{"id":1636,"date":"1998-01-01T00:00:15","date_gmt":"1997-12-31T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1636"},"modified":"2011-10-30T17:15:36","modified_gmt":"2011-10-30T15:15:36","slug":"studentischer-streik-auf-der-kippe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/01\/studentischer-streik-auf-der-kippe\/","title":{"rendered":"Studentischer Streik auf der Kippe?"},"content":{"rendered":"<p>Studierende haben zun\u00e4chst wenig Chancen, ihre Ausbildungssituation zu verbessern oder sogar gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen durchzusetzen. Aber was in diesen Tagen studentischen Streiks und erster Aktionen auff\u00e4llt, ist das Engagement der Jungsemester, die reichlich geschockt von der miserablen Ausbildungssituation sich sagen: So mit uns nicht; so lassen wir uns nicht verramschen. Und auch wenn wir wenig Chancen haben, so stehen wir jetzt auf und machen unserem Unmut in Forderungen und Aktionen Luft. Die politisch Verantwortlichen reagierten zun\u00e4chst fast unisono aufgeschlossen, fast schon peinlich anbiedernd, m\u00f6glicherweise demn\u00e4chst ein paar Brosamen streuend, aber kaum willens etwas zu \u00e4ndern! HochschullehrerInnen reagieren aufgeschlossen-analysierend, aber nur wenige sind auf den Demonstrationen zu sehen.<\/p>\n<p>Die Studierenden haben die Streiks nicht von langer Hand vorbereitet und konzeptionell angesto\u00dfen &#8211; sie sind selbst von der eigenen Wut- und Protestdynamik \u00fcberrascht. Um so wichtiger ist deshalb jetzt, sich nicht in kurzatmige Aktionen und einen 34 Bindestriche umfassenden Forderungskatalog zu verwickeln, sondern f\u00fcr die verschiedenen Ebenen zun\u00e4chst politisch und hochschulpolitisch <cite>Aushandlungsf\u00e4higes <\/cite>zu entwickeln. Das soll nat\u00fcrlich auch auf strukturelle \u00c4nderungen der Gesellschaft abzielen, aber man\/frau mu\u00df wissen, da\u00df die kurzfristige Aussicht auf eine \u00f6kologische Reform, auf Reichtumsumverteilung oder auch nur zur bescheidenen solidarischen Arbeitsumverteilung ganz schwach ist.<\/p>\n<h3>Wie k\u00f6nnte solch Aushandlungsf\u00e4higes aussehen?<\/h3>\n<ol>\n<li>Auf der Ebene der Fachbereiche bedarf es einer intensiven Diskussion dar\u00fcber, wozu und zu welchem Ende studiert man\/frau Chemie, Politikwissenschaft oder Geschichte; wie werden Studierende sozialisiert; worin besteht das Kerngeh\u00e4use eines Fachs; welchen gesellschaftlichen Herausforderungen soll sich die Disziplin bis hin zum Arbeitsmarkt stellen? Nur so l\u00e4\u00dft sich rational fordern, nur so wird Protest substantiell und glaubw\u00fcrdig zugleich. Das bindet auch die Studierenden, die eher nur eine pragmatische Sicht ihrer Ausbildung haben.<br clear=\"none\"\/><br clear=\"none\"\/><\/li>\n<li>Auf der Ebene der Universit\u00e4t sind die Handlungsspielr\u00e4ume im Sinne der studentischen Interessen erneut zu problematisieren. Denn: Studierende leiden unter der Ausbildungssituation insgesamt mehr als die HochschullehrerInnen, ihre Existenz steht qualitativ auf dem Spiel, nicht die der HochschullehrerInnen. Deshalb w\u00e4re auszuhandeln: Nicht 130 000 DM j\u00e4hrlich kostende HochschullehrerInnen allein begr\u00fcnden die Qualit\u00e4t in der Lehre, sondern ein differenziert zu findender wissenschaftlicher Mittelbau: Teilzeit-Professuren, besser bezahlte Lehrbeaufragte, mehr Tutorien im Grundstudium. Die zentralen Universit\u00e4tsverwaltungen w\u00e4ren zu halbieren und die Kompetenzen an die Fachbereiche zu verlagern, wo Studierende zumindest mit demokratischen Drittelparit\u00e4ten an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Studierende, die 2 Jahre mit Universit\u00e4tsverwaltungen um eine 8 000 DM teure TutorInnenstelle ringen m\u00fcssen, werden alle Lust an der demokratischen Teilhabe verlieren. Wer nicht mitentscheiden kann, interessiert sich f\u00fcr die Universit\u00e4t nur in seinen\/ihren Lehrveranstaltungen.<br clear=\"none\"\/><br clear=\"none\"\/><\/li>\n<li>Mit der Staatsseite w\u00e4ren gezielte Reformprogramme und mehr Geld auszuhandeln. Nat\u00fcrlich ist in einem Land wie zum Beispiel Berlin schwer Geld zu fordern, wenn es aus anderen Etats genommen werden mu\u00df &#8211; wie etwa Soziales, Kultur oder Arbeitsmarkt (Berlin nimmt noch j\u00e4hrlich 16,7 Mrd. DM Steuern ein und mu\u00df f\u00fcr Personal 14,1 Mrd. DM bezahlen &#8211; das ist der Faststaatsbankrott). Deshalb bleibt nichts \u00fcbrig als auch ein &#8222;B\u00fcndnis f\u00fcr Bildung und Besch\u00e4ftigung&#8220; zu versuchen, das Personalkosten solidarisch umverteilt. Das w\u00e4re zwischen Staat, Gewerkschaften und Universit\u00e4ten auszuhandeln. Die Asten k\u00f6nnten einen Runden Tisch einberufen. Konkret s\u00e4he das so aus: ProfessorInnen bekommen 10 % weniger Gehalt. Sie werden nicht dabei zugrundegehen. Vollzeit- wissenschaftliche MitarbeiterInnen erhalten 5 % weniger &#8211; und das Geld wird investiert in das Notwendigste: Lehrpersonal, wissenschaftliche Nachwuchsf\u00f6rderung, Tutorien, ein wenig Infrastruktur. Im Gegenzug m\u00fc\u00dfte die staatliche Seite das Sparprogramm mindern. F\u00fcr die FU Berlin w\u00e4ren das immerhin 100 Mio. DM, f\u00fcr meinen Fachbereich Politische Wissenschaft 0,5 Mio. DM mehr im Jahr. Das w\u00e4re ganz konkret und sehr wirksam. Aber Studierende m\u00fc\u00dften das auch gegen\u00fcber dem Staat und ihren ProfessorInnen im Sinne ihrer eigenen Interessen vertreten. Denn: ProfessorInneninteressen sind mitnichten immer StudentInneninteressen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aber alles das wird nichts n\u00fctzen, wenn die Studierenden nicht in ihren Protest- und Konfliktformen zulegen. Papier, Demonstrationen und demonstrative Vorlesungen vor dem Haus des Ministers sind zu wenig. Manche lustige Aktionen wirken fast l\u00e4cherlich-medienzentriert. Eine f\u00fcrsorgliche Belagerung w\u00e4re nicht schlecht oder eine &#8222;besuchende Demonstration&#8220; in den guten Vierteln von M\u00fcnchen, Berlin, Stuttgart oder Freiburg, um zu zeigen, da\u00df der Bildungsnotstand vor den T\u00fcren der etablierten Republik steht. Die auf der Sonnenseite der Republik m\u00fcssen wahrnehmen, da\u00df die Gesellschaft 1,3 bis 1,4 Mio. Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren nicht aus dem Bildungs- und Besch\u00e4ftigungssystem ausschlie\u00dfen kann.<\/p>\n<p>Wir HochschullehrerInnen k\u00f6nnen eigentlich von uns aus nur konzeptionell \u00fcberzeugende Forderungen mit einer regelverletzenden Arbeitsniederlegung verbinden. Beamte d\u00fcrfen nicht streiken, aber jetzt m\u00fcssen sie es tun, sollen die Hochschulen nicht vor die Hunde gehen. Das w\u00e4re auch die konflikttreibendste M\u00f6glichkeit der HochschullehrerInnen, die auch den Studierenden nutzen k\u00f6nnte. Man\/frau stelle sich vor, der Pr\u00e4sident der Hochschulrektorenkonferenz und die drei Berliner Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten legten f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit einsichtige und nachvollziehbare Forderungen vor, die auch vor den eigenen Privilegien nicht haltmachen und rufen bewu\u00dft zur Arbeitsniederlegung auf. Eigentlich f\u00fcr ProfessorInnen undenkbar, aber nach Lage der Dinge notwendig. Wenn Studierende ihre ProfessorInnen im Seminar fragen, warum sie eigentlich nicht die Arbeit niederlegen, werden sie das Stottern der sonst sehr fl\u00fcssig formulierenden DozentInnen wahrnehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Studierende haben zun\u00e4chst wenig Chancen, ihre Ausbildungssituation zu verbessern oder sogar gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen durchzusetzen. Aber was in diesen Tagen studentischen Streiks und erster Aktionen auff\u00e4llt, ist das Engagement der Jungsemester, die reichlich geschockt von der miserablen Ausbildungssituation sich sagen: So mit uns nicht; so lassen wir uns nicht verramschen. Und auch wenn wir wenig Chancen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/01\/studentischer-streik-auf-der-kippe\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Studentischer Streik auf der Kippe? - graswurzelrevolution","description":"Studierende haben zun\u00e4chst wenig Chancen, ihre Ausbildungssituation zu verbessern oder sogar gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen durchzusetzen. Aber was in diesen T"},"footnotes":""},"categories":[112,43],"tags":[],"class_list":["post-1636","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-225-januar-1998","category-bildung-libertare-padagogik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1636","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1636"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1636\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1636"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1636"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1636"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}