{"id":1569,"date":"1997-12-01T00:00:51","date_gmt":"1997-11-30T22:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1569"},"modified":"2012-04-30T17:48:44","modified_gmt":"2012-04-30T15:48:44","slug":"pi-pa-postmoderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/12\/pi-pa-postmoderne\/","title":{"rendered":"Pi Pa Postmoderne"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Alles was Dionysos in seiner kraftvollen Art anpackt, wirft das vern\u00fcnftige Kalkulieren \u00fcber den Haufen &#8211; man k\u00f6nnte auch sagen, lockert die enge Umklammerung der Herrschaftsstruktur&#8220;<br \/>\n<cite><strong>Michel Maffesoli, Der Schatten des Dionysos<\/strong><\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>Andy Warhol hat einmal einen Satz gesagt, den Steven Shaviro f\u00fcr die beste Definition der angekommenen Postmoderne h\u00e4lt: &#8222;Wenn man Gef\u00fchle einmal von einer anderen Warte aus gesehen hat, kann man sie nie wieder als echt empfinden&#8220;(S.54), Wahrheit und F\u00e4lschung sind ein und dasselbe, Authentizit\u00e4t ist ein zur Hoffnungslosigkeit verdammtes Unterfangen, weil alles \u00c4hnlichkeit ist, das Simulakrum regiert. Nur, Warhol irrt. Denn wer auch nur zweimal in einigerma\u00dfen gef\u00fchlsbewu\u00dften Liebesbeziehungen gelebt hat, die oder der wei\u00df: man kann! Mit anderen Worten: Das Reflexiv-Werden sch\u00fctzt vor Redundanz nicht.<\/p>\n<p>Was ist sie also dann, die Postmoderne? Woran erkennen wir, das sie da ist? Zum Beispiel an B\u00fcchern wie diesem. Reflexionen \u00fcber einen Comic (<cite>Doom Patrols<\/cite>) f\u00fchren durch alle Essays, erkl\u00e4ren das Ende der Metaphysik und ihrer dualistischen Sackgassen, bebildern die marktwirtschaftliche Bildersucht, stechen in die Auf- und Anf\u00e4lligkeit der menschlichen K\u00f6rper, ohne die die aufkl\u00e4rerische Vernunft nicht einmal ein Exkrement wert w\u00e4re. Shaviros &#8222;Streifz\u00fcge durch die Postmoderne&#8220; hetzen das Lesende durch einen tiefsinnigen Wust von Zitaten, Theorien und Namen, preisen William S. Burroughs und gender studies (&#8222;Krieg ist Menstruationsneid&#8220; (S.73)!!!), um dann wieder von Einschaltquoten, Kunst und dem Ende der Entfremdung zu berichten. Jaja, wild ist sie, unsere Postmoderne und ungest\u00fcm, weil unheimlich schnell. Und so liest sich auch das Buch: &#8222;Das Medium ist die Botschaft&#8220; (McLuhan). Vielleicht ist dieses Buch eine M\u00f6glichkeit, ein <cite>Gef\u00fchl<\/cite> f\u00fcr das zu bekommen, was die akademischen Debatten der letzten Jahre nur vor dem Hirn ablieferten (und damit der Alleinherrschaft der Vernunft \u00fcberlie\u00dfen).<\/p>\n<p>Da\u00df Shaviro teils machom\u00e4\u00dfige Sprachgewalt f\u00fcr klar feministische, sogar explizit anti-maskulinistische Inhalte benutzt, ist eine Form der Dekonstruktion. So, wie die Selbstportraits der K\u00fcnstlerin Cindy Sherman Angriffe auf M\u00e4nnlichkeiten sind, weil nicht blo\u00df weibliche Rollen und Typen \u00fcbernommen, sondern Identit\u00e4ten verk\u00f6rpert und K\u00f6rper zerst\u00fcckelt werden. Das hatte \u00fcbrigens auch schon der Philosoph Wolfgang Welsch bemerkt, ansonsten aber strotzt Shaviros Aufsatzsammlung nur so von Zusammenh\u00e4ngen, die in Deutschland die allerwenigsten so sehen w\u00fcrden oder k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Allerdings ist der Irrtum Warhol\u2019s sozusagen der rote Streifen, der sich durch alle Z\u00fcge der Postmoderne zieht, in jedem Abteil andere Formen, Farben, Ausma\u00dfe annimmt, Identit\u00e4t verliert wie F\u00e4den und zum Schlu\u00df doch das ganze Ding zusammenh\u00e4lt. Der Knoten an der Biegung des Zeitalters lautet: Die Postmoderne ist eine gro\u00dfe Party. Und wie bei jeder Party macht man oder frau sich eben auch nicht allzu viele Gedanken \u00fcber die, die <cite>nicht<\/cite> da sind.<\/p>\n<p>Denn Postmoderne hei\u00dft auch, obwohl wir den Ereignissen nie gewachsen sind, m\u00fcssen wir die Dinge exakt so nehmen, wie wir sie vorfinden. Es gibt nichts zu deuten, Wesen <cite>ist<\/cite> Erscheinung. Wenn alles eine gro\u00dfe Performance ist und es trotzdem noch Leid gibt, stellt sich aber doch die Frage, was tun mit dem Vorgefundenen? Vielleicht ist Shaviro dann doch zu sehr Ami, um \u00fcber Beteiligung nachzudenken und sich des Politischen zu widmen. Bei all dem Gerede \u00fcber die allt\u00e4gliche Selbsterfindung nicht \u00fcber moralische Implikationen und die Anf\u00e4nge politischen Handelns als Verantwortung (z.B. denen gegen\u00fcber, die nicht zur Party kommen durften) nachzudenken, d\u00fcrfte eindeutig als Mangel bezeichnet werden k\u00f6nnen. Andererseits, es gibt ja auch noch Diederichsen (&#8222;Politische Korrekturen&#8220;) oder Bauman (&#8222;Postmoderne Ethik&#8220;), die da Antworten suchen, wo Shaviro vorbeischlittert. Und wer k\u00f6nnte heutzutage noch auf Vollst\u00e4ndigkeit pochen? Ich jedenfalls nicht.<\/p>\n<p>Das wirklich Nervige an der ganze Euphorie um die ver\u00e4nderten gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und ihre M\u00f6glichkeiten ist doch, da\u00df etwas Entscheidendes immer wieder vergessen wird:<\/p>\n<p>Was ist denn, wenn dem Datendandy die Sozialhilfe gestrichen wird? Was, wenn die Tempor\u00e4re Autonome Zone nur noch bis zum Abschiebungstermin dauern darf? Und wenn mit der Buchpreisbindung die Konkurrenzf\u00e4higkeit von Comic- und anderen Kleinstverlagen aufgehoben wird, und wir gar nicht erst in den Genu\u00df vom <cite>Doom Patrols<\/cite> kommen? Dann, ja dann bewahrheitet sich wieder, was aus Marginalisiertenkehlen schon vor Jahren ganz richtig ins Zentrum t\u00f6nte: &#8222;You gotta fight for your right to PAAAAARDY&#8220; (Beastie Boys). Ein klasse Buch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Alles was Dionysos in seiner kraftvollen Art anpackt, wirft das vern\u00fcnftige Kalkulieren \u00fcber den Haufen &#8211; man k\u00f6nnte auch sagen, lockert die enge Umklammerung der Herrschaftsstruktur&#8220; Michel Maffesoli, Der Schatten des Dionysos Andy Warhol hat einmal einen Satz gesagt, den Steven Shaviro f\u00fcr die beste Definition der angekommenen Postmoderne h\u00e4lt: &#8222;Wenn man Gef\u00fchle einmal von &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/12\/pi-pa-postmoderne\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Pi Pa Postmoderne - graswurzelrevolution","description":"\"Alles was Dionysos in seiner kraftvollen Art anpackt, wirft das vern\u00fcnftige Kalkulieren \u00fcber den Haufen - man k\u00f6nnte auch sagen, lockert die enge Umklammerung"},"footnotes":""},"categories":[107,44],"tags":[],"class_list":["post-1569","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-224-dezember-1997","category-bucher"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1569","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1569"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1569\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1569"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1569"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1569"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}