{"id":1632,"date":"1998-01-01T00:00:57","date_gmt":"1997-12-31T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1632"},"modified":"2022-07-26T13:57:00","modified_gmt":"2022-07-26T11:57:00","slug":"black-history-month-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/01\/black-history-month-in-berlin\/","title":{"rendered":"Black History Month in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Wenngleich dies eine kurze Reflexion \u00fcber schwarze Geschichte in Deutschland ist, m\u00f6chte ich an ihrem Anfang einen kurzen Ausflug nach Amerika unternehmen und ein Ereignis schildern, das Schwarzen hierzulande sehr vertraut sein d\u00fcrfte: Die Musikindustrie erlebte im Sommer 1996 den Aufstieg dreier junger US-amerikanischer Schwarzer, von denen sich zwei den landes\u00fcblichen Kategorien zu Folge noch nicht einmal afrikanisch-amerikanisch nennen d\u00fcrfen, weil sie der haitianischen EinwandererInnengemeinde New Yorks entstammen. Der dritten im Bunde, Lauryn Hill, widerfuhr nach einem Interview in der Radioshow Howard Sterns in New York das, was beinahe zwangsl\u00e4ufig jeder\/m Schwarzen widerf\u00e4hrt, die\/der zu viele positive Worte \u00fcber seine\/ihre Identit\u00e4t verliert: Nachdem Ms. Hill ihre Liebe zu ihren schwarzen Landsleuten kundgetan und prophezeit hatte, weiterhin f\u00fcr eine selbstbestimmte Existenz und ein positives Selbstbild der Schhwarzen in den USA zu arbeiten, kam die Reaktion prompt: Eine der positivsten und &#8222;peacefullsten&#8220; Rap-Gruppen der US-Szene wurde in Anrufen, die beim Sender eingingen und nachfolgenden Diskussionen im internet des anti-wei\u00dfen Rassismus beschuldigt.<\/p>\n<p>Der Bogen zwischen diesem Ereignis und der Lebensrealit\u00e4t nicht-wei\u00dfer Deutscher wird noch zu spannen sein. Es gibt ihn jedoch, diesen Zusammenhang und die \u00c4hnlichkeit der Erfahrungen, die Schwarze in einem Land mit so tiefgreifender rassistischer Tradition gemacht haben, und den Erfahrungen, die sie in Deutschland machen. Mindestens seit der Schlappe Deutschlands im 1. Weltkrieg, den Zwangssterilisationen von Afro-Deutschen im Dritten Reich, der Nichtanerkennung der Verfolgung unter dem nationalsozialistischen Regime in der Nachkriegszeit und neuen Generationen von sogenannten &#8222;Besatzungskindern&#8220; in den 50er Jahren, reihen sich Afro-Deutsche ein in die Tradition nicht-wei\u00dfer Menschen in diesem Land: Vereinzelung.<\/p>\n<p>Eine Gesellschaft, die auch noch in den 90er Jahren ein ernsthaftes Problem damit hat sich einzugestehen, da\u00df sie nicht l\u00e4nger wei\u00df ist, hat es vorz\u00fcglich verstanden, die Abwesenheit einer kollektiven Unterdr\u00fcckungsgeschichte von Afro-Deutschen in ihrem Sinne auszunutzen: n\u00e4mlich zu der Behauptung, da\u00df es in diesem Lande keine wirkliche Diskriminierung g\u00e4be &#8211; und wo es offensichtlich keine Diskriminierung und keinen Rassismus gegen\u00fcber Schwarzen Deutschen g\u00e4be, w\u00e4re demzufolge auch ein Zusammenschlu\u00df und eine Mobilisierung dieser Leute nicht unbedingt n\u00f6tig &#8211; w\u00e4re dies somit Ausdruck von anti-wei\u00dfem Rassismus. Da haben wir ihn, den Bogen, der von Europa nach den USA f\u00fchrt. Diese Ablehnungshaltung der Gesellschaft gegen\u00fcber Gruppen, die sich aufgrund eines Konsens gegen den Mainstream zusammengeschlossen haben, ist von genereller Natur und offenbart sich auch dort, wo es nicht um erkl\u00e4rt militante Ziele geht, sondern um ein gro\u00dfes Event, einen Teil von Tradition (ein wohlbekanntes Beispiel ist der Christopher Street Day).<\/p>\n<p>Das Recht zusammenzukommen um des Zusammenkommens willens wird mit Abwehrversuchen folgender Art beantwortet: Ob der gemeinsame Konsens \u00fcberhaupt breit genug sei; ob man wirklich meine einen Grund zu haben, sich beklagen zu k\u00f6nnen. Hier liegt eine weitere Eigenart der deutschen Gesellschaft: Afro-Deutsche, die f\u00fcr die deutsche Gesellschaft immer mit Fremdartigkeit behaftet waren, erleben sp\u00e4testens in dem Moment, wo sie gemeinsamen Boden mit anderen Menschen afrikanischer Herkunft finden, Versuche, sie wieder auf die andere Seite zur\u00fcckzuziehen, und sie als Beweis daf\u00fcr hinzustellen, da\u00df die deutsche Gesellschaft nicht diskriminiert. Beinahe jede\/r Afro-Deutsche kennt ihn, den Spruch aus seiner\/ihrer Kindheit: &#8222;So dunkel bist du ja nun auch wieder nicht.&#8220;<\/p>\n<p>So ist es f\u00fcr nicht wenige Normalb\u00fcrgerInnen Rassismus, wenn &#8222;Schwarze aller Schattierungen&#8220; &#8211; Menschen afrikanischer Herkunft &#8211; zu dem Konsens gelangen, da\u00df ihre unterschiedlichen Sozialisationen in europ\u00e4ischen, afrikanischen, amerikanischen und anderen Gesellschaften keine Barrieren darstellen, sondern die Chance, den gemeinsamen schwarzen Horizont zu erweitern. In diesem Zusammenhang mu\u00df wohl nicht erw\u00e4hnt werden, da\u00df \u00fcber die Probleme der in Deutschland lebenden Schwarzen anderer Nationalit\u00e4ten hier noch nicht gesprochen wurde.<\/p>\n<h3>Black History Month<\/h3>\n<p>Der Black History Month, der seit 1990 von der <cite>Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland e.V.<\/cite> in Zusammenarbeit mit anderen schwarzen Gruppen in Berlin veranstaltet wird, sieht es als eine Aufgabe, Afro-Deutschen ein Forum und die Gelegenheit zu geben, aus der Vereinzelung und Unkenntnis der eigenen Geschichte auszubrechen. Heute ist &#8222;Afro-Deutsch&#8220; &#8211; ein Wort, das in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Dichterin Audre Lorde in Selbstbestimmung entwickelt wurde &#8211; beinahe ein gern gebrauchter Begriff in den Medien, was wohl auch aus der Erkenntnis resultiert, da\u00df man eine Gruppe, die gemeinsame Werte gefunden hat, sich zu artikulieren und zu bestimmen, nicht mehr mit von au\u00dfen auf sie projizierten Begriffen und Kategorisierungen \u00fcbergehen kann. Der Kampf um Worte ist ein symboltr\u00e4chtiger Anfang, aber auch nur ein Anfang.<\/p>\n<p>Eine andere Aufgabe des Black History Month ist es, die Eindimensionalit\u00e4t dieser Gesellschaft in Sachen Nationalit\u00e4t und Denken in Frage zu stellen, da schon dieses f\u00fcr viele eine Provokation und ein direkter Angriff auf die pers\u00f6nliche Identit\u00e4t ist. In einer Zeit, in der Schlammschlachten mit Mythen und Konzepten wie &#8222;Europ\u00e4isierung&#8220; und &#8222;Globalisierung&#8220; betrieben werden, verst\u00e4rkt auch die deutsche Gesellschaft nach innen ihren Assimilationsdruck und die damit verbundene Forderung nach dem &#8222;Deutsch denken&#8220; an alle, die teilhaben wollen an einer lebenswerten Existenz.<\/p>\n<p>Der Black History Month 1998 wird vom 30. Januar bis 7. M\u00e4rz mit Seminaren, Workshops, Kinderveranstaltungen, Ausstellungen, Lesungen, Konzerten und Partys Gelegenheit geben, sich mit Schwarzer Politik und Kultur sowie anderen schwarzen Themen auseinanderzusetzen. Das diesj\u00e4hrige Leitthema ist &#8222;Schwarze Zukunft &#8211; Jugend und Netzwerke.&#8220;<\/p>\n<p>Spannen wir nun noch einmal den Bogen nach Amerika und dem Rest der Schwarzen Diaspora: Der Black History Month wird auch weiter daran arbeiten, die Erfahrungen und Lebensrealit\u00e4ten von Schwarzen insbesondere in Deutschland, aber auch in der \u00fcbrigen Welt, zu thematisieren und die eigene Geschichte selbst zu schreiben. Ganz unterschiedliche und ganz gleiche Erfahrungen werden dabei aufeinandertreffen. Der Tag, an dem die nicht-wei\u00dfe Bev\u00f6lkerung der Welt ihre eigene Geschichte zusammentragen wird, kann so weit nicht mehr sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenngleich dies eine kurze Reflexion \u00fcber schwarze Geschichte in Deutschland ist, m\u00f6chte ich an ihrem Anfang einen kurzen Ausflug nach Amerika unternehmen und ein Ereignis schildern, das Schwarzen hierzulande sehr vertraut sein d\u00fcrfte: Die Musikindustrie erlebte im Sommer 1996 den Aufstieg dreier junger US-amerikanischer Schwarzer, von denen sich zwei den landes\u00fcblichen Kategorien zu Folge noch &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/01\/black-history-month-in-berlin\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Black History Month in Berlin - graswurzelrevolution","description":"Wenngleich dies eine kurze Reflexion \u00fcber schwarze Geschichte in Deutschland ist, m\u00f6chte ich an ihrem Anfang einen kurzen Ausflug nach Amerika unternehmen und e"},"footnotes":""},"categories":[112,1033],"tags":[],"class_list":["post-1632","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-225-januar-1998","category-so-viele-farben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1632","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1632"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1632\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1632"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1632"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1632"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}