{"id":15501,"date":"2016-11-01T00:00:00","date_gmt":"2016-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/11\/wir-entsprechen-nicht-den-normen\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:07","slug":"wir-entsprechen-nicht-den-normen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/11\/wir-entsprechen-nicht-den-normen\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir entsprechen nicht den Normen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: Was ist Needle n&#8217;Bitch und warum habt ihr diesen Namen gew\u00e4hlt? Wie sehen euer Selbstkonzept und eure allt\u00e4glichen Aktivit\u00e4ten aus?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch ist ein Anarcho-Feministisches Kollektiv in Yogyakarta, Indonesien. 2009 haben wir uns in Jakarta gegr\u00fcndet. Zu dieser Zeit war Anarchismus f\u00fcr Indonesien noch was ganz neues. Es entwickelten sich verschiedene Gruppen, Projekte und Initiativen. Wir hatten jedoch das Gef\u00fchl, da war noch kein konstanter und best\u00e4ndiger Raum gegeben. Also haben wir uns entschlossen diesen Raum zu schaffen, in dem wir das Experiment wagten, Theorie zur Praxis zu machen. Wir wollten ein stabiles Kollektiv schaffen, denn aus unserer Erfahrung heraus haben sich andere Projekte oder Kollektive nach einiger Zeit wieder selbst aufgel\u00f6st. Wir haben versucht aus deren Fehlern zu lernen und schufen einen Ort an dem Anarchismus ausprobiert werden sollte.<\/p>\n<p>Ganz am Anfang war der Name unseres Projekts &#8222;Infoshop&#8220; oder &#8222;Infohaus&#8220;. Wir haben angefangen eigene Crafts (Tote-Bags, Taschen, T-Shirts u.v.m.) herzustellen, um uns dadurch selbst zu finanzieren. Daraus entwickelte sich der Name Needle &#8217;n&#8216; Bitch. Wir stellen all unsere Crafts selbst her. Wir verstehen uns auch als ein gesch\u00fctzter Raum f\u00fcr Frauen, in dem wir uns gegenseitig austauschen und unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Wir nannten das am Anfang &#8222;bitching&#8220;. Die Frauen aus unserem Projekt haben alle Schwierigkeiten gesellschaftlich anerkannt zu werden. Einzig und allein, weil wir zum Beispiel Tattoos haben, Alkohol trinken oder einfach nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen. Somit entstand der Name von unserem Projekt und eigenem Label. Wir wollen die negativ konnotierte Bezeichnung &#8222;Bitch&#8220; dekonstruieren und positiv besetzen. Es gibt hier in Yogyakarta kein anderes Projekt mit dem Fokus auf Anarchismus, Gender und Feminismus. Es gibt zwar Gruppen, die das in ihren k\u00fcnstlerischen Werken, Musik und Literatur oder andersweitig auch ausdr\u00fccken. Das ist aber nur dar\u00fcber reden, nur Theorie, keine Praxis.<\/p>\n<p>Wir wollen nicht nur die gro\u00dfen Sachen angehen, wie Gesellschaft ver\u00e4ndern oder Strukturen zerschlagen. Wir wollen im Kleinen beginnen um somit \u00c4nderungsprozesse herbei zu f\u00fchren. Wir verstehen uns als einen hierarchiefreien Raum und sehen alle Menschen als gleichwertig, unabh\u00e4ngig von Geschlecht oder Gender. Das versuchen wir an uns selbst und in unserem Projekt im Alltag zu praktizieren. Wir verstehen uns somit als Raum, in dem das alle Partizipierenden und Interessierten selbst ausprobieren und leben k\u00f6nnen. Das sehen viele als zu radikal an. Viele trauen sich nicht ihr gewohntes Leben und ihre Verhaltensweisen zu \u00e4ndern. Wir sprechen auch offen \u00fcber Probleme oder kommunizieren das innerhalb der Gruppe. Viele Menschen k\u00f6nnen das hier nicht. Viele setzen Anarchismus gleich mit der Freiheit machen zu k\u00f6nnen was man will. Die verstehen Anarchismus jedoch falsch. F\u00fcr uns heisst anarchistische Praxis nicht wahllose Freiheiten zu haben, sondern gemeinsam solidarisch miteinander umzugehen, auf eine Art, in der jeder Mensch sich auf seine Weise und mit seinen W\u00fcnschen und Interessen einbringen kann.<\/p>\n<p>Unsere Aktivit\u00e4ten sind zum Beispiel Workshops, Diskussionsrunden, thematische Veranstaltungen und nat\u00fcrlich unsere Crafts. So kann sich jeder bei uns selbst ausdr\u00fccken und neue Sachen dazu lernen. Wir versuchen die gesellschaftlichen Unterdr\u00fcckungsmechanismen in unserer Gruppe zu \u00fcberwinden oder zu dekonstruieren. Zwar sind wir weit davon entfernt die Gesellschaft zu \u00e4ndern, aber in unserem allt\u00e4glichen Leben versuchen wir damit anzufangen. Im Gegensatz zu anderen linken Gruppen in Indonesien. Wir von Needle &#8217;n&#8216; Bitch verstehen uns als Ort der Inspiration. Wir wollen andere Menschen inspirieren auch aktiv zu werden.<\/p>\n<p><b>GWR: K\u00f6nnt ihr n\u00e4her erl\u00e4utern was Anarchismus f\u00fcr euch bedeutet und wie ihr das in eurem Projekt im Alltag praktiziert bzw. lebt?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Wir vertreten im Kollektiv verschiedene Grunds\u00e4tze: wir sind gegen Hierarchien, selbstorganisiert, autonom, wir haben gewisse Standards was Gender und Geschlecht angeht, und wir sind alle gleichberechtigt. Im Gegensatz zu anderen Gruppen in Indonesien. Die sind teilweise noch ziemlich sexistisch, homophob oder feindlich gegen\u00fcber Transgender.<\/p>\n<p>Wir versuchen anarchistische Grunds\u00e4tze in unserem Kollektiv auch in der Selbstorganisation zu leben. Zum Beispiel haben wir bei den verschiedenen organisatorischen Aufgaben im Projekt das Rotationsprinzip, so dass am Ende jeder den Prozess kennt und wir alle den gleichen Wissenstand haben. Und diese Grunds\u00e4tze versuchen wir auch nach au\u00dfen zu tragen. Vor allem zu unseren Freunden in anderen Gruppen. Wir haben auch den Grundsatz nicht mit Regierungsorganisationen zusammen zu arbeiten. Ebenso lehnen wir die Finanzierung durch solche Institutionen ab. Unsere Crafts sollen solidarisch, fair und offen f\u00fcr alle sein. Das bedeutet f\u00fcr uns, dass wir finanziell nicht von Regierungsorganisationen oder anderen Geldgebern abh\u00e4ngig sein wollen.<\/p>\n<p>Wir wollen auch, dass in unserem Kollektiv althergebrachte Vorstellungen von Gender dekonstruiert werden. Wir denken, dass all die Theorie \u00fcber Anarchismus oder Feminismus im individuellen Alltag angewendet werden muss. Das hei\u00dft zum Beispiel nicht, dass auf unseren Events die Frauen in der K\u00fcche stehen und das Essen vorbereiten. Das ist in anderen Gruppen h\u00e4ufig zu sehen. Zum Gl\u00fcck hat sich das mittlerweile aber etwas ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p><b>GWR: Lebt ihr bei Needle &#8217;n&#8216; Bitch als ein Kollektiv oder eine Genossenschaft zusammen und habt ihr dabei ein eigenes \u00f6konomisches Prinzip?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Ja, haben wir. Wir verstehen uns als ein Kollektiv oder als eine Kooperation. Wir versuchen dabei nach anarchistischen Prinzipien zu leben und zu handeln. Das hei\u00dft unter anderem auch, dass wir nach dem \u00f6konomischen Prinzip des Mutualismus leben. Wir m\u00f6chten in unseren eigenen Handlungsweisen nicht die kapitalistischen Mechanismen wiederholen oder wirken lassen, wie sie um uns herum passieren. Das versuchen wir zumindest zu vermeiden. Das hei\u00dft niemand aus dem Kollektiv hat mehr Vorteil oder Verg\u00fcnstigungen als die anderen.<\/p>\n<p>Wir haben keine Manager oder Chefs welche mehr Geld verdienen. All der Gewinn aus dem Verkauf unserer Crafts werden gleich verteilt.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist das ein individueller Kampf: wir wollen nicht die gleichen Fehler machen wie andere Projekte oder Kollektive. Obwohl sie tolle Ideen hatten, mussten sie ihr Projekt aufgrund fehlender finanzieller Unterst\u00fctzung aufgeben. Die Aktivist_innen mussten ihr Engagement irgendwann abbrechen, weil sie gezwungen waren einer normalen Arbeit nachzugehen. Deshalb versuchen wir bei Needle &#8217;n&#8216; Bitch unseren Aktivismus und die eigenen Bed\u00fcrfnisse selbstst\u00e4ndig zu finanzieren. Um das zu realisieren, ist es wichtig zu wissen mit wem wir zusammen arbeiten, wie wir unser Geld im Kollektiv verteilen, wer f\u00fcr die Finanzen verantwortlich ist. Unser Einkommen wird aufgeteilt in Produktionskosten, Kosten zur Erhaltung unseres Community-Hauses und f\u00fcr die individuellen Bed\u00fcrfnisse. So haben wir bis jetzt \u00fcberlebt. Es ist eigentlich immer gerade so genug. Aber zumindest f\u00fchlen wir uns damit zufriedener, als jemanden in den Arsch kriechen zu m\u00fcssen. Wir sind total unabh\u00e4ngig von staatlicher, finanzieller Unterst\u00fctzung oder von Nichtregierungsorganisationen.<\/p>\n<p><b>GWR: Was macht eurer Meinung nach anarchistischen Aktivismus f\u00fcr Menschen in Indonesien interessant und wie war euer pers\u00f6nlicher Weg dahin?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Das ist unterschiedlich. Fr\u00fcher, kurz nach der Jahrtausendwende, war der Enthusiasmus der Menschen verbreitet und ihr Interesse an Anarchie sehr gro\u00df. Ab 2009 \u00e4nderte sich das jedoch. Die Netzwerke l\u00f6sten sich langsam auf. Einige Gruppen gibt es noch, die meisten jedoch haben sich aufgel\u00f6st. Einige neue haben sich gegr\u00fcndet. Auch anarchistische Gruppen.<\/p>\n<p>Die meisten haben sich dem Anarchismus erst gen\u00e4hert nachdem sie in traditionellen linken Gruppen unterwegs waren. Zum Beispiel in traditionellen leninistisch-marxistischen Gruppen.<\/p>\n<p>In diesen Gruppen gibt es viele Widerspr\u00fcche, die gesellschaftlichen Strukturen, die wir ja kritisierten, spiegelten sich auch in diesen Gruppen wider. Es gab Hierarchien und strukturelle Ungleichheiten.<\/p>\n<p>Einige kommen in verschiedenen linken Gruppen mit Anarchismus in Ber\u00fchrung, einige im akademischen Bereich, f\u00fcr viele ist der erste Ber\u00fchrungspunkt die Musik. Das wird dann weiter getragen. In Lyrics, Zines oder in Slogans auf Patches und T-Shirts. Aber im Gro\u00dfen und Ganzen ist die linke Szene in Indonesien stark dominiert von roten Fahnen.<\/p>\n<p><b>GWR: In der indonesischen Geschichte wurde die linke Bewegung in den Jahren 1965\/66 durch das Milit\u00e4r und zivile T\u00e4terInnen fast vollst\u00e4ndig ausgel\u00f6scht [siehe dazu: Indonesien-Schwerpunkt in GWR 404]. Auch progressive Frauenbewegungen wie Gerwani z\u00e4hlten dazu. Haben diese Bewegungen Einfluss auf euch oder euer politisches Verst\u00e4ndnis? <\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Diese Gruppen haben eigentlich keinen gro\u00dfen Einfluss auf unser heutiges Engagement. Die politische Situation heute ist anders. Viele marxistisch-leninistische Gruppen nehmen jetzt die damaligen linken Bewegungen schon zum Vorbild. Deren Ideal ist ja eine neue kommunistische Partei zu gr\u00fcnden. Aber f\u00fcr uns ist das anders. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir als Needle &#8217;n&#8216; Bitch sehr aus der Norm fallen, was die politische Ausrichtung im Vergleich mit anderen linken Gruppen in Indonesien angeht. Wir sind nicht so traditionell, wie es ja auch die linken Gruppen damals um 1965\/66 oder davor waren.<\/p>\n<p>Dennoch respektieren wir die Gruppen von damals sehr, egal wie sie organisiert waren oder welcher Ideologie sie gefolgt sind.<\/p>\n<p><b>GWR: Welche aktuellen sozialen Bewegungen nehmt ihr zum Vorbild, bzw. haben Einfluss auf eure politische Praxis?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Die kann man gar nicht alle aufz\u00e4hlen. Jeder Mensch ist eine Inspiration. Zum Beispiel Menschen, die es sich trauen ihre Familie und das alte Leben hinter sich zu lassen, um ein anderes Leben zu f\u00fchren, als ihnen vorgeschrieben ist. Das muss auch nicht unbedingt mit unserer politischen Meinung konform sein. Auch Widerstand in ganz kleinen allt\u00e4glichen Sachen, vor allem von Frauen, bewirkt etwas. Zum Beispiel die Entscheidung alleinerziehende Mutter zu sein, oder die bewusste und offene Lebensweise als Transsexueller bzw. Transgender. Das erfordert in Indonesien sehr viel Mut und bringt viele Schwierigkeiten mit sich. International gesehen gibt es viele Vorbilder. Zum Beispiel die Widerstandsk\u00e4mpferinnen aus dem spanischen B\u00fcrgerkrieg. Wir teilen nicht alle politischen Standpunkte mit diesen Gruppen, aber wir nehmen die aktive Partizipation besonders der Frauen als Vorbild. Auch die indigenen politischen Bewegungen in Indonesien. Das geh\u00f6rt auch zu unserer politischen Arbeit zum Beispiel. Viele indigene Gruppen leiden sehr unter Diskriminierung und Restriktionen durch die Regierung. Wir versuchen dort vor Ort soweit es geht zu unterst\u00fctzen. Das verstehen wir unter solidarischer Arbeit. Aktuell ist auch der Kampf in den kurdischen Gebieten nicht zu vergessen. Dort partizipieren auch viele Frauen und haben gro\u00dfen Einfluss auf die Widerstandsk\u00e4mpfe.<\/p>\n<p><b>GWR: Arbeitet ihr in lokalen oder internationalen Netzwerken mit anderen anarchistischen Gruppen zusammen?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Ja. Bevor Needle &#8217;n&#8216; Bitch nach Yogyakarta umgezogen ist, waren wir in Jakarta schon mit verschiedenen Gruppen vernetzt. Nat\u00fcrlich ebenso mit Gruppen aus ganz verschiedenen Regionen in Indonesien. Nachdem wir 2012 unser Projekt nach Yogyakarta verlegt haben, haben wir uns mit verschiedenen Gruppen vor Ort vernetzt: Anarchist_innen, Frauenrechtsgruppen und verschiedenen LGBTQ-Communities. Dar\u00fcber hinaus arbeiten wir auch mit unterschiedlichen Farmerorganisationen zusammen, unterst\u00fctzen indigene soziale Bewegungen und sind mit Gruppen, die sich mit Gentrifizierungsprozessen besch\u00e4ftigen, vernetzt.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie reagiert die Bev\u00f6lkerung auf euren Aktivismus, ganz besonders die unmittelbare Nachbarschaft eures Projekts?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Die Menschen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wundern sich \u00fcber die Aktivit\u00e4ten in unserem Haus. F\u00fcr uns ist es wichtig in der Nachbarschaft nicht negativ aufzufallen. In diesem Jahr haben wir zum Beispiel verschiedene Workshops mit unseren Nachbarn durchgef\u00fchrt. Trotzdem ist f\u00fcr die meisten nicht schl\u00fcssig, wer wir sind und was wir eigentlich machen. Hier leben sehr viele konservativ eingestellte Menschen. Wenn wir \u00fcber LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) oder Frauenrechte sprechen, dann sind das sensible Themen. Generell erleben wir immer positive und negative Reaktionen auf unser Kollektiv. Damit m\u00fcssen wir umgehen k\u00f6nnen. Als wir hierher gezogen sind, mussten wir von Anfang aushandeln, dass bei uns Frauen und M\u00e4nner zusammen in einem Haus leben (in Indonesien ist das Zusammenleben von unverheirateten Menschen unterschiedlichen Geschlechts aus moralischen Gr\u00fcnden generell unerw\u00fcnscht). Viele Menschen hier k\u00f6nnen es nicht verstehen, dass FreundInnen egal welchen Geschlechts zusammen leben m\u00f6chten. Da wird immer ein sexuelles Interesse unterstellt, man wird als unmoralisch stigmatisiert oder der Tradition widersprechend.<\/p>\n<p>Durch unsere Offenheit gegen\u00fcber den Nachbarn und die Integration in die nachbarschaftliche Communities ist die Akzeptanz unseres Kollektivs zumindest bis heute m\u00f6glich geworden.<\/p>\n<p><b>GWR: Im April 2016 hat in Yogyakarta das erste &#8222;Ladyfast&#8220;, ein von verschiedenen Gruppen organisiertes feministisches Festival, in Indonesien stattgefunden. Dieses wurde durch eine fundamentalistische Gruppe zusammen mit der Polizei attackiert und abgebrochen. K\u00f6nnt ihr mehr \u00fcber dieses Ereignis und dessen Hintergr\u00fcnde erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Seit geraumer Zeit gibt es in Indonesien eine sogenannte Anti-LGBT Bewegung. Bereits vor dem &#8222;Ladyfast&#8220; gab es einige Bestrebungen dieser Bewegung, um gegen die LGBT-Community in Indonesien vorzugehen. Diese Leute wissen \u00fcber alle unsere Aktivit\u00e4ten Bescheid. Sie haben uns genau im Blick.<\/p>\n<p>\u00dcber die verschiedenen sozialen Medien folgen sie uns und so wussten sie auch vom &#8222;Ladyfast&#8220;, an dem unter anderem auch Needle &#8217;n&#8216; Bitch als Organisatorin teilnahm. Was an diesem Abend geschah war sehr intensiv. Die Veranstaltung war schon fast zu Ende. Als die vorletzte Band spielte erschien eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe und br\u00fcllte laut &#8222;Allahu Akbar&#8220;. Das waren ungef\u00e4hr 20 bis 30 M\u00e4nner, die permanent mit aggressiver Stimme die G\u00e4ste anschrien und als &#8222;Schlampen&#8220; beschimpften. Sie wurden allm\u00e4hlich auch gewaltt\u00e4tig und einige der G\u00e4ste wurden verletzt. Die Polizei war recht schnell vor Ort, griff jedoch nicht ein. Die Veranstaltung musste aus Sicherheitsgr\u00fcnden abgebrochen werden.<\/p>\n<p>Man kann das Geschehen im Nachhinein auch positiv betrachten. Wir haben es geschafft diese Menschen f\u00fcr zwei bis drei Stunden hinzuhalten.<\/p>\n<p>Sie haben ihr Ziel, die Veranstaltung sofort aufzul\u00f6sen, nicht durchsetzen k\u00f6nnen. Die meisten von uns sind standhaft geblieben. So perfide das klingt, aber das k\u00f6nnen wir auch als Erfolg verbuchen.<\/p>\n<p><b>GWR: Was sind die Gr\u00fcnde dieser Anti-LGBT-Bewegung?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Linke Ideen sind hier in Indonesien seit den Ereignissen in den Jahren 1965\/1966 (vgl. GWR 404) negativ stigmatisiert. W\u00e4hrend der 32-j\u00e4hrigen Diktatur unter Suharto wurden alle Aktivit\u00e4ten, die tats\u00e4chlich oder vermeintlich gegen das damalige Regime waren, im Keim erstickt. Oppositionelle Bewegungen wurden als kommunistisch stigmatisiert und konnten somit im Sinne der anti-kommunistischen Diktatur ausgel\u00f6scht werden. Selbst wenn Menschen keine politischen Motivationen hatten &#8211; die kleinste Kritik am Staat wurde sofort als kommunistisch beschuldigt. Dieses Stigma lebt bis heute fort. Wenn die Menschen heute nur den Begriff &#8222;links&#8220; h\u00f6ren, wird das mit kommunistisch gleichgesetzt. Die Mehrheit der derzeitigen Anti-LGBT Bewegung hat einen religi\u00f6sen oder nationalistischen Hintergrund.<\/p>\n<p>Sie vertreten somit auch die Ansicht, dass wir als anarchistische und linke Gruppe KommunistInnen w\u00e4ren. Auch der LGBT-Bewegung wird das vorgeworfen. Somit hatten die Angreifer auf das &#8222;Ladyfast&#8220; aus ihrer Sicht einen legitimen Grund. Ebenso wurden uns unmoralische Handlungen unterstellt. Viele von uns haben Tattoos und Piercings, wir tranken Alkohol und feierten zusammen. Das reicht schon aus, um als unmoralisch deklariert zu werden. Und nat\u00fcrlich hat die Anti-LGBT-Bewegung generell Probleme mit Homosexualit\u00e4t.<\/p>\n<p><b>GWR: Was habt ihr und die linke Bewegung vor Ort aus den Vorkommnissen zum &#8222;Ladyfast&#8220; gelernt?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Es gab unterschiedliche Reaktionen auf die Vorf\u00e4lle beim &#8222;Ladyfast&#8220;. Einige Menschen aus der linken Community glauben daran dem Problem &#8222;Anti-LGBT-Bewegung&#8220; mit juristischen Mitteln begegnen zu k\u00f6nnen. Sie glauben an die staatlichen Institutionen Polizei oder Rechtsstaat. Es gab tats\u00e4chlich auch einige Treffen mit Anw\u00e4lten, Polizei und Betroffenen. Aber bis jetzt hat sich noch nichts ge\u00e4ndert. Andere Leute aus der Szene sind jedoch anderer Meinung. Das sind z.B. wir von Needle &#8217;n&#8216; Bitch, aber auch andere AktivistInnen. Wir sind der Meinung, dass ein Selbstverteidigungssystem die einzigste ad\u00e4quate L\u00f6sung sei. Wir wollen uns nicht auf einen Dialog mit der Anti-LGBT-Bewegung einlassen. Man kann mit diesen Menschen nicht einmal \u00fcber Menschenrechte sprechen, da f\u00fchrt kein Weg hin.<\/p>\n<p>Menschenrechte w\u00fcrden gegen Gottesgebot sprechen und seien eine Erfindung aus dem Westen. Das reicht diesen Menschen aus, um gewaltt\u00e4tig zu reagieren, sobald man ihnen widerspricht. Einen Dialog lehnen wir deshalb ab. Leider sehen das nicht viele Menschen in der linken Community so. Wir jedoch denken, falls so etwas wie beim &#8222;Ladyfast&#8220; noch einmal passieren sollte, m\u00fcssen wir uns verteidigen.<\/p>\n<p><b>GWR: Repr\u00e4sentieren die Vorw\u00fcrfe gegen das &#8222;Ladyfast&#8220; die gesamtgesellschaftliche Situation f\u00fcr linke Bewegungen in Indonesien?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Leider ja. Die Nachbarn des Veranstaltungsortes zum Beispiel haben den Geschehnissen eher gleichg\u00fcltig begegnet. Denen ist es egal wie wir behandelt wurden. Linke Bewegungen werden halt verurteilt, ganz besonders die LGBT-Community. Selbst aus feministischen Kreisen wird geurteilt wir w\u00e4ren zu liberal oder radikal. Das wird selbst dem Veranstaltungskonzept des &#8222;Ladyfast&#8220;s vorgeworfen.<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde zu sehr den indonesischen Moralvorstellungen widersprechen. Die indonesische Gesellschaft ist noch immer sehr stark gepr\u00e4gt durch traditionelle und islamische Normen und Werte.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie sch\u00e4tzt ihr die derzeitige Situation von anarchistischen und sozialrevolution\u00e4ren Bewegungen in Indonesien ein?<\/b><\/p>\n<p><i>Needle &#8217;n&#8216; Bitch: <\/i>Leider ist die linke Bewegung nicht mehr so stark und aktivistisch wie sie es vielleicht in den 1970er Jahren war oder zu Beginn der reformasi (Bezeichnung der Zeit nach Beendigung der Diktatur 1998). Die Atmosph\u00e4re der sozialen Bewegungen war zu dieser Zeit noch sehr revolution\u00e4r. Viele der Student_innen zum Beispiel waren zurzeit der reformasi politisch aktiv. Sie waren sich der M\u00f6glichkeit einer gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung bewusst. Heute ist das leider anders. Viele Gruppen sind geschrumpft aufgrund von internen Konflikten oder allgemeiner Politikverdrossenheit.<\/p>\n<p>Bei anarchistischen Gruppen ist das leider auch so. Fr\u00fcher gab es oft Demonstrationen oder wir waren in gro\u00dfen Netzwerken unterwegs. Wir wollten zeigen &#8222;hey, wir sind Anarchist_innen und wir sind nicht einverstanden mit dem gesellschaftlichen System&#8220;.<\/p>\n<p>Anarchismus in Indonesien ist noch ein sehr junges Ph\u00e4nomen, aber zum Gl\u00fcck gibt es immer noch Menschen die an der Bewegung Interesse haben und sich selbst organisieren wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Was ist Needle n&#8217;Bitch und warum habt ihr diesen Namen gew\u00e4hlt? 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