{"id":16395,"date":"2017-02-01T00:00:00","date_gmt":"2017-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2017\/02\/kollektiv-gegen-die-alltaegliche-krise\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:06","slug":"kollektiv-gegen-die-alltaegliche-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/02\/kollektiv-gegen-die-alltaegliche-krise\/","title":{"rendered":"Kollektiv gegen die allt\u00e4gliche Krise"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr viele Spanierinnen und Spanier ging die Krise mit Arbeitslosigkeit, Prekarisierung, sozialem Abstieg, \u00f6konomischer Vulnerabilit\u00e4t und Verarmung einher, w\u00e4hrend die soziale Ungleichheit deutlich anstieg. Die Folgen waren hunderttausende Zwangsr\u00e4umungen, w\u00e4hrend Angstst\u00f6rungen, Depressionen und andere psychische Erkrankungen zunahmen.<\/p>\n<p>In der Folge kam es zu massiven sozialen Protesten &#8211; von den Platzbesetzungen der Bewegung 15-M \u00fcber die K\u00e4mpfe um Wohnraum bis hin zu Protesten gegen K\u00fcrzungen, Privatisierungen und neoliberale Reformen im Bildungs- und Gesundheitsbereich.\u00a0((1))<\/p>\n<h3>Kollektive Organisierung<\/h3>\n<p>\u00dcber kollektive Organisierung gegen allt\u00e4gliche soziale Probleme gelang es in den Bewegungen, mit der permissiven und passiven Stimmung innerhalb der Bev\u00f6lkerung, die die ersten Jahre der Krise kennzeichnete, zu brechen. Zentral hierf\u00fcr war eine Neuerfindung linker Politik. \u00dcber offene und partizipative Strukturen, einen solidarischen und anerkennenden Umgang miteinander und eine konsequente Politik der ersten Person &#8211; das hei\u00dft, eine Politik, die prim\u00e4r auf subjektiver Betroffenheit statt auf scheinbar objektiven &#8218;Notwendigkeiten&#8216;, &#8218;Sachzw\u00e4ngen&#8216; oder gesellschaftstheoretischen Pr\u00e4missen basierte &#8211; gelang es, die Distanz linker Politik von allt\u00e4glichen Erfahrungen breiter Teile der Bev\u00f6lkerung zu \u00fcberwinden und die Sinnhaftigkeit kollektiven politischen Handelns erfahrbar zu machen.<\/p>\n<h3>Die spanischen Krisenproteste sind weit \u00fcber Spanien hinaus aufschlussreich f\u00fcr linke Debatten<\/h3>\n<p>Sie zeigen, wie es gelingen kann, Politik erneut an allt\u00e4glichen Problemen der Bev\u00f6lkerung auszurichten, mehrheitsf\u00e4hig zu werden sowie die eigenen subkulturellen Szenegrenzen und die mit ihnen nicht selten einhergehende \u00dcberheblichkeit und Erfahrungsarmut zu \u00fcberwinden.\u00a0((2))<\/p>\n<h3>&#8222;Ohne eine Antwort.&#8220; Linke Politik in den ersten Jahren der Krise<\/h3>\n<p>Obwohl schwerwiegende soziale Folgen der \u00f6konomischen Krise f\u00fcr viele Spanierinnen und Spanier bereits ab 2008 sp\u00fcrbar wurden und die Regierungen\u00a0((3))\u00a0bereits 2010 begannen, eine drastische Austerit\u00e4tspolitik (u.a. K\u00fcrzungen im \u00f6ffentlichen Dienst, Abbau des K\u00fcndigungsschutzes, neoliberale Reformen des Tarifvertragssystems, Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters) durchzusetzen, war die Bev\u00f6lkerung zun\u00e4chst relativ passiv: &#8222;Die Leute waren ungl\u00fccklich, aber sehr ruhig [&#8230;], ohne eine [&#8230;] Antwort [&#8230;]. [Es gab] h\u00f6chstens sehr spezifische und limitierte Proteste entlassener Arbeiter, wenn eine Fabrik schloss. [&#8230;] Es schien unglaublich, dass die Arbeiter und die Leute nicht mehr reagierten, aber so war es.&#8220;\u00a0((4))<\/p>\n<p>Die Menschen versuchten, die sozialen Probleme, mit denen die Krise einherging, individuell oder \u00fcber famili\u00e4re Solidarstrukturen zu l\u00f6sen, was nicht nur die Betroffenen \u00fcberforderte, sondern auch viele Familien \u00fcberlastete.<\/p>\n<p>Die spanischen Mehrheitsgewerkschaften CC.OO. und UGT waren durch das Tempo, in dem die Austerit\u00e4tspolitik durchgesetzt wurde, durch den Zusammenbruch des sozialen Dialogs, da staatliche Apparate und Arbeitgeber kaum noch bereit waren Zugest\u00e4ndnisse zu machen, durch die Verbetrieblichung der Tarifverhandlungen sowie durch Abwehrk\u00e4mpfe und Konzessionstarifverhandlungen in den Betrieben geschw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Ihre eigene Mobilisierungsf\u00e4higkeit sch\u00e4tzten sie zun\u00e4chst als zu schwach ein, &#8222;um zu sagen, wir schlie\u00dfen keinen Pakt, wir gehen auf die Stra\u00dfe&#8220; (Interview CC.OO., Madrid, 17.7.2012). Ihnen fiel es schwer, sich auf die ver\u00e4nderte Situation einzustellen. Sie setzten sich zun\u00e4chst in erster Linie daf\u00fcr ein, den sozialen Dialog wiederzubeleben, und entwickelten nur z\u00f6gerlich konfrontativere Strategien (u.a. Generalstreiks).\u00a0((5))<\/p>\n<p>Die spanische Linkspartei Izquierda Unida (IU) wurde aufgrund ihrer Fokussierung auf staatliche Institutionen und ihrer Regierungsbeteiligungen von vielen Spanierinnen und Spaniern kaum als politische Alternative wahrgenommen. Sie regierte in &#8222;vielen Kommunen und einigen Regionen [&#8230;] zwar mit. Aber nicht immer wurde dabei ein Unterschied deutlich. Auch zu Korruptionsf\u00e4llen ist es in der Vergangenheit gekommen, auch wenn diese mittlerweile aufgekl\u00e4rt sind und die entsprechenden Personen die Partei verlassen haben&#8220;.\u00a0((6))\u00a0Selbst viele derjenigen, die in der Partei aktiv waren, verbanden sie mit &#8222;unangenehme[n] Erfahrungen: wenig Beteiligung, viel B\u00fcrokratie, alles sehr kleinkariert, auf die Institutionen fixiert. Man hatte gro\u00dfe Angst davor, etwas auszuprobieren, Fragen zu formulieren, zu forschen. Das Innenleben der Partei war immer wichtiger als die gesellschaftliche Situation&#8220;.\u00a0((7))<\/p>\n<p>Teile der radikalen Linken hatten zwar bereits vor der Krise &#8211; etwa in den K\u00e4mpfen gegen Prekarit\u00e4t und f\u00fcr Wohnraum oder den Protesten gegen die Bologna-Reformen &#8211; die &#8222;klassische[&#8230;] jugendliche[&#8230;] Autonomie, schwarz angezogen, mit all ihrem Merchandise und ihrer urbanen Folklore und den besetzten sozialen Zentren&#8220; und mit ihr das &#8222;jugendliche und identit\u00e4re Ghetto&#8220; (Interview Traficantes de Sue\u00f1os, Madrid, 19.3.2014) hinter sich gelassen. Ihnen gelang es dennoch in den ersten Jahren der Krise kaum, gegen\u00fcber den eskalierenden allt\u00e4glichen Problemen \u00fcber linke Subkulturen hinaus gesellschaftlich wahrnehmbar zu werden.<\/p>\n<h3>&#8222;Eine kathartische Explosion, in der alle wieder politisch wurden.&#8220;<\/h3>\n<h3>Die Welle allt\u00e4glicher sozialer K\u00e4mpfe infolge des 15-M<\/h3>\n<p>Die Movimiento 15-M (Bewegung 15. Mai) wirkte dieser Krise linker Politik gegen\u00fcber als &#8222;kathartische Explosion, in der alle wieder politisch wurden und einen Haufen Sachen machten&#8220; (Interview 15-M, Barcelona, 27.9.2012). Ausgangspunkt der Bewegung waren am 15. Mai 2011 Demonstrationen in zahlreichen spanischen St\u00e4dten unter dem Motto &#8222;Wir sind keine Waren in den H\u00e4nden der Politiker und Banker&#8220;, an denen sich \u00fcberraschend viele Menschen beteiligten, obwohl sie lediglich von der relativ kleinen und unbekannten Plattform Democracia Real Ya! initiiert wurden, die unterschiedliche Gruppen verkn\u00fcpfte.\u00a0((8))<\/p>\n<p>Grundlage des Erfolgs waren internetbasierte Formen der Mobilisierung, etwa \u00fcber Facebook. Zumindest teilweise lag die erfolgreiche Mobilisierung an der Abwesenheit etablierter politischer Organisationen: &#8222;Es war eine andere Demonstration [&#8230;]. Ohne die traditionellen Kollektive. [&#8230;] Wir haben uns alle angeschaut [&#8230;]: Ach was! Wir sind hier als Personen, als Individuen, die sich f\u00fcr die Situation, in der wir leben verantwortlich f\u00fchlen&#8220; (Interview 15-M, Madrid, 17.7.2012).<\/p>\n<p>Der Demonstration gelang es, der Unzufriedenheit der Bev\u00f6lkerung einen politischen Ausdruck zu verleihen. Nach dem Ende der Demonstration kam es in Madrid zu einer Sitzblockade, gegen die die Polizei repressiv und mit Verhaftungen vorging, woraufhin etwa 100 Protestierende &#8211; vor allem aus der radikalen Linken &#8211; zur Puerta del Sol weiterzogen, wo sie beschlossen, nach dem Vorbild des Tahrir-Platzes die Nacht zu verbringen. Am n\u00e4chsten Tag fand die erste Vollversammlung mit etwa 200 Teilnehmenden statt. Am fr\u00fchen Morgen des 17. Mai versuchte die Polizei das Camp in Madrid aufzul\u00f6sen. Daraufhin fand am Abend auf dem Platz eine Vollversammlung mit 12.000 Menschen statt, die eine unbefristete Fortf\u00fchrung der Besetzung beschloss. In der folgenden Nacht standen bereits etwa 100 Zelte auf der Puerta del Sol. Parallel dazu weiteten sich die Protestcamps auf mehr als 50 St\u00e4dte aus.<\/p>\n<p>Die besetzten Pl\u00e4tze wurden zu Zentren der Entwicklung einer vielf\u00e4ltigen Protestbewegung, in der erfahrene Aktivistinnen und Aktivisten eine Minderheit waren. 15-M &#8222;wurde wie aus einem anderen Madrid geboren. Ich erinnere mich daran, in den Tagen kurz nach dem 15-M \u00fcber den Platz &#8230; \u00fcber den Puerta del Sol zu gehen, und du trafst Aktivisten, die v\u00f6llig fassungslos waren: &#8218;Wir kennen niemanden&#8216;. Und einigen missfiel das sogar, es machte sie wie w\u00fctend: &#8218;Aber hier spielen wir keine Rolle'&#8220; (Interview FRAVM, Madrid, 12.3.2014). Die Marginalisierung der radikalen Linken innerhalb der Platzbesetzungen erm\u00f6glichte eine offene, inklusive und neuartige Bewegung: &#8222;Es war bereichernd, dass es Leute ohne politische Kultur gab. Ja, ihre Unschuld, ihr neuer Blick [&#8230;] war das, was bereicherte und es erm\u00f6glichte, die Dogmen niederzurei\u00dfen und von neuen Ideen auszugehen. Und es war anders&#8220; (Interview 15-M, Barcelona, 25.9.2012).<\/p>\n<p>Zentrales Element der Platzbesetzungen waren allgemeine und thematische Vollversammlungen, auf denen organisatorische Fragen sowie die inhaltliche Ausrichtung der Bewegung kollektiv diskutiert und beschlossen wurden. Kennzeichen der Vollversammlungen der Bewegung 15-M waren eine Reihe von Mechanismen, die eine dynamische, partizipative und kooperative Auseinandersetzung erm\u00f6glichen sollten. Ausgangspunkt war eine Politik der ersten Person, durch die individuelle, allt\u00e4gliche Probleme ins Zentrum der politischen Auseinandersetzungen r\u00fcckten. Wie ein Aktivist erkl\u00e4rt, wurde weniger &#8222;\u00fcber Ideologien geredet, sondern \u00fcber konkrete Probleme&#8220;.\u00a0((9))Mit Espinar und Abell\u00e1n hat 15-M dadurch &#8222;eine Politisierung sozialer Bed\u00fcrfnisse erreicht, die bislang in der Privatsph\u00e4re gel\u00f6st und verhandelt wurden. Durch seine Pr\u00e4senz im \u00f6ffentlichen Raum und seinen Einfluss auf die \u00f6ffentliche Meinung haben sich zumindest ansatzweise private soziale Bed\u00fcrfnisse in kollektive politische Forderungen verwandelt.&#8220;\u00a0((10))<\/p>\n<p>Erm\u00f6glicht wurde dies auch dadurch, dass die Aktiven in zahlreichen Versammlungen &#8222;immer wieder darauf hingewiesen [wurden], dass sie stets als Person sprechen, nicht als Vertreter von Parteien oder Gewerkschaften, auch wenn sie Mitglieder dieser sind&#8220;.\u00a0((11))<\/p>\n<p>Diese Praxis resultierte aus Erfahrungen von Teilen der spanischen Studierendenbewegung, die zu der \u00dcberzeugung gelangt waren, dass &#8222;um etwas [&#8230;] zu machen, das sichtbar ist, und um die Gesellschaft zu erreichen, [&#8230;] die Namen der Organisationen verschwinden m\u00fcssten&#8220; (Interview 15-M, Madrid, 17.7.2012). 15-M gelang es damit, einen Raum f\u00fcr &#8222;kosmopolitische Erfahrungen&#8220; zu konstituieren, der es erm\u00f6glichte, &#8222;sektiererische Streitigkeiten&#8220; abzuwehren und zu \u00fcberwinden.\u00a0((12))Etablierte linke Handlungsroutinen wurden in diesem Prozess fragw\u00fcrdig: &#8222;Nur hier in der Praxis checkst du pl\u00f6tzlich, dass es so was gibt wie dringliche Bed\u00fcrfnisse. Damit meine ich Sachen des Alltags, wie Kinder, die essen m\u00fcssen. F\u00fcr mich ist es ein ernstes Dilemma: Ich wollte all diese Probleme ja auch in der Vergangenheit l\u00f6sen, aber mit einem Wechsel des Systems und einer Dynamik der Konfrontation, doch dazu bin ich nicht f\u00e4hig gewesen. Es hat mich viel Kraft gekostet, mich nun auf diese viel direktere Art und Weise einzulassen, doch nun sehe ich darin auch ein Potential der Transformation. Kurzfristig, wenn wir Erfolg haben, dann gewinnen wir was, also ganz konkret f\u00fcr das Leben der jeweiligen Personen.&#8220;\u00a0((13))<\/p>\n<p>Handzeichen, um Zustimmung, Ablehnung oder Vetos auszudr\u00fccken sowie Wiederholungen sichtbar zu machen, erm\u00f6glichten es auch den Zuh\u00f6renden, unmittelbar auf Wortbeitr\u00e4ge zu reagieren. Die Versammlungen waren in der Regel auf Konsens ausgerichtet. Insbesondere f\u00fcr unerfahrene Aktive war es durch die inklusiven, horizontalen Formen der Bewegung sowie durch ihre ideologische Offenheit und Unbestimmtheit leichter, sich wahrgenommen und geh\u00f6rt zu f\u00fchlen. Dass &#8222;es ein sehr offener Raum war, hat dazu gef\u00fchrt, dass Leute, die sich in keiner Organisation widergespiegelt gesehen haben, [&#8230;] sich hier gesehen haben, weil es m\u00f6glich war, sich offener zu beteiligen, weil ihre Meinung ber\u00fccksichtigt wurde&#8220; (Interview 15-M, Madrid, 18.7.2012). Den erlebten gegenseitigen Respekt und den wohlwollenden oder sogar liebevollen Umgang z\u00e4hlten viele Aktive zu ihren eindr\u00fccklichsten Erfahrungen im Rahmen von 15-M.<\/p>\n<p>Auch wenn die Dynamik der Bewegung 15-M bereits 2011 abebbte &#8211; etwa aufgrund von Erm\u00fcdung &#8211; gelang es der Bewegung, die Bev\u00f6lkerung nachhaltig zu aktivieren und zu politisieren. In der Folge entstanden in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen soziale Bewegungen, die sich an der basisdemokratischen und inklusiven &#8218;Grammatik&#8216; von 15-M orientierten.<\/p>\n<p>Die Plattform der Hypothekenbetroffen organisierte basisdemokratische Vollversammlungen, in denen Betroffene sich gegenseitig \u00fcber den Umgang mit Hypothekenschulden berieten und kollektive Aktionen f\u00fcr ein Recht auf Wohnraum planten (u.a. ziviler Ungehorsam gegen Zwangsr\u00e4umungen, Besetzungen von Banken, Aushandlung von Schuldenerlassen, Aneignung von Wohnraum), durch die es gelang, eine Vielzahl &#8222;kleiner gro\u00dfer Erfolge&#8220;\u00a0((14))\u00a0zu erzielen. Im Gesundheitsbereich in Madrid gelang es durch die neu entstandenen berufs- und status\u00fcbergreifenden basisdemokratischen Vollversammlungen in den Kliniken gemeinsam mit etablierten Gewerkschaften und Berufsverb\u00e4nden starke Proteste zu entfachen, durch die ein weitreichendes Privatisierungsprojekt der Regierung gestoppt werden konnte. Auf den Balearen organisierten basisdemokratische Vollversammlungen im Bildungsbereich einen mehrt\u00e4gigen Streik sowie eine Streikkasse.\u00a0((15))<\/p>\n<h3>&#8222;Von singul\u00e4ren Erfahrungen ausgehen.&#8220; Die Neuerfindung linker Politik<\/h3>\n<p>Eine Folge der Welle sozialer K\u00e4mpfe infolge des 15-M war ein ver\u00e4ndertes Rollenverst\u00e4ndnis bei vieler linken Aktivistinnen und Aktivisten: &#8222;Der Aktivist kam [&#8230;] [zuvor] mit einem messianischen Profil. Er kam um zu lehren. &#8218;Oh, ihr die ihr keine politische Kultur habt&#8216;. Ich glaube, in diesem ganzen Prozess wurde gelernt, dass du nat\u00fcrlich mit deinen [Erfahrungen und Kompetenzen] [&#8230;] kommst, dabei aber nicht das, was die anderen Personen haben, herabw\u00fcrdigen oder ignorieren kannst.&#8220; (Interview Intercomisi\u00f3n de Vivienda, Sevilla, 13.11.2013)<\/p>\n<p>Grundlage daf\u00fcr war es, &#8222;nicht von den ideologischen Kategorien auszugehen, mit der die Linke, einschlie\u00dflich der am wenigsten orthodoxen, bisher operiert hat und die vielfach abstrakte Inseln der Selbstgef\u00e4lligkeit [&#8230;] hervorgebracht haben [&#8230;]: Man muss von singul\u00e4ren Erfahrungen ausgehen, die wenig oder nichts mit Ideologie zu tun haben, von einer akribischen Arbeit, um Widerst\u00e4nde und Unbehagen festzustellen, die sich im Sozialen bereits produzieren, und man muss daher auch von einer Revision der \u00fcberm\u00e4\u00dfig homogenen Zusammensetzung militanter Bewegungen und Modelle ausgehen, die einem bestimmten Subjektivit\u00e4tstypus entsprechen (jung, ohne zu versorgende Personen, die mit geringen Mitteln vereinnahmt werden k\u00f6nnen, keine Krankheiten haben etc.).<\/p>\n<p>Die Artikulation von Rechten ausgehend von gemeinsamen Erfahrungen in diesem offenen, fragmentierten und zerstreuten Kontext, der Realit\u00e4ten entkoppelt und voneinander entfernt, taucht wieder als notwendiger Imperativ auf, um eine enteignete Subjektivit\u00e4t zu erm\u00e4chtigen und neu zusammenzusetzen.&#8220;\u00a0((16))<\/p>\n<p>Die Linke kann, fasst Pablo Iglesias die Erfahrung zusammen, wenn sie gesellschaftlich wirkm\u00e4chtig werden will, &#8222;keine Religion, keine Hymne, keine Fahne, kein Buch von Marx sein, wo alle Antworten geschrieben sind, wo man Zuflucht nimmt, wenn es einen Zweifel oder ein Problem gibt&#8220;.\u00a0((17))<\/p>\n<h3>&#8222;Phase der Sackgasse.&#8220; Aktuelle Herausforderungen und Perspektiven<\/h3>\n<p>Die Strukturen der Bewegungen blieben zerbrechlich und prek\u00e4r. Sie standen massiven externen Problemen gegen\u00fcber, etwa der extremen Beschleunigung politischer Prozesse, einer fehlenden \u00dcbersetzung ihrer Forderungen in staatliche Politik aufgrund der zunehmenden Verh\u00e4rtung der repr\u00e4sentativen Demokratie sowie Schwierigkeiten, allt\u00e4gliche Lebensbedingungen konkret zu ver\u00e4ndern. Hinzu kamen aber auch interne Probleme wie Erm\u00fcdungserscheinungen infolge intensiver und lang andauernder Mobilisierungen, organisatorische Fragmentierung oder eine gewisse soziale Exklusivit\u00e4t.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Dynamik der Bewegungen in den vergangenen Jahren nachlie\u00df, gr\u00fcndeten sich Wahlplattformen (z.B. Ahora Madrid, Barcelona en Com\u00fa) und neue linke Parteien (z.B. Podemos), denen es im Kontext des ver\u00e4nderten politischen Klimas gelang, das spanische Parteiensystem durch Wahlerfolge partiell zu \u00f6ffnen. In Madrid, Barcelona und anderen spanischen Kommunen \u00fcbernahmen sie Regierungsverantwortung.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig hat sich der Protestzyklus weitgehend ersch\u00f6pft, w\u00e4hrend es den aus ihm heraus entstandenen Parteien nur begrenzt gelingt, dessen radikaldemokratische Impulse gegen\u00fcber den Eigenlogiken des institutionellen Systems zu bewahren.\u00a0((18))<\/p>\n<p>Die sozialen Verelendungsdynamiken und Abstiegsprozesse w\u00e4hrend der Krise schw\u00e4chten sich trotz einer vorsichtigen wirtschaftlichen Erholung nicht grunds\u00e4tzlich ab, sie wurden jedoch zunehmend Teil der &#8217;normalen&#8216; Lebensrealit\u00e4t, auf die die Bev\u00f6lkerung statt mit politischen Forderungen und Protesten zunehmend mit individuellen Umgangsstrategien reagierte.<\/p>\n<p>Die \u00fcbrig gebliebenen Aktiven der sozialen Bewegungen stehen dadurch vor der schwierigen Herausforderung, parallel zu parteipolitischen und institutionellen Strategien &#8222;Bewegungszyklus, soziale Organisierung und politische Mobilisierung wieder aufzubauen&#8220;\u00a0((19)).<\/p>\n<p>Soziale Gegenmacht im Alltag zu (re-)organisieren, so Emmanuel Rodr\u00edguez, ist auch die Grundlage daf\u00fcr, dass die neuen Parteien und kommunalen Regierungen ihr transformierendes Potential und ihre politische Verpflichtung gegen\u00fcber allt\u00e4glichen sozialen Krisen aufrechterhalten. Nur wenn erneut im kollektiven Austausch \u00fcber singul\u00e4re allt\u00e4gliche Erfahrungen Organisationsformen entwickelt w\u00fcrden, die konkrete und emanzipatorische L\u00f6sungen f\u00fcr den Alltag anbieten, k\u00f6nne es gelingen, die momentane &#8222;Phase der Sackgasse abzuk\u00fcrzen&#8220;\u00a0((20)).<\/p>\n<p>Deutlich st\u00e4rker als in den vergangenen Jahren scheint die Aktivierung dieser Prozesse jedoch momentan eine &#8222;harte, m\u00fchselige Maulwurfsarbeit&#8220;\u00a0((21))\u00a0zu sein.<\/p>\n<p><b>Nikolai Huke<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr viele Spanierinnen und Spanier ging die Krise mit Arbeitslosigkeit, Prekarisierung, sozialem Abstieg, \u00f6konomischer Vulnerabilit\u00e4t und Verarmung einher, w\u00e4hrend die soziale Ungleichheit deutlich anstieg. Die Folgen waren hunderttausende Zwangsr\u00e4umungen, w\u00e4hrend Angstst\u00f6rungen, Depressionen und andere psychische Erkrankungen zunahmen. 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