{"id":1643,"date":"1998-01-01T00:00:53","date_gmt":"1997-12-31T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1643"},"modified":"2022-07-26T14:26:33","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:33","slug":"ich-selbst-bin-anarchist-aber-von-einer-anderen-art","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/01\/ich-selbst-bin-anarchist-aber-von-einer-anderen-art\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Freunde, ich m\u00f6chte meine dem\u00fctige Entschuldigung f\u00fcr meine Versp\u00e4tung aussprechen. Ihr werdet die Entschuldigung annehmen, wenn ich euch sage, da\u00df ich nichts daf\u00fcr kann noch sonstwer daf\u00fcr verantwortlich ist. (Gel\u00e4chter.) Tats\u00e4chlich werde ich derzeit wie ein Tier umhergezeigt und meine \u00fcberfreundlichen B\u00e4ndiger \u00fcbersehen ein notwendiges Kapitel meines Lebens &#8211; den reinen Zufall. Auch jetzt waren sie wieder nicht gewappnet f\u00fcr die Serie von Zuf\u00e4llen, die mir, meinen B\u00e4ndigern und meinen Begleitern widerfahren ist. Deshalb die Versp\u00e4tung.<\/p>\n<p>Liebe Freunde, die ihr noch unter dem Eindruck der unnachahmlichen Beredsamkeit meiner Vorrednerin Lady Besant steht, glaubt nicht, da\u00df unsere Universit\u00e4t bereits vollendet ist und da\u00df all die jungen M\u00e4nner, die nun in eine werdende und wachsende Universit\u00e4t kommen, diese als vollendete B\u00fcrger eines gro\u00dfen Imperiums wieder verlassen werden. Freunde, geht heute nicht mit dieser Erwartung auseinander. Und wenn ihr, die vielen Studenten, an die meine Bemerkungen heute abend gerichtet sind, im gegenw\u00e4rtigen Augenblick meint, das geistige Leben, f\u00fcr welches dieses Land ber\u00fchmt und konkurrenzlos ist, k\u00f6nne nur durch Reden ausgedr\u00fcckt werden, dann, glaubt mir, t\u00e4uscht ihr euch. Ihr werdet nie lediglich durch Reden die Botschaft ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, die Indien, wie ich hoffe, dereinst der Welt zu geben in der Lage sein wird. Ich nehme die hier w\u00e4hrend der letzten beiden Tage gegebenen Vortr\u00e4ge aus, weil sie n\u00f6tig waren. Aber ich wage es anzufragen, ob wir nicht langsam das Ende unserer Energien f\u00fcrs Redenhalten erreicht haben. Und es gen\u00fcgt uns kein Ohrenschmaus, es reicht uns nicht, da\u00df sich unsere Augen weiden. Es ist n\u00f6tig, da\u00df unsere Herzen ber\u00fchrt werden und da\u00df unsere H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe in Bewegung gesetzt werden. Die letzten beiden Tage wurde uns von der Notwendigkeit erz\u00e4hlt, die Einfachheit des indischen Charakters zur\u00fcckzugewinnen, und das hei\u00dft, da\u00df unsere H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe sich im Einklang mit unseren Herzen bewegen. Das nur zur Einleitung.<\/p>\n<p>Ich wollte sagen, da\u00df es f\u00fcr mich zutiefst verletzend und besch\u00e4mend ist, im Schatten dieser gro\u00dfen Universit\u00e4t und in dieser heiligen Stadt zu meinen Landsleuten in einer Sprache zu sprechen, die mir fremd ist. Ich wei\u00df, w\u00e4re ich ein Pr\u00fcfer und h\u00e4tte ich die zu pr\u00fcfen, die als Publikum an diesen beiden Tagen die Vortr\u00e4ge besucht haben, da\u00df die meisten von ihnen die Pr\u00fcfung nicht bestehen w\u00fcrden. Und warum? Weil sie nicht tats\u00e4chlich erreicht worden sind.<\/p>\n<p>Ich habe das Treffen des gro\u00dfen Congress im letzten Dezember besucht. Da war ein viel gr\u00f6\u00dferes Autidorium. Glaubt ihr mir, wenn ich euch erz\u00e4hle, da\u00df die einzigen Reden, die das gro\u00dfe Publikum wirklich begeisterten, diejenigen Reden waren, die auf Hindi gehalten wurden? Und das in Bombay, wohlgemerkt, nicht in Benares, wo jeder Hindi spricht. Und zwischen der Landessprache um Bombay und Hindi existiert keine solch gro\u00dfe Scheidelinie wie zwischen Englisch und den Schwestersprachen Indiens. Das Congress-Publikum jedenfalls war eher f\u00e4hig, den Hindi-Rednern zu folgen. Ich hoffe sehr, da\u00df diese Universit\u00e4t darauf ein Auge hat und da\u00df die Jugendlichen, die sie besuchen und in ihr lernen, dies in ihrer Muttersprache tun k\u00f6nnen. Unsere Sprache ist der Spiegel von uns selbst, und wenn ihr mir sagt, unsere Sprachen seien zu arm, um die sch\u00f6pferischsten Gedanken auszudr\u00fccken, dann sage ich, je fr\u00fcher unsere Existenz ausgetilgt wird, desto besser f\u00fcr uns. Gibt es hier jemanden, der davon tr\u00e4umt, da\u00df Englisch je die Landessprache Indiens werden kann? (Zurufe: &#8222;Niemals!&#8220;)<\/p>\n<p>Warum diese B\u00fcrde f\u00fcr das Land? Denkt nur einen Augenblick dar\u00fcber nach, welch ungleiches Wettrennen unsere Jugendlichen mit jedem englischen Jugendlichen f\u00fchren m\u00fcssen. Ich hatte diesbez\u00fcglich die Gelegenheit eines intensiven Gespr\u00e4chs mit einigen Professoren aus Poona. Sie versicherten mir, da\u00df jeder indische Jugendliche wenigstens sechs kostbare Jahre seines Lebens verliert, weil er sich sein Wissen durch die englische Sprache aneignen mu\u00df. Multipliziert das einmal mit der Anzahl der Studierenden aus unseren Schulen und Colleges und findet f\u00fcr euch selbst heraus, wieviele tausend Jahre dem Land verloren gehen. Man wirft uns vor, wir entwickelten keine Initiative. Wie k\u00f6nnen wir das je, wenn wir die kostbarsten Jahre unseres Lebens dem Erlernen einer fremden Sprache widmen? Und auch noch bei diesem Versuch scheitern wir. Oder gelang es etwa irgendeinem Redner von uns gestern und heute, das Auditorium so zu beeindrucken wie Mr. Higginbotham? Es war aber nicht deren Fehler, da\u00df sie das Publikum nicht beeindruckten. Sie hatten viel Substanz in ihren Reden. Aber ihre Reden konnten unsere Herzen nicht erreichen. Es wird gesagt, schlie\u00dflich seien es britisch erzogene Inder, die das Land f\u00fchrten. Und es w\u00fcrde in der Katastrophe enden, wenn es anders w\u00e4re. Die einzige Erziehung, die wir erfahren, ist die britische. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir uns erkenntlich zeigen.<\/p>\n<p><a name=\"oben1\"><\/a><a name=\"oben2\"><\/a> Aber nehmt einmal an, wir h\u00e4tten uns in den letzten 50 Jahren mittels unserer Landessprachen gebildet, was h\u00e4tten wir heute davon? Wir h\u00e4tten heute ein freies Indien, wir h\u00e4tten unsere Intellektuellen, und zwar nicht als Fremde im eigenen Land, sondern als Menschen, die zu unseren Herzen sprechen k\u00f6nnen. Sie w\u00fcrden unter den \u00c4rmsten der Armen arbeiten und was immer sie w\u00e4hrend der vergangenen 50 Jahren an Wissen und Erfahrung angeh\u00e4uft h\u00e4tten, w\u00e4re ein Erbe der Nation. (Applaus.) Heute wird auch unseren Frauen die Partizipation an Bildung vorenthalten. Schaut auf Professor Bose <a href=\"#u1\">(<\/a><a href=\"#u1\">1)<\/a> und Professor Ray <a href=\"#unten2\">(2)<\/a> und ihre brillianten Forschungen. Ist es nicht besch\u00e4mend, da\u00df sie nicht das gemeinsame geistige Eigentum der Massen werden?<\/p>\n<p>La\u00dft uns nun einem anderen Thema zuwenden.<\/p>\n<p>Der Congress hat eine Resolution \u00fcber Selbst-Regierung erlassen und ich hege keine Zweifel, da\u00df das indienweite Congress-Komitee und die Muslim-Liga ihrer Verantwortung gerecht werden und einige greifbare Vorschl\u00e4ge machen. Meinerseits mu\u00df ich jedoch frei bekennen, da\u00df ich weniger daran interessiert bin, was das Komitee produziert als daran, was die Studenten oder die Massen hervorbringen. Kein Papier, keine Deklaration wird uns je Selbst-Regierung bescheren. Und noch so viele Reden und Ansprachen werden uns nicht auf die Selbst- Regierung vorbereiten. Nur unsere eigene Lebensf\u00fchrung wird das tun. (Applaus.)<\/p>\n<p>Und wie versuchen wir gegenw\u00e4rtig uns selbst zu regieren? Ich m\u00f6chte mich heute abend deutlich ausdr\u00fccken. Wenn ihr meine Rede heute abend als Rede ohne die n\u00f6tige Distanz zur Sache empfindet, dann bedenkt, da\u00df ihr die Gedanken eines Mannes teilt, der es sich heute erlaubt, vernehmbar und deutlich zu werden. Und wenn ihr denkt, ich \u00fcberschreite die Grenzen, welche die H\u00f6flichkeit mir auferlegt, verzeiht mir die Freiheit, die ich mir nehme. Ich habe gestern den Viswanath Temple besucht und bin durch die nahegelegenen Gassen gegangen. Da kamen mir die folgenden Gedanken: Wenn pl\u00f6tzlich ein Fremder bei diesem Tempel auftauchte und den Zustand der Hindus beurteilen m\u00fc\u00dfte, h\u00e4tte er nicht ein Recht dazu, uns zu kritisieren? Spiegelt dieser gro\u00dfe Tempel nicht etwas von unserem derzeitigen Zustand wider? Ich spreche jetzt als Hindu. Ist es gut, da\u00df die Gassen in unserem heiligen Tempel so verdreckt sind? Die H\u00e4user im Umkreis sind querbeet gebaut worden. Die Gassen sind qu\u00e4lend eng. Wenn schon unsere heiligen St\u00e4tten ein Beispiel an Enge und Schmutz sind, wie kann dann unsere Selbst-Regierung anders sein? Werden unsere Tempel automatisch zu Heimst\u00e4tten des Heiligen, Reinen und Friedvollen, sobald die Briten mit Sack und Pack Indien verlassen haben, ob nun aus eigenem Antrieb oder durch unseren Druck?<\/p>\n<p>Ich stimme voll und ganz mit dem Congress-Pr\u00e4sidenten \u00fcberein, da\u00df wir die n\u00f6tigen Verantwortlichkeiten erlernen m\u00fcssen, bevor wir an Selbst-Regierung denken k\u00f6nnen. In jeder unserer St\u00e4dte gibt es neben akzeptablen Stadtvierteln auch noch Slums. Meist ist die Stadt ein stinkender Moloch. Wenn wir die St\u00e4dte zu wirklichem Leben erwecken wollen, k\u00f6nnen wir nicht einfach das leichtfertige Dorfleben fortsetzen. Es ist nicht gerade angenehm zu sehen, da\u00df sich die Menschen auf den Stra\u00dfen Bombays st\u00e4ndig davor in Acht nehmen m\u00fcssen, nicht von den Spucksalven aus den hochgescho\u00dfigen H\u00e4usern getroffen zu werden. Ich fahre viel mit der Bahn umher. Dabei beobachte ich die Beschwernisse, die die Reisenden in der dritten Klassen auf sich nehmen m\u00fcssen. Den Bahnbediensteten kann da auch nicht immer f\u00fcr alle Vorkommnisse die Schuld gegeben werden. Wir verhalten uns so, da\u00df wir nicht einmal die hygienischen Mindestanforderungen erf\u00fcllen. \u00dcberallhin spucken wir aus und denken nicht daran, da\u00df der Waggonboden anderen vielleicht als Schlafplatz dienen soll. Uns schert das nicht und das Ergebnis ist ein unbeschreibbarer Schmutz in den Abteilen. Und die Passagiere der sogenannten besseren Klassen sch\u00fcren ihre Vorurteile gegen ihre weniger vom Gl\u00fcck beg\u00fcnstigten Br\u00fcder. Unter ihnen sah ich auch Studenten. Und manchmal haben sie sich nicht besser benommen. Sie beherrschen Englisch und tragen Norfolk-Jacken und meinen, dadurch h\u00e4tten sie das Recht, sich ihren Weg zu bahnen und Sitzpl\u00e4tze zu beanspruchen. Ich finde es wichtig das zu beleuchten, und da ihr mir die Ehre erwiesen habt, zu euch zu sprechen, lege ich mein Herz offen. Denn selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen wir dieses Verhalten \u00e4ndern, auf unserem Weg zur Selbst-Regierung.<\/p>\n<p>Nun mache ich euch mit einem anderen Milieu bekannt. Seine Majest\u00e4t der Maharaja, der die gestrigen Beratungen hier leitete, sprach \u00fcber Indiens Armut. Auch andere Redner machten davon gro\u00dfes Aufheben. Doch was mu\u00dften wir erleben, als die Einweihungszeremonie in Anwesenheit des Vizek\u00f6nigs stattfand? Nat\u00fcrlich eine prunkvolle Show, eine Zurschaustellung von Juwelen &#8211; ein Augenschmaus f\u00fcr den Gro\u00dfjuwelier, der aus Paris gekommen war. Nun vergleiche ich einmal die so reichhaltig geschm\u00fcckten Adligen mit den Millionen unserer Armen. Und ich f\u00fchle, da\u00df ich zu diesen Notablen sagen mu\u00df: &#8222;Es gibt keine Freiheit f\u00fcr Indien, solange ihr eure Juwelen tragt und sie euren indischen Landsleuten vorenthaltet.&#8220; (&#8222;H\u00f6rt, H\u00f6rt&#8220; und Applaus.) Ich bin sicher, es ist nicht der Wunsch des K\u00f6nigs oder von Lord Hardinge, da\u00df die Loyalit\u00e4t zum K\u00f6nig es gebiete, unsere Juwelenk\u00e4stchen zu leeren uns damit von Kopf bis Fu\u00df zu beh\u00e4ngen. Ich w\u00fcrde auf eigene Gefahr die Ansicht von K\u00f6nig George dazu einholen, da\u00df er nichts dergleichen gebietet.<\/p>\n<p><a name=\"oben3\"><\/a> Eure Majest\u00e4t <a href=\"#unten3\">(3)<\/a>, immer wenn ich von einem gro\u00dfen Palast erfahre, der in einer indischen Stadt gebaut wird, ob nun in Britisch-Indien oder im Indien der F\u00fcrstent\u00fcmer, werde ich sofort eifers\u00fcchtig und sage: &#8222;Es ist das Geld von den Bauern.&#8220; Mehr als 75 Prozent der Bev\u00f6lkerung sind Bauern und Mr. Higginbotham hat uns gestern in seiner eigenen, treffend formulierten Sprache gesagt, da\u00df es die Bauern sind, die zwei Grashalme auf einer Fl\u00e4che anbauen, die gerade gro\u00df genug f\u00fcr einen ist. Es kann nicht viel Geist der Selbst-Regierung in uns sein, wenn wir anderen erlauben, den Bauern nahezu die vollst\u00e4ndigen Ertr\u00e4ge ihrer Arbeit wegzunehmen. Unsere Befreiung kann nur durch die Bauern kommen. Weder die Anw\u00e4lte, noch die \u00c4rzte, noch die reichen Gro\u00dfgrundbesitzer k\u00f6nnen sie uns bringen.<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df nun bin ich verpflichtet, das aufzugreifen, was uns allen w\u00e4hrend dieser zwei oder drei Tage durch den Kopf ging. Wir alle erlebten angstvolle Augenblicke, als der Vizek\u00f6nig durch die Stra\u00dfen von Benares ging. Es waren viele Polizisten auf vielen Pl\u00e4tzen aufgefahren. Wir waren schockiert. Wir fragten uns: &#8222;Warum dieses Mi\u00dftrauen? W\u00e4re es nicht sogar besser f\u00fcr Lord Hardinge, wenn er sterben m\u00fc\u00dfte, anstatt auf diese Weise lebendig begraben zu sein?&#8220; Doch nein, ein Repr\u00e4sentant des m\u00e4chtigen Souver\u00e4ns kann dieses Risiko nicht eingehen. Er mag es sogar notwendig finden, lebendig begraben zu sein. Aber warum war es notwendig, gegen uns diese viele Polizei aufzufahren?<\/p>\n<p>Wir m\u00f6gen vor Wut sch\u00e4umen, wir m\u00f6gen uns \u00e4rgern, wir m\u00f6gen das \u00fcbelnehmen, doch wir sollten nicht vergessen, da\u00df das heutige Indien in seiner Ungeduld eine Armee von Anarchisten hervorgebracht hat. Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art. Denn es gibt eine bestimmte Str\u00f6mung von Anarchisten unter uns, zu denen ich sagen w\u00fcrde, wenn es mir m\u00f6glich w\u00e4re, sie zu erreichen, da\u00df f\u00fcr ihre Form des Anarchismus kein Platz ist in einem Indien, welches den Eroberer bek\u00e4mpft. Sie sind ein Zeichen der Angst. Wenn wir jedoch Gott vertrauen, brauchen wir vor niemandem Angst haben, weder vor den Maharajas, noch vor den Vizek\u00f6nigen, noch vor den Polizisten, nicht einmal vor K\u00f6nig George. Ich achte diesen Anarchisten f\u00fcr seine Liebe f\u00fcrs Land. Ich achte seinen Mut und seine Entschlossenheit, f\u00fcr dieses Land zu sterben, aber ich frage ihn: Ist das T\u00f6ten ehrbar? Ist der Dolch des Attent\u00e4ters ein angemessener Grund f\u00fcr einen ehrbaren Tod? Ich verneine das. Es gibt keine Rechtfertigung f\u00fcr solche Mittel in irgendeiner Schrift. Wenn ich es f\u00fcr die Befreiung Indiens notwendig f\u00e4nde, da\u00df die Briten sich zur\u00fcckz\u00f6gen, da\u00df sie rausgeschmissen werden m\u00fc\u00dften, w\u00fcrde ich nicht z\u00f6gern zu erkl\u00e4ren, da\u00df sie gehen m\u00fc\u00dften und ich hoffe, ich w\u00e4re f\u00e4hig f\u00fcr dieses Ziel mein Leben einzusetzen. <a name=\"oben4\"><\/a> Das w\u00e4re meiner Ansicht nach ein ehrbarer Tod. Der Bombenwerfer aber braucht die geheime Verschw\u00f6rung, meidet die \u00d6ffentlichkeit und zahlt bei einer Festnahme den Preis f\u00fcr seinen fehlgeleiteten Eifer. Man hat mir entgegengehalten: &#8222;H\u00e4tten wir das nicht getan, h\u00e4tten einige nicht Bomben geworfen, h\u00e4tten wir niemals irgendwelche Erfolge in der Bewegung gegen die Teilung Bengalens erzielt.&#8220; <a href=\"#unten4\">(4)<\/a> <a name=\"oben5\"><\/a> (Frau Besant: &#8222;H\u00f6ren Sie damit auf.&#8220;) (Gandhi an Frau Besant:) Diese Dinge habe ich auch in Bengalen bei einer Versammlung unter Vorsitz von Mr. Lyons diskutiert. <a href=\"#unten5\">(5)<\/a> Ich denke, da\u00df das notwendig ist. Wenn mir das Wort entzogen wird, werde ich das akzeptieren. (Dreht sich zum Vorsitzenden.) Ich erwarte Ihre Anweisung. Wenn Sie meine Ansprache als dem Land und dem Imperium nicht dienlich empfinden, werde ich abbrechen. (Zurufe: &#8222;Weiter sprechen!&#8220;) (Vorsitzender: &#8222;Bitte erkl\u00e4ren Sie ihre Ausf\u00fchrungen.&#8220;) Ich erkl\u00e4re ja meine Ausf\u00fchrungen. Ich bin nur&#8230; (Weitere Unterbrechung.)<\/p>\n<p>(Ans Publikum:) Meine Freunde, bitte \u00e4rgert euch nicht \u00fcber diese Unterbrechung. Wenn Frau Besant heute abend meint, ich solle aufh\u00f6ren, dann tut sie das, weil sie Indien auf solche Weise liebt, da\u00df sie glaubt, ich w\u00fcrde einen Fehler begehen, so deutlich vor euch Jugendlichen zu reden. Wie dem auch sei, ich will Indien ja nur von dieser Atmosph\u00e4re des Mi\u00dftrauens auf allen Seiten reinigen. Wenn wir unser Ziel erreichen wollen, sollten wir ein Imperium haben, das auf gegenseitiger Liebe und auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Ist es nicht besser, wir diskutieren auf ehrliche Weise unter dem Dach dieser Universit\u00e4t anstatt auf unverantwortliche Weise in unseren Familien? Ich denke, es ist viel besser, da\u00df wir diese Dinge frei und offen diskutieren. Und ich habe das bereits bei fr\u00fcheren Gelegenheiten getan, mit exzellenten Ergebnissen \u00fcbrigens. Ich wei\u00df, es gibt nichts, was die Studenten nicht diskutieren. Es gibt nichts, was die Studenten nicht wissen. Deshalb beleuchte ich unseren eigenen gegenw\u00e4rtigen Zustand. Mir ist das Schicksal dieses Landes so lieb und teuer, da\u00df ich diese Gedanken mit euch austausche und euch die Frage stelle, ob es keinen Grund f\u00fcr Anarchismus in Indien gibt. <a name=\"oben6\"><\/a>La\u00dft uns frei und offen sagen, was immer wir unseren Regierenden sagen wollen und la\u00dft uns den Folgen entgegensehen, wenn es ihnen nicht gef\u00e4llt. Aber mi\u00dfbrauchen wir die Redefreiheit nicht. Ich sprach einmal mit einem Mitglied des stark diskreditierten Civil Service <a href=\"#unten6\">(6)<\/a> Ich habe mit den h\u00f6heren zivilen Verwaltungsbeamten nicht viel gemein, aber ich konnte nicht umhin, die Art wie er zu mir sprach zu bewundern. Er sagte: &#8222;Herr Gandhi, hatten Sie je die \u00dcberzeugung, wir alle, die h\u00f6heren zivilen Beamten, seien ein schlimmer Haufen, da\u00df wir die Menschen unterdr\u00fccken wollen, die wir regieren?&#8220; &#8222;Nein&#8220;, sagte ich. &#8222;Dann bitte ich Sie, wenn sie einmal die Gelegenheit dazu haben, legen Sie doch ein gutes Wort f\u00fcr den diskreditierten Civil Service ein.&#8220; Hier bin ich nun, um dieses gute Wort einzulegen. Ja, viele Angestellte des Indian Civil Service sind ganz bewu\u00dft anma\u00dfend, sie benehmen sich tyrannisch, oftmals gedankenlos. Viele weitere Adjektive k\u00f6nnte ich anf\u00fchren. Ich wei\u00df um diese Dinge und ich wei\u00df auch darum, da\u00df einige von ihnen nach einigen Jahren Dienstes in Indien irgendwie herabgew\u00fcrdigt werden. Aber was sagt uns das? Sie waren Gentlemen als sie hierherkamen. Wenn sie einen Teil ihres moralischen Charakters aufgegeben haben, reflektiert das nur unseren eigenen Zustand. (Zurufe: &#8222;Nein&#8220;.) Denkt nur an euch selbst: wenn ein Mensch, der gestern noch freundlich gewesen, j\u00e4hzornig wurde, nachdem er mich getroffen hat, ist er daf\u00fcr verantwortlich, da\u00df er sich so gewandelt hat oder bin ich es nicht selbst? Die Atmosph\u00e4re des Kriechertums und der L\u00fcge, die die Civil-Service-Leute empf\u00e4ngt, wenn sie nach Indien zur\u00fcckkehren, demoralisiert sie. Und auch uns w\u00fcrde das demoralisieren. Manchmal ist es besser, sich selbst die Verantwortlichkeit aufzub\u00fcrden. Wenn wir die Selbst-Regierung erreichen wollen, m\u00fcssen wir uns verantwortlich verhalten. Sonst bekommen wir nie die Selbst-Regierung. Seht auf die Geschichte des britischen Imperiums und der britischen Nation. Freiheitsliebend wie sie ist, will sie ihrerseits die Freiheit keinem Volk gew\u00e4hren, das sie nicht selbst nimmt. Zieht euren Lehren, wenn ihr wollt, aus dem Burenkrieg. Diejenigen, die die Feinde des Imperiums waren, sind nur wenige Jahre sp\u00e4ter seine Freunde geworden&#8230; (erneute Unterbrechung.)&#8220;<\/p>\n<p>(An diesem Punkt &#8222;machten Frau Besant und einige F\u00fcrsten Anstalten, das Podium zu verlassen. Gandhi mu\u00dfte seine Ansprache abbrechen. Danach stellte er Frau Besant in einem Privatgespr\u00e4ch zur Rede und meinte, sie h\u00e4tte ihn doch ausreden lassen und sich anschlie\u00dfend von seinen Aussagen distanzieren k\u00f6nnen. Sie aber entgegnete ihm, er habe nicht das Recht gehabt, als geladener Gast alle, die mit auf dem Podium sa\u00dfen, auf diese Weise zu kompromittieren.&#8220; Nach D. Rothermund: Mahatma Gandhi, M\u00fcnchen 1989, S.88f)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Freunde, ich m\u00f6chte meine dem\u00fctige Entschuldigung f\u00fcr meine Versp\u00e4tung aussprechen. 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