{"id":16118,"date":"2017-01-01T00:00:00","date_gmt":"2016-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2017\/01\/anarchists-against-trump\/"},"modified":"2022-01-20T18:05:38","modified_gmt":"2022-01-20T16:05:38","slug":"anarchists-against-trump","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/01\/anarchists-against-trump\/","title":{"rendered":"Anarchists against Trump"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Lass uns zuerst \u00fcber das Thema reden, das derzeit alle besch\u00e4ftigt: Donald Trump wird am 20. Januar 2017 der n\u00e4chste Pr\u00e4sident der USA. Warst du \u00fcberrascht, dass er die Wahlen gewonnen hat? Wie konnte es dazu kommen?<\/b><\/p>\n<p><i>Mark Bray:<\/i> Ja, ich war \u00fcberrascht. Zwar wusste ich, dass er eine Chance hatte, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass er derart viele W\u00e4hlerInnen auf seine Seite bringen w\u00fcrde. Nach den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2012 wurde immer wieder betont, dass sich die Republikanische Partei st\u00e4rker um die Stimmen von People of Color bem\u00fchen m\u00fcsse, um zuk\u00fcnftig Wahlen gewinnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Viele Umfragen sagten voraus, dass Trump nur bei wei\u00dfen M\u00e4nnern re\u00fcssieren w\u00fcrde. Als dann kurz vor den Wahlen das Video auftauchte, in dem Trump ver\u00e4chtlich \u00fcber Frauen spricht und mit sexuellen \u00dcbergriffen prahlt, nahm man an, er w\u00fcrde nun auch noch viele wei\u00dfe W\u00e4hlerinnen verlieren und ein Sieg damit au\u00dfer Reichweite geraten. Aber so kam es nicht. Trotz des Videos und anderer sexistischer \u00c4u\u00dferungen stimmte auch die Mehrheit wei\u00dfer Frauen f\u00fcr Trump. Viele Frauen f\u00fchlten sich von Clinton offenbar nicht angesprochen, obwohl sie die erste Pr\u00e4sidentin der Geschichte h\u00e4tte werden k\u00f6nnen. Sie identifizierten sich st\u00e4rker mit dem &#8222;wei\u00dfen Amerika&#8220;, auf das Trumps kaum verh\u00fcllte rassistische Rhetorik anspielte.<\/p>\n<p>1980 schaffte es mit Ronald Reagan ein Hollywood-Star, der sich in einen charismatischen Republikanischen Parteif\u00fchrer verwandelt hatte, ins Wei\u00dfe Haus. Sein Erfolg war die konservative Antwort auf die Schwarze Befreiungsbewegung und das gegenkulturelle Selbstbewusstsein der vorangegangenen Jahrzehnte.<\/p>\n<p>In \u00e4hnlicher Weise profitiert Trump nun von einem unter Wei\u00dfen weit verbreiteten Gef\u00fchl der Entfremdung von &#8222;ihrem&#8220; Land angesichts eines Schwarzen Pr\u00e4sidenten, der Black-Lives-Matter-Bewegung, der Legalisierung homosexueller Ehen usw. Trump schaffte es, viele Menschen zu den Wahlurnen zu bringen, die sonst zuhause geblieben w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Seine Losung war ein &#8222;wei\u00dfer Populismus&#8220;: er w\u00fcrde Jobs in der Produktion zur\u00fcckbringen, die Kohleindustrie st\u00e4rken, Handelsabkommen revidieren, &#8222;Ruhe und Ordnung&#8220; herstellen, traditionelle Geschlechterrollen bewahren, eine Grenzmauer bauen, Muslime \u00fcberwachen und den Islamischen Staat plattmachen &#8211; alles zusammengefasst in der Formel &#8222;Make America Great Again&#8220;. Sein Widerstand gegen den Krieg im Irak (den er anfangs bef\u00fcrwortete, bevor er dann unpopul\u00e4r wurde) und gegen internationale Handelsabkommen sowie sein Versprechen, die amerikanische Industrieproduktion wieder zu st\u00e4rken, erlaubten es ihm, gegen Clintons Neoliberalismus zu punkten und auch Regionen f\u00fcr sich zu gewinnen, die traditionell Demokratisch w\u00e4hlten. Viele Menschen, die Obama unterst\u00fctzt hatten, wandten sich von Clinton ab. Die Clintons gelten als Symbol der Korruption und Vetternwirtschaft Washingtons.<\/p>\n<p>Es wird immer wieder behauptet, dass der Erfolg Trumps der Unterst\u00fctzung der wei\u00dfen Arbeiterklasse zu verdanken war, aber das ist so nicht richtig. Trump wurde von allen wei\u00dfen Schichten unterst\u00fctzt. Das Einkommen war kein ausschlaggebender Faktor.<\/p>\n<p>ArbeiterInnen werden seit langem von der Demokratischen Partei im Stich gelassen. Es sind mangelnde Alternativen, die viele in die H\u00e4nde der Rechten treiben. Wir sollten daraus die richtigen Schl\u00fcsse ziehen und uns um den Wiederaufbau einer schlagkr\u00e4ftigen Arbeiterbewegung bem\u00fchen.<\/p>\n<p><b>GWR: Was werden die unmittelbarsten Ver\u00e4nderungen sein, wenn Trump sein Amt antritt? Welche Menschen werden am meisten von diesen betroffen sein? Wie sehr wird sich das Leben in den USA ver\u00e4ndern?<\/b><\/p>\n<p><i>Mark Bray: <\/i>Ich glaube, dass Trump nicht so viel ver\u00e4ndern kann, wie er angek\u00fcndigt hat. Wahrscheinlich will er das auch gar nicht. Er hat noch w\u00e4hrend des Wahlkampfs einige seiner fr\u00fcheren Ank\u00fcndigungen abgeschw\u00e4cht. Aus der &#8222;Mauer&#8220; entlang der mexikanischen Grenze wurde pl\u00f6tzlich ein &#8222;Zaun&#8220;. Und Hillary Clinton soll nun nicht mehr wegen angeblicher Korruption strafrechtlich verfolgt werden. Auch das mit dem Ausstieg aus allen Klimaabkommen wurde mittlerweile relativiert.<\/p>\n<p>Zum Teil hat das damit zu tun, dass Trump sich mit den Mainstream-Medien gut stellen will. Aber auch damit, dass er w\u00e4hrend des Wahlkampfs in erster Linie das sagte, was seine Unterst\u00fctzer vermeintlich h\u00f6ren wollten, egal wie realistisch &#8211; oder unrealistisch &#8211; es war.<\/p>\n<p>Anlass zur Beunruhigung geben jedoch die Personen, die er in sein Kabinett berufen hat. Sie sind alle ultrakonservativ und haben keinerlei oder nur sehr wenig Erfahrung in diesen \u00c4mtern. Einer seiner wichtigsten Ratgeber, Steve Bannon, betrieb das rechtsextreme Online-Portal &#8222;Breitbart News&#8220; und ist f\u00fcr seine offen frauenfeindlichen, antisemitischen und rassistischen Kommentare bekannt.<\/p>\n<p>Das verweist auf die gr\u00f6\u00dfte unmittelbare Ver\u00e4nderung, die Trumps Wahlsieg hervorgerufen hat, n\u00e4mlich die St\u00e4rkung der extremen Rechten. Diese hat bereits begonnen. Es ist zu einem rasanten Anstieg rassistischer und homophober Gewalt gekommen.<\/p>\n<p>In den ersten zehn Tagen nach der Wahl wurden \u00fcber 700 hate crimes angemeldet. Nicht-wei\u00dfe Kinder werden von wei\u00dfen Mitsch\u00fclern mit Rufen wie &#8222;Baut die Mauer!&#8220; begr\u00fc\u00dft. Betroffen sind vor allem die Menschen, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stehen: MigrantInnen, People of Color, LGBTQ-Personen und Menschen mit Behinderungen.<\/p>\n<p>Nun gibt es Liberale, die so tun, als sei ihnen pl\u00f6tzlich der Himmel auf den Kopf gefallen und als w\u00e4re alles wunderbar, h\u00e4tte nur Hillary Clinton die Wahl gewonnen. Das ist Quatsch.<\/p>\n<p>Was wir jetzt sehen, ist blo\u00df eine Zuspitzung der \u00f6konomischen Ausbeutung, des Rassismus und der Polizeigewalt, die auch die Amtszeit Obamas pr\u00e4gten.<\/p>\n<p>Ja, wir sollten uns gro\u00dfe Sorgen \u00fcber die bevorstehenden Deportationen undokumentierter MigrantInnen unter Trump machen (wobei er auch seine fr\u00fchere Ank\u00fcndigung, alle undokumentierten MigrantInnen auszuweisen, inzwischen abgeschw\u00e4cht hat). Dar\u00fcber d\u00fcrfen wir aber nicht vergessen, dass noch nie so viele Menschen aus den USA deportiert wurden wie unter Obama, wozu sich nie irgendein Demokrat ge\u00e4u\u00dfert hat.<\/p>\n<p>Auch die Polizei setzte ihre willk\u00fcrliche Gewalt gegen Schwarze einfach fort, trotz eines &#8222;progressiven&#8220; und Schwarzen Pr\u00e4sidenten. Aber selbst wenn sich an den grunds\u00e4tzlichen Problemen gar nicht so viel \u00e4ndern wird, werden sie sich in einer neuen Sch\u00e4rfe pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie verhielten sich AnarchistInnen in den USA w\u00e4hrend des Wahlkampfs? Verzichteten die meisten auf die Abgabe ihrer Stimme? Unterst\u00fctzten manche Bernie Sanders?<\/b><\/p>\n<p><i>Mark Bray:<\/i> Viele AnarchistInnen in den USA, ich eingeschlossen, gehen nicht zur Wahl. Andere tun das, meistens mit dem Argument des &#8222;geringeren \u00dcbels&#8220;. Ein Anarchist namens Ryan Conrad schrieb heuer einen Text mit dem Titel &#8222;I&#8217;m an Anarchist and I Vote&#8220;; er argumentierte vor allem f\u00fcr &#8222;Schadensbegrenzung&#8220;.<\/p>\n<p>Andere &#8211; auch solche, die vor kurzem noch anarchistischen Organisationen angeh\u00f6rten &#8211; begannen tats\u00e4chlich f\u00fcr Bernie Sanders von Haus zu Haus zu gehen. Ich wei\u00df allerdings nicht, ob sie sich noch als AnarchistInnen verstehen. Ich denke, diese F\u00e4lle zeigen, mit welcher Verzweiflung viele AktivistInnen in den USA nach einer politischen Praxis suchen, die von gesellschaftlicher Relevanz ist. Immerhin war Sanders der linkeste aller einflussreichen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten seit Eugene Debs vor 100 Jahren.<\/p>\n<p>Im Allgemeinen denke ich, dass die meisten AnarchistInnen &#8211; egal, ob sie nun mit Bauchweh eine Stimme abgegeben haben oder nicht &#8211; sich lieber auf ihre Arbeit in Basisgruppen konzentrierten und dem Wahlspektakel so wenig Beachtung wie m\u00f6glich schenkten. Mir ist keine ernsthafte Kampagne bekannt, die zu einem allgemeinen Wahlboykott aufrief. So etwas gibt es in den USA kaum. Eher trifft man auf die Ansicht: &#8222;Was auch immer du tust, tu mehr, als nur einen Wahlzettel auszuf\u00fcllen.&#8220;<\/p>\n<p><b>GWR: Was ist deine Meinung zu Bernie Sanders, dem selbsterkl\u00e4rten &#8222;demokratischen Sozialisten&#8220;?<\/b><\/p>\n<p><i>Mark Bray:<\/i> Ich war wirklich erstaunt, wie viele Menschen, die noch vor wenigen Jahren von egalit\u00e4rer Politik schw\u00e4rmten und alle Formen von Hierarchie kritisierten, pl\u00f6tzlich Hals \u00fcber Kopf einen Wahlkampf unterst\u00fctzten, der zeitweise erschreckend stark an einen Personenkult erinnerte. Doch viele selbsterkl\u00e4rte Revolution\u00e4re, SyndikalistInnen und sogar AnarchistInnen waren von Sanders&#8216; &#8222;Volksn\u00e4he&#8220; und seinen sozialdemokratischen Prinzipien beeindruckt.<\/p>\n<p>Im Kontext US-amerikanischer Politik steht Sanders relativ weit links des Zentrums, aber global gesehen sind seine Forderungen nichts Besonderes. Vor allem junge Menschen konnten sich f\u00fcr seinen Ruf nach einer &#8222;politischen Revolution&#8220; begeistern, doch die konkreten \u00c4nderungen, f\u00fcr die er eintrat, waren schlicht eine h\u00f6here Besteuerung der Reichen und eine St\u00e4rkung des Sozialstaates. Das hat alles seinen Wert, aber wenn wir die Welt wirklich ver\u00e4ndern wollen, brauchen wir mehr.<\/p>\n<p><b>GWR: Wird irgendetwas von der Sanders-Begeisterung bleiben? Bildete sich rund um seinen Wahlkampf tats\u00e4chlich eine progressive Bewegung, mit der wir auch in der Zukunft rechnen k\u00f6nnen?<\/b><\/p>\n<p><i>Mark Bray:<\/i> Ich denke, es h\u00e4ngt davon ab, was wir unter Bewegung verstehen. Zumindest was die USA betrifft, so glaube ich nicht, dass aus Wahlkampagnen jemals wirklich langfristige Bewegungen entstehen k\u00f6nnen. Es wird noch nicht einmal versucht, die Energie, die in Wahlk\u00e4mpfen freigemacht wird, zu erhalten. Als Obama 2008 gewann, geschah das auf der Basis eines breiten Enthusiasmus, den er selbst angefacht hatte. Doch sobald er sein Amt antrat, schien das nicht mehr von Bedeutung zu sein.<\/p>\n<p>Sanders erzeugte einen \u00e4hnlichen Enthusiasmus, aber auch hier zeichnen sich keine konkreten Konsequenzen ab. W\u00e4hrend des Sommers versuchte er, eine Organisation namens &#8222;Our Revolution&#8220; ins Leben zu rufen, aber die Sache verlief rasch im Sande. Alles konzentrierte sich auf die Wahlen und viele seiner Anh\u00e4ngerInnen unterst\u00fctzten Clinton.<\/p>\n<p>Gleichzeitig war die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Sanders an soziale Bewegungen gekoppelt, die tats\u00e4chlich langfristiges Potenzial haben, und man muss Sanders zugestehen, dass er diesen Bewegungen auch weiteren Auftrieb gab. Wir sahen das bei Black Lives Matter genauso wie bei der Fight-for-15-Bewegung, die f\u00fcr einen Mindestlohn von 15 Dollar k\u00e4mpft. Auch Vorl\u00e4ufer wie Occupy Wall Street und die soziale Protestbewegung in Wisconsin, die in der Besetzung des Regierungsgeb\u00e4udes gipfelte, m\u00fcssen hier erw\u00e4hnt werden. Es gibt eine Verlagerung des politischen Engagements, bei der die Arbeit an der gesellschaftlichen Basis in den Vordergrund tritt. Das ist in meinen Augen vielversprechend.<\/p>\n<p>Es wird von gro\u00dfer Bedeutung sein, wie man auf Trumps Pr\u00e4sidentschaft reagiert. In der Mainstream-Linken gibt es eine Spannung zwischen jenen, die meinen, Trump verdiene aufgrund des Amtes, das er bald bekleiden wird, Respekt, und jenen, die ihm unter keinen Umst\u00e4nden Respekt zollen wollen. Die Basisproteste gegen ihn werden auf jeden Fall weitergehen. Viele Menschen sind es aufgrund der sozialen Bewegungen der letzten Jahre gewohnt, an Massenprotesten teilzunehmen. Die zahlreichen Demonstrationen, die unmittelbar nach Trumps Wahlgewinn im ganzen Land stattfanden, best\u00e4tigen dies, und es ist davon auszugehen, dass sich die Menschen, die dort zusammenkamen, auch weiter aktiv sein werden. Reicht das, um eine dauerhafte Bewegung aufzubauen und sich entsprechend zu organisieren? Wie repressiv wird die Regierung sein? All das bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast einige der j\u00fcngeren sozialen Bewegungen in den USA angesprochen. Welche sind deines Erachtens die wichtigsten? Und welche Rolle spielen AnarchistInnen in ihnen?<\/b><\/p>\n<p><i>Mark Bray:<\/i> Die soziale Bewegung, die das Land in den letzten Jahren &#8211; ja in den letzten Jahrzehnten &#8211; am meisten aufgewirbelt hat, ist zweifelsohne Black Lives Matter. Sie wurde so zentral, dass sie im Wahlkampf sogar den deutlichsten Unterschied zwischen den beiden Gro\u00dfparteien markierte. W\u00e4hrend beim Demokratischen Parteikongress mit den &#8222;Mothers of the Movement&#8220; Frauen sprachen, deren Kinder von der Polizei get\u00f6tet wurden, skandierten die Anwesenden beim Republikanischen Parteikongress &#8222;Blue Lives Matter&#8220; in Anspielung auf die mit der Polizei assoziierten Farbe.<\/p>\n<p>Black-Lives-Matter-AktivistInnen nehmen sich allerdings kein Blatt vor den Mund, wenn es um Kritik an den Clintons geht. Bill unterschrieb in den 1990er Jahren einen Gesetzesentwurf zur Verbrechensbek\u00e4mpfung, der zu Masseninhaftierungen f\u00fchrte, und Hillary hat von &#8222;wildgewordenen&#8220; Schwarzen Jugendlichen gesprochen, die &#8222;unter Kontrolle gebracht&#8220; werden m\u00fcssten. Wei\u00dfe AmerikanerInnen, von Black Lives Matter eingesch\u00fcchtert, lancierten den Slogan &#8222;All Lives Matter&#8220;. Das Unbehagen, dass viele Wei\u00dfe angesichts von Black Lives Matter f\u00fchlen, brachte Trump viele Stimmen.<\/p>\n<p>Ich kenne einige Schwarze AnarchistInnen, die in Black Lives Matter aktiv sind. Und ich glaube nicht, dass es irgendwelche AnarchistInnen gibt, die nicht mit der Bewegung sympathisieren. Zu einer interessanten Initiative kam es im Sommer in New York, als fr\u00fchere Occupy-Wall-Street-Organizer gemeinsam mit Black-Lives-Matter-AktivistInnen die Besetzung eines Parks neben der City Hall initiierten, um gegen Polizeigewalt zu protestieren. Die Besetzung konnte nicht lange gehalten werden, aber sie vereinte AktivistInnen aus unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen, darunter auch eine Reihe von AnarchistInnen.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, sich die Strukturen und Taktiken von Black Lives Matter genauer anzusehen.<\/p>\n<p>Es gibt keine Anf\u00fchrer, man organisiert sich dezentral, kritisiert die Gro\u00dfparteien, prangert Polizei und Strafsystem als herrschaftliche Institutionen an und praktiziert direkte Aktion. Vieles entspricht anarchistischen Prinzipien und AnarchistInnen haben von der Bewegung viel zu lernen.<\/p>\n<p>Von gro\u00dfer Bedeutung ist auch die Fight-for-15-Bewegung. Sie organisiert Streiks, an denen sich mittlerweile Zehntausende von ArbeiterInnen in Fast-Food-Restaurants oder an Flugpl\u00e4tzen beteiligen. Klassenk\u00e4mpferische AnarchistInnen diskutieren viel dar\u00fcber, ob sie innerhalb der Mainstream-Gewerkschaften wirksam sein sollen oder doch eher in den Industrial Workers of the World (IWW) oder \u00e4hnlichen Organisationen. Hier wird es nicht so bald zu einer Einigung kommen, aber alle zusammen engagieren sich in Fight for 15.<\/p>\n<p>Sehr viel Aufmerksamkeit kommt momentan #NoDAPL zu, einer Bewegung, die sich gegen die Dakota Access Pipeline wehrt. Diese soll unter anderem durch Gebiete laufen, die indigenen Gesellschaften heilig sind und in denen sie das Trinkwasser von Tausenden von Menschen gef\u00e4hrden w\u00fcrde. Seit Monaten verteidigen in Standing Rock indigene Gruppen ihr Land und die Erde als Ganze. Sie werden von privaten Sicherheitskr\u00e4ften angegriffen, die nicht damit z\u00f6gern, auch bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt Wasserwerfer einzusetzen. Hillary Clinton hat sich dazu nie ge\u00e4u\u00dfert und Donald Trump besitzt in dem Unternehmen, das die Pipeline baut, Anteile.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich soll noch die neue antifaschistische Bewegung in den USA erw\u00e4hnt werden. Diese formierte sich in den letzten f\u00fcnf Jahren. In den 1980er und &#8217;90er Jahren organisierten sich \u00e4hnliche Gruppen unter dem Namen &#8222;Anti-Racist Action (ARA)&#8220;, weil die Faschismusdebatte den Verh\u00e4ltnissen in den USA nicht angemessen schien. Doch seit 2010 beziehen sich mehr und mehr AktivistInnen auf die Begriffe und Symbole der europ\u00e4ischen Antifa. Auch die Proteste gegen Trump sind von dieser Entwicklung gepr\u00e4gt. AnarchistInnen spielen hier eine zentrale Rolle und es ist gut m\u00f6glich, dass sie diese Bewegung nachhaltig mitbestimmen werden.<\/p>\n<p><b>GWR: Insgesamt scheint es f\u00fcr mich so, als h\u00e4tte die anarchistische Bewegung in den USA etwas von der relativen St\u00e4rke und Bedeutung verloren, die sie nach den heute legend\u00e4ren Protesten gegen die Welthandelsorganisation in Seattle 1999 erlangt hatte. Ist das richtig? Wie sch\u00e4tzt du die Zukunft der Bewegung ein?<\/b><\/p>\n<p><i>Mark Bray:<\/i> Das ist schwierig zu sagen. Wir sprechen von einer sehr diffusen Bewegung in einem sehr gro\u00dfen Land. Gruppen und Projekte kommen und gehen und AktivistInnen ziehen vom einen Ort zum anderen. Es gibt wenig Kontinuit\u00e4t zwischen den Generationen. Viele AnarchistInnen, die ich als Teenager kannte, sind heute \u00fcber 30 und kaum noch politisch aktiv. Und doch habe ich einen recht positiven Eindruck. So steht die Gr\u00fcndung der Black Rose Anarchist Federation Ende 2013 f\u00fcr den Versuch, eine breite und starke anarchokommunistische Organisation aufzubauen. Heute gibt es Lokalgruppen im ganzen Land. Auch die Occupy-Bewegung wurde wesentlich von anarchistischen Idealen getragen, was ich in meinem Buch Translating Anarchy: The Anarchism of Occupy Wall Street zu zeigen versuchte. Im Allgemeinen wurde die radikale Linke des Landes in den letzten Jahren stark von anarchistischen und antiautorit\u00e4ren Werten gepr\u00e4gt. Aber es handelt sich immer um ein Auf und Ab. Manche Leute, die 2011 anarchistischen Idealen das Wort redeten, setzten 2016 wieder auf Bernie Sanders und den parlamentarischem Reformismus. Das l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich so interpretieren, dass der Einfluss des Anarchismus wieder schw\u00e4cher geworden ist, und vielleicht war das vor\u00fcbergehend auch der Fall. Aber gleichzeitig demonstrieren Bewegungen wie Black Lives Matter, dass horizontale Organisierung und direkte Aktion tats\u00e4chlich die erfolgversprechendsten Optionen au\u00dferparlamentarischer Politik sind. Und sie werden umso st\u00e4rker werden, je mehr der Wahlkampf in Vergessenheit ger\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Lass uns zuerst \u00fcber das Thema reden, das derzeit alle besch\u00e4ftigt: Donald Trump wird am 20. Januar 2017 der n\u00e4chste Pr\u00e4sident der USA. Warst du \u00fcberrascht, dass er die Wahlen gewonnen hat? Wie konnte es dazu kommen? Mark Bray: Ja, ich war \u00fcberrascht. 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