{"id":16404,"date":"2017-02-01T00:00:00","date_gmt":"2017-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2017\/02\/zehn-jahre-knast-fuer-ein-graffiti\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:06","slug":"zehn-jahre-knast-fuer-ein-graffiti","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/02\/zehn-jahre-knast-fuer-ein-graffiti\/","title":{"rendered":"Zehn Jahre Knast f\u00fcr ein Graffiti"},"content":{"rendered":"<p>Die beiden stehen in einer langen Reihe von Aktivist*innen, die f\u00fcr ihren friedlichen Protest brutale staatliche Repression erlitten. Wie beispielsweise die Verfolgung von Antifaschist*innen nach dem Spanischen B\u00fcrgerkrieg und die Geschwister Scholl in Deutschland. Giyas hatte schon vor seiner Festnahme das Foto von Sophie Scholl als Profilbild verwendet.<\/p>\n<p>Das Land, in dem Giyas und Bayram leben, wird von einem Pr\u00e4sidenten regiert, der seinen Papa sehr liebt. Der Pr\u00e4sident liebt seinen Papa so sehr, dass er seinen Namen, seine Statue und seine Bilder \u00fcberall in Aserbaidschan sehen will. Sein Papa hei\u00dft Heydar Aliyev. Fast alle Stra\u00dfen und Parks tragen seinen Namen, fast \u00fcberall gibt es Statuen von ihm. Als sei das noch nicht genug Personenkult, wurde ein spezieller Tag &#8211; Papas Geburtstag am 10. Mai &#8211; zu dessen Ehren als Blumenfesttag in Aserbaidschan eingef\u00fchrt. An dem Tag wird der zentrale und ebenfalls nach Heydar Aliyev benannte Park in Baku mit bunten Blumen dekoriert. Diese Blumendekoration ist sehr kostspielig, die reinste Steuerverschwendung. Deswegen regt sich jedes Jahr der gleiche &#8211; heimliche &#8211; Zorn unter einigen Leuten.<\/p>\n<p>Im Jahr 2016 beschlossen Giyas und Bayram gegen den Personenkult zu protestieren. In der Nacht auf den 10. Mai sprayten die beiden Studenten Slogans auf die Statue des fr\u00fcheren Pr\u00e4sidenten Aserbaidschans: &#8222;Herzlichen Gl\u00fcckwunsch zum Sklaventag&#8220; (was auf aserbaidschanisch ganz \u00e4hnlich klingt wie &#8222;Blumentag&#8220;) und &#8222;Fuck the System&#8220;.<\/p>\n<p>Sie nahmen sofort Fotos auf und stellten diese ins Internet. Am folgenden Tag waren die beiden spurlos verschwunden.<\/p>\n<p>Ihre Familien machten sich gro\u00dfe Sorgen und gaben bei der Polizei eine Vermisstenanzeige auf. Niemand wusste jedoch, wo sie waren. Nach zwei Tagen, am 12. Mai, tauchten sie in einer Polizeiwache auf. In Gewahrsam wurden sie halb tot gepr\u00fcgelt, erniedrigt, gefoltert, schikaniert. Der Staat beschuldigte sie des Heroinhandels.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurden die Drogen ihnen von Polizist*innen untergeschoben. Ihr Anwalt teilte mit, dass ihnen auf der Polizeiwache nur Fragen in Bezug auf die Slogans auf dem Denkmal gestellt wurden.<\/p>\n<p>Am 12. Mai ordnete der Richter f\u00fcr Bayram und Giyas eine viermonatige Untersuchungshaft an. Ihnen drohten bis zu zw\u00f6lf Jahre Haft. Der eigentliche Grund ihrer Festnahme wurde im staatlichen Fernsehen verschwiegen. Stattdessen wurden die beiden als Drogenh\u00e4ndler pr\u00e4sentiert. IhrAnwalt teilte mit, dass es eine Freilassungsm\u00f6glichkeit g\u00e4be: Wenn Giyas und Bayram vor den Kameras des staatlichen Fernsehsenders st\u00fcnden und vor dem Denkmal mit einem Blumenstrau\u00df eine Entschuldigung ausspr\u00e4chen, w\u00fcrden sie noch am selben Tag freigelassen. Diese Forderung ist eine barbarische Taktik, um in der \u00d6ffentlichkeit Angst, Furcht, Unmut zu erzeugen und die Menschen zu entmutigen, eine Kritik oder eine abweichende Meinung zu \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Als sie sich weigerten, die Entschuldigung auszusprechen, pr\u00fcgelten die Polizist*innen die Studenten halb tot. Bayram hat die Folter handschriftlich dokumentiert und sein Anwalt hat den Bericht ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Ein interessanter Punkt, der die vorherrschende Denkweise in Aserbaidschan illustriert, ist die Aufforderung an Giyas und Bayram, die Stra\u00dfe zu fegen, um sie zu dem\u00fctigen. In der patriarchal gepr\u00e4gten Gesellschaft Aserbaidschans gilt es als entw\u00fcrdigend, wenn ein Mann unter M\u00e4nnern eine h\u00e4usliche Arbeit in der \u00d6ffentlichkeit verrichtet. Dies ist eine Beleidigungs- und Erniedrigungsmethode.<\/p>\n<p>Unter aufgekl\u00e4rten M\u00e4nnern ist sie wirkungslos, aber die Mehrheit &#8211; besonders Polizisten &#8211; ist unaufgekl\u00e4rt und nimmt das Fegen als Erniedrigung wahr. Beim Fegen nahmen die Polizisten Videos und Fotos von Giyas und Bayram auf und drohten ihnen damit, diese zu ver\u00f6ffentlichen, wenn sie nicht das machen, was von ihnen verlangt wird. Selbstverst\u00e4ndlich lie\u00dfen sich die beiden davon nicht einsch\u00fcchtern.<\/p>\n<p>An den folgenden Tagen zeigten sich einige M\u00e4nner mit Bayram und Giyas solidarisch. Sie machten Fotos von sich mit dem Besen in der Hand und ver\u00f6ffentlichten diese auf Facebook mit den Hashtags #vetenzibilolmasin (Lass das Land nicht Abfall werden) und #olkemizisupurek (Lass uns unser Land fegen).<\/p>\n<p>Menschen, die abweichende Meinungen vertreten, werden h\u00e4ufig von den Beh\u00f6rden wegen konstruierter Anklagen mit Verleumdungen strafrechtlich verfolgt. Meistens werden die politisch Verfolgten als Drogenbesitzer und -h\u00e4ndler bezeichnet. Die Sicherheitskr\u00e4fte setzen regelm\u00e4\u00dfig Folter und andere Misshandlungen gegen\u00fcber inhaftierten Aktivistinnen ein und m\u00fcssen sich vor keinen strafrechtlichen Ma\u00dfnahmen f\u00fcrchten. Ilham Aliyev, der aktuelle aserbaidschanische Pr\u00e4sident, sagte im Jahr 2013 \u00f6ffentlich vor den Kameras, dass keine Polizist*innen wegen Gewaltanwendung gegen die Bev\u00f6lkerung verurteilt werden. Deswegen k\u00f6nnen sie machen, was sie wollen. Mittlerweile wurden Bayram und Giyas zu zehn Jahren Haft verurteilt.<\/p>\n<p>Giyas sagte in seiner Schlussrede vor Gericht unter anderem: &#8222;Ich will mich auf der Grundlage konstruierter Vorw\u00fcrfe nicht verteidigen. Alle, die ein Gewissen besitzen, wissen genau, dass der tats\u00e4chliche Grund meiner Haft mein Protest gegen die Tyrannei, gegen das System in Aserbaidschan ist, den ich als Student friedlich realisiert habe.&#8220; Bayram stellte in seiner Schlussrede vor Gericht unter anderem klar: &#8222;Die Haft macht uns nicht \u00e4ngstlich. Hauptsache ist, dass wir den G\u00f6tzen der Regierung zerst\u00f6rt haben. Nach dem Sturz des jetzigen Regimes werden viele Menschen diese Denkm\u00e4ler viel schlimmer bestrafen. Es ist erfreulich, dass der 10. Mai nicht nur als Geburtstag des Pr\u00e4sidenten gefeiert wird, sondern jetzt auch als Tag, an dem auf seine Statue &#8218;Herzlichen Gl\u00fcckwunsch zum Sklaventag&#8216; gespr\u00fcht wurde.&#8220;<\/p>\n<p>Giyas und Bayram sind ein gro\u00dfes Risiko eingegangen, um ihr Recht auf Freiheit in allen Bereichen zur\u00fcckzuerlangen.<\/p>\n<p>Sie haben den zornigen Widerstandsgeist in Aserbaidschan wieder in die \u00d6ffentlichkeit getragen. Nach ihrer Festnahme ist die Leidenschaft zum Kampf gegen die Diktatur unter den Jugendlichen enorm gewachsen. Der Fall erregte auch weit \u00fcber die Landesgrenzen Aufmerksamkeit. An vielen Orten organisierten Anarchist*innen Solidarit\u00e4tsaktionen. Amnesty International setzt sich ebenfalls f\u00fcr die beiden ein.<\/p>\n<p><b>Rovshana und Sven<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beiden stehen in einer langen Reihe von Aktivist*innen, die f\u00fcr ihren friedlichen Protest brutale staatliche Repression erlitten. Wie beispielsweise die Verfolgung von Antifaschist*innen nach dem Spanischen B\u00fcrgerkrieg und die Geschwister Scholl in Deutschland. Giyas hatte schon vor seiner Festnahme das Foto von Sophie Scholl als Profilbild verwendet. 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