{"id":16333,"date":"2016-12-01T00:00:58","date_gmt":"2016-11-30T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=16333"},"modified":"2018-09-30T16:57:12","modified_gmt":"2018-09-30T14:57:12","slug":"tod-einer-handlungsmacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/12\/tod-einer-handlungsmacht\/","title":{"rendered":"Tod einer Handlungsmacht"},"content":{"rendered":"<p>In einem Text in der Zeitschrift\u00a0<i>Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis<\/i>\u00a0vom Dezember 2014 l\u00e4sst Spivak ihre Arbeit Revue passieren. Dabei erneuert sie u.a. den zentralen Befund postkolonialer Theorie, dass die &#8222;Subalterne [&#8230;] nicht mit dem Ende des territorialen Imperialismus&#8220;\u00a0<a name=\"o2\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u2\">(2)<\/a>\u00a0verschwinde. Den Begriff der Subalternen, von Antonio Gramsci f\u00fcr jene gesellschaftlichen Gruppen ersonnen, denen es an sozialer Repr\u00e4sentation und an &#8222;politischer Selbst\u00e4ndigkeit&#8220;\u00a0<a name=\"o3\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u3\">(3)<\/a>\u00a0mangelt, hatte Spivak einst &#8211; im Anschluss an den Historiker Ranajit Guha &#8211; in den postkolonialen Kontext transferiert. Es geht dabei einerseits um die von nationalen Befreiungsbewegungen nicht repr\u00e4sentierten unteren sozialen Schichten bzw. Kasten. Es geht aber auch um Frauen zwischen &#8222;Patriarchat und Imperialismus, Subjektkonstitution und Objektformierung&#8220;\u00a0<a name=\"o4\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u4\">(4)<\/a>, um Frauen in der sogenannten Dritten Welt also.<\/p>\n<p>Die Antwort auf die Frage, ob die Subalternen sprechen k\u00f6nnen, war eine vermittelte. Es mangelt ihnen nicht an Artikulationsf\u00e4higkeit, aber die Bedingungen, unter denen ihr Sprechen geh\u00f6rt werden k\u00f6nnte, sind von ihnen unbeeinflusst. Es sind die strukturellen H\u00f6rgewohntheiten, eingerichtet von einer kolonialen, &#8222;epistemischen Gewalt&#8220;\u00a0<a name=\"o5\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u5\">(5)<\/a>, die die Subalternen unh\u00f6rbar machen.<\/p>\n<p>Spivaks konkretes und viel zitiertes Beispiel war die 16- oder 17-j\u00e4hrige Bhuvaneswari Bhaduri, ihre Gro\u00dftante, die sich 1926 das Leben nahm. Bhaduri war Mitglied einer Widerstandsgruppe, die f\u00fcr die indische Unabh\u00e4ngigkeit k\u00e4mpfte. Sie war mit der Durchf\u00fchrung eines Mordes beauftragt worden. Weil sie ihn nicht ausf\u00fchren wollte oder konnte, brachte sie sich selbst um. Um aber nicht den Eindruck eines Suizids aufgrund einer ungewollten Schwangerschaft zu erwecken, wartete sie mit der Selbstt\u00f6tung den Beginn ihrer Menstruation ab. Spivak interpretiert den Suizid der jungen Frau als &#8222;subalterne Weise&#8220;\u00a0<a name=\"o6\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u6\">(6)<\/a>, sowohl der Tradition des Frauenselbstmordes zu widerstehen &#8211; menstruierenden Witwen war das Recht auf Suizid untersagt -, als auch der hegemonialen Interpretation einer Familienangelegenheit zu widersprechen. Trotz der systematisch ung\u00fcnstigen Bedingungen des Geh\u00f6rtwerdens, erarbeitete Bhaduri sich ihre &#8211; wenn auch endliche &#8211; Handlungsmacht (agency).<\/p>\n<p>In ihrem R\u00fcckblick nun h\u00e4lt Spivak einerseits an ihrer allgemeinen These fest, weil schlie\u00dflich &#8222;der Kolonialismus \u00fcberhaupt nicht am Ende ist.&#8220;\u00a0<a name=\"o7\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u7\">(7)<\/a>\u00a0Ihr einziges Beispiel daf\u00fcr allerdings ist erstaunlich: &#8222;Eine Version des territorialen Imperialismus und Staatsterrorismus alter Pr\u00e4gung gibt es heute noch in Pal\u00e4stina.&#8220;\u00a0<a name=\"o8\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u8\">(8)<\/a><\/p>\n<p>Diese analytische Feststellung muss einerseits verwundern, weil sich koloniale Wirtschafts- und Politikmuster schlie\u00dflich in vielen L\u00e4ndern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens in sich stets aktualisierenden Varianten bis heute halten. Andererseits \u00fcberrascht doch die einseitige, wenn nicht \u00fcberhaupt geschichtsblinde Interpretation der Situation im Nahen Osten, die keinen Gedanken darauf verwendet, dass die Gr\u00fcndung des Staates Israel ein Effekt der Shoah war. Man muss nicht mit der Siedlungspolitik der je aktuellen israelischen Regierung einverstanden sein, um das als Fakt zu akzeptieren &#8211; und damit als grundlegenden Unterschied zu jeder Form von &#8222;territorialem Imperialismus&#8220;.<\/p>\n<p>Mit dieser Bewertung Israels als irgendwie kolonialer Staat, die nur unter Ausblendung des beispiellosen Verbrechens des 20. Jahrhunderts Bestand haben kann, steht Spivak nicht allein. Auch andere TheoretikerInnen aus dem Bereich der post- und dekolonialen Studien, wie etwa Walter D. Mignolo, sind f\u00fcr ihre Position gegen\u00fcber Israel bereits kritisiert worden. Auch Mignolo denkt Israel allein im Kontext modern-kolonialer Landnahmen, ohne die Shoah als Gr\u00fcndungsmotiv zu ber\u00fccksichtigen.\u00a0<a name=\"o9\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u9\">(9)<\/a><\/p>\n<p>Spivak allerdings geht noch weiter. Im Anschluss an die fragliche Analyse \u00e4u\u00dfert sie ihr &#8222;Bed\u00fcrfnis zu verstehen, was Generationen von Kindern zu Selbstmordattent\u00e4tern macht&#8220;\u00a0<a name=\"o10\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u10\">(10)<\/a>. Dieses Bed\u00fcrfnis habe &#8222;denselben Ursprung wie mein Akt pers\u00f6nlicher Ehrerbietung gegen\u00fcber der Schwester meiner Gro\u00dfmutter und das Bed\u00fcrfnis, die Normalit\u00e4t kollektiv zu ver\u00e4ndern. Ihr Selbstmord war auch eine Botschaft, die nicht aufgegriffen wurde.&#8220;\u00a0<a name=\"o11\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u11\">(11)<\/a><\/p>\n<p>Mit dem letzten Satz setzt sie tats\u00e4chlich den Suizid von Bhuvaneswari Bhaduri mit dem Tun von heutigen Selbstmordattent\u00e4terInnen gleich. Allein schon im Hinblick auf die jeweilige Praxis als solche ist der Vergleich schr\u00e4g, schlie\u00dflich brachte Bhaduri nur sich selbst um, w\u00e4hrend Selbstmordattent\u00e4terInnen, wie das Wort schon sagt, Attentate begehen, also andere gezielt mit in den Tod rei\u00dfen.<\/p>\n<p>Auf politischer Ebene ist diese Gleichsetzung allerdings nicht nur schief, sondern katastrophal. Zumindest sollte es meines Erachtens aus linker Perspektive als intolerable \u00c4u\u00dferung gesehen werden. Denn Spivak l\u00e4sst die &#8222;Ehrerbietung&#8220; ihrer Gro\u00dftante gegen\u00fcber hier Menschen zuteil werden, die es darauf anlegen, wahllos J\u00fcdinnen und Juden umzubringen.<\/p>\n<p>Sie behauptet dar\u00fcber hinaus, dass es sich dabei um begr\u00fc\u00dfenswerte, da potenziell emanzipatorische Praktiken handele. Wie anders sollte das Bed\u00fcrfnis, &#8222;die Normalit\u00e4t kollektiv zu ver\u00e4ndern&#8220;, aus dem Mund einer marxistisch-feministischen Theoretikerin sonst interpretiert werden denn als emanzipatorische Vision?<\/p>\n<p>Den Unterschied zwischen Verstehen-Wollen im analytischen Sinne und einem empathischen Verst\u00e4ndnis, das man ihr noch zu Gute h\u00e4tte halten k\u00f6nnen, ebnet Spivak letztlich selber ein. Die Selbstmordattent\u00e4terInnen, die &#8222;auch&#8220; eine nicht aufgegriffene Botschaft \u00fcbermitteln, werden unmissverst\u00e4ndlich in die K\u00e4mpfe der Subalternen um ihr Geh\u00f6rtwerden eingereiht. Mit diesen \u00c4u\u00dferungen geht Spivak deutlich weiter als andere linke Intellektuelle, die Israel kritisiert haben. Zwar kam bzw. kommt auch beim postkolonialistischen Theoretiker Edward Said oder bei Judith Butler das Erkl\u00e4rungsmuster Kolonialismus vs. antiimperialistischer Widerstand zur Anwendung. Aber weder Said noch Butler kn\u00fcpfen ihre politischen Statements derma\u00dfen eng an zentrale Momente ihrer theoretischen Ans\u00e4tze. Die ganze Subalternit\u00e4tstheorie Spivaks aber fu\u00dft auf der Frage nach M\u00f6glichkeiten von Handlungsmacht, die hier mit pal\u00e4stinensischen Selbstmordattent\u00e4terinnen exemplifiziert wird.<\/p>\n<p>Damit stellt Spivak das ganze emanzipatorische Potenzial ihres Ansatzes in Frage. Denn was ist eine Handlungsmacht (agency) wert, die auf der Vernichtung anderer beruht? Zumal jener bestimmten &#8222;Anderen&#8220;, die, h\u00e4ufig unter dem Vorwand der Kritik an israelischer Au\u00dfenpolitik, gleicherma\u00dfen Gegenstand von Verschw\u00f6rungstheorien wie Ziele von Ressentiments und t\u00e4tlichen Angriffen sind?<\/p>\n<p>Spivak reiht sich mit ihrem Statement in die unr\u00fchmliche Tradition des als Antizionismus daher kommenden linken Antisemitimus. Daf\u00fcr ist sie bereits kritisiert worden.\u00a0<a name=\"o12\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u12\">(12)<\/a>\u00a0Die Kritik muss aber noch weiter gehen, weil Spivak die politische Aussage zur Reformulierung ihres theoretischen Ansatzes benutzt. Schlie\u00dflich kann und darf der emanzipatorische Kampf um die eigene Geschichte, bis dahin (nach Gramsci) qua Subalternit\u00e4t &#8222;notwendigerweise bruchst\u00fcckhaft und episodisch&#8220;\u00a0<a name=\"o13\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.graswurzel.net\/414\/spivak.php#u13\">(13)<\/a>, nicht auf der Grundlage der Legitimierung antisemitisch motivierter Gewalt gef\u00fchrt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Text in der Zeitschrift\u00a0Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis\u00a0vom Dezember 2014 l\u00e4sst Spivak ihre Arbeit Revue passieren. Dabei erneuert sie u.a. den zentralen Befund postkolonialer Theorie, dass die &#8222;Subalterne [&#8230;] nicht mit dem Ende des territorialen Imperialismus&#8220;\u00a0(2)\u00a0verschwinde. 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