{"id":16344,"date":"2016-12-01T00:00:03","date_gmt":"2016-11-30T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=16344"},"modified":"2022-01-12T20:25:08","modified_gmt":"2022-01-12T18:25:08","slug":"fehlstellen-afrikanischer-literaturarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/12\/fehlstellen-afrikanischer-literaturarbeit\/","title":{"rendered":"Fehlstellen afrikanischer Literaturarbeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"o2\"><\/a>Sie, die auch im Weltladen W\u00fcrzburg seit den 1980ern betrieben wird, schafft entgegen jeglicher ferner, bundesdeutscher Erwartung, und sei es mit jahrzehntelangen Wartezeiten, den Eingang bedeutender, andernfalls vergessener Werke in wichtige Verlage und entscheidende Zeitschriften, in die weite unbestimmte \u00d6ffentlichkeit: exemplarisch eben mit Wole Soyinka aus Nigeria oder Nuruddin Farah aus Somalia, aus Staatsgebilden, die assoziiert werden mit uns\u00e4glicher Gewalt, von Weltliteraten, die einfach dagegen und voll von Hoffnung &#8218;dennoch&#8216; anschreiben. &#8222;Nicht das Ei sagt es der Henne, da\u00df sie es ausbr\u00fcten soll.&#8220; (Ewe\/ Togo). ((2))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Auszug aus dem lebendigen Forum des Bayreuther Iwalewa-Hauses ((3)), ein festgehaltenes Gespr\u00e4ch von Ulli Beier 1989 mit Chinua Achebe aus Nigeria, illustriert die notwendige Kontextualit\u00e4t: &#8222;Achebe: Das ist, nun ja, schwer in Worte zu fassen, aber es ist nicht so, als w\u00fcrde man zu etwas &#8218;Primitivem&#8216; zur\u00fcckkehren. Die Notwendigkeit dieser Bewegung m\u00fcssen wir aus unserer j\u00fcngeren Geschichte erkl\u00e4ren. Die Ver\u00e4nderungen in unserer Gesellschaft sind nicht allm\u00e4hlich verlaufen, der Wandel war ziemlich brutal &#8211; wie ein gewaltsamer Einschnitt, ein Bruch der Kontinuit\u00e4t. Der Kolonialismus nimmt dir die Initiative; du wirst aus deiner eigenen Geschichte in die Geschichte eines anderen geworfen. \/ Beier: Alle Entscheidungen wurden pl\u00f6tzlich von anderen getroffen. \/ Achebe: Ja, es war eine traumatische Erfahrung, aus der wir erst jetzt zu erwachen beginnen. Diese k\u00fcnstlerische Bewegung ist Teil eines Prozesses, der uns sagen l\u00e4\u00dft: &#8218;Wir sollten feststellen, wer wir sind&#8216; &#8230; \/ Beier: &#8230; der eine Verbindung zu unserer Geschichte herstellt &#8230; \/ Achebe: Damit wir uns entscheiden k\u00f6nnen, welchen Weg wir einschlagen wollen. Verstehst du ? Wir k\u00f6nnen nicht im voraus zwingend sagen: &#8218;Das ist unser Weg!&#8216; &#8230; wir m\u00fcssen erst ein gewisses Bewu\u00dftsein unserer selbst entwickeln &#8211; nach dieser Zeit der v\u00f6lligen Entmenschlichung. Wir m\u00fcssen das Ma\u00df der Dinge wiederfinden, einfach herausfinden, wer wir sind. Das l\u00f6st nicht alle unsere Probleme &#8211; oder auch nur die meisten davon. Aber es ist ein Anfang. Von diesem Punkt aus kann man eine Richtung finden, und das ist keine pers\u00f6nliche Entscheidung, da steckt eine ganze Generation mit drin.&#8220; (Ulli Beier, Auf dem Auge Gottes w\u00e4chst kein Gras, Peter Hammer, Wuppertal 1999, S. 22).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im obigen Gespr\u00e4ch angerissene N\u00e9gritude ist die Pariser Erfindung von Afrikanit\u00e4t und schwarzer Identit\u00e4t, begr\u00fcndet ab 1935\/ 39 von den damaligen Studenten L\u00e9opold S\u00e9dar Senghor aus dem Senegal und insbesondere Aim\u00e9 C\u00e9saire aus Martinique, dokumentiert mit dem Anfang der Zeitschrift &#8222;L&#8217;\u00c9tudiant noir&#8220; und Cesaires epischem Poem &#8222;Cahier d&#8217;un retour au pays natal&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus ihr erwuchs eine philosophische, literarische und dann auch politische Emanzipationsbewegung und breitete sich nicht nur unter schwarzen Intellektuellen aus; sie wandte sich gegen den franz\u00f6sischen Mutterlandsanspruch und die Hegemonie der assimilitativen Francit\u00e9 und behauptete, formulierte, verteidigte einen eigenen, gleichberechtigten Kulturgrund Altafrikas. Die Negritude wurde zur antikolonialen geistigen Pr\u00e4gung schlechthin, obgleich wegen ihrer grundlegenden Vers\u00f6hnlichkeit intern umstritten, die in konkret weitergehende, kritische, radikalere Schritte politischer Verselbst\u00e4ndigung m\u00fcndete. Dennoch erreichte sie eine Wiedergeburt altafrikanischer Lebensphilosophie und schwarzer Weltwahrnehmung, eine Achtung der Quellen und der Urspr\u00fcnge, einen eigenen Humanismus der unterdr\u00fcckten und verachteten V\u00f6lker. Mit Jean-Paul Sartres W\u00fcrdigung und seinem Vorwort 1948 zu Senghors Anthologie neuerer schwarzer Poesie erhielt die Negritude schlie\u00dflich internationale Anerkennung. &#8222;Das Sprichwort ist das Blatt, von dem man Worte i\u00dft.&#8220; (Ibo\/ Nigeria) ((4)).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Skepsis braucht keine Pfadfinder, sie hat ihre Erfahrung. &#8222;Ich schreibe \u00fcber den Humor in meinem Land, \u00fcber die Traurigkeit in diesem Land, die Tr\u00e4nen, die wir vergossen haben, und die, die wir nicht vergossen haben, \u00fcber das L\u00e4cheln, das wir der Welt schenken konnten, und \u00fcber das L\u00e4cheln, das wir der Welt noch schuldig sind.&#8220; (Chenjerai Hove, Ausstellung Geschichte und Geschichten, Frankfurt 1998). Die Erfahrung klagt an, richtet den makabren Blick, betrauert, f\u00fcrchtet vorweg: den obsz\u00f6nen Staatsmord des nigerianischen Abacha-Regimes 1995 an den alleingelassenen Ken Saro Wiwa und seiner sieben Ogoni-Mitstreiter aus dem Niger-Delta, diesen lebenslang bel\u00e4chelten, beneideten und zornigen, bittergewordenen Volksliteraten Nigerias (vgl. LiteraturNachrichten H.48\/ 1996); oder: die fortw\u00e4hrende Flucht des Syl Cheney-Coker, bohrend brennender Heimkehrwunsch nach Sierra Leone und Abbruch immerfort, depressive Verharrungen und Ablehnungen verlautbart in Privatnotizen; &#8211; beide Namen beispielhaft f\u00fcr viele Intellektuelle, die nicht Hofschreiber ihrer Landesdespoten sein wollten ((5)), nicht den Herrschaften schmeichelten und mit Verfolgung, Dem\u00fctigung, Folter, Haft rechnen mu\u00dften, &#8211; die \u00fcbergreifendes soziales Gewissen ihrer L\u00e4nder geworden sind, moralische Zeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Als Dichter, einsam in meinem Land, suche ich die Wahrscheinlichkeiten des Lebens, das Feuer der Bilder, das Gift der Verse. Mein Land, du bist mein Herzschlag, lebst wie eine verw\u00fcstete Landschaft.&#8220; (Syl Cheney-Coker, Ausstellung Geschichte und Geschichten, Frankfurt 1998). &#8211; Sie und weitere k\u00f6nnen zumindest darauf z\u00e4hlen: vernichtet werden zu sollen unter der Walze von Macht und Selbstbereicherung, sei es seelisch, sei es leibhaftig, beispiellos aber f\u00fcr den getroffenen Einzelnen. &#8222;Als seine Peiniger ihn allein lie\u00dfen, untersuchte er seine neue Heimstatt &#8211; einen grausigen Kerker aus kolonialer Zeit, in dem sich vor vielen Jahrhunderten das Blut seiner Landsleute mit Kot und Erbrochenem vermischte, bevor man sie auf Schiffen \u00fcber das tr\u00fcgerische Meer in eine andere Welt brachte, in deren sumpfiger Trostlosigkeit sie dann zugrunde gingen.&#8220; (Syl Cheney-Coker, Der Nubier, Peter Hammer, Wuppertal 1996, S. 7).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer alles war nicht schon Zielscheibe: eine Legion von Weltliteraten, deren Namen besch\u00e4men! Der Weltladen unternahm 1998 eine Stra\u00dfenaktion verfolgter Autoren in W\u00fcrzburg, um bescheiden eine Mahnung zu suchen, zu signalisieren. Anfang &amp; Ende des fiktionalen &#8222;Nubier&#8220; treffen frappant die Wirklichkeit, korrelieren mit den letzten Worten im offenen Brief des realen Todeskandidaten. &#8222;Schreckliche Aussichten? Wohl kaum. Die Herren, die diese schamvolle Veranstaltung, diese tragische Scharade, in Auftrag gegeben haben und sie \u00fcberwachen, f\u00fcrchten das Wort, die Macht der Ideen, die Macht der Feder. Sie f\u00fcrchten die Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten.&#8220; (Ken Saro-Wiwa, LiteraturNachrichten H.46\/ 1995).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bestialit\u00e4t und L\u00e4cherlichkeit (nicht nur) afrikanischer Despoten und ihrer Regime (sie qu\u00e4len nie alleine) haben Sony Labou Tansi aus Kongo-Brazzaville und Ahmadou Kourouma von der Elfenbeink\u00fcste ausgiebig beschrieben; sie steht in der Nachfolge der kolonialistischen Menschenverachtung, des sklavenjagenden Menschenhandels mit Kollateralsch\u00e4den. In seinem zornigen Aufsatz &#8222;\u00dcber den Kolonialismus&#8220; (Wagenbach, Berlin 1968) bewertet Aime Cesaire den Kolonisator als den, &#8222;der sich, um sich ein gutes Gewissen zu verschaffen, daran gew\u00f6hnt, im anderen das Tier zu sehen, der sich darin \u00fcbt, ihn als Tier zu behandeln, objektiv dahin gebracht wird, sich selbst in ein Tier zu verwandeln&#8220;, beschreibt die koloniale Aktion als Auspl\u00fcnderung und entmenschlichte Barbarei, als Verdinglichung und zahlloses Menschenopfer, als mystifizierten Sadismus und &#8222;hastige Fabrikation einiger tausend subalterner Funktion\u00e4re, [&#8230;] die f\u00fcr den reibungslosen Ablauf der Gesch\u00e4fte ben\u00f6tigt werden&#8220;. (zit.n. Al Imfeld, Verlernen was mich stumm macht, Unionsverlag, Z\u00fcrich 1980, S. 38).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anbetracht dessen: lesen, schreiben, ohne zynisch zu verzweifeln? B\u00fccher werden nichtsdestotrotz weitergereicht von Leser zu Leser, bis sie zerfleddern, zerfallen; sie helfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Auf dem Land l\u00e4\u00dft das Leben in der Gruppe die f\u00fcrs Lesen notwendige Vereinzelung nicht zu: man spricht immerfort miteinander und hat, solange die Sonne am Himmel steht, Wichtigeres zu tun als zu lesen; und elektrische Beleuchtung ist in den D\u00f6rfern immer noch die Ausnahme. Dennoch kann man \u00fcberall Lesende antreffen: sie sitzen auf den K\u00fcchenschwellen w\u00e4hrend der Arbeitspause, lehnen an einem Baumstamm beim H\u00fcten der Herde oder warten vor den Sehensw\u00fcrdigkeiten auf Touristen. Zudem erlebt man vielerorts, wie literarische Werke, auch Romane, vorgelesen werden. Diese m\u00fcndliche Umsetzung erg\u00e4nzt das Theater, das lebendig ist wie eh und je und sich seinen Weg ins Fernsehen bahnt, und das Lied, das \u00fcbers Radio eine Verbreitung erf\u00e4hrt wie nie zuvor.&#8220;, schreibt die reisende und beobachtende Lehrerin Almut Seiler-Dietrich in ihrer Umschau &#8222;W\u00f6rter sind Totems&#8220; (Books on African Studies, Schriesheim 1995, S.12), einst junge Doktorandin bei Janheinz Jahn und Ulla Schild, Lehrbeauftragte an ihrer beider nachge-lassenen Jahn-Bibliothek an der Universit\u00e4t Mainz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist das Feuer so klein, da\u00df du es nicht siehst, steck es nur in die Tasche, dann merkst du, da\u00df es brennt.&#8220; (Ewe\/ Togo) ((6)).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie, die auch im Weltladen W\u00fcrzburg seit den 1980ern betrieben wird, schafft entgegen jeglicher ferner, bundesdeutscher Erwartung, und sei es mit jahrzehntelangen Wartezeiten, den Eingang bedeutender, andernfalls vergessener Werke in wichtige Verlage und entscheidende Zeitschriften, in die weite unbestimmte \u00d6ffentlichkeit: exemplarisch eben mit Wole Soyinka aus Nigeria oder Nuruddin Farah aus Somalia, aus Staatsgebilden, die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/12\/fehlstellen-afrikanischer-literaturarbeit\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":498,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Fehlstellen afrikanischer Literaturarbeit - graswurzelrevolution","description":"Sie, die auch im Weltladen W\u00fcrzburg seit den 1980ern betrieben wird, schafft entgegen jeglicher ferner, bundesdeutscher Erwartung, und sei es mit jahrzehntelang"},"footnotes":""},"categories":[954,1035],"tags":[1254],"class_list":["post-16344","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-414-dezember-2016","category-wunderkammer","tag-afrika"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16344","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/498"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16344"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16344\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}