{"id":1677,"date":"1998-02-01T00:00:39","date_gmt":"1998-01-31T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1677"},"modified":"2022-07-26T13:34:12","modified_gmt":"2022-07-26T11:34:12","slug":"helm-ab-zum-gebet-nein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/helm-ab-zum-gebet-nein\/","title":{"rendered":"Helm ab zum Gebet? &#8211; NEIN!"},"content":{"rendered":"<p>So einiges wurde geboten: Soldaten verschiedenster Waffengattungen und Nationalit\u00e4ten, Feldj\u00e4ger, Bereitschaftspolizei, verschiedene, zumeist schon \u00e4ltere M\u00e4nner in bunten Kost\u00fcmen und &#8211; nicht zu \u00fcbersehen, genauer: nicht zu \u00fcberh\u00f6ren &#8211; eine lautstark sich artikulierende Menge von Menschen mit Transpas, Trillerpfeifen, Gitarren, Geigen, Sandwiches. Diese Menge war wesentlich bunter als die Herrschaften, welche sich zum Gottesdienst in den Dom begeben wollten: \u00e4ltere Damen in schicken Winterm\u00e4nteln Arm in Arm mit VertreterInnen der Ha\u00dfkappenfraktion und grellbunten Freaks jeglicher Couleur, in Ehren ergraute Alt-68er, Punks mit Irokesenschnitt und zahlreiche andere friedliebende B\u00fcrgerInnen, die in ihrer Unauff\u00e4lligkeit schon wieder auffielen. &#8211; Jah, wenn denn der Anla\u00df, sich so fr\u00fch am Morgen auf die Domplatte zu begeben nicht so traurig w\u00e4re, mensch k\u00f6nnte fast meinen, der Karneval hat schon eingeschlagen. Aber was war und ist denn der Anla\u00df dieser Versammlungen?<\/p>\n<p>Kardinal Meisner d\u00fcrfte seit 1945 der erste Kriegsprediger in der BRD sein. Beim Internationalen Soldatengottesdienst am 31. Januar 1991 sprach Meisner im K\u00f6lner Dom zu Soldaten der Bundeswehr und anderer NATO-Staaten. Viele von ihnen kamen aus den Staaten, die damals Krieg gegen den Irak f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Krieg entstehe dort, &#8222;wo der Mensch &#8230; zwar wei\u00df, was gut und richtig ist, es aber nicht tut, &#8230; wo die Menschen unter sich zerrissen werden und &#8230; wo der Ri\u00df zwischen den Menschen und den Dingen der Welt geht.&#8220; So weit noch nachvollziehbar. Aber weiter hei\u00dft es: &#8222;Friedensdienst ist Glaubensdienst. Wer dem Glauben und seiner Ausbreitung dient, der dient dem Frieden und seiner Verbreitung. Jeder Soldat mu\u00df daher immer auch &#8230; ein Mann Gottes (sein), um dem Frieden unter den Menschen dienen zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Im Klartext: Mit Gott an seiner Seite darf mann sich guten Gewissens ins Schlachtget\u00fcmmel st\u00fcrzen und bleibt trotzdem als &#8222;gl\u00e4ubiger Mensch&#8220; ein &#8222;friedlicher Zeitgenosse&#8220;. Und so weiter: &#8222;Wohlan, legen sie Hand ans Werk&#8220;, bat Kardinal Meisner seine Zuh\u00f6rer (-Innen waren keine dabei) gegen Ende der Predigt.<\/p>\n<p>Wurden nicht schon einige der grausamsten Massenschl\u00e4chtereien der Weltgeschichte, wie die sogenannten Kreuzz\u00fcge und die &#8222;Eroberung&#8220; S\u00fcdamerikas, \u00e4hnlich legitimiert? Auch die Soldaten der Nazi-Wehrmacht trugen bei ihren \u00dcberf\u00e4llen zur Beruhigung eines eventuell vorhandenen Gewissens den Spruch &#8222;Gott mit uns&#8220; auf ihren Koppelschl\u00f6ssern.<\/p>\n<p>Im Jahre 1997 predigte Meisner u.a.: &#8222;Genau dies ist die Definition des Soldaten: H\u00fcter seiner Br\u00fcder und Schwestern zu sein &#8230; Die Bindung an Gott entbindet von menschlichen Abh\u00e4ngigkeiten und verleiht ihm den Mut zu den n\u00f6tigen Handlungen, selbst wenn sie unpopul\u00e4r sein sollten. Hier bewahrheitet sich das Wort &#8222;f\u00fcrchte Gott und scheue niemand&#8220;.&#8220;<\/p>\n<p>Anscheinend hatten die Militaristen am 27. Januar 1997 nicht richtig zugeh\u00f6rt. Au\u00dfer vor Gott f\u00fcrchteten sie sich noch vor zwei Mitgliedern von Pax Christi (was so ziemlich genau exakt der protestierenden Menge vor dem Dom entsprach), welche ein Transparent mit der Aufschrift &#8222;Kriege verhindern &#8211; R\u00fcstung \u00e4chten&#8220; hielten. Mann scheute sich deshalb nicht, diese FriedensaktivistInnen vom Hauptportal des Domes weg f\u00fcr zwei Stunden in Gewahrsam nehmen zu lassen. Eine Leibesvisitation und Einzelhaft blieben ihnen nicht erspart.<\/p>\n<p>F\u00fcr den 22. Januar 1998 rief der Kardinal wieder anl\u00e4\u00dflich des Weltgebetstages f\u00fcr den Frieden zu einem Soldatengottesdienst auf. Gegen diese mentale Aufr\u00fcstung im Kirchenraum, gegen diese klerikale Vorab-Legitimierung der kommenden Kriege, regte sich zunehmend Widerstand.<\/p>\n<p>Aus dem Aufruf des B\u00fcndnisses: &#8222;Nach dem Ende der Sowjetunion und der Aufl\u00f6sung des Warschauer Paktes sah sich die NATO um ihre Existenzberechtigung gebracht und verschaffte sich schnellstens eine neue Legitimation, indem sie dem existierenden umfangreichen Milit\u00e4rapparat der NATO-Staaten &#8222;neue Aufgaben&#8220; zuwies. Das &#8222;Neue Strategische Konzept&#8220; des NATO-Gipfels in Rom im November 1991 wurde schon im Februar in Deutschland konkret in Strategiepapiere umgesetzt: als neue &#8222;deutsche Sicherheitsinteressen des freien Welthandels und des Zugangs zu strategischen Rohstoffen&#8220;. Seitdem wird um- und aufger\u00fcstet, seitdem wird die Bundeswehr vorbereitet auf &#8222;out-of-area&#8220;-Eins\u00e4tze in aller Welt. &#8230; Gegen diese Verharmlosung und Besch\u00f6nigung von l\u00e4ngst zielstrebig betriebenen Kriegsvorbereitungen protestieren wir aufs Sch\u00e4rfste.&#8220;<\/p>\n<p>Diese und andere profane Tatsachen werden in Meisners Soldatengottesdiensten nicht erw\u00e4hnt. Den Zuh\u00f6rern w\u00fcrde hiermit allzu deutlich geschildert, f\u00fcr wen und was die deutschen Soldaten endlich wieder t\u00f6ten und sich t\u00f6ten lassen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Nicht f\u00fcr die Reichen und die Rohstoffe, sondern f\u00fcr die gerechte Sache und die abendl\u00e4ndische Kultur k\u00e4mpfen wir. Kriege sind eine Naturkatastrophe, aber Abtreibung ist genauso schlimm. Fehlt nur noch, da\u00df die Erde eine Scheibe ist.<\/p>\n<p>&#8222;Wir dienen dem Frieden, indem wir die \u00d6konomie des Guten durch die Beachtung der Gebote Gottes st\u00e4rken. &#8230; Hier ist der Soldat aufgefordert, das Seinige in dieser Weise zu tun.&#8220; (20.1.94)<\/p>\n<p>&#8222;Auch in Friedensperioden bleiben Soldaten f\u00fcr die Sicherung des Friedens notwendig. Der durch die Erbs\u00fcnde gepr\u00e4gte Mensch bleibt f\u00fcr den Weltfrieden immer eine Gefahr, weil aus seinen tiefen Abgr\u00fcnden dunkle M\u00e4chte und Bewegungen erwachsen k\u00f6nnen, die sich in Kriegskatastrophen auswirken.&#8220; (23.1.92)<\/p>\n<p>&#8222;Wer zum T\u00f6ten ungeborener Kinder schweigt, richtet wenig durch lautstarke Proteste gegen die T\u00f6tung der Menschen in Kriegen aus.&#8220; (20.1.94)<\/p>\n<p>&#8222;Die Krise Westeuropas ist eine Folge der Atheisierung europ\u00e4ischen Denkens. Nur indem &#8230; einer gesellschaftlichen Gruppe, wie die der Soldaten, Gott wieder bewu\u00dft wird, werden sich die Menschen &#8230; ihrer Verantwortung gegen\u00fcber der Welt &#8230; bewu\u00dft. Darum ist der Aufruf Papst Johannes Paul II. zu einer Re-Evangelisierung Europas und der Welt ein Gebot der Stunde, von dem das \u00dcberleben unserer abendl\u00e4ndischen Kultur abh\u00e4ngig ist. Tun sie als Soldaten dazu das Ihre.&#8220; (31.1.95)<\/p>\n<p>&#8222;Ganz realistisch sieht die Kirche im Soldaten aber eine M\u00f6glichkeit, &#8230; den Menschen vor der Versuchung des B\u00f6sen zu sch\u00fctzen.&#8220; (21.1.93)<\/p>\n<p>Zwar r\u00e4umt Meisner im selben Jahr ein, da\u00df &#8222;auch Soldaten gef\u00e4hrdet (sind), Macht zu mi\u00dfbrauchen&#8220;, aber mit dem richtigen ideologischen R\u00fcstzeug l\u00e4\u00dft sich dies seiner Meinung nach weitgehend verhindern. &#8222;Wem k\u00e4me es in den Sinn, Soldaten, die auch Beter sind, dann noch als M\u00f6rder zu diskriminieren? Nein, in betenden H\u00e4nden ist die Waffe vor Mi\u00dfbrauch sicher.&#8220; (30.1.96)<\/p>\n<p>Die angemeldete Protestaktion durfte nur mit recht einschr\u00e4nkenden Auflagen \u00fcberhaupt stattfinden. Ganz an eine Seite der Domplatte wurden die ca. 200 Protestierenden gedr\u00e4ngt &#8211; eine Polizeikette verhinderte fast jeden Ansatz, auch nur ein paar Schritte zur Mitte der Domplatte zu kommen. So konnten die Militaristen ungehindert das Gotteshaus erreichen. Die Trillerpfeifen und die FlugblattverteilerInnen waren pausenlos im Einsatz. Ein Polizist, den Kn\u00fcppel parat, meinte sinngem\u00e4\u00df: Er k\u00f6nnte aufgrund der lautstarken Unmuts\u00e4u\u00dferungen nicht verstehen, wie die Demonstrierenden so f\u00fcr den Frieden w\u00e4ren. Aufgrund der realen Machtverh\u00e4ltnisse, einerseits bewaffnete gr\u00fcne Haufen auf der Domplatte, andererseits trillerpfeifende Gewaltt\u00e4terInnen, kann solch eine Bemerkung nur kopfsch\u00fcttelnd zur Kenntnis genommen werden. Nach Beginn der Veranstaltung im Dom zog sich die Polizeikette in Richtung Mitte der Domplatte zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Drinnen lauschten die Militaristen and\u00e4chtig dem guten Herrn vom Dom, welcher diesmal ein Loblied auf die Vermittlung christlicher Werte im Rahmen des soldatischen Unterrichts anstimmte. Worin bestehen diese Werte denn, wenn sich so gute ChristInnen wie der verurteilte Nazi-F\u00fchrer und Bombenleger Manfred R\u00f6der als Dozenten bet\u00e4tigen d\u00fcrfen?<\/p>\n<p>Dar\u00fcber lie\u00df Meisner sein Publikum leider im Unklaren. Stattdessen wurden der Bundeswehr und ihren Repr\u00e4sentanten geradezu g\u00f6ttliche Weihen zuteil. Eigentlich logisch, nachdem Meisner im vergangenen Jahr den Kriegsdienst in die N\u00e4he des Gottesdienstes ger\u00fcckt hatte.<\/p>\n<p>&#8222;Weil der Mensch der h\u00f6chste irdische Wert ist, ist es unserer Gesellschaft so lieb und teuer, da\u00df sie sich die Bundeswehr leistet. Sie wird den Erwartungen und Aufgaben nur gerecht, wenn der einzelne Soldat davon Ahnung hat, da\u00df der Mensch &#8211; er selbst, und die, f\u00fcr die er da ist, der Gott nach Gott ist.&#8220; (22.1.98)<\/p>\n<p>N\u00e4chstes Jahr ist demnach die Heiligsprechung der Gener\u00e4le zu erwarten. Vielleicht darf mann bald auch seine Lieblingswaffe f\u00fcr den n\u00e4chsten out-of-area-Einsatz von Meisner pers\u00f6nlich segnen lassen.<\/p>\n<p>Bei der Abschlu\u00dfkundgebung auf dem Wallraffplatz schilderten die beiden Pax Christi-Mitglieder Hanna Jaskolski (die als Kind die Kriegsfolgen in K\u00f6ln miterleben mu\u00dfte) und Tony Schreiber noch einmal ihre Erfahrungen mit der k\u00f6lner Polizei anl\u00e4\u00dflich des Soldatengottesdienstes 1997. Diesmal konnte die Demonstration nicht so einfach abger\u00e4umt werden. Au\u00dferdem &#8211; woher soll die Polizei im einsperrfreudigen K\u00f6ln so schnell 200 leere Einzelzellen nehmen?<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend legte die bekannte Theologieprofessorin Dorothee S\u00f6lle dar, in welchem Ma\u00dfe Meisner und Konsorten die Botschaft des Evangeliums im Sinne der Herrschenden verbiegen. Von der Absage an jede Form von Gewalt, Ungleichheit und Unterdr\u00fcckung bleibt dabei nichts mehr \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ging eine Sprecherin, deren Namen wir leider vergessen haben, auf die Geschichte des K\u00f6lner Domes als Herrschaftsort ein, wie von dort aus immer wieder, seit seiner Errichtung auf den Mauern eines &#8222;heidnischen&#8220; Tempels, Minderheiten im Namen des Christentums verfolgt wurden.<\/p>\n<p>Auf die Soldaten wartete nach der mentalen Aufr\u00fcstung durch Kardinal Meisner noch eine vor dem r\u00f6misch-germanischem Museum aufgebaute GulaschKANONE. Hier bewahrheitet sich das Wort &#8222;Ohne Mampf kein Kampf&#8220;. Ob das Gulasch ebenso schwer verdaulich war wie Meisners Kriegspredigten, dar\u00fcber konnten oder wollten die Militaristen keine Auskunft geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So einiges wurde geboten: Soldaten verschiedenster Waffengattungen und Nationalit\u00e4ten, Feldj\u00e4ger, Bereitschaftspolizei, verschiedene, zumeist schon \u00e4ltere M\u00e4nner in bunten Kost\u00fcmen und &#8211; nicht zu \u00fcbersehen, genauer: nicht zu \u00fcberh\u00f6ren &#8211; eine lautstark sich artikulierende Menge von Menschen mit Transpas, Trillerpfeifen, Gitarren, Geigen, Sandwiches. 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