{"id":15502,"date":"2016-11-01T00:00:00","date_gmt":"2016-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2016\/11\/solidaritaetsbewegungen-in-athen-ein-update\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:07","slug":"solidaritaetsbewegungen-in-athen-ein-update","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/11\/solidaritaetsbewegungen-in-athen-ein-update\/","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4tsbewegungen in Athen &#8211; Ein Update"},"content":{"rendered":"<h3>Die &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220;<\/h3>\n<p>Da ich im Laufe des letzten Jahres mit einigen Leuten der &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; per E-Mail in Kontakt geblieben bin, hatte ich bereits mitbekommen, dass die Mitgliederzahl dieses Vereins sich mehr als verdoppelt hat. F\u00fcr den Verein ist das positiv, zeigt es doch, dass sein Engagement auch von der Bev\u00f6lkerung angenommen wird. Auf der anderen Seite l\u00e4sst es aber auch erahnen, dass die Krise in Griechenland schlimmer geworden ist.<\/p>\n<p>So bin ich an meinem ersten Tag in Athen gleich am fr\u00fchen Nachmittag nach Pir\u00e4us gefahren. Kostas, der Leiter, hatte zu mir am Telefon gemeint, ich solle gleich vorbeikommen, da er demn\u00e4chst verreisen w\u00fcrde. Die R\u00e4umlichkeiten in der Evripidou 49 haben sich kaum ver\u00e4ndert, ich sehe viele bekannte Gesichter. Kostas ist wie immer sehr besch\u00e4ftigt, ein Gespr\u00e4ch ergibt sich nur ansatzweise, weil sein Englisch so schlecht sei, wie er meint. Vorne in den R\u00e4umlichkeiten findet eine Besprechung von knapp 15 Personen statt, an der ich aber nicht teilnehme, weil mein Griechisch daf\u00fcr nicht ausreicht. Diese regelm\u00e4\u00dfigen Besprechungen sind neu, zeigen aber, dass aufgrund der Gr\u00f6\u00dfe mehr Absprachen\/Organisatorisches notwendig sind.<\/p>\n<p>&#8222;Our social kitchen&#8220;, so wird das Kochen auf dem kleinen Platz vor der Evripidou 49 in dem neuen griechisch\/englischsprachigen Prospekt der &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; genannt. Es findet jetzt viermal pro Woche statt. Ich bin herzlich eingeladen, dabei wieder zu helfen, was ich an drei Tagen auch tue.<\/p>\n<p>An meinem ersten Samstag sind ein paar Leute dabei, mit denen ich mich gut auf Englisch unterhalten kann. An den beiden anderen Tagen kann von den Anwesenden aber keiner richtig Englisch. Eine gute Gelegenheit, um Griechisch zu lernen. \u00dcber die griechischen Worte der Lebensmittel kommen wir ins Gespr\u00e4ch: Pat\u00e1tes die Kartoffeln, Kar\u00f3ta die M\u00f6hren, Al\u00e1ti das Salz, Pip\u00e9ri der Pfeffer.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt dieses Jahr deutlicher auf, dass es schon so etwas wie eine Arbeitsteilung gibt. Das Her\u00fcberbringen, Auf-und-Abbauen der Kochausr\u00fcstung ist dabei eher M\u00e4nnersache, das Gem\u00fcseschneiden etc. sowie das eigentliche Kochen auf dem Platz eher Frauensache. An einem Mittag gibt es immer eine &#8222;Chefk\u00f6chin&#8220;, die von den anderen unterst\u00fctzt wird.<\/p>\n<p>Ich halte mich bewusst bei der Kochgruppe bzw. bei der jeweiligen Chefk\u00f6chin auf, helfe auch intensiv mit dem riesigen Kochl\u00f6ffel umzur\u00fchren, was durchaus anstrengend ist, auch wenn ein Sonnenschirm einen vor der prallen Sonne sch\u00fctzt. Diesmal nutze ich das Angebot, nach den Kochaktionen auch selbst einen Teller voll zu essen, zumindest wenn es vegetarisch ist: eine Gem\u00fcsesuppe mit Reis sowie Fak\u00e9s (Linsen).<\/p>\n<p>An einem Mittag ist ein Transsexueller unter den Speisenden, der es versteht, sich in Pose zu setzen. Auch hierbei f\u00e4llt mir wieder auf, wie respektvoll die Leute von der &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; auch mit anderen Menschen umgehen &#8211; das sind Zeichen der Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>An einem Freitagabend besuche ich wieder den kleinen Garten Terpsith\u00e9as, der an einer der Hauptstra\u00dfen durch Pir\u00e4us liegt. Etwas unterhalb und abseits gelegen, strahlt er eine gewisse Ruhe aus. Die &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; zeigt zusammen mit einem anderen Verein regelm\u00e4\u00dfig Filme &#8222;Open Air&#8220; und kostenlos. Der Anwalt Vassili ist nach wie vor so etwas wie der Chef dieser Veranstaltung, h\u00e4lt er doch die Begr\u00fc\u00dfungsworte. An diesem Abend wird &#8222;Der Gendarm von Saint Tropez&#8220; gezeigt (mit Louis de Fun\u00e8s, aus dem Jahr 1964). In franz\u00f6sischer Originalsprache mit griechischen Untertiteln ist das f\u00fcr mich schon eine Herausforderung.<\/p>\n<h3>Roy aus Pir\u00e4us<\/h3>\n<p>An meinem ersten Nachmittag in Pir\u00e4us habe ich per Handy auch Roy erreicht. Er hat viele Jahre in Deutschland gelebt und spricht gut Deutsch. Wir hatten uns im letzten Sommer kennengelernt, dabei nur einmal relativ kurz getroffen. Von ihm stammt die Idee, dass die &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; gut eine mobile K\u00fcche bzw. Gulaschkanone gebrauchen k\u00f6nnte, um damit Bed\u00fcrftige auch in anderen Gegenden von Pir\u00e4us zu erreichen. Ich hatte deshalb versucht, in Deutschland eine Spendenaktion zu organisieren, um das Geld f\u00fcr den Kauf einer solchen Feldk\u00fcche zu bekommen. Da das f\u00fcr mich Neuland ist, ist es mir gerade erst gelungen, diese Spendenaktion auf die Beine zu stellen ((1)).<\/p>\n<p>Im Rahmen dieser \u00dcberlegungen habe ich diverse E-Mails mit Roy ausgetauscht. In einer E-Mail schrieb er mir, dass er bei meinem n\u00e4chsten Aufenthalt in Pir\u00e4us f\u00fcr mich asiatisch kochen w\u00fcrde. Jetzt war ich doch etwas \u00fcberrascht, dass er mich spontan einl\u00e4dt. Ich erz\u00e4hle ihm das auch sp\u00e4ter, meine zu ihm, dass ich ansonsten auch etwas mitgebracht h\u00e4tte, eine Flasche Wein oder \u00c4hnliches. Wir haben uns dann direkt bei der &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; getroffen und sind zum Essen zu ihm nach Hause mit dem Bus gefahren.<\/p>\n<p>Roy ist von Beruf her gelernter Gastronom. Er versucht, hier den Menschen zu helfen, indem er internationale Kochkunst vermittelt. Deswegen hat er sich bei der &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; auch als Koch angeboten. Das ist ihm wichtig, denn dieses Land ben\u00f6tigt Hilfe. Bei vielen Griechen sieht er dagegen wegen der Krise eine gewisse Ohnmacht. Mittlerweile arbeitet er in einem Call Center. F\u00fcr diesen Vollzeitjob bekommt er gerade mal 800 bis 1000 Euro netto. Das sei in Griechenland schon recht okay (diese Aussage wird mir von mehreren Griechen best\u00e4tigt, liegt der Durchschnittsverdienst der Griechen doch noch niedriger).<\/p>\n<p>In seiner bescheiden eingerichteten Wohnung lerne ich auch Sofia kennen, seine Frau, eine Griechin. Sie haben sich 1971 in einem griechischen Restaurant in Stuttgart kennengelernt, dann in Bruchsal gelebt, aber nach drei Jahren sind sie nach Griechenland gezogen. Auch sie tut sich mit einem Job schwer, arbeitet in der Altenpflege.<\/p>\n<p>Roy und ich unterhalten uns auf Deutsch. Ab und zu \u00fcbersetzt Roy seiner Frau, wobei die beiden sich auf Niederl\u00e4ndisch unterhalten, gespickt mit griechischen W\u00f6rtern.<\/p>\n<p>Roy geht auch auf meine geplante Spendenaktion ein. Sein Tipp: Direkt beim Finanzamt nachfragen. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass die &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; ein gemeinn\u00fctziger Verein ist.<\/p>\n<p>Roy hat auch weitergehende Ideen, wie mit der Krise umzugehen sei. Zum Beispiel mit \u00e4lteren, f\u00e4higen Leuten Reparaturen auf Spendenbasis anzubieten. Das entspricht dem Konzept des Repair Caf\u00e9s, und so etwas gibt es in Pir\u00e4us wohl noch nicht. Oder aber Autowerkst\u00e4tten, wo Leute unter fachlicher Anleitung mit entsprechendem Werkzeug ihre Fahrzeuge selbst reparieren k\u00f6nnen. F\u00fcr beides k\u00f6nnte man die alten Meister, die keinen Job mehr bekommen, quasi als Fachkr\u00e4fte und Lehrer einsetzen.<\/p>\n<h3>Heleni aus Pir\u00e4us<\/h3>\n<p>Eine der Frauen, die ich letztes Jahr bei jeder der mitt\u00e4glichen Kochaktionen getroffen hatte, habe ich nun bei der &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; vermisst. Heleni kann gut genug Englisch, um sich halbwegs mit ihr unterhalten zu k\u00f6nnen. Wir hatten uns ein wenig angefreundet. Einmal waren wir abends zusammen mit einem Bekannten zum Essen in einer Rembetiko-Taverne am Fischmarkt gewesen, in der N\u00e4he des Hafens von Pir\u00e4us.<\/p>\n<p>Ein andermal hatte sie mich sogar zu sich nach Hause eingeladen und gro\u00df gekocht: frittierte Sardellen, Fischkroketten, gebratene Auberginenscheiben etc. Wir hatten den Abend zu dritt auf ihrem winzigen Balkon im ersten Stock verbracht. So hatte ich auch ihren Sohn kennengelernt.<\/p>\n<p>Ich erfahre bei der &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220;, dass Heleni wieder einen Job gefunden hat, und deshalb nicht mehr kommt. Nachdem ich sie anrufe, l\u00e4dt sie mich ein, und so besuche ich sie eines Mittags. Wir sitzen in ihrer kleinen, fensterlosen K\u00fcche und trinken Nescaf\u00e9. Ihr Sohn, der letztes Jahr seine Schule geschmissen hatte, macht jetzt, mit 23 Jahren, seine Schule weiter. Nachmittags und abends, weswegen er jetzt noch im Bett liegt.<\/p>\n<p>Die \u00f6konomische Situation f\u00fcr sie ist katastrophal, sie meint, sie hat &#8222;economic stress&#8220;. Ihr soll in den n\u00e4chsten Tagen der Strom abgeschaltet werden, da sie einen R\u00fcckstand von 500 Euro hat. Wasser sei nicht so kritisch, da man erst nachher bezahlen m\u00fcsste. Warmwasserboiler und Waschmaschine sind bei ihr kaputt, aber sie hat kein Geld, diese Ger\u00e4tschaften zu ersetzen. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlt mir jemand, dass viele Leute weit h\u00f6here R\u00fcckst\u00e4nde haben.<\/p>\n<p>Was vor drei, vier Jahren noch undenkbar gewesen ist, dass im Freundeskreis st\u00e4ndig irgendjemand Strom, Telefon oder Internet abgeschaltet bekommen hat, wegen der R\u00fcckst\u00e4nde, ist heute \u00fcblich.<\/p>\n<p>Zu der &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; hat Heleni keinen Kontakt mehr, da sie mit ein paar der Leute Probleme gehabt hat. Au\u00dferdem bietet die &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; ihr Spaghetti und Schokolade an, aber sie braucht Geld. Ich meine zu ihr, dass Solidarit\u00e4t aber auch eine wichtige Sache sei. Sie hat fr\u00fcher als Rembetiko-S\u00e4ngerin in einer sogenannten Bouzo\u00fakia gearbeitet. Aber das geht nicht mehr, da die Leute hier kein Geld mehr f\u00fcr teure Bouzo\u00fakia-Besuche haben. Sie hat zwischenzeitlich als Altenpflegerin gearbeitet, aber immer nur vor\u00fcbergehend. Auch gerade w\u00e4hrend meines Besuchs bekommt sie einen Anruf. Sie soll heute Nachmittag eine 88-j\u00e4hrige Frau pflegen. Sie ist in Kontakt mit einer Vermittlung, um dauerhaft einen Job zu bekommen, aber das ist schwierig. Ich bin nach meinem Besuch von der Mittellosigkeit von Heleni tief ber\u00fchrt.<\/p>\n<h3>Soziale Kliniken und Alexandra<\/h3>\n<p>Ich war letzten Sommer auch mit der Idee zur\u00fcckgekehrt, hier in Deutschland eine Medikamentensammlung f\u00fcr die soziale Klinik in Athen K.I.F.A. zu organisieren. Von Alexandra Pavlou hatte ich daf\u00fcr eine Liste mit 18 ben\u00f6tigten Medikamenten bzw. Wirkstoffen erhalten. Die Idee ist einfach: Nicht mehr ben\u00f6tigte Medikamente \u00fcber Apotheken einzusammeln und nach Athen zu versenden. Dieses regelm\u00e4\u00dfige Einsammeln ist eine \u00fcbliche Vorgehensweise, die in Griechenland von den MitarbeiterInnen der sozialen Kliniken praktiziert wird. Wobei offiziell Medikamente aus privaten Haushalten in der EU nicht wieder in Verkehr gebracht werden d\u00fcrfen. In Griechenland h\u00e4lt sich daran nur niemand. In Deutschland ist es sogar problematisch, Medikamente von gerade Verstorbenen anderweitig zu verwenden. Heutzutage ist es Konsens in Deutschland, dass keiner mehr Medikamente sammelt, sondern eher Geld \u00fcber Spenden einsammelt, um daf\u00fcr vor Ort Medikamente einkaufen zu k\u00f6nnen. In einer Apotheke sagte man mir, dass es ihnen nur erlaubt sei, Medikamente anzunehmen, um sie der Entsorgung zuzuf\u00fchren. In einer anderen Apotheke hie\u00df es, dass verschreibungspflichtige Medikamente nicht einfach an Privatpersonen abgegeben werden d\u00fcrfen. Es gibt entsprechende Organisationen, die befugt sind, und die sammeln auch Medikamente \u00fcber Apotheken ein.<\/p>\n<p>Eine weitere Idee war gewesen, die Hersteller der Medikamente direkt anzusprechen bez\u00fcglich Medikamentenspenden. Das Problem dabei: Die Pharmakonzerne m\u00f6chten dann auch mit solcherart Mildt\u00e4tigkeit Werbung machen. Viele soziale Kliniken lehnen so etwas strikt ab. Meine Erfahrungen mit einer Medikamentensammlung in Deutschland sind also ern\u00fcchternd gewesen.<\/p>\n<p>An einem sp\u00e4ten Nachmittag habe ich mich mit Alexandra in einem Kafen\u00edon in Ex\u00e1rchia getroffen. Die Leute f\u00fchlen sich von Syriza verraten. Bevor es aber wieder richtige Proteste geben werde, wird es Jahre dauern, eine entsprechende Partei oder Organisation aufzubauen. F\u00fcr sie grenzt es an ein Wunder, dass die neofaschistische &#8222;Goldene Morgenr\u00f6te&#8220; nicht \u00fcber 7% kommt. Sie bef\u00fcrchtet, dass demn\u00e4chst zus\u00e4tzlich zu den Neonazis auch eine gem\u00e4\u00dfigtere rechte Partei auftauchen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Lage der Griechen ist schlechter geworden, das aber sieht man nicht von au\u00dfen. Wobei die St\u00e4dter sowieso schon am empfindlichsten sind bez\u00fcglich der Krise. Die Bereitschaft, Gefl\u00fcchteten zu helfen, ist bei vielen zur\u00fcckgegangen, da die meisten Griechen mit ihrem eigenen \u00dcberleben vollauf besch\u00e4ftigt sind.<\/p>\n<p>Alexandra best\u00e4tigt mir, dass es wieder vermehrt Stromabschaltungen gibt, sogar Zwangsversteigerungen und -r\u00e4umungen, beides erm\u00f6glicht durch die Syriza-Regierung. Es sei auch vorgekommen, dass Leuten der Strom im August abgestellt worden sei, was besonders fies ist, da zu dieser Zeit die meisten Griechen zu ihren D\u00f6rfern fahren, wo das Elternhaus ist, und der K\u00fchlschrank-Inhalt daheim dann verkommt.<\/p>\n<p>Die K.I.F.A. hat sich kaum ver\u00e4ndert, au\u00dfer, dass manche Leute weg und neue gekommen sind. Alexandra ist seit Juli auch nicht mehr dort; sie will sich mehr der politischen Arbeit widmen.<\/p>\n<p>Ich hatte geh\u00f6rt, dass mittlerweile Griechen auch ohne Krankenversicherung in dringenden F\u00e4llen ins Krankenhaus gehen und dort kostenlos behandelt werden k\u00f6nnen. Alexandra erwiderte mir darauf: &#8222;Man konnte schon immer als Nichtversicherter ins Krankenhaus, wenn es dringend war, aber kostenlos ist es jetzt auch nicht immer. Es h\u00e4ngt von vielen Sachen ab. Theoretisch k\u00f6nnen sich jetzt alle Nichtversicherten, die unter einem bestimmten Einkommen im Jahr verf\u00fcgen, kostenlos behandeln lassen. Aber nur theoretisch. Zum Beispiel, wenn jemand 3000 Euro im Jahr verdient und eine Eigentumswohnung hat, dann sagt der Staat, sein Einkommen ist nicht 3000, sondern 8000 Euro. Somit ist er von der kostenlosen Behandlung ausgeschlossen. Aber das gr\u00f6\u00dfte Problem und die gr\u00f6\u00dfte Heuchelei sind, dass es kein Geld und keine Mittel f\u00fcr die Behandlung der Nichtversicherten gibt, nicht einmal so recht f\u00fcr die Versicherten. Also bleibt die kostenlose Behandlung in vielen F\u00e4llen nur Propaganda.&#8220;<\/p>\n<p>Alexandra hatte mich bereits im Juni auf den Dokumentarfilm &#8222;Strukturanpassung&#8220; hingewiesen, der von Wolfgang Reinke, einem Freund von ihr, im letzten Jahr gedreht worden ist.<\/p>\n<p>Es ist eine Geschichte &#8222;\u00fcber die Kraft von Solidarit\u00e4t in Zeiten von Krise und humanit\u00e4ren Katastrophen&#8220;. Dabei wurden \u00fcber einen Zeitraum von 14 Monaten drei Menschen aus dem Kollektiv einer sozialen Klinik in Pir\u00e4us in ihrem Alltag beobachtet. Die Geldmittel zur Fertigstellung dieses Films (also Schnitt, \u00dcbersetzung und Untertitelung) wurden dabei mittels Crowdfunding eingeworben ((2)). Ich hatte f\u00fcr dieses Projekt geworben und auch selbst gespendet. Das Crowdfunding-Ziel wurde erreicht, so dass der Film voraussichtlich Ende 2016 fertiggestellt werden kann. Alexandra erz\u00e4hlt mir, dass Wolfgang Reinke zwischenzeitlich noch einmal hier gewesen sei, um aktuelle Szenen f\u00fcr den Film zu drehen. Sie hat ihn dabei wieder als Dolmetscherin unterst\u00fctzt. Der Film wird zun\u00e4chst auf einem Filmfestival gezeigt, bevor er hoffentlich auch in Deutschland an vielen Orten gesehen werden kann.<\/p>\n<h3>Wohnen in Athen<\/h3>\n<p>&#8222;Der Stadtteil Kypseli, wo ich wohne, war bis in die achtziger Jahre hinein das Wohnviertel des Athener Mittelstands. Inzwischen ist er zu einem Migrantenviertel geworden, das \u00fcberwiegend von Afrikanern bewohnt wird.&#8220; (aus: Petros Markaris, Finstere Zeiten &#8211; Zur Krise in Griechenland, Diogenes Verlag, Z\u00fcrich 2013, S. 151)<\/p>\n<p>Ich sch\u00e4tze Petros Markaris als Autor, habe ihn auch schon bei Lesungen hier in Deutschland geh\u00f6rt. Aber die Aussage dieser zwei S\u00e4tze kann ich \u00fcberhaupt nicht nachvollziehen, weder im Sommer 2015, wo ich f\u00fcr vier Wochen in Kyps\u00e9li gelebt habe, noch in diesem Sommer.<\/p>\n<p>Ich habe sogar den Eindruck, dass der Ausl\u00e4nderanteil in Kyps\u00e9li geringer ist als im Rest von Athen, dass auf der Flaniermeile Foki\u00f3nos N\u00e9gri, dem Herzst\u00fcck von Kyps\u00e9li mit ihrer l\u00e4nglichen Gr\u00fcnanlage, die Griechen mehr oder weniger &#8222;unter sich&#8220; sind.<\/p>\n<h3>Die Realit\u00e4t sieht anders aus<\/h3>\n<p>Zwei Frauen haben mir unabh\u00e4ngig voneinander erz\u00e4hlt, dass sie mittels Airbnb einzelne Zimmer anbieten, damit zus\u00e4tzlich etwas Geld verdienen, um besser \u00fcber die Runden zu kommen.<\/p>\n<p>Im Moment werden Wohnungen in der Foki\u00f3nos N\u00e9gri preiswert an Leute aus aller Welt verkauft. Fr\u00fcher war dies eine begehrte Lage gewesen und schwierig, \u00fcberhaupt eine Wohnung zum Kauf angeboten zu bekommen. Eine Gefahr sind also weniger die sogenannten Ausl\u00e4nder, sondern diese schleichende Gentrifizierung.<\/p>\n<p>Wenn man sich mit Menschen in Griechenland unterh\u00e4lt, so kann es durchaus passieren, dass man auch fremdenfeindliche \u00c4u\u00dferungen zu h\u00f6ren bekommt. Wie z.B.: dass Muslime alle Fremdgehen und ihre Frauen unterdr\u00fccken. Dass Fl\u00fcchtlinge Griechinnen vergewaltigen w\u00fcrden. Dass die Schlepper das eigentliche Problem seien. Dass Fl\u00fcchtlinge deshalb von Polizisten wie Vieh gescheucht werden, weil sie sich unversch\u00e4mt benehmen w\u00fcrden. Also die ganze Bandbreite oberfl\u00e4chlicher Pauschalisierungen, wie man sie leider in \u00e4hnlicher Form auch in Deutschland zu h\u00f6ren bekommt.<\/p>\n<h3>Fl\u00fcchtlingslager Ellinik\u00f3<\/h3>\n<p>Bei einem meiner abendlichen Spazierg\u00e4nge durch Athen (das von K\u00fcnstlerInnen besetzte Embros ist im Sommermonat September geschlossen und im alternativen Zentrum Nosotros ist nach wie vor wenig los) gelange ich zur Plat\u00eda Exarch\u00edon. Ich setze mich mit einer Flasche Bier auf eine niedrige Mauer auf dem bev\u00f6lkerten Platz. Ich komme mit zwei jungen Afghanen ins Gespr\u00e4ch. Der eine kann sehr gut Englisch, ist seit April hier in Athen, und hat bereits einen Job. Er macht mich auch auf einen Mann aufmerksam, der hier herumgeht und die leeren Pfandflaschen einsammelt, um sie am Kiosk abzugeben.<\/p>\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter fahre ich mit der Tram zu den s\u00fcdlichen Stadtteilen von Athen, die direkt am Meer liegen. Hier liegt auch Ellinik\u00f3, der ehemalige Flughafen von Athen. Gleich am Eingang liegt die Abflughalle, die jetzt von Gefl\u00fcchteten bewohnt wird. Vor dem Geb\u00e4ude steht das Zelt der griechischen Fl\u00fcchtlingsorganisation &#8222;Danish Refugee Council&#8220; (DRC). Es stehen diverse Gem\u00fcsekisten herum, hier wird auch f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten gekocht. Ich unterhalte mich mit einer jungen Frau. Das Lager hier sei offen, ich k\u00f6nne ruhig hinein gehen und nach weiteren Details fragen. Ich gehe also hinein. Drinnen spricht mich der junge Afghane von der Plat\u00eda Exarch\u00edon an; ich h\u00e4tte ihn nicht wiedererkannt. Er hilft hier bei einer NGO (als &#8222;ehemaliger&#8220; Fl\u00fcchtling), nimmt sich aber die Zeit, mir Details zu erz\u00e4hlen. Im 1. Stock \u00fcbernachten Gefl\u00fcchtete, deswegen gibt es dort keinen freien Zutritt. Nebenan ist noch eine Halle belegt, dann weiter hinten auch die Ankunftshalle, sowie ein Hockey- und ein Baseballstadion. Insgesamt leben hier 3000 Gefl\u00fcchtete. \u00d6stlich der Abflughalle ist ein gro\u00dfes Geb\u00e4ude, das &#8222;Warehouse&#8220;, wo es alles gibt. Der Afghane bringt mich in Kontakt mit der Lageraufsicht, einem UNHCR-Mann, der gerade mit zwei Frauen vorbeikommt. Um hier als Volunteer zu arbeiten, m\u00fcsste ich mich einer NGO anschlie\u00dfen, hier vor Ort sind es aktuell zwei: Balloonartpeople und Emphasis. Sodann m\u00fcsste ich mich beim Ministerium f\u00fcr Migration registrieren lassen, \u00fcber deren Website unter der Rubrik Volunteers. Wer kurzfristig mithelfen will: Vorne im kleinen Geb\u00e4ude nahe der Hauptstra\u00dfe hat eine Organisation die Kinderbetreuung \u00fcbernommen. Ich gehe um die trostlos wirkenden Geb\u00e4ude herum, Richtung Rollfeld, sto\u00dfe aber bald auf eine Absperrung. Ein Pf\u00f6rtnerh\u00e4uschen mit wenigen Personen, nur einem Polizisten besetzt. Es gibt keinen Zutritt zu den hinteren Geb\u00e4uden.<\/p>\n<p>In Ellinik\u00f3 ist auch eine Soziale Klinik, die gr\u00f6\u00dfte ihrer Art im Gro\u00dfraum Attika. Es gibt sie immer noch, sie ist aber nicht genau dort, wo die Gefl\u00fcchteten sind. Deswegen habe ich sie auch nicht gefunden. Wie lange die Soziale Klinik und die Gefl\u00fcchteten hier noch untergebracht werden, ist ungewiss, denn Ellinik\u00f3 wurde gerade &#8222;f\u00fcr ein St\u00fcck Brot&#8220; privatisiert.<\/p>\n<h3>D\u00edktyo<\/h3>\n<p>Ich gehe ab und zu bei D\u00edktyo in der Tsamado\u00fa 13 vorbei, dem Netzwerk f\u00fcr die Rechte der Gefl\u00fcchteten und MigrantInnen. Es ist wenig los, die Leute, mit denen ich mich letztes Jahr unterhalten hatte, treffe ich nicht an. Ich unterhalte mich mit einem Mann, den ich vom Sehen her kenne. Er erz\u00e4hlt mir, dass Achilles im Moment in der N\u00e4he von Thessalon\u00edki sei. Viele von D\u00edktyo seien im Fl\u00fcchtlingshotel in der Acharn\u00f3n 78, ich k\u00f6nnte ja mal vorbeigehen. Sie wollen auch eine Schule f\u00fcr Gefl\u00fcchtete aufmachen, in der auch Englisch und Deutsch angeboten werden soll. Er sei ersch\u00f6pft von der vielen Arbeit. Auf die NGOs ist er nicht gut zu sprechen: Sie w\u00fcrden Geld f\u00fcr ihre Fl\u00fcchtlingsarbeit bekommen, aber nichts tun.<\/p>\n<h3>&#8222;Das beste Hotel Europas&#8220; &#8211; ein Squat<\/h3>\n<p>An meinem Abreisetag gehe ich zur Acharn\u00f3n 78. Es ist keine f\u00fcnf Minuten entfernt von der Plat\u00eda Viktor\u00edas, wo letzten Sommer noch viele Gefl\u00fcchtete gelagert hatten. Das etwas heruntergekommen wirkende Hotel City Plaza, das vormals leer stand, ist im April besetzt worden. Es wird auch als Squat ((3)) bezeichnet bzw. pr\u00e4sentiert sich selbst als &#8222;No pool, no minibar, no room service, and nonetheless: The Best Hotel in Europe&#8220; ((4)). Unten im Eingang sitzen zwei M\u00e4nner am Tisch, die wohl aufpassen, dass kein Unbefugter ins Hotel kommt. Einer von ihnen ist der Afghane Nasim, der seit 16 Jahren in Athen lebt. Mit ihm hatte ich mich letzten Sommer unterhalten, und er erkennt mich sofort wieder. 400 Fl\u00fcchtlinge sind hier untergebracht, etwa 50 Freiwillige helfen dabei, aus unterschiedlichen Gruppierungen, auch die Leute von D\u00edktyo sind dabei. Es gibt viele Fl\u00fcchtlinge in Athen, die in verschiedenen Camps \u00fcberall in der Stadt untergebracht sind. Ich darf ins Hotel hochgehen, auch vorsichtig Fotos machen. Im 1. Stock ist der Aufenthaltsbereich, zahlreiche Kinder spielen. Alles wirkt nicht so fein aufger\u00e4umt wie in einem &#8222;richtigen&#8220; Hotel. In den oberen Stockwerken sind die Hotelzimmer, geschlossene T\u00fcren, also wenig zu sehen.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Die Situation der Menschen in Griechenland hat sich weiter verschlechtert. Die vielen Gefl\u00fcchteten werden stellenweise von einigen Griechen auch als eine Belastung wahrgenommen. Obwohl sie im Stadtgebiet nicht mehr als geballte Ansammlungen auftreten, wie im letzten Sommer. F\u00fcr mich war es daher beinahe \u00fcberraschend, wie friedlich es in Athen und Pir\u00e4us zugeht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &#8222;Solidarit\u00e4t von Pir\u00e4us&#8220; Da ich im Laufe des letzten Jahres mit einigen Leuten der &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; per E-Mail in Kontakt geblieben bin, hatte ich bereits mitbekommen, dass die Mitgliederzahl dieses Vereins sich mehr als verdoppelt hat. F\u00fcr den Verein ist das positiv, zeigt es doch, dass sein Engagement auch von der Bev\u00f6lkerung angenommen wird. 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