{"id":1693,"date":"1998-02-01T00:00:53","date_gmt":"1998-01-31T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1693"},"modified":"2011-10-30T21:48:01","modified_gmt":"2011-10-30T19:48:01","slug":"jugendumweltbewegung-auf-schmusekurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/jugendumweltbewegung-auf-schmusekurs\/","title":{"rendered":"Jugendumweltbewegung auf Schmusekurs?"},"content":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst einmal: betroffen von direkter Zensur durch das Umweltbundesamt war auf diesem Juk\u00df im wesentlichen die Graswurzelrevolution (vgl. GWR 225). Die sprichw\u00f6rtliche &#8222;Schere im Kopf&#8220; machte sich aber schon vorher bei der Planung und Schwerpunktsetzung f\u00fcr den Juk\u00df bemerkbar, wobei diese sicherlich nicht nur Folge der direkten und indirekten politischen Einflu\u00dfnahme durch das UBA war, sondern auch eigener politischer Interessen des Organisationsteams, in dem die Verb\u00e4nde BUND-Jugend und Naturschutzjugend dominierten. Diese politischen Interessen f\u00fchrten zu den Konflikten beim Umgang mit der offenen und direkten Zensur durch das UBA.<\/p>\n<p>Ziel dieses Artikels ist es, ausgehend vom Umgang mit der Zensur und staatlicher Einflu\u00dfnahme grunds\u00e4tzliche Fragen der Selbstorganisation zu diskutieren, die in der Jugendumweltbewegung eine Rolle spielen sollten. Dabei handelt es sich allerdings um einen &#8222;Blick von au\u00dfen&#8220;, der nat\u00fcrlich nicht alle Facetten der internen &#8222;Fraktionierungen&#8220; erfassen kann.<\/p>\n<h3>Zensur mit Vorgeschichte<\/h3>\n<p>Eigentlich konnte die Zensur auf dem Juk\u00df nicht \u00fcberraschend kommen, denn Versuche der politischen Einflu\u00dfnahme reichen schon weiter zur\u00fcck.<\/p>\n<ul>\n<li>Bereits beim Jugendumweltkongre\u00df 96\/97 hat das Umweltbundesamt den Abdruck eines Textes zum anstehenden Castor-Transport nach Gorleben im Juk\u00df-Reader abgelehnt. Dieser Einflu\u00dfnahme beugte sich das damalige Organisationsteam und der Text wurde vom Autor auf dem Juk\u00df als Flugblatt verteilt.<br clear=\"none\"\/><br clear=\"none\"\/><\/li>\n<li>Im Sommer 1997 forderte das Umweltbundesamt den Austausch einer Seite im Jugendaktionsheft Umwelt bzw. der Aktionsmappe Umwelt, in der unter den Kontaktadressen unter anderem die Adresse der Graswurzelwerkstatt als B\u00fcro der <cite>F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen (F\u00f6GA)<\/cite> genannt war. Im Angesicht der Androhung, 70 000 DM F\u00f6rdermittel zur\u00fcckzahlen zu m\u00fcssen, beugten sich die Zuschu\u00dfempf\u00e4ngerInnen dieser Zensur und tauschte die Seite aus. (Die Herausgeber der Mappe, das <cite>Institut f\u00fcr \u00d6kologie<\/cite>in Saasen, das die Mappen vor dem Schreiben des UBA erworben hatte, verteibt diese allerdings weiterhin mit der inkriminierten Seite.)<br clear=\"none\"\/><br clear=\"none\"\/><\/li>\n<li>Der eigentliche Hammer kam dann kurz vor dem Juk\u00df. Das Umweltbundesamt forderte in einem Auflagenbescheid vom 2. Dezember 1997, da\u00df die Arbeitskreise &#8222;von Mitgliedern der Redaktion \u2018Graswurzelrevolution\u2019&#8220; nicht stattfinden d\u00fcrfen. Gegen zwei weitere Arbeitskreise zu &#8222;Initiativen gegen Verkehrsgro\u00dfprojekte am Beispiel der Autobahn A33&#8220; und &#8222;Carwalking&#8220; meldete das UBA &#8222;Bedenken&#8220; an und empfahl deren Verlegung in das Rahmenprogramm, was bedeutete, da\u00df die ReferentInnen kein Honorar erhielten.<br clear=\"none\"\/><br clear=\"none\"\/><\/li>\n<li>Wenige Tage vor dem Juk\u00df legte das UBA noch einmal nach und forderte in einem weiteren Auflagenbescheid, da\u00df die inkriminierte &#8222;Aktionsmappe Umwelt&#8220; auf dem Juk\u00df &#8222;weder beworben, noch ausgelegt oder verkauft werden&#8220; darf.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Vorgeschichte und die Auflagenbescheide des UBA f\u00fchrten auf dem Juk\u00df zu einer geradezu grotesken Situation. Mitglieder des Organisationsteams \u00fcberwachten die Infost\u00e4nde verschiedener Gruppen und w\u00fchlten nach Exemplaren der Graswurzelrevolution und der Aktionsmappe Umwelt. In einer geradezu idiotischen Verfolgungsparanoia wurden die BetreiberInnen der Tische jeweils aufgefordert, die inkriminierten Publikationen verschwinden zu lassen.<\/p>\n<p>Ein Tisch der Graswurzelrevolution durfte selbstverst\u00e4ndlich \u00fcberhaupt nicht aufgebaut werden. Als wir schlie\u00dflich unter dem Vordach des Geb\u00e4udes einen Tisch aufbauten, kam ein Mitglied des Organisationsteams heraus und forderte uns auf, den Tisch doch nicht unter dem Vordach, sondern vor dem Geb\u00e4ude aufzubauen, um die Zusch\u00fcsse des UBA nicht zu gef\u00e4hrden. Als wenn an zwei Metern Abstand 150 000 DM h\u00e4ngen w\u00fcrden &#8230; Von einem anderen Mitglied des Organisationsteams wurden wir geradezu angefleht, nicht doch noch irgendwo heimlich Arbeitskreise durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Der Umgang mit der Zensur machte deutlich, da\u00df die Brisanz staatlicher Einflu\u00dfnahme nicht erkannt wurde. Mitglieder des niederl\u00e4ndischen Kochkollektivs <cite>Rampenplan <\/cite>und des <cite>Infoladens Assata<\/cite> machten dies sehr deutlich. Sie weigerten sich gegen\u00fcber dem Organisationsteam zun\u00e4chst, die GWR vom Tisch zu nehmen und vertraten den Standpunkt, da\u00df es angesichts solcher staatlicher Einflu\u00dfnahme besser gewesen w\u00e4re, den Juk\u00df nicht durchzuf\u00fchren, als sich der Zensur zu beugen. Letztendlich mu\u00dften auch sie sich jedoch dem Druck des Organisationsteams beugen und der Verkauf der GWR einstellen. Ein Versuch, die GWR sp\u00e4ter als Protestaktion kostenlos an die TeilnehmerInnen zu verteilen scheiterte leider, da es nicht mehr m\u00f6glich war, ausreichend Zeitungen zum Juk\u00df zu bringen.<\/p>\n<h3>Zensur und die &#8222;Schere im Kopf&#8220;<\/h3>\n<p>Offene Zensur ist die eine Seite, und es wirft ein bezeichnendes Bild auf das politische Bewu\u00dftsein des Organisationsteams, wenn ein Mitglied des Teams in einer &#8222;Meinung zum Juk\u00df&#8220; schreibt: &#8222;Als die Auflagen f\u00fcr den Juk\u00df (z.B. die Zensur) bekannt wurden, war es zu sp\u00e4t, um einen anderen Geldgeber zu finden. Am Ende bleibt noch anzumerken, da\u00df die Zensur aufgrund der Beobachtung der Graswurzelrevolution durch den Verfassungsschutz geschah. <cite>Auch dieser mu\u00df sich nicht immer irren<\/cite> (Hervorhebung von mir, AS).&#8220;<\/p>\n<p>In der Abwehr der Zensur geht es gar nicht um die Frage, ob der Verfassungsschutz sich nun irrt oder nicht, sondern darum, ob man sich Inhalte vom Staat vorschreiben lassen will. Daran werden Tendenzen einer inhaltlichen Entwicklung der Jugendumweltbewegung deutlich, die bedenklich sind. W\u00e4hrend man beim Auftakt-Festival 1993 in Magdeburg gerne auf Know How, technische Ausstattung und Arbeitskraft der GWR zur\u00fcckgriff, um die Festivalzeitung <cite>taktlos<\/cite> produzieren zu lassen, verweist das heutige Organisationsteam nun auf das staatliche Kriterium der Verfassungsfeindlichkeit, um eine inhaltliche Ausgrenzung durch das UBA zumindest zu rechtfertigen. Peinlicher geht es nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Schere im Kopf zeigte sich jedoch schon fr\u00fcher. Obwohl der Juk\u00df 1997\/98 in \u00f6rtlicher und zeitlicher N\u00e4he zum f\u00fcr Ende M\u00e4rz geplanten Castor-Transport nach Ahaus stattfand, war dazu kein offizieller Arbeitskreis geplant. Die Demonstration in Ahaus, urspr\u00fcnglich als Aktion des Juk\u00df geplant, wurde aufgrund von Bedenken des UBA aus dem Juk\u00df ausgegliedert und fand erst nach dem offiziellen Ende des Kongresses statt. W\u00e4hrend man dies vielleicht noch als &#8222;taktischen Umgang&#8220; mit Zensur deuten k\u00f6nnte, so reiht es sich in der Gesamtschau eher in die Politik der &#8222;Schere im Kopf&#8220; ein.<\/p>\n<h3>Schmusekurs mit dem Staat<\/h3>\n<p>Die Frage der Staatsn\u00e4he ist nicht nur eine Frage des Juk\u00df, sondern der Jugendumweltbewegung schlechthin, und dabei ebenfalls nicht nur der Verb\u00e4nde, sondern auch der freien Projektwerkst\u00e4tten. Auf dem Juk\u00df selbst wurde diese Frage durch die offene Zensur lediglich besonders deutlich.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der Themenstellungen des Juk\u00df in den letzten Jahren ist ebenfalls ein Indiz. W\u00e4hrend der Juk\u00df 1996\/97 in seiner Abschlu\u00dferkl\u00e4rung eine &#8222;\u00f6kologische Steuerreform&#8220; forderte, stand der Juk\u00df 1997\/98 unter dem Motto &#8222;Stadt und Land &#8211; wir gestalten die Zukunft&#8220; und stand ganz im Zeichen der Agenda 21. Das Foyer nannte sich &#8222;Platz der \u00f6kologischen Steuerreform&#8220;. W\u00e4hrend der Juk\u00df urspr\u00fcnglich angetreten war, \u00f6kologische Politik und Selbstorganisation von unten miteinander zu verbinden, scheint er 1998 beim Mainstream der b\u00fcrgerlichen \u00d6kologiebewegung angekommen zu sein.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dies bei den Jugendorganisationen der etablierten Verb\u00e4nde nicht verwundert, so l\u00e4\u00dft sich aber auch bei den freien Projektwerkst\u00e4tten eine fehlende Auseinandersetzung mit dem Staat konstatieren. Auf staatlicher Finanzierung beruhende Stellen im Rahmen des &#8222;Freiwilligen \u00d6kologischen Jahres&#8220; (F\u00d6J), gar der Wehrpflicht geschuldete Zivildienstleistende, bilden vielerorts das &#8222;R\u00fcckgrat&#8220; der Arbeit in Jugendumweltb\u00fcros und Projektwerkst\u00e4tten, erg\u00e4nzt um institutionelle staatliche Finanzierung. \u00dcberspitzt lie\u00dfe sich sagen: die gesamte Struktur der Jugendumweltbewegung h\u00e4ngt am Tropf des Staates!<\/p>\n<h3>Selbstorganisation bitte!<\/h3>\n<p>Dies steht im eklatanten Widerspruch zur viel zitierten Selbstorganisation und basisdemokratischen Strukturen. Was passieren kann, wenn ganze Strukturen einer Bewegung auf Staatsknete beruhen, das hat der letzte Juk\u00df nur zu deutlich gezeigt. Was nun anstehen m\u00fc\u00dfte, ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Zensur durch das UBA, sondern mit Grunds\u00e4tzen der Selbstorganisation schlechthin.<\/p>\n<p>Die Frage des &#8222;Wie wollen wir uns organisieren?&#8220; ist dabei nicht nur eine Frage der Strukturen oder des &#8222;Organisatorischen&#8220; (wie im bereits erw\u00e4hnten Brief eines Mitglied des Organisationsteams als Kritik angemerkt) sondern eine Frage nach den zentralen Inhalten und Zielen der Jugendumweltbewegung. Es geht eben nicht darum, da\u00df &#8222;Staat und Politik &#8230; in Auseinandersetzung mit der Bev\u00f6lkerung L\u00f6sungen entwickeln und umsetzen&#8220; und wir nur dort &#8222;wo die Politik nicht handelt, &#8230; uns einsetzen und querstellen&#8220; (Abschlu\u00dferkl\u00e4rung des Juk\u00df), sondern darum, unabh\u00e4ngig von und notfalls gegen Staat und Politik eine andere Gesellschaft aufzubauen. Und ich bezweifle doch sehr stark, da\u00df das mit Staatsknete zu machen sein wird &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst einmal: betroffen von direkter Zensur durch das Umweltbundesamt war auf diesem Juk\u00df im wesentlichen die Graswurzelrevolution (vgl. GWR 225). Die sprichw\u00f6rtliche &#8222;Schere im Kopf&#8220; machte sich aber schon vorher bei der Planung und Schwerpunktsetzung f\u00fcr den Juk\u00df bemerkbar, wobei diese sicherlich nicht nur Folge der direkten und indirekten politischen Einflu\u00dfnahme durch das UBA war, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/jugendumweltbewegung-auf-schmusekurs\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Jugendumweltbewegung auf Schmusekurs? - graswurzelrevolution","description":"Zun\u00e4chst einmal: betroffen von direkter Zensur durch das Umweltbundesamt war auf diesem Juk\u00df im wesentlichen die Graswurzelrevolution (vgl. GWR 225). Die sprich"},"footnotes":""},"categories":[116,26],"tags":[],"class_list":["post-1693","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-226-februar-1998","category-okologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1693","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1693"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1693\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1693"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1693"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1693"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}