{"id":1650,"date":"1998-01-01T00:00:28","date_gmt":"1997-12-31T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1650"},"modified":"2022-07-26T14:17:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:05","slug":"etta-federn-1883-1951-und-die-mujeres-libres","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/01\/etta-federn-1883-1951-und-die-mujeres-libres\/","title":{"rendered":"Etta Federn (1883-1951) und die Mujeres Libres"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Buch ist die deutsche Erstver\u00f6ffentlichung der Brosch\u00fcre &#8222;Mujeres de las revoluciones&#8220;, die 1938 w\u00e4hrend des spanischen B\u00fcrgerkrieges im Verlag der &#8222;Mujeres Libres&#8220; in Barcelona herausgegeben wurde. Die Autorin dieser Brosch\u00fcre, die Anarchistin Etta Federn (-Kohlhaas), war eine aktive Mitstreiterin in der 1936 gegr\u00fcndeten anarchosyndikalistischen Frauenorganisation &#8222;Mujeres Libres&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Mujeres de las revoluciones&#8220; enth\u00e4lt eine Sammlung von Portraits exponierter Frauen aus aller Welt. Die LeserIn erh\u00e4lt Einblick in ein breites Spektrum nicht-konformer Lebensentw\u00fcrfe. Sowohl radikal-b\u00fcrgerliche Frauenrechtlerinnen wie Emmeline Pankhurst, Lili Braun u.a. werden hier vorgestellt, als auch kommunistische Sozialrevolution\u00e4rinnen wie Angelika Balabanoff, Vera Figner u.a. Erw\u00e4hnenswert sind au\u00dferdem die Portraits der schwedischen Reformp\u00e4dagogin Ellen Key sowie der T\u00e4nzerin Isadora Duncan.<\/p>\n<p>Was aber ist das spezifisch &#8222;Revolution\u00e4re&#8220; an diesen Lebensentw\u00fcrfen? Im Mittelpunkt steht dabei nicht eine Teilnahme am aktiven milit\u00e4rischen Kampf, sondern der folgende Aspekt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Aber sie alle (&#8230;) haben einen gro\u00dfen Einflu\u00df auf die Bewu\u00dftmachung der Probleme ihrer Zeitepoche ausge\u00fcbt, haben Fortschritte durch ihre Art des Denkens und Urteilens herbeigef\u00fchrt, haben neue Gesichtspunkte vermittelt: sie haben dadurch Revolutionen verursacht und den Gang der Evolution beschleunigt.&#8220; ((1))<\/p><\/blockquote>\n<p>Bereits Emma Goldman hatte, als sie sich auf Rundreise durch das republikanische Spanien befand, in der Zeitschrift &#8222;Mujeres Libres&#8220; einige historische Frauen pr\u00e4sentiert, um durch die Darstellung der &#8222;erstaunlichen Taten der Frauen in der Vergangenheit die Legende von ihrer Minderwertigkeit&#8220; (S.94) zu widerlegen. Es war grundlegender Bestandteil der feministischen Erwachsenenbildung, das Selbstbewu\u00dftsein der Spanierinnen zu st\u00e4rken und gezielt das &#8222;Wissen um eine Frauengeschichte&#8220; (S.94) mit ihnen zusammen zu entfalten. Daf\u00fcr war es methodisch sinnvoll, u.a. historische Frauenportraits als Medium einzusetzen, insbesondere um &#8222;m\u00f6gliche Orientierungsvorbilder&#8220; (S.94) zu geben.<\/p>\n<p>Der Dachverband &#8222;Agrupaci\u00f3n Mujeres Libres&#8220; war explizit aus der Erkenntnis und Erfahrung heraus entstanden, da\u00df die aktiven, zumeist jungen Anarchistinnen ihre spezifischen Anliegen und Probleme innerhalb der bestehenden libert\u00e4ren Ortsgruppen nicht einbringen und \u00e4u\u00dfern konnten (der Begriff &#8222;libert\u00e4r&#8220; umfa\u00dft hier sowohl anarchistische als auch anarchosyndikalistische Ans\u00e4tze). Obwohl es f\u00fcr die libert\u00e4ren Frauengruppen zumeist \u00e4u\u00dferst schwierig war, sich innerhalb der fest verankerten patriarchalischen Strukturen autonom zu behaupten, entwickelte sich die spanische anarchafeministische Basisbewegung zu einer erfolgreichen, eigenst\u00e4ndigen und dynamischen Kraft. Eine ihrer ersten politischen Forderungen war die &#8222;Gleichbehandlung von M\u00e4nnern und Frauen in der Bewegung und innerhalb der Familie.&#8220; (S.87)<\/p>\n<p>&#8222;Capacitati\u00f3n&#8220; lautete das Schlagwort der Schulungs- und Bildungsprogramme f\u00fcr Frauen. Im wesentlichen bedeutete dies, &#8222;da\u00df jede Einzelne lernen m\u00fcsse, die gesellschaftlichen Mechanismen zu durchschauen, sich der eigenen Position innerhalb der Gesellschaft bewu\u00dft zu werden und sich individuell weiterzubilden, um innerhalb des revolution\u00e4ren Prozesses ein kompetentes, selbstbewu\u00dftes und sch\u00f6pferisches Individuum zu werden.&#8220; (S.88) Die Organisation &#8222;Mujeres Libres&#8220; bot f\u00fcr diese Zielsetzung zum Beispiel Kurse f\u00fcr Analphabetinnen an, aber auch weiterf\u00fchrende berufsbildende Lehrg\u00e4nge.<\/p>\n<h3>Die libert\u00e4re P\u00e4dagogin und Schriftstellerin Etta Federn<\/h3>\n<p>Im Kulturzentrum der anarchosyndikalistischen Frauenbewegung von Barcelona unterrichtete Etta Federn Literatur, Sprache und P\u00e4dagogik. Nach dem Modell der &#8222;Escuela Moderna&#8220; des libert\u00e4ren P\u00e4dagogen Francisco Ferrer (1859-1909) entwickelte sie eigene libert\u00e4r-p\u00e4dagogische Konzepte. Sp\u00e4ter gr\u00fcndete sie &#8211; ebenso im Zusammenhang mit den &#8222;Mujeres Libres&#8220; &#8211; ein libert\u00e4res Schulzentrum im katalonischen Ort Blanes, dessen Leiterin sie auch war und wo sie nicht nur Kinder, sondern auch zuk\u00fcnftige Lehrerinnen ausbildete. Dieses anarchistische Schulmodell war nicht nur atheistisch und koedukativ ausgerichtet, sondern vor allem antimilitaristisch und pazifistisch. Eine &#8222;angstfreie, kindgerechte, anregende und f\u00fcrsorgliche Atmosph\u00e4re&#8220; war dabei ma\u00dfgebend, &#8222;und zwar m\u00f6glichst unbelastet von den politisch-sozialen K\u00e4mpfen der Epoche.&#8220; (S.90)<\/p>\n<p>Von vielen ZeitgenossInnen und FreundInnen wurde sie als eine bemerkenswerte Pers\u00f6nlichkeit mit gro\u00dfer Ausstrahlungskraft beschrieben. &#8222;Der Kampf f\u00fcr individuelle und gesellschaftliche Emanzipation pr\u00e4gte ihr gesamtes Denken und Leben.&#8220; (S.90) Ihre Sensibilit\u00e4t f\u00fcr soziale Ungerechtigkeit und ihre Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Literatur und Bildung sind u.a. auf ihre eigene Sozialisation zur\u00fcckzuf\u00fchren, nicht zuletzt auf ihre Mutter, die selbst eine engagierte Frauenrechtlerin war.<\/p>\n<p>Etta Federn wurde 1883 in Wien als j\u00fcngste Tochter einer assimilierten \u00f6sterreichisch-j\u00fcdischen Familie geboren. Was Ausbildung und Erziehung anbetraf, war sie ihren Br\u00fcdern vollkommen gleichgestellt. Nach der Matura begann sie mit dem Studium der Germanistik und Philosophie. Dar\u00fcber hinaus erhielt sie eine breit angelegte Ausbildung in Fremdsprachen. Trotz der gut gestellten Startbedingungen ins Leben kam es zum Bruch mit der Familie. Sie siedelte nach Berlin \u00fcber, wo sie ihr Studium zu Ende f\u00fchrte.<\/p>\n<p>In Berlin verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt zun\u00e4chst durch Unterrichten und \u00dcbersetzen aus den Sprachen Englisch, Franz\u00f6sisch, D\u00e4nisch, Russisch und Jiddisch. Sie \u00fcbersetzte u.a. Alexandra Kollontai, Shakespeare und Hans Christian Andersen. Beim Berliner Tageblatt arbeitete sie als Literaturkritikerin. Gleichzeitig begann sie zu schreiben: Essays, Biographien, Autobiographisches, Erz\u00e4hlungen, ein Theaterst\u00fcck und Gedichte. Vor allem mit ihrer 1927 erschienenen Erstbiographie \u00fcber Walther Rathenau hatte sie sich im Berlin der Weimarer Republik einen Namen gemacht. Aufgrund ihrer vehementen Verteidigung dieses liberalen Politikers und \u00fcberhaupt wegen ihrer freiheitlich-geistigen Gesinnung (sowie nat\u00fcrlich auch wegen ihrer assimilierten j\u00fcdischen Herkunft) erhielt sie Morddrohungen von Nazis. Schlie\u00dflich wurde der Verfolgungsdruck so stark, da\u00df sie bereits 1932 Deutschland den R\u00fccken kehren mu\u00dfte. Fast 50- j\u00e4hrig ging sie zusammen mit ihren beiden S\u00f6hnen nach Spanien ins Exil (1932-1938).<\/p>\n<h3>Berlin, Barcelona, Paris: Stationen eines Lebens im anarchistischen Milieu<\/h3>\n<p>Bis 1932 hatte sie nach zwei gescheiterten Ehen und als Alleinern\u00e4hrerin ihrer Familie Zuflucht innerhalb der anarchosyndikalistischen Bewegung Berlins gefunden. Die Mitwirkung in der FAUD (&#8222;Freie Arbeiter-Union Deutschlands&#8220;) &#8211; f\u00fcr deren Zeitschriften sie au\u00dferdem regelm\u00e4\u00dfig Beitr\u00e4ge schrieb &#8211; entfaltete sich bald zu einem dichten, tragenden sozialen Beziehungsnetz. Insbesondere die innige Freundschaft mit Rudolf Rocker und Milly Witkop-Rocker hielt lebenslang.<\/p>\n<p>Ihre Eingebundenheit in die anarchistische Bewegung Gro\u00df-Berlins, in der sich damals viele &#8222;selbst\u00e4ndige j\u00fcdische Frauen engagierten, deren Themen wie soziale Revolution, Freie P\u00e4dagogik, die Bedeutung von kultureller Arbeit und Frauenemanzipation sowie der hohe Stellenwert solidarischen, verantwortungsbewu\u00dften Verhaltens boten ihr geistigen, emotionalen und politischen R\u00fcckhalt.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr ihre Anfangszeit in Barcelona im Exil war ihr der syndikalistische FreundInnenkreis aus Berlin eine solidarische St\u00fctze. Bereits von Berlin aus konnten ihre FreundInnen Etta Federn Anlaufadressen und Mitarbeitsm\u00f6glichkeiten in Barcelona verschaffen. Ihre Integration als Exilantin erfolgte au\u00dfergew\u00f6hnlich schnell. Innerhalb weniger Wochen war sie imstande, journalistische Artikel auf Spanisch zu ver\u00f6ffentlichen, gleichzeitig lernte sie katalanisch.<\/p>\n<p>Trotzdem litt sie anf\u00e4nglich unter dem Verlust, ihre poetisch-literarische Ausdrucksf\u00e4higkeit im Exilland vorerst nicht verwirklichen zu k\u00f6nnen. Hinzu kamen finanzielle Belastungen. Aufgrund ihrer Notsituation halfen ihr nahestehende Verwandte in den USA mit regelm\u00e4\u00dfigen, allerdings geringen \u00dcberweisungen.<\/p>\n<p>Im faschistischen Deutschland von 1933 wurden inzwischen alle ihre bisherigen Ver\u00f6ffentlichungen bei der B\u00fccherverbrennung den Flammen \u00fcbergeben und ihr Name auf die &#8222;schwarze Liste&#8220; gesetzt. Trotz Versch\u00e4rfung der spanischen Ausl\u00e4ndergesetze und zunehmender Bespitzelung durch die NSDAP\/Auslandsorganisation in Barcelona gelang es ihr, zahlreiche deutsche Fl\u00fcchtlinge in ihrer Wohnung zu beherbergen.<\/p>\n<p>Im Jahre 1938, kurz vor dem Einmarsch Francos, verlie\u00df sie aufgrund der massiven Bombardierungen Barcelonas ihr Exilland. In Paris fand sie schlie\u00dflich f\u00fcr sich und ihre beiden S\u00f6hne Unterkunft. Bis zu ihrem Lebensende (1951) blieb diese Stadt ihre Wahlheimat. Obwohl Etta Federn zum Zeitpunkt der \u00dcbersiedlung physisch v\u00f6llig ersch\u00f6pft war, ja teilweise sogar ernsthaft erkrankt, beteiligte sie sich aktiv an der R\u00e9sistance durch \u00dcbersetzungen, Propagandaarbeit und Organisierung. Schmerzlich war dann nochmal der Verlust ihres \u00e4ltesten Sohnes, der als K\u00e4mpfer der R\u00e9sistance 1945 in einem Gefecht umgekommen war. Paradoxerweise erhielt sie gerade wegen diesem Vorfall die franz\u00f6sische Staatsangeh\u00f6rigkeit und eine kleine monatliche Entsch\u00e4digungsrente.<\/p>\n<p>Die von Marianne Kr\u00f6ger vorgelegte Publikation &#8222;Mujeres de las revoluciones&#8220; bietet zugleich einen spannend und interessant geschriebenen Einblick in das Lebenswerk Etta Federns. Wesentliche Orte und l\u00e4ngst verlorengegangene Spuren dieser uns heute zumeist unbekannten Schriftstellerin und libert\u00e4ren Sozialreformerin sind aufgedeckt und wiedergefunden. Besonders der psycho-soziale Aspekt, n\u00e4mlich auf welche Weise die Pers\u00f6nlichkeit Etta Federns selbst mit den libert\u00e4ren sozialen Bewegungen ihrer Zeit verbunden war, ist meines Erachtens gut herausgearbeitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Buch ist die deutsche Erstver\u00f6ffentlichung der Brosch\u00fcre &#8222;Mujeres de las revoluciones&#8220;, die 1938 w\u00e4hrend des spanischen B\u00fcrgerkrieges im Verlag der &#8222;Mujeres Libres&#8220; in Barcelona herausgegeben wurde. Die Autorin dieser Brosch\u00fcre, die Anarchistin Etta Federn (-Kohlhaas), war eine aktive Mitstreiterin in der 1936 gegr\u00fcndeten anarchosyndikalistischen Frauenorganisation &#8222;Mujeres Libres&#8220;. &#8222;Mujeres de las revoluciones&#8220; enth\u00e4lt eine Sammlung &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/01\/etta-federn-1883-1951-und-die-mujeres-libres\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Etta Federn (1883-1951) und die Mujeres Libres - graswurzelrevolution","description":"Dieses Buch ist die deutsche Erstver\u00f6ffentlichung der Brosch\u00fcre \"Mujeres de las revoluciones\", die 1938 w\u00e4hrend des spanischen B\u00fcrgerkrieges im Verlag der \"Muje"},"footnotes":""},"categories":[112,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-1650","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-225-januar-1998","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1650","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1650"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1650\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1650"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1650"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1650"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}