanischen Staaten (noch?) untersagt, auch ein Thema. Allerdings: Trump hat solche Gesetze (einmal) gelobt!<\/p>\n<p>James Hoffa, der Teamster-Chef, unterst\u00fctzt Clinton: Arbeitnehmerrechte, sichere Renten.<\/p>\n<p>Aber an der Basis: Kritik an Bill Clinton wegen NAFTA, Abwanderung der Arbeitspl\u00e4tze nach Mexiko.<\/p>\n<p>Kritik an B\u00fcrokratie: Die Drucker mussten Haar- und Bartnetze tragen, durften aus Hygienegr\u00fcnden in der N\u00e4he der Maschinen nicht essen und ihre Kleidung dort nicht aufh\u00e4ngen, weil kleine (eingeschwei\u00dfte) Brosch\u00fcren neben die ebenfalls eingeschwei\u00dften Cornflakes verpackt wurden &#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Niemand kann mir erz\u00e4hlen, dass die das in China auch so handhaben.&#8220;<\/p>\n<p>Auch das Gesundheitswesen wird scharf kritisiert, &#8222;Obamacare&#8220; ist unpopul\u00e4r, teuer. Beispielsweise f\u00fchren Entlassungen zu Einschr\u00e4nkungen bei der Krankenversicherung, die dann vom Staat \u00fcbernommen wird, was Arbeiter als &#8222;St\u00fctze&#8220; empfinden. Es gibt hohe Selbstbeteiligungen an Arztkosten, und so gehen viele Kranke nicht zum Arzt oder sie kaufen die verschriebenen Arzneien nicht (L\u00f6hne geben das nicht her). Die Pharmalobby kassiert.<\/p>\n<p>Veteranen werden nicht in nahe gelegenen Krankenh\u00e4usern behandelt, sondern m\u00fcssen weit reisen, um sich in den Krankenh\u00e4usern f\u00fcr Veteranen behandeln zu lassen. B\u00fcrokratie scheint ein entscheidendes Problem zu sein. Und auch viele gut gemeinte sozialpolitische Ma\u00dfnahmen bevorzugen bestimmte Gruppen, gelegentlich in kurzen Zeitabst\u00e4nden wieder andere. Verl\u00e4sslichkeit schwindet.<\/p>\n<p>Man bekommt eine Ahnung von der Stimmung bei vielen W\u00e4hlerInnen in den USA: \u00dcberall wird man geg\u00e4ngelt und ungerecht behandelt, die einen m\u00fcssen nur schuften und bringen es zu nichts, die anderen leben in profitablen Netzwerken.<\/p>\n<p>So bekommen auch Clintons E-Mail-Aff\u00e4ren eine besondere F\u00e4rbung: &#8222;Seine Schwester k\u00f6nnte sich niemals erlauben, aus dem R\u00fcstungsunternehmen in einer privaten E-Mail zu berichten&#8220;; sogar er k\u00f6nnte den Drucker-Job verlieren, wenn er mit dem Handy nur ein Foto einer Filmszene, die in einem Buch abgebildet wird, fotografieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Das FBI verfolgt illegale Downloads, aber die Au\u00dfenministerin darf mit den wichtigsten Daten achtlos umgehen. Und verquickt ihre \u00c4mter mit Privatinteressen.<\/p>\n<p>All dies greift Trump geschickt auf, er spricht die Emp\u00f6rung \u00fcber Ungerechtigkeiten und Ungleichbehandlung an.<\/p>\n<p>Wenn Trump auftritt, skandiert die Menge &#8222;Sperrt sie ein!&#8220; Inzwischen ist damit nicht nur Hillary Clinton gemeint, sondern es geht auch gegen die Frauen, die ihn sexueller \u00dcbergriffe beschuldigen. Trump h\u00e4lt das f\u00fcr eine Verschw\u00f6rung und fordert seine Follower auf, solche Denunziationen gegen Obama, Bill Clinton &#8230; zu lancieren. So entstehen politische Diskussionen, die blanker Hohn sind auf die Lehrbuch-Konzeption einer aufgekl\u00e4rten, rational diskutierenden \u00d6ffentlichkeit. Was ist davon geblieben?<\/p>\n<p>Die Schnittmenge geteilter Wahrnehmung wird nicht nur in der amerikanischen Gesellschaft geringer: Teil\u00f6ffentlichkeiten bis herunter zu Facebook-Communities vertiefen sich immer st\u00e4rker in ihre esoterischen Wahrheiten, die im Falle von US-Milizen oder deutschen &#8222;Reichsb\u00fcrgern&#8220; militant verteidigt werden. Es ist m\u00f6glich geworden, Behauptungen aufzustellen, bei denen nicht mehr nach dem Wahrheitsgehalt gefragt werden darf, es gen\u00fcgt, wenn &#8222;er das so sieht&#8220; und es lautstark genug verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>Es muss als Munition geeignet sein oder einen hohen Aufmerksamkeitswert haben, deshalb viele &#8222;Follower&#8220; mobil machen, es muss spannend sein, erfolgreich, aber nicht unbedingt wahr. Oder man stellt einfach nur Fragen oder &#8222;h\u00e4lt f\u00fcr m\u00f6glich&#8220;, das wird man doch noch sagen d\u00fcrfen? Und auch tats\u00e4chliche Manipulationen, falsche Meldungen und bewusste L\u00fcgen nehmen zu.<\/p>\n<h3>Bringing the ghost of Tom Joad back in ((13))<\/h3>\n<p>Es ist ein entsetzlicher Irrtum, wenn die wei\u00dfe Arbeiterschicht, die sich abgeh\u00e4ngt, ausgegrenzt, nicht respektiert und in vieler Hinsicht bedroht f\u00fchlt, und das alles nicht ohne Grund, ausgerechnet einem Spieler und menschenverachtendem Gro\u00dfmaul vertraut, einem r\u00fccksichtslosen Selbstdarsteller, der ausschlie\u00dflich an sein Ego denkt. F\u00fcr die armen Wei\u00dfen gilt immer noch &#8222;He&#8217;s only a pawn in their game&#8220;, to say it with Bob ((14)).<\/p>\n<p>Vielleicht m\u00fcssen wir uns von den Haupt- und Staatsaktionen etwas abwenden, auch wenn die Probleme dieser Ebene bedrohlich sind und nicht au\u00dfer Acht gelassen werden sollen, und sehen, dass es gegenkulturelle, widerst\u00e4ndige, konstruktive Initiativen in gro\u00dfer Zahl gibt, selbstorganisierte Bewegungen gegen Krieg, Umweltzerst\u00f6rung und Zerst\u00f6rung der Menschen. Gegen Rassismus und Hass, gegen die Todesstrafe und das Gef\u00e4ngnissystem. Vielleicht zu fragmentiert, vielleicht zu sehr nur auf das je Eigene konzentriert, aber mit der Chance, sich zu solidarisieren und Gegenmacht zu werden. Nicht national-separatistisch, sondern lokal und regional einerseits, transnational und kosmopolitisch andererseits. Und es ist auch eine Massenkultur, die solche Motive bewahrt, weitertr\u00e4gt, erneuert.<\/p>\n<p>W\u00e4re nicht Bruce Springsteen ein viel besserer Repr\u00e4sentant dieses Amerika, das viel zu verlieren hat?<\/p>\n<p>Was an Amerika &#8222;great&#8220; ist, ist der alles entscheidende Kulturkampf: Ist es die Freiheit oder das Ressentiment, ist es die Zuflucht der Bedr\u00e4ngten oder die m\u00f6rderische sozialdarwinistische Selbstgewissheit?<\/p>\n<p>Daniel Berrigan, die gerade verstummte Stimme des anderen Amerika, der gegen den Vietnamkrieg Einberufungsakten mit Napalm \u00fcbersch\u00fcttet und vernichtet hat, immer aktiv gegen Krieg und die Erniedrigung der Menschen, hat einen Essay \u00fcber Gandhi geschrieben: &#8222;Dieser Mann ist gef\u00e4hrlich. Er ist unbewaffnet.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trumps &#8222;Follower&#8220; sind &#8211; das ist das einzig Hoffnungsvolle &#8211; keine wirkliche Bewegung, nicht organisiert, sondern nur das Publikum einer One-man-Show, das sich nach einer Niederlage zerstreuen k\u00f6nnte. Nicht auszuschlie\u00dfen ist aber auch, dass andere dann die brachliegenden Gef\u00fchle bewirtschaften. Trump sagt offen, wie er Macht versteht: &#8222;Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/11\/die-wahl-in-den-usa\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Wahl in den USA - graswurzelrevolution","description":"Trumps \"Follower\" sind - das ist das einzig Hoffnungsvolle - keine wirkliche Bewegung, nicht organisiert, sondern nur das Publikum einer One-man-Show, das sich"},"footnotes":""},"categories":[904,1033,1027],"tags":[],"class_list":["post-15492","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-413-november-2016","category-so-viele-farben","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15492","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15492"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15492\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}