{"id":16401,"date":"2017-02-01T00:00:00","date_gmt":"2017-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2017\/02\/faschismus-auch-eine-psychische-stoerung\/"},"modified":"2022-07-26T13:56:31","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:31","slug":"faschismus-auch-eine-psychische-stoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/02\/faschismus-auch-eine-psychische-stoerung\/","title":{"rendered":"Faschismus &#8211; auch eine psychische St\u00f6rung?"},"content":{"rendered":"<p>Um die gef\u00e4hrliche europaweite faschistoide Entwicklung zu verstehen, ist aus meiner Sicht die Einbeziehung einer tiefenpsychologischen, herrschaftskritischen Perspektive in die Erkl\u00e4rungsversuche notwendig.<\/p>\n<p>Politologische bzw. sozio\u00f6konomische Erkl\u00e4rungen sind nicht ausreichend.<\/p>\n<p>Eine fundierte psychoanalytische Sozialpsychologie fragt auf der Ebene des Subjekts: &#8222;Worin besteht die psychische Attraktivit\u00e4t einer Identifikation mit bestimmten Aspekten der Gesellschaft? Also, warum \u00fcbernehmen Individuen etwa antisemitische, rassistische, homophobe oder sexistische Ressentiments, welcher Konflikt, welche inneren Widerspr\u00fcche, werden mit diesen Ideologemen, diesen gesellschaftlichen Angeboten, schiefgeheilt? Aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive auf die Einzelnen wiederum fragen wir, welche objektiven gesellschaftlichen Strukturen das Subjekt auf eine Position werfen, in welcher die Regression in etwa faschistische Ideologien subjektiv attraktiver wird als das Streiten um eine bessere Gesellschaft, welche weniger schmerzhafte Konflikte produziert.&#8220;\u00a0((1))<\/p>\n<p>Diese gesellschaftskritische, teils herrschaftskritische, psychoanalytische Perspektive gibt es schon lange. Drei Meilensteine dieser Perspektive seien hier genannt: Wilhelm Reichs Analyse aus dem Jahre 1933: &#8222;Die Massenpsychologie des Faschismus&#8220;, Erich Fromms Untersuchung (1973): &#8222;Anatomie der menschlichen Destruktivit\u00e4t&#8220; und das von Emilio Modena 1998 herausgegebene Buch &#8222;Das Faschismus-Syndrom. Zur Psychoanalyse der Neuen Rechten in Europa&#8220;. Zurzeit ist leider eine &#8222;umgekehrte Psychoanalyse&#8220; im Aufschwung begriffen und feiert in einem gro\u00dfen Ma\u00dfe ihre Triumphe. Statt das dumpf im psychischen Untergrund Schwelende und die frei flottierenden \u00c4ngste der Menschen zu kl\u00e4ren und ins Bewusstsein zu heben, eignet sich der faschistische Agitator beziehungsweise &#8222;Rechtspopulist&#8220; diesen &#8222;Rohstoff&#8220; so an, wie er bereit liegt, und setzt ihn f\u00fcr seine Zwecke in Gang. Tiefenpsychologisch und herrschaftskritisch betrachtet, wird sich zeigen, wie es die ProtagonistInnen der FP\u00d6 und AFD schaffen, &#8222;total verschiedene Ebenen unserer psychischen Konflikte zu mobilisieren und zu kanalisieren, sich zugleich unserer realen Konflikte bedienen, alles miteinander vermischen und mit einem explosiven Gemisch aus Realangst, Gewissensangst (Schuld-Angst) und neurotischer Angst Politik machen.&#8220;\u00a0((2))<\/p>\n<p>Der Psychologie-Professor Peter Br\u00fcckner (1922 &#8211; 1982), der wegen seines politischen Engagements in den 1970er Jahren zu einer Symbolfigur der emanzipatorischen Neuen Sozialen Bewegungen in Westdeutschland wurde, spricht grundlegend von einem &#8222;Faschismus der Gef\u00fchle &#8211; weit weg vom Kopf&#8220;. Mitunter wird auch heute ein &#8211; anarchistisch gewaltfreies &#8211; Erwachsenenbewusstsein von Regungen \u00fcberrascht und manchmal auch \u00fcberrumpelt, die pl\u00f6tzlich aus den Tiefenschichten der Psyche aufsteigen, in denen oft auch noch jede Menge &#8222;faschistoides Ger\u00fcmpel&#8220; herumliegt, das die Nazi-Vorfahren durch &#8222;transgenerationale Transmission&#8220; dort hinterlassen haben.<\/p>\n<p>Peter Br\u00fcckner schildert in seinem autobiographischen Buch &#8222;Das Abseits als sicherer Ort&#8220; eine \u00e4hnlich ambivalente Szene. Er, der sich damals bereits als Antifaschist und Linker begriff, erschrak \u00fcber eine Regung, die sich seiner angesichts eines elenden russischen Kriegsgefangenen bem\u00e4chtigte, dem er 1943 begegnete.<\/p>\n<p>Obwohl er wusste, wie brutal russische Kriegsgefangene in deutschen Lagern behandelt wurden, empfand er angesichts des zerlumpten Mannes Abscheu. Begriffe wie &#8222;asiatischer Untermensch&#8220; schossen ihm durch den Kopf und f\u00e4rbten seine Wahrnehmung ein: &#8222;Obwohl ich &#8211; oder vielleicht gerade weil ich &#8211; glaubte, dergleichen Residuen des Faschismus bei mir nicht suchen zu m\u00fcssen, hatten sie sich meiner Spontaneit\u00e4t bem\u00e4chtigt.&#8220;<\/p>\n<p>Der Gefangene sprach ihn an. &#8222;Er sprach flie\u00dfend deutsch. Es stellte sich heraus, dass er ein Filmregisseur aus Leningrad war. Man kann wohl sagen, dass ich Gl\u00fcck gehabt habe: dass er mich ansprach, und wie er das tat, durchbrach schlagartig den spontanen &#8218;Sekunden-Mechanismus&#8216; der Wahrnehmung. Ich hatte Gl\u00fcck (\u0085), weil man eine solche Lehre nicht wieder vergisst.&#8220;<\/p>\n<h3>Sozialisation und narzisstische Sch\u00e4digung<\/h3>\n<p>Auch der Rebell, die Revoltierende oder der gewaltfreie Anarchist werden in dieser Gesellschaft sozialisiert. Alle, die ProtagonistInnen des Widerstandes, die &#8222;schweigende Mehrheit&#8220; und auch die Herrschenden und ihre HelferInnen sind eingebunden in die permanente Sozialisation in ein destruktives Herrschaftssystem.<\/p>\n<p>Die zwar &#8222;grobe&#8220;, aber tendenziell doch zutreffende Einteilung der sozialen Rollen bzw. Funktionen in den gegenw\u00e4rtigen kapitalistischen Herrschaftssystemen:<\/p>\n<p>1. in exekutive, ausf\u00fchrende Rollen &#8211; f\u00fcr ca. 88% der Menschen<br \/>\n2. in dispositive Rollen f\u00fcr ca. 11%<br \/>\n3. in strategische Rollen f\u00fcr ca. 1% bedingt eine entsprechend differenziert zu betrachtende Sozialisation.<\/p>\n<p>Auch aufgrund der faktisch lebenslangen Sozialisation zum Ausf\u00fchrenden &#8211; nicht nur am Arbeitsplatz &#8211; dann zum Opportunismus, zur Unterw\u00fcrfigkeit gegen\u00fcber Autorit\u00e4ten, also zum &#8222;Untertanen&#8220;, leiden potentiell ca. 88% der Menschen in den gegenw\u00e4rtigen Herrschaftssystemen an einer &#8222;narzisstischen Sch\u00e4digung&#8220;, die sich in Minderwertigkeitsgef\u00fchlen bzw. in br\u00fcchigem Selbstwerterleben und starkem Ohnmachtserleben ausdr\u00fcckt.\u00a0((3))<\/p>\n<p>Die narzisstische Sch\u00e4digung der &#8222;Dispositiven&#8220;, derjenigen, die der sogenannten Zwischen-Schicht als AkademikerInnen mit einer gewissem Verf\u00fcgungsgewalt und Entscheidungsspielraum angeh\u00f6ren und auch der elit\u00e4ren &#8222;Strategen&#8220; (z.B. Top-Manager) zeigt sich oft in einer arroganten Haltung und unrealistischen Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung bzw. in ausgepr\u00e4gten Gr\u00f6\u00dfenphantasien, die aber fragil sind und in sich zusammenfallen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Narzisstische Sch\u00e4digungen sind leider eine sehr fruchtbare Grundlage der Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr rechte, nationalistische bzw. faschistoide Ideen, die einen Gruppen-Narzissmus mobilisieren: &#8222;Wir sind die flei\u00dfigen Deutschen&#8220; (&#8222;Wir sind Deutschland&#8220;). So wird nicht der Einzelne selbst, sondern die Gruppe, derer er angeh\u00f6rt, Gegenstand seiner Libido bzw. seiner kompensatorischen Gr\u00f6\u00dfenphantasien, durch die er dann selbst erh\u00f6ht wird.<\/p>\n<p>So kann gerade das &#8222;armseligste&#8220; Mitglied der Gruppe durch dieses Erleben, ein Teil der &#8222;wundervollsten Gruppe der Welt&#8220; zu sein, sich entsch\u00e4digt f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Es findet also f\u00fcr alle eine permanente Verinnerlichung der Normen und der das bestehende System stabilisierenden Verhaltensweisen statt.<\/p>\n<p>Dabei entsteht auch ein Geflecht unbewusster Prozesse des &#8222;Gesellschaftlichen Unbewussten&#8220;: &#8222;Unbewusst muss (auch) all das werden, was die Stabilit\u00e4t der Kultur, vor allem aber ihre Herrschaftsstruktur bedroht&#8220;.\u00a0((4))<\/p>\n<p>Laut Mario Erdheim ist das gesellschaftliche Unbewusste gleichsam ein Beh\u00e4lter, &#8222;der all die Wahrnehmungen, Phantasien, Triebimpulse aufnehmen muss, die das Individuum in Opposition zu den Interessen der Herrschaft bringen k\u00f6nnte&#8220;.<\/p>\n<p>Die Sozialisation im Rahmen herk\u00f6mmlicher Familien f\u00fchrt zur Ausbildung einer &#8222;inneren Selbstzwangsapparatur&#8220; (Norbert Elias), die daf\u00fcr sorgt, dass sich die Menschen oft in ein trostloses Schicksal f\u00fcgen und eher ein Leben in stiller Verzweiflung bzw. &#8222;Kollektiver Trance&#8220; f\u00fchren, als sich aufzulehnen. Diese haben, wie Heinrich Heine bemerkte, den Stock, mit dem man sie geschlagen hat, verschluckt.<\/p>\n<p>Menschen im Widerstand, wie auch ich, haben eher versucht, den Stock wieder auszuspucken. Dies ist ein schwieriger Prozess der Befreiung, der nur durch eine umfangreiche Selbst-Erfahrung, Selbst-Analyse und -Reflexion mit anderen gemeinsam in der Gruppe, unbedingt auch in politischen Aktions-Gruppen, realisiert werden kann.<\/p>\n<h3>Real &#8211; Angst<\/h3>\n<p>Durch die neoliberale Globalisierung des Kapitalismus verursachte totale \u00d6konomisierung, zunehmende Privatisierung, Prekarisierung der Arbeitsbedingungen bzw. die reale ungerechte Umverteilung von unten nach oben, h\u00e4ufen sich aus meiner Sicht reale \u00c4ngste, vor Arbeitsplatz-Verlust, Abstiegs\u00e4ngste und auch Verlust\u00e4ngste f\u00fcr wohlhabendere Schichten, die sich auch auf Rollenverluste z.B. der &#8222;Definitionsmacht&#8220; beziehen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcberhinaus macht manchen Menschen die zunehmende Zerst\u00f6rung unserer Lebensgrundlagen Angst, ebenso die Real-Angst vor der Klimakatastrophe oder vor einem atomaren Krieg.<\/p>\n<p>Der Soziologe Armin Nassehi in der taz vom 31.12.2016: &#8222;Es gibt ganz ohne Zweifel ein Problem mit der \u00f6konomischen Prekarisierung mancher Bev\u00f6lkerungsgruppen, aber damit l\u00e4sst sich der Erfolg rechtspopulistischen, fremdenfeindlichen und reaktion\u00e4ren Denkens nicht erkl\u00e4ren. (&#8230;) Es gibt inzwischen ein Prekarit\u00e4t in den wohlsituierten Schichten. Diese sind Modernisierungsverlierer in dem Sinn, dass sie die Autorit\u00e4t verloren haben, widerspruchsfrei zu sagen, was das richtige Leben sei. (\u0085) Der Rechtspopulismus in ganz Europa hat jedenfalls den Fokus von den Verteilungsfragen auf die kulturellen Definitionsfragen verlagert.&#8220;<\/p>\n<p>Nassehi scheint sich dabei auf die Theorie der &#8222;Kulturellen Hegemonie&#8220; von Antonio Gramsci zu beziehen. Er betont, dass die F\u00fcnfziger Jahre die Utopie der AfD verk\u00f6rpern w\u00fcrden.<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcnfziger Jahre&#8220; meiner Erinnerung nach: Die Phase der Konformit\u00e4t, die kleinkarierte Zeit des beginnenden &#8222;Wirtschaftswunders&#8220;, die anhaltende bleierne Dominanz der &#8222;autorit\u00e4ren Charaktere&#8220; in den Schaltstellen der Macht, u.a. die Kontinuit\u00e4t der Nazi-Richter, -Staatsanw\u00e4lte in der Justiz.<\/p>\n<p>Die Verleugnung und Verdr\u00e4ngung der Nazi-Verbrechen war bestimmend f\u00fcr diese Zeit, ebenfalls die erlaubte Pr\u00fcgelstrafe, der Rollenzwang &#8222;Heim und Herd&#8220; f\u00fcr die Frau, die sexuellen Tabus, die Homophobie, die Paragraphen 218 oder 175, schlie\u00dflich die kitschigen &#8222;Heile Welt &#8211; Filme&#8220;. Da will die AfD laut AfD-Grundsatzprogramm wieder hin.<\/p>\n<p>Die Restaurierung der &#8222;F\u00fcnfziger Jahre&#8220; als Angst-Bew\u00e4ltigung w\u00e4re eine erschreckende &#8222;Schiefheilung&#8220;.<\/p>\n<h3>Gewissens-Angst bzw. Schuld-Angst:<\/h3>\n<p>&#8222;Gewissens-Angst ist Angst vor Schuld&#8220;, schreibt Horst-Eberhard Richter in seinem Buch &#8222;Umgang mit der Angst&#8220; aus dem Jahr 1992. Im Kontext psychischer St\u00f6rungen k\u00e4me Gewissensangst in vielf\u00e4ltigen Varianten und Maskierungen zum Vorschein.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nne sich im Selbsthass von Depressiven, in manchen Obsessionen von Zwangsneurotikern und Phobikern und in den Erscheinungsformen des moralischen Masochismus ausdr\u00fccken. Aber auch in vielen Alltagskonflikten spielt Gewissens-Angst bzw. Schuld-Angst eine erhebliche Rolle. In zahlreichen Paar-, Familien- und Gruppen-Konflikten gehen die Auseinandersetzungen im Grunde darum, dass Schuldige ben\u00f6tigt werden, um sich selbst rein und integer f\u00fchlen zu k\u00f6nnen. Ein Beispiel: Ein Paar hat sich nach jahrelang kompliziertem Zusammenleben auseinandergelebt. Im Grunde w\u00fcnschen beide insgeheim die Trennung. Indessen erschreckt beide der Gedanke, sich mit der Schuld \u00fcber die f\u00e4llige Entscheidung zu belasten. Beide wollen eher Opfer sein, niemand als T\u00e4ter aus dem Konflikt herauskommen.<\/p>\n<p>Schuld-Angst ist gerade in Deutschland aufgrund der unfassbaren Verbrechen der Nationalsozialisten sehr verbreitet und \u00fcber den Weg der &#8222;transgenerationalen Transmission&#8220; auch in den Tiefenschichten der Psyche der Kindes- und Kindeskinder der Erwachsenen-Generation der Nazi-Zeit vorhanden, also auch bei uns. Diese tiefe Schuld-Angst wird aktuell durch faschistoide Politik instrumentalisiert und kanalisiert, findet sich in den Inszenierungen als Opfer der vermeintlichen &#8222;Fl\u00fcchtlings-Flut&#8220;. Aufkommende Schuldgef\u00fchle &#8211; &#8222;Ich m\u00fcsste eigentlich helfen &#8211; gerade wir Deutschen &#8211; , tue dies aber nicht&#8220; &#8211; werden unbewusst abgewehrt und in Anklagen gewendet. Die urspr\u00fcnglich leidenden Opfer werden zu T\u00e4tern umdefiniert. Zu T\u00e4tern, die &#8222;die flei\u00dfigen Deutschen \u00fcberfluten und auspl\u00fcndern wollen&#8220;.<\/p>\n<h3>Neurotische \u00c4ngste:<\/h3>\n<h3>Versagens-Angst<\/h3>\n<p>Im Zusammenhang mit den oben beschriebenen narzisstischen Sch\u00e4digungen, aufgrund des br\u00fcchigen Selbstwerterlebens und mangeldem Selbst-Vertrauens, treten h\u00e4ufig \u00c4ngste vor dem Versagen auf. Versagens-Angst ist auch immer eine Angst vor der Konkurrenz: Der Andere kann in der kapitalistischen Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft immer der Gewinner sein und ich der Verlierer, der versagt.<\/p>\n<p>Durch den aktuell immer st\u00e4rker werdenden Leistungs- und Konkurrenzdruck am Arbeitsplatz wird die durch die strukturelle Gewalt der fremdbestimmten bzw. entfremdeten Arbeitsbedingungen st\u00e4ndig erzeugte Versagens-Angst weiter verst\u00e4rkt. Auch leiden schon immer mehr Sch\u00fclerInnen in der auf die Arbeitswelt vorbereitenden Sozialisations-Agentur Schule an einer sich steigernden Versagens-Angst: &#8222;Angst, etwas nicht lernen oder leisten zu k\u00f6nnen, nicht zu begreifen, \u00fcberfordert zu sein, in Pr\u00fcfungen zu versagen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich schaffe es nicht (mehr). Ich habe Angst, es nicht (mehr) zu schaffen. Andere schaffen es.&#8220; Das dr\u00fcckt zunehmend die Befindlichkeit vieler Menschen aus. Versagens-Angst wird ebenfalls von Rechts-Au\u00dfen bzw. Nationalisten instrumentalisiert und kanalisiert, indem ein abgeschottetes Deutschland als L\u00f6sung propagiert wird, wo kein Gefl\u00fcchteter &#8211; als Konkurrent &#8211; mehr den Deutschen etwas wegnehmen k\u00f6nne.<\/p>\n<h3>Vernichtungs-Angst<\/h3>\n<p>Viele Menschen fragen sich, wie es sein kann, dass h\u00e4ufig gerade Opfer von massiver Gewalt und Vernichtung, von Krieg und Vertreibung oder anderen schrecklichen Bedrohungen, sp\u00e4ter selbst &#8222;vernichtende&#8220; Tendenzen entwickeln. Die unbewusste Angst-Abwehr-Strategie der &#8222;Identifikation mit dem Aggressor&#8220; bewirkt dies. Die \u00fcberflutenden Vernichtung-\u00c4ngste sind kaum aushaltbar. Das traumatisierte Opfer und manchmal auch deren Kinder und Kindeskinder wechseln in ihrem unbewussten inneren Erleben gewisserma\u00dfen die Seiten. Ein unbewusster Rollen-Tausch findet statt. Nun sind die Vernichtungs-\u00c4ngste nicht mehr zu sp\u00fcren, sie sind gebannt. Dann erleben sich die urspr\u00fcnglichen Opfer eher als stark und m\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Das erkl\u00e4rt u.a. m\u00f6glicherweise auch, warum gerade im Raum Dresden PEGIDA einen solch gro\u00dfen Zulauf hat und dort Rassismus so sehr verbreitet ist. Nach meinem Erkenntnisstand wohnen in dieser Region \u00fcberdurchschnittlich viele ehemals selbst Gefl\u00fcchtete und Vertriebene bzw. deren Kinder und Kindeskinder.<\/p>\n<p>Wenn nun die oben beschriebenen Real-\u00c4ngste raffiniert vermischt werden mit Schuld-\u00c4ngsten, Versagens-\u00c4ngsten oder Vernichtungs-\u00c4ngsten und mit dieser Mixtur auf dem rassistischen und faschistoiden Klavier gespielt wird, ist es f\u00fcr die von diesen \u00c4ngsten Betroffenen schwer, den Verf\u00fchrungen von Rechtsau\u00dfen zu widerstehen.<\/p>\n<h3>Anarchisten und Faschisten<\/h3>\n<p>F\u00fcr Menschen mit anarchistischem Selbstverst\u00e4ndnis ist folgende Einsch\u00e4tzung zur besonderen Beziehung von Faschisten und Anarchisten interessant.<\/p>\n<p>&#8222;Der Anarchist ist im Inneren des Faschisten anwesend in Gestalt seiner verdr\u00e4ngten Begierden und unterdr\u00fcckten W\u00fcnsche.&#8220; Der Faschist h\u00e4lt in sich ein anarchistisches Double gefangen, das ins Freie m\u00f6chte und lebendig sein will und dessen Gefangenschaft er verewigt, indem er gegen die Anarchisten drau\u00dfen zu Felde zieht. &#8222;\u00c4u\u00dferes weist innen auf Versch\u00fcttetes&#8220;, wie der Schweizer Schriftsteller Reto H\u00e4nny einmal geschrieben hat. Wenn sich bei anderen Menschen W\u00fcnsche nach einem Mehr an Autonomie und Lust regen, geraten das Anpassungsgef\u00fcge und die Festigkeit der Triebverdr\u00e4ngung des Faschisten in Gefahr. \u00dcberall sieht er die Kellerratten der Revolution &#8222;aus der Tiefe&#8220; herausdr\u00e4ngen und das Land \u00fcberfluten. \u00dcberall muss er &#8222;S\u00fcmpfe trockenlegen&#8220; und &#8222;Saust\u00e4lle ausmisten&#8220;. &#8222;Der Hass des Faschisten ist ein Hass auf Teile der eigenen Person, auf abgewehrte und m\u00fchsam in Schach gehaltene eigene Triebw\u00fcnsche und Begierden.&#8220;\u00a0((5))<\/p>\n<h3>Wie nun mit all dem umgehen? Was tun?<\/h3>\n<p>Meine ersten Ideen: Wir k\u00f6nnen in Aktions-Gruppen der sozialen und \u00f6kologischen Bewegungen die &#8222;Selbsterfahrung&#8220; und Bewusstmachung der Internalisierungen und des &#8222;Gesellschaftlichen Unbewussten&#8220;, wie es in der F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen (F\u00f6GA) gute Praxis war, wieder mehr beleben.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir, dass wir eine attraktive, lebensfreundliche, wohlwollende auch lustvolle, herrschaftskritische ko-kreative Kommunikations- und Organisations-Kultur des Widerstands entwickeln.<\/p>\n<p>Als Vorgriff auf eine gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft gilt es, noch mehr konstruktive Alternativen &#8222;eines guten Lebens&#8220;, Modelle bzw. &#8222;Inseln&#8220; einer solidarischen und selbstorganisierten Arbeits- und Lebensweise zu schaffen. Den Diskurs k\u00f6nnen wir \u00fcber den Zusammenhang von psychischer Befindlichkeit, Angstabwehrstrategien, &#8222;Schiefheilung&#8220; und politischer Position f\u00f6rdern, indem wir den faschistoiden Kr\u00e4ften konsequent entgegentreten &#8211; mit direkten Aktionen des Zivilen Ungehorsams.<\/p>\n<p>Sinnvoll ist aus meiner Sicht auch, den Dialog mit einzelnen Personen aus AfD, FP\u00d6, Pegida usw. zu suchen und zu versuchen, diese zum Ausstieg zu motivieren. Psychotherapie-Angebote z.B. f\u00fcr alle AfDler, besonders f\u00fcr Ausstiegswillige und ins Schwanken Gekommene, propagieren, denn &#8222;Rechtsau\u00dfen-Sein&#8220; ist auch eine psychische St\u00f6rung.<\/p>\n<p><b>Emilio Weinberg<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die gef\u00e4hrliche europaweite faschistoide Entwicklung zu verstehen, ist aus meiner Sicht die Einbeziehung einer tiefenpsychologischen, herrschaftskritischen Perspektive in die Erkl\u00e4rungsversuche notwendig. 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