{"id":15498,"date":"2016-11-01T00:00:00","date_gmt":"2016-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/11\/comandante-brus-li-isst-sushi\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:54","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:54","slug":"comandante-brus-li-isst-sushi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/11\/comandante-brus-li-isst-sushi\/","title":{"rendered":"Comandante Brus Li isst Sushi"},"content":{"rendered":"<p>Die f\u00fcr verschiedene feministische Zeitschriften t\u00e4tige Autorin Hengameh Yaghoobifarah hatte etwa in diesem Sinne ihrem Unmut \u00fcber die kulturalistischen Gepflogenheiten beim Fusion Festival Ausdruck verliehen. ((2)) Und die postkoloniale Theoretikerin Nikita Dhawan kritisierte die Selbstverliebtheit des Protests in den westlichen Metropolen und die damit einhergehende &#8222;feudale Einstellung&#8220; ((3)) der Protestierenden.<\/p>\n<p>Aus herrschaftskritischer Sicht m\u00fcssen solche Kritiken ernst genommen werden, weil sie Fragen der Verkn\u00fcpfung von kulturellen Differenzen und sozialer Ungleichheit thematisieren. Es ist aber auch an der Zeit, ihnen zu widersprechen. Denn kulturelle Ausdrucksformen und politischer Protest werden h\u00e4ufig nur noch dann f\u00fcr legitim und emanzipatorisch gehalten, wenn die Leute, die sie leben bzw. ausf\u00fchren, bestimmte Bedingungen erf\u00fcllen. Diese Voraussetzungen werden zudem zu Wesensmerkmalen erkl\u00e4rt. Das ist nicht nur theoretisch problematisch, sondern f\u00fchrt zu einer viel zu rigiden Delegitimierung von Praxis. Und macht solidarischen Protest letztlich unm\u00f6glich.<\/p>\n<h3>Heuchelei und Blackfacing<\/h3>\n<p>Dhawan sagt den westeurop\u00e4isch-nordamerikanischen Stra\u00dfenprotesten der letzten Jahre eine Freude am eigenen Widerstand nach, der strukturelle soziale Ungleichheit nicht nur nicht angehe, sondern auch verschleiere. Die Protestierenden seien in der &#8222;Komplizenschaft in der fortgesetzten Reproduktion der Subalternit\u00e4t&#8220; ((4)) gefangen. Die Proteste zwischen San Precario-Bewegung und jene gegen die restriktiven Migrationsgesetzgebungen sieht sie zwar als &#8222;Einspruch gegen Neoliberalismus und Neokolonialismus&#8220; ((5)). Dennoch sei das alles nicht ganz ernst zu nehmen. Ihre plausible Kritik daran, dass facebook-likes und tweets relativ zahnlose Praktiken f\u00fcr den Umsturz der politischen und wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse sind, m\u00fcndet schlie\u00dflich in einer grundlegenden Unterscheidung: Es best\u00fcnde ein &#8222;himmelweiter Unterschied zwischen einem arbeitslosen Jugendlichen in Spanien und einem Farmer in Indien, der sein Land verliert aufgrund des Zwanges, genetisch ver\u00e4nderte Monsanto-BT-Baumwolle anzubauen&#8220;.<\/p>\n<p>Wer wollte den strukturellen Unterschied bestreiten? Nur folgt aus ihm nicht notwendigerweise ein Mehr oder Weniger an Leiden geschweige denn eine bestimmte Haltung oder gar deren Ernsthaftigkeit. Genau das legt Dhawan mit dem Vorwurf der &#8222;Erotik des Widerstands&#8220; aber nahe. Dass auch Leiden sich an gegebenen (\u00f6konomischen wie emotionalen, sozialen wie kulturellen) Standards ausrichtet, also in Beziehung gesetzt werden muss zu seiner Umgebung, wird ausgeblendet. Neben dieser Relationalit\u00e4t ((6)) des Leidens gibt es sicherlich auch absolutes Leid. Selbstverst\u00e4ndlich ist zu verhungern etwas anderes als wegen der Arbeitslosigkeit wieder bei den Eltern einziehen zu m\u00fcssen. Aber diese Absolutheit darf eben (analytisch wie politisch) nicht zum Legitimit\u00e4tsgrad von Widerstand gemacht werden. Sonst ist das, was die einen Leute (also spanische Arbeitslose, d.h. Europ\u00e4erInnen) tun, immer schon &#8211; durch ihre Positionierung innerhalb der globalen Arbeitsteilung wie ihre kulturelle Zugeh\u00f6rigkeit &#8211; halbherzig, unernst, aufgesetzt, w\u00e4hrend es bei den anderen organisch erscheint. Und vor allem: Die Konsequenz w\u00e4re, neoliberalen Sozialabbau etc. einfach hinzunehmen.<\/p>\n<p>Letztlich ist es diese kulturelle Unterscheidung, die auch die Kritik von Yaghoobifarah am Fusion-Festival motiviert. Sie beklagt einerseits die mangelnde Pr\u00e4senz von Menschen mit Migrationshintergrund bei dem angesagten Event. Andererseits zielt ihre Kritik auf das Styling der Anwesenden: &#8222;Ob ihre Abwesenheit [der People of Color, J.K.] wohl der Anlass daf\u00fcr war, dass wei\u00dfe Leute Personen of Color cosplayten? Ihre stereotypen, rassistischen Kost\u00fcme waren jedenfalls \u00fcberall. Neben den Dreadlocks trugen wei\u00dfe Menschen Kimonos, Kegelh\u00fcte, Oberteile mit random chinesischen Zeichen, Bindis, Saris, Federkopfschmuck, Tunnel, Turbane, Sharwals oder einzelne Federn im Haar (gerne einfach ins verfilzte Haar gesteckt). Wie Karneval der Kulturen in Berlin, nur ohne Kulturen. Wir schreiben das Jahr 2016 und bei der Mehrheit der Festivalbesucher*innen ist nicht angekommen, dass Red-, Black-, Brown- und Yellow-Facing unterste Schublade in der Garderobenwahl sind.&#8220;<\/p>\n<p>Das Grundproblem lie\u00dfe sich so auf den Punkt bringen: Der (berechtigten) Emp\u00f6rung \u00fcber den Ausschluss von People of Colour bei einer subkulturellen, linken Veranstaltung &#8211; aber auch generell &#8211; soll damit begegnet werden, deren kulturelle Eigenheiten als solche zu betonen und zu behaupten, also die Verbindung von kulturellen Zeichen, ihrer Bedeutung und den Tr\u00e4gerInnen dieser Bedeutungen festzuzurren. Widerstand, den k\u00f6nnen nur indische Farmer (oder vergleichbare Subalterne) auf angemessene Art und Weise leisten, Dreadlocks stehen legitim nur Schwarzen zu. Das ist eine Re-Essentialisierung, also die Wiedereinf\u00fchrung der Behauptung einer Wesensverbindung. Mit der Durchsetzung poststrukturalistischer Theorieans\u00e4tze galten solche Wesensbestimmungen eigentlich als pass\u00e9 &#8211; deshalb die Vorsilbe Re-. Denn sie ist analytisch wie auch politisch extrem problematisch.<\/p>\n<h3>Hinkende Vergleiche und statische Kultur &#8211; Analytische Probleme<\/h3>\n<p>Analytisch besteht das Problem darin, ungeheure Verallgemeinerungen hinsichtlich der kulturellen Rahmungen zu betreiben. Damit werden auch die Praktiken verallgemeinert, die in diesen dominanzkulturellen Kontexten stattfinden. Was hat das nicht-kommerzielle Techno-Festival, das j\u00e4hrlich n\u00f6rdlich von Berlin stattfindet, tats\u00e4chlich mit jenen Minstrel-Shows in den USA des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts gemeinsam, auf denen wei\u00dfe DarstellerInnen sich das Gesicht schwarz anmalten (&#8222;Blackfacing&#8220;)? Abwesende wurden dabei durch herabw\u00fcrdigende Stereotype repr\u00e4sentiert. Dadurch wurde die Selbstrepr\u00e4sentation von Schwarzen verhindert, in den konkreten Theaterst\u00fccken wie auch ganz allgemein in der Gesellschaft. Weil es diese Tradition gibt, k\u00f6nnen sich heutige Theaterproduktionen, in denen wei\u00dfe Menschen angemalt als Schwarze auftreten, auch nicht damit herausreden, sie h\u00e4tten es nicht so gemeint. Die Intention allein kann die Bildtradition nicht l\u00f6schen. Au\u00dferdem gibt es ja auch Schwarze SchauspielerInnen, die engagiert werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Aber ist das mit der Kleidungswahl der Fusion-TeilnehmerInnen gleichzusetzen? Erstens handelt es sich bei dem nicht-kommerziellen Festival nicht um eine Institution wie das Theater. Zweitens verkleiden sich die Leute dort auch nicht, sondern leben in der Regel diesen Stil. Damit verorten sie sich drittens &#8211; so unreflektiert und peinlich das auch oft daherkommt &#8211; eher in einer anderen Tradition des kulturellen Zeichengebrauchs, n\u00e4mlich der sub- und gegenkulturellen. Und viertens nehmen sie mit ihrem Outfit auch keinen Minderheitenangeh\u00f6rigen und Marginalisierten den Job oder die Repr\u00e4sentationsm\u00f6glichkeit weg. Minstrel-Show und Fusion gleichzusetzen, l\u00e4uft deshalb immer auch Gefahr, erstere zu verharmlosen. Nach dem Motto, wenn die Fusion wie Minstrel ist, kann letzteres so schlimm ja nicht gewesen sein.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus l\u00e4uft Yaghoobifarahs Ansatz, zu Ende gedacht, ganz allgemein auf ein statisches (und damit extrem konservatives) Verst\u00e4ndnis von &#8222;Kultur&#8220; als Konglomerat kollektiv geteilter Merkmale hinaus. Wenn es nur f\u00fcr Schwarze legitim sein soll, Dreadlocks zu tragen, wird eine kulturelle Praxis (Frisieren) an eine als kulturell verstandene Zugeh\u00f6rigkeit gebunden (Schwarzsein). Kultur besteht dann nicht mehr aus Prozessen, in denen Menschen bestimmte Praktiken mit Sinn und Bedeutungen ausstatten (wenn auch, selbstverst\u00e4ndlich, vor dem Hintergrund relativ stabiler, bestehender Bedeutungen). Stattdessen werden sie blo\u00df als ausf\u00fchrende AgentInnen eines bereits vorhandenen Bedeutungspools gedacht. Da steht immer schon fest, was gut und angemessen f\u00fcr Schwarze, f\u00fcr Deutsche oder welche Gruppe auch immer ist. Wer sich nicht daran h\u00e4lt, geh\u00f6rt dann unweigerlich zu den Titel gebenden &#8222;Kulturlosen&#8220;. Das hie\u00dfe letztlich auch, dass nur Menschen mit japanischem Migrationshintergrund legitimer Weise Sushi essen und nur Frauen R\u00f6cke tragen d\u00fcrften bzw. sollten.<\/p>\n<p>Nicht, dass demgegen\u00fcber jede Hybridisierung gleich widerst\u00e4ndig w\u00e4re, wie in der ersten Cultural Studies-Euphorie viele glaubten. Aber hier werden alle Hybridisierungshoffnungen verworfen. Auch der queerfeministische Anspruch, Dualismen zu durchkreuzen und Dichotomien aufzul\u00f6sen, wird aufgegeben. Was aber wird aus Mister T, dem Schwarzen Schauspieler mit seinem Irokesenschnitt? Ist das Ausbeutung einer Minderheitenpraxis durch eine andere, sozusagen schwarzes Redfacing? Warum nennt ein Kommandant der s\u00fcdmexikanischen Guerilla EZLN sich Comandante Brus Li, statt sich bei indigenen Traditionen zu bedienen?<\/p>\n<p>Bei dieser Frage danach, wer legitimer Weise welche Zeichen gebrauchen darf, geht es nicht um das &#8222;Das wird man ja wohl noch machen\/ sagen\/ denken d\u00fcrfen&#8220; der GegnerInnen von political correctness. Die Berechtigung von Sprach- und anderen Regulierungen wird hier gar nicht in Abrede gestellt. Es geht um deren Begr\u00fcndung. Die geschlechtersensible Schreibweise, die bemessene Redezeit, die Frauenquote &#8211; solche Regeln sind ja die erk\u00e4mpfte Reaktion auf die Benachteiligung und Diskriminierung durch wirkm\u00e4chtige Zuschreibungen. Nur damit sollten sie auch begr\u00fcndet werden. Nicht mit vermeintlich kollektiven Wesensmerkmalen der konstruierten Gruppe.<\/p>\n<p>Und letztlich muss wohl auch akzeptiert werden, dass die Entscheidung \u00fcber die Frage des legitimen Gebrauchs immer umk\u00e4mpft bleiben wird. Eine Letztentscheidungsinstanz ist theoretisch wie praktisch auszuschlie\u00dfen. Wer sollte \u00fcber den angemessenen\/ legitimen Gebrauch kultureller Zeichen berechtigt urteilen? Nur die UrheberInnen dieser Zeichen mit einer bestimmten Bedeutung? Das w\u00e4re im Falle der Dreadlocks ein partikularistisches Argument, das die Definitionsmacht vermutlich den Anh\u00e4ngerInnen der Rastafarian-Bewegung zuschreiben m\u00fcsste. Aber warum sollte sich jemand &#8211; schwarz oder wei\u00df &#8211; von dieser christlichen Sekte, die Frauen nicht nur vom Trommeln ausschlie\u00dft und den ehemaligen Kaiser von \u00c4thiopien, Haile Selassie (1892-1975), f\u00fcr Gott h\u00e4lt, \u00fcberhaupt etwas sagen lassen?<\/p>\n<h3>Kulturelle Zugeh\u00f6rigkeiten ohne Ausweg und ohne Diversit\u00e4t &#8211; Politische Probleme<\/h3>\n<p>Politisch ergeben sich mindestens drei Problemstr\u00e4nge. Erstens werden die M\u00f6glichkeiten subkultureller Praktiken f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen der Dominanzkultur abgeschnitten bzw. es wird ihnen die Legitimit\u00e4t abgesprochen. Die starke Betonung, dass bestimmte Frisuren und Kleidungsst\u00fccke, also Zeichen zu einer bestimmten &#8222;Kultur&#8220; geh\u00f6ren und dieser nicht entliehen werden sollten, schreibt auch die &#8222;Wei\u00dfen&#8220; &#8211; wie links oder wie arm auch immer &#8211; auf ihre angebliche &#8222;Kultur&#8220; fest. Gegen den Mainstream der bundesdeutschen Rechtsextremismusforschung hatte auch die Soziologin Birgit Rommelspacher in den fr\u00fchen 1990er Jahren den Begriff der Dominanzkultur eingef\u00fchrt, von der alle profitieren, die ihr zugerechnet werden. Sie hatte insistiert, das &#8222;M\u00e4chtige wie Machtlose rassistisch orientiert sind, wenn sie in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind und nicht gelernt haben, sich bewu\u00dft davon zu distanzieren. Auf diese Tatsache zielt der Begriff der Dominanzkultur ab&#8220;. ((7))<\/p>\n<p>Der hier entscheidende Punkt ist allerdings, dass Rommelspacher die M\u00f6glichkeit einer bewussten Distanzierung explizit einr\u00e4umt.<\/p>\n<p>So unreflektiert und romantisierend das auch in vielen F\u00e4llen war, so gab es doch auch ein Aufgreifen und Adaptieren von Zeichen aus anderen Weltgegenden, das in linker und gegenkultureller Tradition steht. Dabei ging es von den so genannten &#8222;Stadtindianern&#8220; der 1970er \u00fcber den Iro im Punk und eben auch Dreadlocks darum, ein Nicht-Einverst\u00e4ndnis und eine Abgrenzung zu dominanten, kulturellen Umgangsformen inklusive Warenform und Fortschrittsparadigma zu demonstrieren. So schr\u00e4g das in vielen Formen auch r\u00fcber kam, es geschah mit solidarisch-anerkennender und nicht mit verunglimpfender Absicht. Sicher, die Intention ist nicht alles und kann die (m\u00f6glicherweise beleidigenden) Effekte nicht kontrollieren. Aber &#8222;gut gemeint&#8220; ist auch keineswegs immer das Gegenteil von gut.<\/p>\n<p>Zwar muss auch festgestellt werden, dass diese Appropriationen ((8)) h\u00e4ufig nicht die Sichtbarkeit oder gar die Macht derjenigen gesteigert haben, aus deren Traditionen man sie meinte entleihen zu k\u00f6nnen. All diese Zeichenvermischungen haben aber auch nicht derma\u00dfen gro\u00dfen Schaden angerichtet, dass man sie mit dem gezielten L\u00e4cherlichmachen des Blackfacing gleichsetzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Auf die Konsequenz hinzuweisen, dass sub- oder gegenkulturelle Praktiken f\u00fcr unm\u00f6glich erkl\u00e4rt werden, bedeutet nicht, \u00fcber die mangelnden Handlungsm\u00f6glichkeiten ohnehin Privilegierter zu jammern. Es fragt prinzipiell nach den Konzepten, wie diese Privilegien aus der Dominanzkultur heraus angegriffen werden k\u00f6nnen. Hier versperrt auch der Text von Nikita Dhawan das Denken und Praktizieren von M\u00f6glichkeiten. Ihr h\u00e4mischer Hinweis, die Begeisterung wei\u00dfer Mitteleurop\u00e4erInnen und NordamerikanerInnen f\u00fcr das &#8222;Spektakel des Widerstands&#8220; &#8211; etwa von Occupy Wall Street und der Emp\u00f6rten in Spanien &#8211; bringe &#8222;praktischer Weise die Tatsache [zum Verschwinden], dass sie selbst Teil der von ihnen bek\u00e4mpften Strukturen sind&#8220; ((9)), l\u00e4sst letztlich keinen Ausweg. Wer der Dominanzkultur angeh\u00f6rt, kann demnach noch so gegen sie protestieren, er oder (etwas weniger vielleicht) sie profitiert strukturell.<\/p>\n<p>Dieses Statement steht durchaus in jener Tradition antikolonialer Argumentationen, die schon bei Jean-Paul Sartres Vorwort zu Frantz Fanons &#8222;Die Verdammten dieser Erde&#8220; wegen ihrer Verallgemeinerung ebenso problematisch waren wie wegen ihres ahistorischen Determinismus&#8216;. &#8222;Ein Mensch&#8220;, schreibt Sartre da, &#8222;hei\u00dft bei uns Komplize, weil wir alle von der kolonialen Ausbeutung profitiert haben.&#8220; ((10)) Der strukturelle Profit aller ist unbestritten, aber Komplizenschaft meint gemeinhin eine mehr oder weniger absichtsvolle Beteiligung. Eine solche als Teil des (europ\u00e4ischen) Menschseins zu definieren, erkl\u00e4rt zum Wesensmerkmal, was historisch ver\u00e4nderbar gedacht werden muss. ((11)) Und es setzt in Sachen Profit eben auch den Konzernchef mit der Kindergartenp\u00e4dagogin gleich.<\/p>\n<p>Vereinheitlicht werden zweitens aber auch die Marginalisierten. Es wird unterstellt, eine strukturelle Ausgrenzung f\u00fchre zu kollektiv geteilten Haltungen und Vorlieben. Aber leider sind geteilte Diskriminierungen zum einen noch nie Garant f\u00fcr kollektive Mobilisierungen gewesen. Und warum sollte zum anderen jemand mit dunkler Hautpigmentierung irgendeinen n\u00e4heren Zugang zu einer bestimmten Frisur und deren vermeintlich urspr\u00fcnglicher Bedeutung haben als andere? Tr\u00e4gt Bachmann-Preistr\u00e4gerin Sharon Dodua Otoo ihre Dreads, weil sie gewisserma\u00dfen nat\u00fcrliche Sympathien f\u00fcr die frauenfeindliche Rastafarian-Bewegung hat? Wohl kaum.<\/p>\n<p>Drittens sind die Vereinheitlichungen von Gruppen und die an sie gekn\u00fcpfte Legitimit\u00e4t im Gebrauch von Zeichen h\u00e4ufig mit restriktiven Regulierungen verbunden, f\u00fchren also oft zu autorit\u00e4rer Politik. Im Juli 2016 wurde im buddhistischen Kloster in Bagan (Myanmar) ein spanischer Tourist verhaftet, weil er ein Buddha-Tattoo auf dem Bein trug. Die Religi\u00f6sen empfanden das als unangemessen und riefen die Polizei. Sie transferierten ihre moralische Regung &#8211; derjenigen Yaghoobifarahs durchaus \u00e4hnlich &#8211; also gleich ins Juristische.<\/p>\n<p>Ob das als emanzipatorischer Akt f\u00fcr die Zeichengebrauchshoheit einer Minderheit durchgehen sollte, ist mehr als fraglich. Denn schlie\u00dflich ist es eine Errungenschaft der S\u00e4kularisierung, dass Religi\u00f6se niemandem (au\u00dfer ihren Anh\u00e4ngerInnen) die Wahl des Schmucks und der Klamotten vorschreiben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Hingegen den Gebrauch von Nazi-Symbolen zu verbieten, hat zwar auch etwas Autorit\u00e4res, dient aber nicht blo\u00df dem Schutz der &#8222;religi\u00f6sen Gef\u00fchle&#8220; einer bestimmten Gruppe, sondern ist ein Gebot der Menschlichkeit. Wobei selbstverst\u00e4ndlich auch wieder umstritten ist, wann es um eine partikulare Gruppe und wann um die universelle Menschheit geht und wer das entscheidet.<\/p>\n<h3>\u00d6konomie der Zeichen<\/h3>\n<p>Sicherlich gibt es Sprechweisen, die in der Kombination von kultureller wie sozio\u00f6konomischer Positionierung einerseits und konkreter Aussage (\u00fcber ein kulturelles Zeichen) andererseits aus emanzipatorischer Sicht als illegitim erscheinen. Das Eintreten europ\u00e4ischer Konservativer gegen die Unterdr\u00fcckung von Frauen im Islam etwa w\u00e4re ein Beispiel daf\u00fcr. Als illegitim erscheint das deshalb, weil sie erstens selbst keine Frauenrechte verteidigt, sondern sie im Grunde immer eingeschr\u00e4nkt haben. Und zweitens, weil sie &#8222;den Islam&#8220; verallgemeinern und ein Zeichen wie das Kopftuch auf seine eine Bedeutung als Ausdruck patriarchaler Unterdr\u00fcckung festlegen. Sie sprechen aus einer unhinterfragt dominanzgesellschaftlichen Position heraus.<\/p>\n<p>Auch positive Legitimit\u00e4ten k\u00f6nnen umgekehrt aus der Position der Sprechenden erwachsen: Wenn in Songtexten des Wu Tang Clans das N-Wort benutzt wird, bedeutet bzw. ist das etwas anderes als in Verlautbarungen des Ku-Klux-Klan: eine auf Diskriminierungsgeschichte verweisende Bezeichnung einerseits, ein diskriminierendes und Hass sch\u00fcrendes Wort andererseits.<\/p>\n<p>Zudem gibt es Zeichen, deren Konnotation schwer zu verschieben ist, und andere, bei denen es leichter geht. Das N-Wort wird sich aufgrund seiner rassistischen Konnotationsgeschichte ebenso wenig als freundliche oder stolze Bezeichnung durchsetzen wie der Hitlerbart f\u00fcr Weltoffenheit. Viele solcher kultureller Zeichen sind aber auch mehrfach kodiert und ausschlie\u00dflich in ihrem Kontext zu entschl\u00fcsseln: Dass der Hipster kein Ajatollah ist, sieht man (an anderen Details und dem Setting), auch wenn sein Bart dem des Geistlichen aufs Haar gleicht. Selbst Critical Whiteness-AktivistInnen w\u00fcrden den Hipsters ihre B\u00e4rte vermutlich nicht streitig machen, obwohl die Religi\u00f6sen im Iran sie definitiv fr\u00fcher hatten. Zu vieldeutig das Zeichen, zu komplex seine Bedeutungsgeschichte. So sollte schlie\u00dflich auch lesbar sein, dass Dreadlocks bei Wei\u00dfen nicht notwendiger Weise Blackfacing ist und der Protest arbeitsloser Jugendlicher in Spanien keine Heuchelei.<\/p>\n<p>Eine solche, analytisch wie politisch offene Herangehensweise an die \u00d6konomie der Zeichen hat es auch im Rahmen der antikolonialen Theorie schon gegeben: W\u00e4hrend es in den fr\u00fchen 1950er Jahren in Algerien noch als Ausdruck f\u00fcr eine pro-koloniale Haltung galt, die franz\u00f6sische Sprache zu benutzen und franz\u00f6sische Zeitungen zu lesen, wandelte sich im Laufe des antikolonialen Kampfes ab 1954 die Bedeutung dieses Zeichens. Das Franz\u00f6sische, schreibt Frantz Fanon in &#8222;Aspekte der Algerischen Revolution&#8220;, wurde zum &#8222;Werkzeug der Befreiung&#8220; ((12)). \u00c4hnliche Prozesse beschreibt Fanon im \u00dcbrigen f\u00fcr das Radioh\u00f6ren und nicht zuletzt f\u00fcr die Verschleierung der Frauen. Praktiken ver\u00e4ndern demnach ihre Bedeutungen, und zwar durch soziale K\u00e4mpfe. Es gibt vielleicht gr\u00f6\u00dfere und kleinere Wahrscheinlichkeiten daf\u00fcr, dass Menschen sich an emanzipatorischen sozialen K\u00e4mpfen bewusst oder unbewusst beteiligen. Prinzipielle, kulturell festgelegte Teilnahmebedingungen gibt es aber nicht. In sozialen K\u00e4mpfen geht es schlie\u00dflich immer auch um die Etablierung von &#8222;neuen Systeme[n] der Zeichengebung&#8220; ((13)).<\/p>\n<p>Das ist zu Recht dem antimuslimischen Rassismus &#8211; in Bezug auf die vermeintliche Eindeutigkeit des Kopftuches &#8211; entgegengehalten worden. Es ist aber auch ein guter Einwand gegen die Re-Essentialisierungen von links.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die f\u00fcr verschiedene feministische Zeitschriften t\u00e4tige Autorin Hengameh Yaghoobifarah hatte etwa in diesem Sinne ihrem Unmut \u00fcber die kulturalistischen Gepflogenheiten beim Fusion Festival Ausdruck verliehen. 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