{"id":16398,"date":"2017-02-01T00:00:00","date_gmt":"2017-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2017\/02\/bundeswehr-der-neue-werbefeldzug\/"},"modified":"2022-07-26T13:30:55","modified_gmt":"2022-07-26T11:30:55","slug":"bundeswehr-der-neue-werbefeldzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/02\/bundeswehr-der-neue-werbefeldzug\/","title":{"rendered":"Bundeswehr: Der neue Werbefeldzug"},"content":{"rendered":"<p>Die Bundeswehr hat ein Problem. Ihr fehlt der Nachwuchs. Von Januar bis November 2016 waren durchschnittlich nur 9.686 &#8222;Freiwillig Wehrdienstleistende&#8220; in der Truppe &#8211; eine Zahl, weit entfernt von den 15.000 neue Rekrutinnen und Rekruten, die f\u00fcr die Bundeswehr das j\u00e4hrliche Optimum darstellen w\u00fcrde.\u00a0((1))\u00a0Und so wurde auch das Ziel 170.000 Berufs- und Zeitsoldaten am Jahresende 2016 vorzuweisen knapp verfehlt.\u00a0((2))<\/p>\n<p>Wie gro\u00df die Nachwuchssorgen der Bundeswehr sind, konnte erst k\u00fcrzlich in zahlreichen Artikeln \u00fcber die Ank\u00fcndigung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die Truppe in Zukunft auch f\u00fcr Menschen ohne Schulabschluss, \u00e4ltere BewerberInnen ab 30 Jahren sowie Menschen ohne deutschen Pass, gelesen werden.\u00a0((3))<\/p>\n<p>Damit setzt das Ministerium das um, was bereits 2010 von der regierungsnahen &#8222;Stiftung Wissenschaft und Politik&#8220; erdacht wurde. Die Zukunftsforscherin Wenke Apt stellte damals in einem Papier mit dem Titel &#8222;Demographischer Wandel als Rekrutierungsproblem? &#8211; Regionale Ungleichheit und unerschlossene Potentiale bei der Nachwuchsgewinnung der Bundeswehr&#8220; fest:<\/p>\n<p>&#8222;W\u00e4hrend die deutsche Bev\u00f6lkerung zunehmend durch Alterung, Schrumpfung, regionale Unterschiede und ethnisch-kulturelle Heterogenisierung gekennzeichnet ist, fragt die Bundeswehr junge, leistungsf\u00e4hige Rekruten mit deutscher Staatsb\u00fcrgerschaft nach. [&#8230;] Zum einen k\u00f6nnte man das Rekrutierungspotential auf Personen ausdehnen, deren physische und kognitive F\u00e4higkeiten zun\u00e4chst noch unzureichend sind, jedoch dem soldatischen Anforderungsprofil angeglichen werden k\u00f6nnen. Zum anderen w\u00e4re daran zu denken, bisher unterrepr\u00e4sentierte Bev\u00f6lkerungsgruppen (Frauen sowie ethnische, kulturelle und religi\u00f6se Minderheiten mit deutscher Staatsb\u00fcrgerschaft) verst\u00e4rkt anzuwerben und bislang ausgeschlossene Gruppen (Personen mit ausl\u00e4ndischer Staatsb\u00fcrgerschaft sowie \u00c4ltere) zu legitimieren.&#8220;\u00a0((4))<\/p>\n<p>Bereits 2011 hatte der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einen Vorsto\u00df gewagt und das Wehrressort ein Papier erstellt, nach dem &#8222;Inl\u00e4nder bei entsprechender Eignung, Bef\u00e4higung und Leistung auch ohne deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft regelm\u00e4\u00dfig in die Streitkr\u00e4fte eingestellt werden k\u00f6nnen&#8220;.\u00a0((5))<\/p>\n<p>Dem Minister schlug als Reaktion heftige Ablehnung von Milit\u00e4rs aber auch Vertreterinnen und Vertretern der eigenen CDU\/FDP-Regierungskoalition entgegen &#8211; eine Umsetzung des Vorsto\u00dfes fand daher nicht statt.\u00a0((6))<\/p>\n<p>Dies scheint sich nun aufgrund der miserablen Nachwuchslage zu \u00e4ndern. Denn auch im erst vor wenigen Monaten ver\u00f6ffentlichten neuen Bundeswehr-Wei\u00dfbuch hei\u00dft es: &#8222;[D]er Anteil von Frauen und von Menschen mit Migrationshintergrund in der Bundeswehr [muss] weiter steigen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei dem Bild, das die Bundeswehr von sich nach au\u00dfen transportiert.&#8220;\u00a0((7))<\/p>\n<p>So soll der neue Bundeswehr-Nachwuchs nicht nur die Truppe verst\u00e4rken, sondern auch nach au\u00dfen wirken und seinerseits helfen junge Leute anzuziehen. Ob der Wegfall eines ben\u00f6tigten Schulabschlusses diesem Ziel dienlich ist, darf angesichts immer niedrigerer Einstellungskriterien und mutma\u00dflich daraus folgenden Skandalen allerdings bezweifelt werden.\u00a0((8))<\/p>\n<p>Allerdings sucht die Armee nicht nur f\u00fcr die Reihen der Mannschaftsdienstgrade neuen Nachwuchs, sondern vor allem Fachkr\u00e4fte: Es mangelt vor allem an \u00c4rzten, Psychologen\u00a0((10))\u00a0und IT-Kr\u00e4ften\u00a0((11)).<\/p>\n<p>Zudem beklagt die Bundeswehr eine Abbrecherquote junger Rekrutinnen und Rekruten.\u00a0((12))<\/p>\n<p>Auf all das reagiert die Bundeswehr mit einer seit November 2015 anhaltenden Werbeoffensive. Unter dem Slogan &#8222;Mach, was wirklich z\u00e4hlt&#8220; l\u00e4uft eine in Form und Umfang so noch nie da gewesene Kampagne.\u00a0((13))<\/p>\n<p>Dabei geht es nicht nur darum, der Bundeswehr neuen Nachwuchs zu bringen &#8211; die Aktion samt ihrer zahlreichen Unter-Kampagnen soll auch Zuspruch f\u00fcr die Armee und ihre (Auslands-)Eins\u00e4tze in der Bev\u00f6lkerung generieren.<\/p>\n<h3>&#8222;Tarnen und T\u00e4uschen&#8220; &#8211; auch bei der Selbstdarstellung<\/h3>\n<p>Exemplarisch l\u00e4sst sich dies anhand von Bundeswehr-Werbung im Rahmen der Olympischen Sommerspiele 2016, die in Rio de Janeiro stattfanden, zeigen: In Fernsehspots und auf Plakaten warb die deutsche Armee mit ihren Sportsoldatinnen und -soldaten als &#8222;Ausbilder von Vorbildern&#8220;.\u00a0((14))<\/p>\n<p>Man schicke \u00fcber einhundert Athletinnen und Athleten nach Rio, so die Aussage der Werbekampagne. Im Internet tauchten auf den Portalen gro\u00dfer Medien Bundeswehr-Werbebanner mit Spr\u00fcchen wie &#8222;Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr die Freiheit. Und f\u00fcr Medaillen&#8220; und &#8222;Wir machen Karrieren. Und Olympia-Sieger&#8220; auf. Zudem wurden von der Armee gro\u00dfe Werbeanzeigen in Tageszeitungen geschaltet. Die eigentliche Aufgabe der Bundeswehr &#8211; von der Politik vorgegebene Ziele mit milit\u00e4rischen Mitteln durchzusetzen &#8211; wird in der Kampagne komplett verschwiegen. Das Sportsoldaten-Programm der Bundeswehr wird als Werbetr\u00e4ger genutzt, um junge Leute in die bewaffnete Truppe zu holen &#8211; man k\u00f6nnte von einer gezielten T\u00e4uschung sprechen. Dass die Sportsoldatinnen und -soldaten in Rio de Janeiro nur unterdurchschnittliche Leistungen erbrachten, hielt die Bundeswehr nicht von einer positiven Bewerbung der Truppe ab.\u00a0((15))<\/p>\n<p>Auch in Zukunft will die Armee ihren milit\u00e4rischen Charakter bei der Nachwuchs- und Imagewerbung verschweigen. Das Verteidigungsministerium k\u00fcndigte im Rahmen der Olympia-Kampagne der Bundeswehr an, die Sportsoldatinnen und -soldaten bald noch intensiv in die Personalwerbung einzubinden:<\/p>\n<p>&#8222;Die Arbeitgeberkampagne zu den Olympischen Sommerspielen ist der Beginn, die Sportf\u00f6rderung der Bundeswehr personalwerblich intensiver zu nutzen. Nach der nationalen Kampagne werden die Karrierecenter der Bundeswehr auf regionaler Ebene Kooperationen mit den Spitzensportlern fortsetzen, um dieses Element f\u00fcr die Personalgewinnung erfolgreich umzusetzen.&#8220;\u00a0((16))<\/p>\n<p>Und die Werbung mit Armee-Sportlerinnen und Sportlern ist nur ein Teil der \u00fcbergeordneten &#8222;Mach, was wirklich z\u00e4hlt&#8220;-Kampagne. Daneben gibt es noch das &#8222;Projekt Digitale Kr\u00e4fte&#8220;, bei dem die Bundeswehr etwa mit LAN-Partys versucht, junge IT-affine Leute zu gewinnen und die YouTube-DokuSoap &#8222;Die Rekruten&#8220;, in der junge Soldatinnen und Soldaten beim Durchlaufen der Grundausbildung gezeigt werden.\u00a0((17))<\/p>\n<p>All diese Werbung vereint die T\u00e4uschung \u00fcber die eigentliche T\u00e4tigkeit der Bundeswehr &#8211; Auslandseins\u00e4tze werden nicht oder, wenn doch, nur einseitig positiv thematisiert. In jedem Fall findet eine Entpolitisierung des Soldaten-Berufs statt &#8211; eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Milit\u00e4r wird nicht geboten.<\/p>\n<p>Und so st\u00f6\u00dft die &#8222;Mach, was wirklich z\u00e4hlt&#8220;-Kampagne mit all ihren teuren Ausw\u00fcchsen &#8211; allein die YouTube-Serie kostet 1,7 Millionen Euro, wobei f\u00fcr die Bewerbung der Serie nochmals 6,2 Millionen Euro veranschlagt wurden\u00a0((18))\u00a0&#8211; selbst in Armee-Kreisen auf Kritik.<\/p>\n<p>So urteilte der politisch rechts einzuordnende ehemalige Soldat Sascha Stoltenow \u00fcber &#8222;Die Rekruten&#8220; auf seinem Blog: &#8222;Die Entscheidung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, diese Serie produzieren und senden zu lassen, ist verantwortungslos.&#8220;\u00a0((19))<\/p>\n<p>Die in der Serie gezeigten jungen Soldatinnen und Soldaten seien &#8222;mediales Kanonenfutter in von der Leyens Dschungelcamp&#8220;. Er k\u00f6nne nur alle aktiven Angeh\u00f6rigen der Truppe warnen bei einer solchen Art von Werbung mitzumachen.<\/p>\n<h3>Protest gegen Bundeswehr-Werbung<\/h3>\n<p>Kreativen Widerstand gegen die aktuellen Kampagnen der Armee leisten Friedensbewegte sowie Antimilitaristinnen und Antimilitaristen. Gleich zu Beginn entlarvte das K\u00fcnstlerinnen- und K\u00fcnstler-Kollektiv &#8222;Peng!&#8220; die &#8222;Mach, was wirklich z\u00e4hlt&#8220;-Kampagne mit einer ans Original angelehnten Website &#8211; nur konnte man auf der auch kritische Fakten \u00fcber den Dienst an der Waffe finden.\u00a0((20))<\/p>\n<p>Auch der Olympia-Kampagne der Bundeswehr wurde mit einer eigenen, aufkl\u00e4renden Website etwas entgegengesetzt &#8211; diesmal von der &#8222;Deutschen Friedensgesellschaft &#8211; Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen&#8220;.\u00a0((21))\u00a0Und immer wieder werden Werbeplakate im \u00f6ffentlichen Raum mit milit\u00e4rkritischen Botschaften \u00fcberklebt oder kreativ umgestaltet und so inhaltlich ins Gegenteil verkehrt. Proteste gegen Bundeswehr-Auftritte an Schulen, auf Jobmessen oder bei Gro\u00dfveranstaltungen etablieren sich &#8211; der j\u00e4hrliche &#8222;Tag der Bundeswehr&#8220;, an dem die Armee an \u00fcber einem Dutzend Standorten die Kasernen-Tore \u00f6ffnet um f\u00fcr sich zu werben, wird zunehmend auch zum bundesweiten Aktionstag gegen Militarisierung und deutschen Militarismus.\u00a0((22))<\/p>\n<p>Doch soll nicht nur die Bundeswehr direkt Ziel von Protesten sein, auch die Werbeagentur hinter der gro\u00dfangelegten &#8222;Mach, was wirklich z\u00e4hlt&#8220;-Kampagne, das Unternehmen &#8222;Castenow&#8220; aus D\u00fcsseldorf, k\u00f6nnte in Zukunft vermehrt im Fokus der Milit\u00e4rkritikerinnen und -kritiker stehen &#8211; Werbeagenturen sind oft sehr auf ein gutes Image bedacht, was Proteste gef\u00e4hrden k\u00f6nnten. Zudem ist einer zentralen Agentur &#8211; &#8222;CasteNow&#8220; hat seinen Sitz am Hafen der nordrhein-westf\u00e4lischen Landeshauptstadt &#8211; oft einfacher zu begegnen als der weit gestreuten Bundeswehr-Werbung.<\/p>\n<p>Auch solch strategische \u00dcberlegungen sind zu bedenken. Denn ein Ende der &#8222;Mach, was wirklich z\u00e4hlt&#8220;-Kampagne ist nicht in Sicht.<\/p>\n<p><b>Michael Schulze von Gla\u00dfer<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundeswehr hat ein Problem. Ihr fehlt der Nachwuchs. 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