{"id":1586,"date":"1998-01-01T00:00:35","date_gmt":"1997-12-31T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1586"},"modified":"2022-07-26T14:17:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:05","slug":"postmoderne-und-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/01\/postmoderne-und-moral\/","title":{"rendered":"Postmoderne und Moral"},"content":{"rendered":"<p>In &#8222;Postmoderne Ethik&#8220; bem\u00fchte sich Bauman um die Darstellung von Moral in der Postmoderne, und erl\u00e4uterte, wie und warum die Postmoderne zugleich Fluch und Chance der moralischen Person sei. In &#8222;Flaneure, Spieler und Touristen&#8220; (1997) baut er darauf auf und untersucht Formen postmoderner Lebensstrategien. Sein Ausgangspunkt daf\u00fcr ist die These, da\u00df die gro\u00dfen Moralprobleme unserer Zeit &#8211; die Zeit, in der die universellen Wahrheiten sich als r\u00e4umlich und zeitlich begrenzte Erz\u00e4hlungen erwiesen haben &#8211; auf die &#8222;Bruchst\u00fcckhaftigkeit des gesellschaftlichen Kontextes und die Episodenhaftigkeit der Lebensinteressen zur\u00fcckzuf\u00fchren (seien)&#8220; (S. 21).<\/p>\n<p>Wie schon die Fragestellung in &#8222;Postmoderne Ethik&#8220; geht auch diese auf Baumans Forschungen zum Holocaust zur\u00fcck. Hier hatte er gezeigt und der g\u00e4ngigen Lehrmeinung der Sozialwissenschaften entgegengestellt, da\u00df Moral nicht die Folge gesellschaftlicher Pr\u00e4gung ist. Stattdessen behauptete Bauman, die Zivilisation habe moralisches Verhalten eher zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, marginalisiert und verhindert, moralisches Verhalten gehe allein von der oder dem einzelnen aus. Das autonome Individuum m\u00fcsse den &#8222;moralischen Impuls&#8220; eher gegen die barbarischen und Allgemeing\u00fcltigkeit beanspruchenden Prinzipien der Moderne behaupten. F\u00fcr ein Leben in der Postmoderne gelte es, allerlei Enteignungen der Moral zu widerstehen und sich den &#8222;moralischen Impuls&#8220; wiederanzueignen. Was diese Aneignung verhindert oder auf welcher Grundlage sie m\u00f6glich w\u00e4re, damit besch\u00e4ftigt sich Bauman in seinem neuen Werk.<\/p>\n<p>Die Frage steht also im Vordergrund, &#8222;welche Aspekte der Lebensformen es redundant oder unm\u00f6glich machen, die \u2018Politik der Prinzipien\u2019 zu betreiben&#8220; (S. 20). Weniger gesellschaftliche Strukturen, als vielmehr die individuellen Lebenspolitiken seien die Kontexte, innerhalb derer heute moralische Einstellungen entwickelt w\u00fcrden. Bauman stellt dann vier typisierte, postmoderne Lebensstrategien vor. Weil die Postmoderne immer am besten als Weiterf\u00fchrung der Moderne und deren \u00dcberwindung gleicherma\u00dfen beschrieben ist, sind auch diese postmoderne Lebensstrategien Nachfolger einer modernen Form, die Bauman &#8222;Pilger&#8220; nennt. Das moderne Leben als Pilgerreise ist die Metapher, die das zielgerichtete Unterwegssein beschreibt. Der Pilger ist der Utopist, der das Wahre und das Gute immer an anderem Orte vermutet: &#8222;Die Entfernung zwischen der wahren Welt und dieser Welt hier und jetzt besteht aus dem Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen dem, was erreicht werden soll, und dem, was erreicht worden ist&#8220;. Der Pilger zieht aus der Stadt, die ihn nur auf &#8211; und von seinem Ziel fernh\u00e4lt, um in der W\u00fcste nicht mehr ortsgebunden zu sein. Die W\u00fcste als &#8222;Archetyp und Treibhaus der rohen, blo\u00dfen, urspr\u00fcnglichen und uranf\u00e4nglichen Freiheit, die nichts als das Fehlen von Grenzen darstellt&#8220; (S. 138) wird zum Ort der unabh\u00e4ngigen Selbstsch\u00f6pfung. Auch diese Symbole sind Realit\u00e4ten, und so wurde aus dem, was die christlichen Eremiten noch &#8222;wirklich&#8220; taten, im Zusammenhang mit protestantischer Ethik und Industrialisierung eine innerweltliche Angelegenheit. Statt in die W\u00fcste zu gehen, arbeiteten die ProtestantInnen daran, die W\u00fcste zu sich kommen zu lassen. Sie begannen, die Welt, die sie direkt umgab, nach dem Vorbild der \u00e4u\u00dferlichen Wertlosigkeit der W\u00fcste zu gestalten. Alle Wege sind von den Bestimmungen des Pilgers markiert, begehbar und sicher &#8211; es sind allerdings auch die einzigen Wege. Die Pilgerreise ist nun nicht mehr die Folge freier Entscheidung, sondern notgedrungene Tat. W\u00e4hrend einerseits das Leben als Pilgerreise verbracht werden <cite>mu\u00df<\/cite>, um nicht in einer W\u00fcste verloren zu gehen, bietet die Zwangslage auch Vorteile: &#8222;Das Ziel, der gesetzte Zweck der Pilgerreise des Lebens, gibt dem Formlosen Form, macht aus dem Fragmentarischen ein Ganzes, verleiht dem Episodischen Kontinuit\u00e4t&#8220; (S. 140). Weil die W\u00fcste aber eigenschaftslos ist, mu\u00df sie durchs Wandern mit Sinn gef\u00fcllt werden; und durchs Wandern macht der Pilger seine Erfahrung und bildet so seine Identit\u00e4t. Pilger und W\u00fcste erhalten ihren Sinn <cite>zusammen<\/cite> und <cite>durch einander<\/cite>, aber sie erhalten ihn nie ganz, weil zwischen dem Ziel und dem gegenw\u00e4rtigen Augenblick immer eine Distanz besteht. <cite>Distanz <\/cite>\u00fcbersetzt sich (psychologisch) noch in <cite>Aufschub<\/cite> und der ganze Proze\u00df der sich selbst reproduzierenden Sinnstiftung ist gew\u00e4hrleistet. &#8222;Der Befriedigungsaufschub wurde, sosehr er auch eine vor\u00fcbergehende Frustration bewirkte, in Bezug auf die Identit\u00e4tsbildung zu einem belebenden Faktor und Quelle des Eifers, jedenfalls insoweit er mit einem Vertrauen in die Linearit\u00e4t und Kumulationskraft der Zeit verbunden war&#8220; (S. 143).<\/p>\n<p>Der Anbruch der Postmoderne ist markiert mit dem Punkt (bzw. dem Proze\u00df), an dem sich herausstellt, da\u00df problematisch nicht war, wie sich Identit\u00e4t herstellen lie\u00df, sondern wie sie zu bewahren sei. Die best\u00e4ndige Arbeit daran, in der W\u00fcste Spuren zu hinterlassen, stellt sich nun als wom\u00f6glich v\u00f6llig vergeblich dar. Der Schrecken dar\u00fcber wird begleitet durch ein befreiendes Aufatmen \u00fcber die neuen M\u00f6glichkeiten: wenn der alte Pfad bei der ersten B\u00f6he versch\u00fcttet ist, probier ich eben andere, bin weder unwiderruflich geschlagen noch an ein Projekt gebunden. Aus dem alten, ernsthaften Projekt ist ein Spiel geworden, sogar mehrere Spiele. Ohne den Glauben und die Entschlossenheit zerbr\u00f6selten auch die Leitlinien der Moderne (Prinzipien), Ersatz fanden sie in einer Reihe von kurzlebigen (Spiel-)Regeln. Das jeweilige Spiel kurz zu halten, weil die Regeln dauernd wechseln k\u00f6nnen, wurde zur Aufgabe postmoderner Lebensgestaltung. &#8222;(D)as Spiel kurz zu halten bedeutet, die Gegenwart an beiden Enden abzuschneiden, die Gegenwart von der Geschichte zu l\u00f6sen; Zeit in jeder anderen Form als einer Ansammlung oder willk\u00fcrlichen Sequenz gegenw\u00e4rtiger Momente abzuschaffen; den Flu\u00df der Zeit in eine stete Gegenwart einzuebnen&#8220; (S. 145). Aller Aufschub verliert dabei nat\u00fcrlich seine Bedeutung, Identit\u00e4t mu\u00df nun nicht mehr haltbar und stabil, sondern flexibel und so wenig festgelegt wie m\u00f6glich sein (vergl S. 146). In den schnellen und unsicheren Lebensabschnitten wird Aufmerksamkeit zur knappsten Resource, und auch die Zeit wird dabei fragmentiert. Unabh\u00e4ngige, in sich geschlossene Episoden sind die Fragemente der ehemaligen Linie: &#8222;Die Zeit entspricht nicht mehr einem Flu\u00df, sondern einer Ansammlung von Teichen und T\u00fcmpeln&#8220; (S. 148).<\/p>\n<h3>Die Nachfolger des Pilgers&#8230;<\/h3>\n<p>In dieser Situation wird der alte Pilger als die zeitgem\u00e4\u00dfe Metapher abgel\u00f6st von seinen Nachfolgern, die zusammen die postmoderne Strategie mit ihrer Furcht vor Gebundenheit und Festlegung darstellen: Der Spazierg\u00e4nger, der Vagabund, der Tourist und der Spieler.<\/p>\n<ul>\n<li>Der Spazierg\u00e4nger (fl\u00e2neur) ist &#8211; in Anlehnung an die Charakterisierungen bei Charles Baudelaire und sp\u00e4ter Walter Benjamin &#8211; die Symbolfigur des modernen Stadtlebens, sich seinen Raum erschlie\u00dfend durch Vorbeigehen, der sich in der Menge bewegt ohne selbst Teil der Masse zu sein. Der Flaneur war Bauman zufolge &#8222;ein fr\u00fcher Meister der Simulation&#8220; (S. 151), weil er sich selbst zum Autoren seiner Geschichte erkor, das Stra\u00dfenbild als sein Arrangement betrachtete und damit den Gegensatz von Realit\u00e4t und Schein aufl\u00f6ste. Dem Flaneur fehlt die Ernsthaftigkeit des Pilgers absolut, sein Zusammentreffen mit Anderen ist nur eine Episode ohne Konsequenz. Mit den Fu\u00dfg\u00e4ngerInnenzonen heutiger Innenst\u00e4dte sind die Orte der <cite>Ver<\/cite>gegnung (&#8222;Begegnung ohne Auswirkung&#8220;, S. 150) Allgemeingut. Der Flaneur ist vom Konsumenten nicht mehr zu unterscheiden, und so treten auch Freiheit und Abh\u00e4ngigkeit nicht mehr als Gegens\u00e4tze in Erscheinung. Denn: die tats\u00e4chliche Regie wird von woanders aus gef\u00fchrt.<br clear=\"none\"><br clear=\"none\"><\/li>\n<li>Der Vagabund war der moderne Anarchist, ort- und herrenlos und damit permanenter (An-) Reiz f\u00fcr philosophische und nationalstaatliche Ordnungsvorstellungen, Ausl\u00f6ser f\u00fcr Verwaltungwut und \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen. Der moderne Vagabund konnte seine Bewegungsfreiheit mit der Ziellosigkeit (die ihn vom Pilger unterschied) verbinden. Er blieb \u00fcberall Fremder, aber seine Nicht-Zugeh\u00f6rigkeit machte ihn vor allem unabh\u00e4ngig. In der Postmoderne habe sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Se\u00dfhaften und Vagabunden verkehrt, Orte der Best\u00e4ndigkeit sind nun zur Ausnahme geworden. Postmodernes Leben verdammt zur Flexibilisierung, macht die ehemals Se\u00dfhaften zu VagabundInnen in Zeit und Raum.<br clear=\"none\"><br clear=\"none\"><\/li>\n<li>Im Gegensatz zum Vagabunden gibt es f\u00fcr den Touristen die rauhen Seiten des Lebens nicht, sein Leben ist ganz \u00c4sthetik (im Sinne von &#8222;eine Frage des Geschmacks&#8220;) und als solche auch bezahlt. Auch der Tourismus hat seine Karriere zu einem zentralen Ph\u00e4nomen der Postmoderne von der Peripherie der Moderne her hinter sich. Einzig dem Sammeln von Erfahrungen verpflichtet, ist der Tourist wie der Vagabund st\u00e4ndig an Orten, zu denen er nicht geh\u00f6rt. Im Unterschied zu diesem aber hat der Tourist ein Zuhause. Dennoch ist gerade dieses Heim, nicht zuletzt weil es postuliert ist, &#8222;am Horizont des Touristenlebens (&#8230;) eine unheimliche Mischung aus Schutzraum und Gef\u00e4ngnis&#8220; (S. 159).<br clear=\"none\"><br clear=\"none\"><\/li>\n<li>Der Spieler ist der Welt, in der er sich bewegt, gleichwertig (und auch: gleichg\u00fcltig): auch sie ist Mit- Spielende. Es gibt nicht Notwendigkeit\/ Zufall, Ordnung\/ Chaos, Gl\u00fcck\/ Ungl\u00fcck, es gibt einfach nur Spielz\u00fcge. Jedes Spiel ist folgenlos f\u00fcr das n\u00e4chste, Erfolg wie Versagen enden mit dem Spiel. Aber weil es immer ums Gewinnen geht, ist f\u00fcr allzu Zwischenmenschliches kein Platz: &#8222;Das Spiel ist wie Krieg&#8220; (S. 161), da\u00df dem Gewissen f\u00fcr Skrupellosigkeit noch die Absolution erteilt.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>&#8230;und die Chancen der Moral&#8230;<\/h3>\n<p>&#8230;.stehen nicht gerade gut, wenn mensch Bauman Glauben schenkt. Denn die Gemeinsamkeit aller miteinander verflochtenen und sich durchdringenden Lebensstrategien der Postmoderne ist die Tendenz, &#8222;menschliche Beziehungen fragmentarisch und diskontinuierlich werden zu lassen&#8220; (S. 163), wobei der oder die Andere nicht mehr als moralischer, sondern als \u00e4sthetischer Gegenstand wahrgenommen werde. Und diese Art der Wahrnehmung f\u00fchrt Bauman zufolge gleicherma\u00dfen zu moralischer und politischer Verk\u00fcmmerung der Menschen in postmodernen Zeiten (vergl. S. 164). Denn Bezugs- und Orientierungspunkte f\u00fcr die \u00e4sthetische soziale Strukturierung (und Herangehensweise ans Leben) sind &#8211; im Gegensatz zur moralischen oder kognitiven &#8211; Attribute des Subjekts. Statt also die Qualit\u00e4ten des Objekts zu bewerten, sind Interesse, Erregung, Befriedigung, Vergn\u00fcgen die Ma\u00dfst\u00e4be im Umgang mit den Anderen ((2)). Die postmoderne Welt ist ein unersch\u00f6pfliches Reservoir potentiell interessanter Objekte. Die zu Sammeln, wird zur Hauptaufgabe postmodernen Lebens. Wobei durch die Subjektzentrierung der Rahmen, innerhalb dessen gesammelt wird, seine Konturen verliert und nicht mehr Gegenstand von Interesse ist. &#8222;Die Objekte, denen man nur fl\u00fcchtig, im Vorbeigehen und oberfl\u00e4chlich begegnet (<cite>ver<\/cite>gegnet?), geraten nicht f\u00fcr sich als Entit\u00e4ten &#8211; die vielleicht gr\u00f6\u00dferer Kraft, der Verbesserung oder insgesamt einer anderen Gestalt bed\u00fcrften &#8211; in den Blick; (&#8230;)&#8220; (S. 165), sondern als Partialobjekte, ohne Geschichte und Zusammenhang.<\/p>\n<p>Zusammenfassend kommt Bauman zu der Einsch\u00e4tzung, da\u00df &#8222;in der g\u00e4ngigen Wahrnehmung die vorrangige, vielleicht die einzige Pflicht des postmodernen B\u00fcrgers (&#8230;) darin besteht, ein erfreuliches Leben zu f\u00fchren&#8220; (S. 167). Zwar wird das Kreisen um die eigenen Angelegenheiten durch spontane und kurzweilige Ausnahmen durchbrochen und es kommt zu Ausbr\u00fcchen solidarischen Handelns &#8211; und hier nennt Bauman die Neuen Sozialen Bewegungen als Beispiele -, die wesentlichen Z\u00fcge postmoderner Beziehungen w\u00fcrden dadurch jedoch nicht ber\u00fchrt. Postmoderne Beziehungen seien wesentlich gekennzeichnet durch &#8222;ihre Bruchst\u00fcckhaftigkeit und Diskontinuit\u00e4t, die Enge ihres Blickwinkels und ihrer Ziele, die seichte Oberfl\u00e4chlichkeit des Kontakts&#8220; (S. 168). Strategien zur Kritik des Prinzips vom &#8222;erfreulichen Leben&#8220; (und der postmodernen Lebensstrategien \u00fcberhaupt) w\u00fcrden gerade auch durch den Inhalt der Prinzipien verboten (vergl. S. 169).<\/p>\n<h3>Zur Kritik: Postmoderne M\u00e4nnerwelt<\/h3>\n<p>Zuerst einmal sei die schon vereinzelt an Bauman ge\u00e4u\u00dferte Kritik wiederholt und ausgeweitet: Wie in allen anderen B\u00fcchern auch, verzichtet er vollst\u00e4ndig auf die Kategorie Geschlecht und f\u00fchrt keinerlei Unterscheidungen auf der Grundlage der sozial und kulturell hergestellten Geschlechtsk\u00f6rper ein. Was den speziellen Bezug zur Moral angeht, haben feministische Studien gezeigt, da\u00df es sich nicht nur lohnt, auch in der Entwicklung von Verantwortung und dem Umgang im (angeblich) menschlichen Miteinander analytisch zwischen den (m\u00f6glichen) Geschlechtern zu unterscheiden. Es zu unterlassen, wird einfach auch den u.a. geschlechtlich stark differenzierten Wirklichkeiten &#8211; und den Lebensformen in ihnen &#8211; nicht gerecht: In einer Fu\u00dfnote merkt Bauman an, da\u00df er die Form des Pilgers bewu\u00dft nur maskulin verwendet und bestimmt h\u00e4tte, denn &#8222;was immer bislang von der modernen Konstruktion des Lebens als Pilgerreise gesagt wurde, bezog sich ausschlie\u00dflich auf M\u00e4nner&#8220; (S. 142). Und zwar weil Frauen der Selbsterschaffung grunds\u00e4tzlich nicht f\u00fcr f\u00e4hig gehalten wurden und lineare Zeit und Entfernung maskulin waren. So ist hier die Auslassung von Frauen noch begr\u00fcndet, wenn auch nicht entschuldigt. Als die Linearit\u00e4t der Moderne durch die Bruchst\u00fcckhaftigkeit und Diskontinuit\u00e4ten der Postmoderne abgel\u00f6st wird, f\u00e4llt bei Bauman nur die Erkl\u00e4rung weg, aber die beschriebenen Lebensformen bleiben maskulin. Das betrifft nicht nur die Schreibweise, sondern die Typen selbst: Der Flaneur, wie Baudelaire ihn beschrieben hat, ist per se ein Mann. Ausgestattet mit der F\u00e4higkeit, sich seine Welt selbst zu erschaffen, und gleichzeitig &#8222;das Weib&#8220; wegen ihrer \u00e4u\u00dferlichen Sch\u00f6nheit anzubeten und ob ihrer inneren Leere wesensm\u00e4\u00dfig zwischen Mensch und Tier anzusiedeln. Da\u00df F\u00fc\u00dfg\u00e4ngerzonen heute von Frauen wie M\u00e4nnern gleicherma\u00dfen bev\u00f6lkert sind, widerspricht dem nicht. Von der Architektur des \u00f6ffentlichen Raumes bis zur Kaufkraft der KonsumentInnen ist Ma\u00dfstab zuerst der Mann, alles andere leitet sich ab. Der Spieler, f\u00fcr den Gewinnen im Vordergrund steht und Krieg bedeutet, ist ebenfalls ein Mann. Kreativit\u00e4t und Phanatsie des Kinderspiels l\u00e4\u00dft Bauman als M\u00f6glichkeit unter den Tisch fallen und orientiert sich stattdessen am Duell, dem &#8222;Spiel&#8220; auf Leben und Tod um m\u00e4nnliche Ehre.<\/p>\n<h3>Fl\u00fcche und Chancen<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend Bauman immer wieder die M\u00f6glichkeiten von Fluch <cite>und <\/cite>Chance postmoderner Zust\u00e4nde und Prozesse betont, bleiben die Chancen bei der Beschreibung der postmodernen Lebensstrategien unerw\u00e4hnt. Zum Beispiel best\u00fcnde die M\u00f6glichkeit, da\u00df &#8222;Begegnungen ohne Auswirkungen&#8220; nicht immer und von sich aus <cite>Ver<\/cite>gegnungen sind, sondern als Begegnung ohne die Last moralischer Verantwortung durch Spontaneit\u00e4t wirken. Da\u00df auch Spontaneit\u00e4t intensives Zusammensein hervorrufen kann, schlie\u00dft Bauman von vornherein aus. Die Frage ist doch, ob Moral nicht auch ohne Berge von Verantwortung f\u00fcr Andere entstehen kann, und ob es Solidarit\u00e4t nicht auch ohne gemeinsame Leidensgeschichte geben kann. Wenn Bauman in der Postmoderne nur die &#8222;Verk\u00fcmmerung&#8220; von Moral und Politik sieht und beklagt, erscheint er selbst wie der um seine Fr\u00fcchte gebrachte G\u00e4rtner, der zugunsten der Emanzipation doch am liebsten kr\u00e4ftige Eingriffe an Entit\u00e4ten vornehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Im Umgang mit anderen \u00e4sthetischen Kriterien den Vorzug (vor moralischen) zu geben, mu\u00df nicht von sich aus menschenverachtend oder oberfl\u00e4chlich sein. Gustav Landauer schlug (in: Etwas \u00fcber Moral, 1893) vor, pers\u00f6nliche Sympathie zum alleinigen Ausgangspunkt f\u00fcr freie Zusammenschl\u00fcsse zu machen, um Pflichterf\u00fcllung nicht zum Antrieb von Beziehungen werden zu lassen. Gw\u00e4hrleistet sein m\u00fc\u00dfte dann allerdings ein m\u00f6glichst Ausschlu\u00dffreies Netz von Zusammenschl\u00fcssen (denn sonst w\u00fcrden nur &#8222;die Symphatischen&#8220; \u00fcberleben). Gegen positive Bez\u00fcge zu zeitllich, \u00f6rtlich und personell beschr\u00e4nkten Gemeinschaften aber sperrt Bauman sich auch in seinem neuen Buch. Weil er den Zusammenhang von Spontaneit\u00e4t und Intensit\u00e4t ausschlie\u00dft, verwehrt er sich letztlich, wie schon in &#8222;Postmoderne Ethik&#8220;, gegen jede kommunale Alternative zum Nationalstaat: &#8222;Und was die ertr\u00e4umte kommunale Alternative zu dem jetzt universell verd\u00e4chtigen Staat anbelangt &#8211; so verbrennen sich immer mehr Leute die Finger, w\u00e4hrend die Hitze der kommunal angefachten Emotionen die alten zivilisierten Solidarit\u00e4ten dahinschmilzen l\u00e4\u00dft, um sie in neue unzivilisierte Formen zu gie\u00dfen&#8220; (S. 124). Der als abgewirtschaftet analysierte Nationalstaat &#8211; in &#8222;Moderne und Ambivalenz&#8220; beschreibt Bauman den Staat als inzwischen arbeitslosen G\u00e4rtner -, der in der Postmoderne seine wesentliche Aufgabe der Ordnungsstiftung verliert, wird damit immer noch den m\u00f6glicherweise an Identit\u00e4ten entlang organisierten Gemeinschaften normativ vorgezogen.<\/p>\n<h3>Ethik ade &#8211; was bleibt?<\/h3>\n<p>Ethik, im Idealfall ein &#8222;Gesetzestext, der \u2018universal\u2019 korrektes Verhalten vorschreibt, also f\u00fcr alle Leute zu allen Zeiten&#8220; (S. 23), ist in die Krise geraten. W\u00e4hrend solche gesetzlichen Regelungen im Feudalismus noch die Ohnmacht der Beherrschten ausgleichen sollten und in der Moderne sich zur Herrschaftssicherung wandelten (vergl. S.67ff.), hat die Postmoderne ihre Anma\u00dfung erkannt und offengelegt und k\u00f6nnte deshalb zur \u00c4ra der Moral werden: &#8222;Dank ihrer \u2018Enth\u00fcllung\u2019 (&#8230;) ist es nun m\u00f6glich, ja unvermeidlich, die moralischen Probleme direkt ins Auge zu fassen, in ihrer nackten Wahrheit, wie sie aus der Lebenserfahrung von M\u00e4nnern und Frauen hervorgehen und wie sie dem moralischen Ich in ihrer unheilbaren und unl\u00f6sbaren Ambivalenz gegen\u00fcbertreten&#8220; (S. 74). Das autonome Subjekt mit seiner einzelnen Handlung steht damit pl\u00f6tzlich im Rampenlicht der (bzw. einer!) Soziologie. Werden wir ZeugInnen einer sp\u00e4ten Erf\u00fcllung antiautorit\u00e4rer Forderungen (<cite>Das Private ist politisch<\/cite>)? Oder hat die vereinzelnde Marktlogik neben unseren Lebenszusammenh\u00e4ngen auch die wissenschaftliche Betrachtung politischer Strukturen fragmentiert und verhindert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In &#8222;Postmoderne Ethik&#8220; bem\u00fchte sich Bauman um die Darstellung von Moral in der Postmoderne, und erl\u00e4uterte, wie und warum die Postmoderne zugleich Fluch und Chance der moralischen Person sei. In &#8222;Flaneure, Spieler und Touristen&#8220; (1997) baut er darauf auf und untersucht Formen postmoderner Lebensstrategien. 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