{"id":1656,"date":"1998-02-01T00:00:43","date_gmt":"1998-01-31T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1656"},"modified":"2022-07-26T13:11:56","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:56","slug":"im-marz-ist-tag-x-in-ahaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/im-marz-ist-tag-x-in-ahaus\/","title":{"rendered":"Im M\u00e4rz ist Tag X in Ahaus!"},"content":{"rendered":"<p>Von Gorleben nach Ahaus: Der letzte Tag X im Wendland, im M\u00e4rz 97 war ein voller Erfolg. Zwanzigtausend demonstrierten am Wochenende vorher in L\u00fcneburg und im Wendland. An den Schienen festgekettete, im Gleisbett einbetonierte, an F\u00e4ssern angeschlossene und \u00fcber der Stra\u00dfe h\u00e4ngende Menschen stoppten den CASTOR-Transport immer wieder f\u00fcr Stunden. Vor dem Verladekran gab es die gr\u00f6\u00dfte Sitzblockade, die die BRD je gesehen hat. Und entlang der gesamten Transportstrecke im Wendland gab es Protest- und Blockadeaktionen, von Transparenten \u00fcber Menschen- und Treckerblockaden bis hin zu untertunnelten Stra\u00dfen. Zwar gelang es den insgesamt 30 000 eingesetzten PolizistInnen zum Schlu\u00df doch noch den Transport bis Gorleben durchzubringen, aber das war fast schon nebens\u00e4chlich. Der Widerstand war beeindruckend, eine &#8222;Sternstunde gewaltfreier Aktion und Sozialer Verteidigung&#8220;, so die GWR damals. So beeindruckend, da\u00df die Betreiberseite den Fehler beging anzuk\u00fcndigen, der n\u00e4chste Transport w\u00fcrde nach Ahaus und nicht nach Gorleben gehen. Dieser Transport war urspr\u00fcnglich f\u00fcr Herbst 97 geplant, wurde dann aber wegen des wieder unerwartet stark gewachsenen Widerstands in und um Ahaus verschoben &#8211; ein erster Erfolg!<\/p>\n<h3>Planungen f\u00fcr den Tag X<\/h3>\n<p>Nun ist der Ahaus-Transport f\u00fcr die Woche vom 23. M\u00e4rz, vielleicht auch schon f\u00fcr die Woche davor, geplant. Die Abfahrtskraftwerke stehen fest. Drei CASTOR-Beh\u00e4lter werden aus Gundremmingen und drei aus Neckarwestheim kommen. Die PolizistInnen in Nordrhein-Westfalen haben ab dem 16. M\u00e4rz Urlaubssperre. Die Vorbereitungen der Polizei laufen auf Hochtouren. Unterk\u00fcnfte werden beschafft, Einsatzzentralen eingerichtet, Einsatzpl\u00e4ne aufgestellt, und so weiter.<\/p>\n<p>Doch nicht nur die Polizei, auch der Widerstand bereitet sich auf einen Tag X nach wendl\u00e4ndischem Vorbild vor.<\/p>\n<p>Auftakt der Aktionstage wird eine gro\u00dfe Demo am Samstag vor dem Transport um 11.00 Uhr in M\u00fcnster, der Ahaus n\u00e4chstgelegenen Gro\u00dfstadt, sein. Anschlie\u00dfend soll es im Auto-Konvoi und einzeln nach Ahaus gehen, wo sechs Camps vorbereitet werden. F\u00fcr den Tag X, und auch die Tage davor, wird der Schwerpunkt auf dezentrale Aktionen entlang der Transportstrecke gelegt. Als vorbereitete Gro\u00dfaktion ist diesmal nur X-tausendmal quer geplant, das beim Ahauser Bahnhof auf dem Anfang des Zubringergleises f\u00fcr das Zwischenlager stattfinden soll.<\/p>\n<p>In Ahaus gibt es n\u00e4mlich keinen Verladekran und keine 20 Kilometer lange Strecke, die der Transport auf der Stra\u00dfe zur\u00fccklegen mu\u00df. Hier f\u00fchrt ein, der Betreiberfirma geh\u00f6rendes, vier Kilometer langes Zubringergleis direkt vom Ahauser Bahnhof bis in die CASTOR-Halle. Davor f\u00e4hrt der Transport auf \u00f6ffentlichen Schienen, und hat bis zum Bahnhof auch zwei m\u00f6gliche Strecken zur Auswahl. Da das, mit vier Kilometern recht kurze, Zubringergleis von sehr starken Polizeikr\u00e4ften gesch\u00fctzt sein wird, und viele Aktionen dort nicht m\u00f6glich sein werden, wird mit dem dezentralen Aktionskonzept auf die beiden nach Ahaus f\u00fchrenden \u00f6ffentlichen Schienenstrecken ausgewichen. Wo am Tag X \u00fcbrigens auch kein \u00f6ffentlicher Zugverkehr au\u00dfer dem CASTOR stattfinden wird. Es soll versucht werden, den Transport m\u00f6glichst weit vor Ahaus zu stoppen, und dadurch die Transportstrecke, auf der Blockaden und Aktionen stattfinden k\u00f6nnen, m\u00f6glichst lang zu machen. Ein Konzept, da\u00df angesichts der Festschlie\u00dfaktionen auf der Schiene, die den Transport das letzte Mal sehr lange aufhalten konnten, erfolgsversprechend ist.<\/p>\n<h3>X-tausendmal quer<\/h3>\n<p>Die Polizeif\u00fchrung unter dem gr\u00fcnen Polizeipr\u00e4sidenten von M\u00fcnster, Hubert Wimber, hat zwar angek\u00fcndigt jede Aktion auf dem Zubringergleis des BZA (Brennelemente Zwischenlager Ahaus) zu verhindern, insbesondere auch die Sitzblockade X-tausendmal quer. Die Aktion X-tausendmal quer wird aber nicht versuchen, der starken Polizeipr\u00e4senz auf dem BZA-Gleis auszuweichen. Sie setzt auf die innere St\u00e4rke, die entschlossen gewaltfreien Massenaktionen innewohnt, und die schon so mancher Einsatzleiter untersch\u00e4tzt hat. Selbst mit 18 000 PolizistInnen, soviele sind f\u00fcr Ahaus angek\u00fcndigt, lassen sich vier Kilometer Gleis nicht gegen mehrere Tausend Menschen &#8222;verteidigen&#8220;, die entschlossen sind, sich nur durch eine Festnahme vom Betreten des Gleises abhalten zu lassen. Das klingt zwar im besten Wortsinne phantastisch, stimmt aber.<\/p>\n<p>Bei der zweiten \u00f6ffentlichen Schienendemontageaktion &#8222;Ausrangiert!&#8220; in Dannenberg versuchten 3 000 BeamtInnen einen Kilometer Schiene vor 2 000 AktionsteilnehmerInnen zu sch\u00fctzen. Und obwohl sie Wasserwerfer, Absperrgitter und Hundestaffeln aufboten und einsetzten, gelang es zumindest zeitweise, auf die Schiene zu kommen und diese ansatzweise zu unterh\u00f6hlen und Schrauben zu entfernen.<\/p>\n<p>In Ahaus sind die Bedingungen f\u00fcr die Polizei ungleich schlechter. Zwar haben sie mehr BeamtInnen zur Verf\u00fcgung, aber das Gleis ist auch l\u00e4nger, sie werden eine Menge Arbeit mit den dezentralen Aktionen haben, und X-tausendmal quer dauert um einiges l\u00e4nger als eine normale Aktion von ein paar Stunden. Die Blockade wird schon ein bis zwei Tage vor der Ankunft des Transports begonnen. Die Polizei hat also die Wahl, das Gleis rund um die Uhr mit zwei BeamtInnen pro Meter zu sch\u00fctzen, das Gleis rund um die Uhr zu r\u00e4umen, alle BlockiererInnen festzunehmen, was alles bei gen\u00fcgender Entschlossenheit und Anzahl der AktionsteilnehmerInnen unm\u00f6glich ist, oder die Blockade irgendwann zuzulassen.<\/p>\n<p>Zur Zeit laufen die organisatorischen Vorbereitungen. Es wird Essen in den Camps, SprecherInnenr\u00e4te, Bezugsgruppenfindung, Polizeikontakte, Pressearbeit und \u00e4hnliches geben. Wer nach Ahaus kommt, sollte aber nicht unbedingt einen Blockaderundumservice mit einer Organisationsgruppe von fast hundert Leuten, die sich um alles k\u00fcmmert bis hin zur trockenen W\u00e4sche f\u00fcr Durchn\u00e4\u00dfte usw., erwarten. Eigeninitiative und Selbstorganisation sind gefragt.<\/p>\n<p>Vor allem ein eigenes Camp als gemeinsamer Ausgangsort f\u00fcr die Aktion wird sehr fehlen. Mehrere Gewaltfreie Aktionsgruppen haben sich darauf geeinigt, da\u00df sie gemeinsam in das Camp der BI-Ahaus, direkt gegen\u00fcber dem Zwischenlager, gehen und dort f\u00fcr die ganze Zeit einen gemeinsamen SprecherInnenrat aufbauen, mit dem sie dann gemeinsam an X-tausendmal quer teilnehmen. Einige Menschen aus den genannten Aktionsgruppen haben, wie hoffentlich andere Menschen auch, vor, sich innerhalb von X-tausendmal quer am Gleis festzuschlie\u00dfen, um dadurch die R\u00e4umung zu erschweren.<\/p>\n<p>Einzelpersonen und Gruppen, die an X-tausendmal quer teilnehmen wollen, sind eingeladen, sich bei diesen Gruppen einzuklinken.<\/p>\n<h3>Ahaus ist nicht Gorleben<\/h3>\n<p>Vieles wird in Ahaus so sein, wie in Gorleben, wenn auch ein bi\u00dfchen kleiner. Dennoch ist Ahaus nicht Gorleben. Die Bev\u00f6lkerung von Ahaus ist zwar zum gr\u00f6\u00dften Teil gegen die CASTOR-Transporte, hat aber kaum Erfahrungen mit Widerstand. Gegen Atomtransporte auf die Stra\u00dfe zu gehen, ist im Wendland ganz normal. In Ahaus ist dieses allein ein riesiger Schritt, das Sich-auf-die-Schiene-setzten ein noch viel gr\u00f6\u00dferer. Trotz alledem, und das h\u00e4tte vor etwas \u00fcber einem Jahr kaum jemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, haben \u00fcber tausend Menschen aus Ahaus und Umgebung in Zeitungsanzeigen \u00f6ffentlich angek\u00fcndigt, da\u00df sie den Castortransport auf den Schienen blockieren wollen.<\/p>\n<p>Aber es gibt etwas, wovor die meisten Menschen in Ahaus noch mehr Angst haben als vor CASTOR-Transporten und Polizeieins\u00e4tzen. Vor &#8222;Chaoten&#8220;! Sie haben noch sehr stark das von Medien und Polizei verbreitete Bild der Reisechaoten im Kopf. Ein Pfarrer aus Ahaus sagte in einem Gespr\u00e4ch: &#8222;Achtzig Prozent der Gemeinde sind gegen das BZA, aber wenn es zu Gewalt kommt, denn kippt das ganz schnell.&#8220; Und Gewalt sind in seinem Sinne nicht nur Stra\u00dfenschlachten und brennende Barrikaden, sondern auch, in unserem Sinne gewaltfreie, Schienendemontagen oder Vermummung. Hier zeigt sich, da\u00df die bisher nur schwache Bewegung in Ahaus nicht in der Lage war, die staatliche Definitionsmacht zu durchbrechen. Und eigene Erfahrungen mit der Staatsgewalt fehlen bei den meisten Ahausern ganz.<\/p>\n<p>Es wird also weniger m\u00f6glich sein als im Wendland. Zu hoffen ist, da\u00df die meisten das nicht erst merken, wenn das Kind, in Form der Akzeptanz des Widerstands vor Ort, schon in den Brunnen gefallen ist.<\/p>\n<p>Auch wenn der Castor m\u00f6glicherweise durchkommt, hat der Widerstand gewonnen, wenn die Bereitschaft den Widerstand zu unterst\u00fctzen in Ahaus gewachsen ist, und damit beim n\u00e4chsten Transport mehr m\u00f6glich ist. Wenn die Ahauser Bev\u00f6lkerung nach dem Tag X zum Widerstand auf Distanz geht, hat er verloren. Selbst wenn der Transport noch teurer war als im Wendland, oder sogar nicht durchgekommen ist.<\/p>\n<p>Solche Phyrrussiege hat die Anti-AKW-Bewegung schon des \u00f6fteren errungen. In Grohnde gab es zum Beispiel 1977 eine Demo am Bauzaun des AKWs, die von vielen als Erfolg angesehen wurde, weil sie die militanteste Bauzaunschlacht war, die von der Anti-Atom-Bewegung je gef\u00fchrt worden war. In Grohnde aber lie\u00df sie verbrannte Erde zur\u00fcck. Der Schock, den diese Gewalt auf die Bev\u00f6lkerung der Umgebung bewirkte, zerst\u00f6rte die \u00f6rtlichen BI-Strukturen wirksamer und nachhaltiger, als staatliche Repression dies jemals vermocht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Es gilt also, genau zu \u00fcberlegen, welche Aktionsformen in Ahaus angebracht sind.<\/p>\n<h3>Gundremmingen und Neckarwestheim<\/h3>\n<p>Nicht nur nach Ahaus wird am Tag X mobilisiert, auch an die Abfahrt-AKWs. Am Tag X selbst wird vor allem nach Neckarwestheim mobilisiert. Dort, genaugenommen in Walheim, sollen die CASTOR-Waggons aus Gundremmingen und Neckarwestheim zusammengekoppelt werden. Ab dem Wochenende vor dem Tag X wird es hier ein Widerstandscamp geben. Dieses wird zum Ausgangspunkt f\u00fcr Aktionen und vor allem f\u00fcr die Blockaden am Tag X. Der Tag X in Neckarwestheim besteht eigentlich aus zwei Tagen. An einem Tag geht der Stra\u00dfentransport von Neckarwestheim zur Verladestation im Kohlekraftwerk Walheim. Dort wird voraussichtlich am gleichen Tag auch der Zug aus Gundremmingen eintreffen. Am zweiten Tag f\u00e4hrt der Transport los, in Richtung Ahaus.<\/p>\n<p>In Gundremmingen wird es schon im Vorfeld des Transportes Aktionen geben. Am ersten M\u00e4rz wird es eine Demo gegen Atomtransporte geben und am 8. M\u00e4rz die \u00f6ffentlich angek\u00fcndigte gewaltfreie Schienendemontage Ausrangiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr die OrganisatorInnen der Aktion Ausrangiert von der Mahnwache Gundremmingen ist eine starke Beteiligung an der Aktion sehr wichtig. F\u00fcr dieselbe Aktion haben sie Bew\u00e4hrungsstrafen zwischen drei und sechs Monaten bekommen, die sie bei Wiederholung der Aktion, absitzen m\u00fcssen. Es ist also absehbar, da\u00df Menschen f\u00fcr die Aktionen mehrere Monate ins Gef\u00e4ngnis gehen. Dies macht es wichtig, sie durch eine starke Solidarit\u00e4t zu unterst\u00fctzen, indem wir z.B. mit auf die Schiene gehen oder zumindestens bei der Aktion anwesend sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Gorleben nach Ahaus: Der letzte Tag X im Wendland, im M\u00e4rz 97 war ein voller Erfolg. Zwanzigtausend demonstrierten am Wochenende vorher in L\u00fcneburg und im Wendland. An den Schienen festgekettete, im Gleisbett einbetonierte, an F\u00e4ssern angeschlossene und \u00fcber der Stra\u00dfe h\u00e4ngende Menschen stoppten den CASTOR-Transport immer wieder f\u00fcr Stunden. 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