{"id":16130,"date":"2017-01-01T00:00:00","date_gmt":"2016-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2017\/01\/wir-leben-zusammen-wir-kaempfen-zusammen\/"},"modified":"2022-01-20T15:03:40","modified_gmt":"2022-01-20T13:03:40","slug":"wir-leben-zusammen-wir-kaempfen-zusammen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/01\/wir-leben-zusammen-wir-kaempfen-zusammen\/","title":{"rendered":"Wir leben zusammen, wir k\u00e4mpfen zusammen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>Graswurzelrevolution (GWR): Olga, kannst du uns von der Entscheidung berichten, das Hotel zu besetzen und wie die ersten Tage abliefen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Olga:<\/i> Bevor wir am 22. April das Geb\u00e4ude besetzt haben, haben wir die Entscheidung, das praktische Vorgehen und m\u00f6gliche Probleme f\u00fcr circa zwei Monate in verschiedenen Versammlungen diskutiert. W\u00e4hrend dieser Zeit wollten wir das Geb\u00e4ude nicht betreten, weil die Nachbarschaft uns h\u00e4tte sehen und es m\u00f6glicherweise der Polizei melden k\u00f6nnen. Darum sind wir kurz vor der Besetzung nur f\u00fcr wenige Minuten dorthin gegangen und haben die Schl\u00f6sser ausgetauscht, aber niemand hat das Geb\u00e4ude betreten. Dann, am besagten Freitag, haben sich verschiedene Gruppen zu einem festen Zeitpunkt rund um das Geb\u00e4ude versammelt. Eine Minute vor zehn setzten sich diese Gruppen, insgesamt waren es 100 Personen, in Bewegung. Wir \u00f6ffneten die ausgetauschten Schl\u00f6sser und betraten das Geb\u00e4ude. In dem Geb\u00e4ude war es sehr dreckig, es wurde seit sieben Jahren nicht als Hotel genutzt, es gab kein flie\u00dfendes Wasser, was es sehr schwierig gemacht hat, das Geb\u00e4ude zu reinigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Situation drau\u00dfen war furchtbar. Als die Nachbarn bemerkten, dass wir das Geb\u00e4ude besetzt haben, sind sie aus ihren Wohnungen gerannt und v\u00f6llig ausgerastet. Es gab viele Versuche, uns anzugreifen und so haben wir eine Kette aus ca. 50 Personen gebildet, die den Zugang zum Geb\u00e4ude sch\u00fctzen sollten. Eine Stunde nachdem wir das Geb\u00e4ude betreten haben, war die Ankunft der ersten 120 Gefl\u00fcchteten geplant. Als die ersten ankamen, war es sehr schrecklich. Viele von ihnen hatten Angst, als sie sahen, wie wir attackiert wurden. Auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite warteten einige Personen, die zu uns kommen wollten, doch sich nicht \u00fcber die Stra\u00dfe trauten. So haben wir eine Gasse gebildet, um diese Menschen zu besch\u00fctzen und ins Geb\u00e4ude bringen zu k\u00f6nnen. Die Nachbarn haben uns beleidigt, haben uns geschlagen. Sie sagten, sie werden die Polizei und die Faschisten rufen und dass wir verschwinden sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>GWR: Wie ist es euch gelungen, die verschiedenen Herausforderungen zu organisieren?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Olga: <\/i>Es hat fast zwei Monate gedauert, bis sich die Dinge etwas stabilisiert haben. Nachdem anfangs etwa 120 Gefl\u00fcchtete mit uns das Geb\u00e4ude bezogen haben, hatten wir urspr\u00fcnglich den Plan, jede Woche eine Etage des Hotels zu \u00f6ffnen und Schritt f\u00fcr Schritt mehr Gefl\u00fcchtete aufzunehmen. Aber das war unm\u00f6glich. Bereits am ersten Morgen standen mehrere hundert Menschen vor der T\u00fcr und fragten nach einem Zimmer. Es sprach sich in der Stadt sehr schnell herum, dass wir das Geb\u00e4ude besetzt haben. Es war keine leichte Entscheidung, aber wir konnten in den ersten Tagen nicht mehr Menschen aufnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>GWR: Wir w\u00fcrden gerne noch etwas \u00fcber die Organisation und die Verteilung der Aufgaben erfahren. Wie stellt ihr beispielsweise sicher, dass sich jede Person beteiligen kann?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Kristina: <\/i>Eine der ersten Sachen war, dass wir erkl\u00e4ren mussten, warum es wichtig ist, sich zu beteiligen und Aufgaben zu \u00fcbernehmen, dass es sich um einen selbstorganisierten Ort handelt und dass niemand f\u00fcr uns arbeitet. Es gibt zwei zentrale T\u00e4tigkeiten. Erstens muss zweimal am Tag geputzt werden, was bei 400 Personen und 180 Kindern verst\u00e4ndlich ist. Der zweite gro\u00dfe Aufgabenbereich ist die K\u00fcche. Nat\u00fcrlich, es gibt immer ein paar Leute, die mehr helfen als andere, manche versuchen sich auch davor zu dr\u00fccken. Wir haben ein paar Dinge auf der Hausversammlung beschlossen. Zum Beispiel haben wir einen Plan erstellt, auf dem steht, welches Zimmer an welchem Tag welche Schicht \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>GWR: Habt ihr mehr feste Regeln, oder versucht ihr Probleme eher spontan zu l\u00f6sen, wenn sie aufkommen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Olga: <\/i>Wir haben ein paar grundlegende Regeln f\u00fcr die wir uns entschieden haben, bevor wir City Plaza besetzt haben. Das sind: Keine Gewalt, kein Alkohol, keine Drogen und keine Waffen im City Plaza.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Kristina: <\/i>Auf der Hausversammlung haben wir beschlossen, dass man das Haus verlassen muss, wenn man zu zwei aufeinanderfolgenden Schichten nicht erscheint. Aber das ist ziemlich kompliziert. Sogar was die ganz strengen Regeln angeht, sagen wir nicht, dass jede Person, die dagegen verst\u00f6\u00dft, sofort das Haus verlassen muss. Wenn zum Beispiel jemand mit einem Bier ins City Plaza kommt, dann schmei\u00dfen wir ihn nicht gleich raus. Wir diskutieren mit ihm. Und auch in den komplizierteren F\u00e4llen, wie bei Gewalt, ist das nicht so einfach. Es h\u00e4ngt nat\u00fcrlich von der Art der Gewalt ab. Aber in den meisten F\u00e4llen diskutieren wir mit den T\u00e4tern und versuchen, einen gemeinsamen Umgang zu finden. Meistens sagen wir dann, du kennst die Regeln, wenn du sie noch ein weiteres Mal brichst, musst du gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>GWR: Ihr habt eine Hausversammlung und eine Koordinationsgruppe. Was ist der Unterschied zwischen den beiden?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Kristina:<\/i> An der Hausversammlung nehmen alle von uns teil, also alle Gefl\u00fcchteten und alle Freiwilligen, die f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit im Hotel sind. Die Koordinationsgruppe besteht zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Freiwilligen, die t\u00e4glich vor Ort sind und nat\u00fcrlich aus Gefl\u00fcchteten, die seit l\u00e4ngerer Zeit im City Plaza sind und stark in das Projekt involviert sind. Die Hausversammlung trifft sich normalerweise alle zwei oder drei Wochen. Dann werden Dinge besprochen, wie die grundlegende Organisation des Alltagslebens und an welchen politischen K\u00e4mpfen wir teilnehmen wollen. Die Koordinationsgruppe ist kleiner und deshalb flexibler, so dass wir uns zwei oder dreimal in der Woche treffen k\u00f6nnen, wann immer das n\u00f6tig ist. Das geht mit der Hausversammlung nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>GWR: Wie wichtig seid ihr pers\u00f6nlich f\u00fcr das Projekt? Was w\u00fcrde passieren, wenn die H\u00e4lfte des Kernteams pl\u00f6tzlich ausfallen w\u00fcrde?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Olga: <\/i>City Plaza w\u00e4re nicht dasselbe mit anderen Leuten. Aber trotzdem sind prinzipiell alle von uns ersetzbar. Wenn jetzt die H\u00e4lfte des Organisationsteams wegfallen w\u00fcrde, w\u00e4re das schon ein Problem. Aber ich kann zum Beispiel f\u00fcr einen Monat auf Reisen gehen und Kristina, die mit mir im Rezeptionsteam ist, kann meine Arbeit \u00fcbernehmen. Aber es l\u00e4uft auch nicht so, dass jemand an einem Tag kommt und am n\u00e4chsten Tag wird ihm die Verantwortung \u00fcbertragen. Es ist ein langfristiges Projekt und es braucht Zeit, Leute zu integrieren und zu verstehen, wie es funktioniert. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, wenn morgen die H\u00e4lfte von uns weg w\u00e4re, dann w\u00e4ren wir ziemlich am Arsch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>GWR: Was waren die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen, vor denen das Projekt bislang stand?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Olga:<\/i> Wahrscheinlich die praktischen Probleme wie Elektrizit\u00e4t. Das war ein riesiges Ding f\u00fcr uns. Die herausforderndsten Diskussionen waren diejenigen, bei denen es um Macht, Hierarchie und Grenzen ging, als wir unsere Positionen und unsere Regeln verhandelt haben. Wir haben uns gemeinsam Regeln gegeben, aber wer setzt diese Regeln um? Und wie f\u00e4llen wir die Entscheidungen dar\u00fcber?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>GWR: Euer Slogan ist &#8222;Wir leben zusammen, wir k\u00e4mpfen zusammen&#8220;. Den Teil mit dem Leben habe ich verstanden, aber wie sieht es mit dem K\u00e4mpfen aus?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Kristina:<\/i> K\u00e4mpfe werden sowohl auf der Ebene des Alltagslebens, als auch auf einer gesellschaftlichen Ebene ausgetragen. Im Alltagsleben wollen wir einen Ort ohne Gewalt schaffen, ohne Sexismus und ohne Rassismus. Aber das bekommen wir nicht einfach, weil wir es wollen. Sogar was den Rassismus betrifft, ist es nicht so einfach. Im City Plaza leben Menschen aus sehr vielen verschiedenen L\u00e4ndern. Da ist es sehr einfach zu sagen, wenn wir mit jemandem streiten, &#8222;der sagt das nur, weil ich Afghane bin und er Syrer&#8220;. Diese Alltagsk\u00e4mpfe sind der schwierigste Teil. Die gesellschaftlichen K\u00e4mpfe betreffen gr\u00f6\u00dftenteils die Rechte der Gefl\u00fcchteten. Wir organisieren zum Beispiel Demonstrationen gemeinsam mit anderen Besetzungen und sozialen Zentren. Aber wir wollen nicht nur f\u00fcr die Rechte der Gefl\u00fcchteten k\u00e4mpfen. Wir wollen die K\u00e4mpfe verkn\u00fcpfen. Wir haben City Plaza am 22. April er\u00f6ffnet und gleich am ersten Mai haben wir an der gro\u00dfen Arbeiterdemonstration teilgenommen, bei der es nat\u00fcrlich nicht vordergr\u00fcndig um die Rechte der Gefl\u00fcchteten geht. Oder wir haben es geschafft, Kinder, die im City Plaza leben, an den Schulen in der Nachbarschaft anzumelden. Das konnten wir nicht alleine schaffen, sondern wir hatten Hilfe von der Gewerkschaft der LehrerInnen. Die Rechte der Gefl\u00fcchteten sind verkn\u00fcpft mit den Rechten von uns allen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Olga: <\/i>Es gibt diesen feministischen Slogan &#8222;vom K\u00f6rper zum Globalen&#8220;. Wir glauben, dass die verschiedenen Bereiche unserer Leben verkn\u00fcpft sind. K\u00e4mpfen bedeutet nicht nur, einmal im Jahr auf eine Demonstration gegen Kn\u00e4ste zu gehen. Es geht darum, auch im Alltagsleben entsprechend zu handeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>GWR: Gibt es etwas, das ihr AktivistInnen im deutschsprachigen Raum mitteilen m\u00f6chtet?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Olga: <\/i>Ihr k\u00f6nnt uns nat\u00fcrlich gerne besuchen kommen. Wir brauchen immer Leute, die uns unterst\u00fctzen wollen. Aber wenn ihr kommt, kommt bitte nicht als LehrmeisterInnen. Manchmal kommen Leute, die uns unterst\u00fctzen wollen und es geht dann ungef\u00e4hr so: &#8222;Wir werden euch jetzt organisieren. Wir sind zwei Wochen lang da und dann zeigen wir euch, wo es langgeht&#8220;. Das ist ein bisschen nervig. Genauso wie Leute, die f\u00fcr &#8222;Holidarity&#8220; kommen und im City Plaza Party machen wollen. Die vergessen, dass das f\u00fcr die Leute, die hier leben, ihr Zuhause ist. Aber es kommen auch viele Leute, die uns wirklich helfen. Das ist wichtig, weil wir mit unserer Energie auch irgendwann am Ende sind. Zum Beispiel haben viele von uns keine Energie mehr f\u00fcr die Nachtschichten. Wenn Leute kommen wollen, die sagen, wir \u00fcbernehmen eine Woche lang diese Schichten f\u00fcr euch, freuen wir uns sehr. Und nat\u00fcrlich sind wir auf Spenden angewiesen. Denn aufgrund der Wirtschaftskrise k\u00f6nnen es sich viele Leute einfach nicht leisten, etwas zu spenden, selbst wenn sie das gerne w\u00fcrden. Wir bekommen keinerlei staatliche Unterst\u00fctzung, aber wir konnten schon viele Spenden sammeln. Wir sch\u00e4tzen, dass mehr als 80% unseres Geldes aus internationalen Spenden kommt. Durch unsere derzeitige Europatour konnten wir genug Geld sammeln, um uns f\u00fcr ein paar weitere Monate \u00fcber Wasser zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>GWR: Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch und viel Erfolg f\u00fcr das Projekt!<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Olga, kannst du uns von der Entscheidung berichten, das Hotel zu besetzen und wie die ersten Tage abliefen? Olga: Bevor wir am 22. April das Geb\u00e4ude besetzt haben, haben wir die Entscheidung, das praktische Vorgehen und m\u00f6gliche Probleme f\u00fcr circa zwei Monate in verschiedenen Versammlungen diskutiert. 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